Die Grünalge Desmatractum bipyramidatum

Begonnen von Bernd, September 22, 2024, 19:00:48 NACHMITTAGS

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Bernd

Liebes Forum,
beim Blättern in Büchern wie z. B. dem ,,Wassertropfen" hat sicher jeder schon einmal den Wunsch verspürt, einen der abgebildeten Organismen selbst mikroskopisch beobachten zu können. Einer der Organismen auf meiner Wunschliste war die Grünalge Desmatractum bipyramidatum (= Bernardiella bipyramidata); siehe z. B. ,,Wassertropfen", 9. Auflage, S. 168, Blasenmembran-Grünalge. Hier eine Abbildung dieser Alge aus Pascher (1930).

Pascher_1930_Fig 7.jpg

Jetzt hatte ich das Glück, diese Alge in einer Wasserprobe aus einem sauren Tümpel (pH 5,0 -5,5) am Fuß des Großen Feldberg im Taunus zu finden.

2024-09-14_Altkoenig_161329.jpg

Dabei musste ich feststellen, dass es sich um ein sehr schweres Untersuchungsobjekt handelt, das selbst bei Beobachtungen im differentiellen Interferenzkontrast sehr leicht übersehen werden kann.
 
Beim Durchmustern der Probe bei 100x sieht man zuerst nur eine kleine kokkale Grünalge mit einem Durchmesser von ca. 8 µm. Nur bei sehr genauem Hinsehen lässt sich erkennen, dass der Protoplast dieser Alge in geringem Abstand von einer farblosen Zellwand umgeben ist. Details sind nur bei stärkster Vergrößerung (100x-Objektiv) zu erkennen.

Die Zellwand besteht aus zwei mehrfach gekielten, annähernd pyramidenartigen Hälften, deren Grundflächen äquatorial aneinander anschließen. Die resultierende Naht ist als feine Querlinie sichtbar. Die Größe der Zelle beträgt ca. 25 µm x 14 µm. Der kugelförmige Protoplast hat einen Durchmesser von ca. 8 µm, liegt völlig frei im Inneren der Zellwand und wird vollständig von einem Chloroplasten ausgefüllt, der einen Pyrenoid besitzt.

Abbildung 1 zeigt drei D. bipyramidatum-Zellen mit ihren Zellwänden in Form einer Doppelpyramide. Die äquatoriale Naht ist deutlich sichtbar.

Desmatractum bipyramidatum_2024-09-15_101_100.jpg
 
Abbildung 2 und 3 zeigt zwei Zellen in unterschiedlichen Fokusebenen. In Abbildung 2 ist auf dem Protoplasten fokussiert. Man erkennt deutlich den Pyrenoid. Die den Protoplasten umgebende Zellwand ist im Querschnitt zu sehen. Man erkennt insgesamt 10 Querrippen.

Desmatractum bipyramidatum_2024-09-19_105_100.jpg

In Abbildung 3 ist auf die Oberfläche der Zellwand fokussiert. Bei beiden Zellen ist jeweils eine Hälfte der Doppelpyramide sichtbar, Querrippen sind andeutungsweise zu erkennen.

Desmatractum bipyramidatum_2024-09-19_107_100.jpg

Alles weitere ergibt sich aus dem Vergleich der Fotos mit den Zeichnungen von Pascher (1930).

Viele Grüße
Bernd


Literatur:
Pascher, A. (1930) Ein grüner Sphagnum-Epiphyt und seine Beziehung zu freilebenden Verwandten (Desmatractum, Calyptrobactron, Bernardinella). Archiv für Protistenkunde 69: 637 - 658


Peter T.

Liebe Grüße
Peter

KayZed

Hallo Bernd,

da ist dir ein sensationeller Fund gelungen und das noch in hervorragender Abbildungsqualität.
Ja, mit etwas Glück und viel Geduld kann man immer wieder interessante Entdeckungen machen. Gerade solche Winzlinge ausfindig zu machen ist eine spannende Unternehmung.

Sehr gut recherchiert und beobachtet.

Herzlichen Dank fürs Zeigen.

LG Klaus
Zeiss Stemi 508
Zeiss Jenaval Kontrast
Nikon Z7

ImperatorRex

Bernd,
da hast Du aber genau hingeschaut! Herzlichen Dank für die Dokumentation und Glückwunsch zu diesem bemerkenswerten Fund.
Viele Grüße
Jochen

Gerd Schmahl

Hallo Bernd,
man muss sich wundern, wie genau diese Alge schon vor fast 100Jahren ohne DIC und Phasenkontrast beobachte und beschrieben wurde. Damals waren Schiefe Beleuchtung und Dunkelfeld die Mittel der Wahl. Hast Du das vielleicht auch mal versucht?
LG Gerd
Man sagt der Teufel sei, im Detail versteckt,
doch hab' ich mit dem Mikroskop viel Göttliches entdeckt.

anne

Lieber Bernd,
Du hast immer wieder noch eine Überraschung für uns parat.
Danke für diese tolle und perfekte Dokumentation.
lg
anne

SNoK / Stephan Krall

Lieber Bernd,

hochinteressante Aufnahmen. Nie gesehen. Ich freue mich auf unser nächstes Taunus-Tümpler-Treffen, obwohl du dann die Algen bestimmt nicht mehr hast. Ich war gerade mit dem Fahrrad kreuz und quer in den Höhen des Taunus rund um den Feldberg unterwegs....habe aber keine Proben gezogen.

Grüße
Stephan
Mikroskope: Leica DMRB, Leitz Dialux (beide mit DIK), Lomo MBD-1 ("Für-alle-Fälle-Mikroskop")
Stemis: Zeiss 508, Wild Heerbrugg M5
Kameras: Sony alpha 6500 und 6400
Webseite: https://kralls.de
Vorstellung: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41749.msg308026#msg308026