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Kristalle

Begonnen von Michael Plewka, Juli 04, 2024, 21:27:04 NACHMITTAGS

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Michael Plewka

Hallo zusammen,

bei Menschen, insbesondere weiblichen, ist es ein immer wieder gerne zelebrierter Brauch, sich  verschiedene Kristalle irgendwo am Körper, vorzugsweise am Hals, Finger oder Ohren zur applizieren. Sowas gibt es aber auch bei anderen Organismen,  so zum Beispiel bei bestimmten Einzellern, bei denen allerdings in Ermangelung entsprechender Techniken (Kettchen oder Ringe fehlen) die Kristalle dann innerhalb des Organismus zu finden sind. Hier mal als Beispiel Kristalle in einer unbekannten Pantoffeltierart (Bild 5) hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenProtista/01e-protista/e-Ciliata/e-source/Paramecium%20sp.html

Aber nicht nur bei Protisten findet man sowas.  In einem Bachmoos -mal wieder- habe ich  neulich ein Rädertier  gefunden, bei dem eine Ansammlung von doppeltbrechenden Kristallen ziemlich auffällig war. Außerdem fiel auf, dass diese Kristalle sich in der Körperflüssigkeit befinden, so dass sie sich mit jeder Bewegung verschoben haben. Hier ein Bild:



Sie gehören demzufolge nicht zu dem so genannten Retrozerebral-Organ. Durch Zufall bin ich dann in meiner Fotosammlung auf ein anderes Rädertier von vor 3 Jahren in Frankreich gestoßen, bei dem ebenfalls Kristalle zu finden sind. Im Laufe der Bestimmung stellte sich dann heraus, dass es bei beiden Funden sich um die selbe Art handelt, nämlich Dicranophorus edestes, ein so genanntes Wolf-Räder (lt. "Wassertropfen"). Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Dicranophorus%20edestes.html

Bisher sind diese beiden Viecher   die einzigen Rädertiere,  bei denen ich jemals solche Kristalle gefunden habe.
Eine Literatursuche hat bisher kein Ergebnis gebracht.  Somit ist mir weder etwas über die chemische Zusammensetzung  noch über die Funktion oder der Zusammenhang mit der Physiologie dieser Tiere bekannt.
Insofern harrt auch hier mal wieder ein rätselhafter Befund der weiteren  Aufklärung...


Beste Grüße
Michael Plewka

purkinje

Hallo Michael,
ich tippe mal auf Cholesterol, zumindest beim Salzwasser-Rädertierchen (Brachionus plicatilis) ist bekannt, dass es nennenswerte Mengen in jenen gibt. Was leider nicht ganz so luxuriös wäre, aber zumindest recht spektakulär auf Deinen Bildern rüber kommt ;) 
Beste Grüße Stefan

Horst Wörmann

Hallo Michael,

bei den Paramecien sind die Kristalle bekannt, die sind aus Guanin. Das läßt sich über die Mikro-Raman-Spektroskopie eindeutig beweisen. Ich habe darüber bei der diesjährigen Kornrade berichtet.
Die Rädertier-Kristalle dürften um einiges größer sein als die der Paramecien, dürften also für die Raman-Spktroskopie kein Problem sein. Wenn es Dir gelingt, so ein Tierchen derart zu fixieren/einzutrocknen/..., daß die Kristalle erhalten bleiben und Probe versandfähig ist, kann ich das gerne mal probieren.

Viele Grüße aus Bonn
Horst

Michael Plewka

Hallo Stefan, hallo Horst,

vielen Dank für die Rückmeldungen!

@ Stefan:

Wegen seiner wirtschaftlich bedeutsamen Rolle als Fischfutter ist Brachionus plicatilis wahrscheinlich eine der  bekantesten Rädertierarten überhaupt. Deshalb ist diese marine Art  Gegenstand vieler, auch quantitativer  Untersuchungen. Es gibt  eine Menge Veröffentlichungen  zu verschiedenen Inhaltsstoffen und die Verstoffwechselung innerhalb der Nahrungskette.  Mir ist allerdings keine Abbildung/ Veröffentlichung bekannt, welche eine ähnliche Anhäufung von Kristallen dokumentiert wie die hier gezeigte Dicranophorus-Art.

@ Horst:

an Deinen schönen Vortrag bei der  Kornrade kann ich mich noch gut erinnern!

Wie man am Maßstabsbalken erkenen kann, liegt die Größe des Rädertiers im Bereich der Größe von Paramecium; der größte Kristall auf dem Foto hier ist ca 5µm. Herzlichen Dank für das Angebot  der Hilfe; das Problem ist, dass diese Viecher sehr selten bzw. sehr schwer zu finden sind. Sollte ich aber wieder  ein solches Viech finden, würde ich gerne auf Dein Angebot zurückkommen!


Beste Grüße
Michael Plewka

Bernd

Hallo Michael,

eine der eingehendsten Untersuchungen zu Kristallen in Mikroorganismen ist wahrscheinlich Pilatova 2022 Paradigm shift in eukaryotic biocrystallization. Rädertiere kommen, soweit ich mich erinnere, darin aber leider nicht vor.

Viele Grüße
Bernd

Michael Plewka

Hallo zusammen,

@ Bernd:  vielen Dank für den Literatur-Hinweis;

Pilatova hat wohl viel auf dem Gebiet gearbeitet, auch die anderen Arbeiten sind ganz interessant.

Ich möchte aber noch mal darauf hinweisen, dass es bei dem hier gezeigten Befund um Kristalle geht,  die sich frei im Körper befinden, also keinem Organ zugeordnet sind.
Das steht im Gegensatz zu einigen anderen Rädertier-Arten, bei denen die Kristalle (oder ähnliche doppeltbrechende Strukturen) arttypisch sind, wie z.B. bei Proales theodora siehe hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Proales%20theodora.html


oder hier bei Encentrum:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Encentrum%20longidens.html


Beste Grüße
Michael Plewka