Stiel-Lupe Zeiss Jena (?), Identifizierung unbekanntes Modell

Begonnen von Zeitenfänger, März 09, 2025, 22:44:23 NACHMITTAGS

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Zeitenfänger

Hallo Gemeinde,
   
Habe hier eine kürzlich als ungeplanten Spontankauf erworbene Stiel-Lupe, zu der mich eure Einschätzung interessieren würde. Die Lupe trägt keinerlei Herstellermarkierung.
Über die Herkunft bzw. Provenienz informierte mich der in Leipzig domizilierte Verkäufer lediglich wie folgt:
"Dies ist eine Lupe aus der Sammlung meines Vaters. Diese trägt zwar nicht das Zeiss-Logo, wurde jedoch vor über 40 Jahren auf einer Zeiss-Verkaufsausstellung in Jena erworben."

Trotz mehrtägiger Suche im Internet konnte ich dazu nichts finden. Ich frage mich, ob diese Lupe überhaupt jemals in Serienfertigung ging, oder ob es sich möglicherweise um einen Prototyp bzw. ein Angebotsmuster handelt. Möglicherweise ist die vom Verkäufer gemachte Herstellerangabe "Zeiss Jena" unrichtig. Der ursprüngliche Besitzer kann leider nicht mehr befragt werden. 

Die metallene Lupenfassung trägt ein Schraubgewinde, an welches wahlweise ein schwarzer Ebonitgriff oder aber ein kurzer Messinggriff montiert werden kann. Zum Schutz der Linse können zwei Deckel aus Leichtmetall aufgestülpt werden. Siehe Fotos.
Die Lupe weist wie erwähnt keinerlei Hersteller-Markierung auf, nicht mal eine Vergrösserung ist angegeben. Lediglich einer der beiden metallenen Schutzdeckel weist innseitig eine Markierung "L" oder "r" auf.

Vergrösserung liegt geschätzt bei ca. 10x
Linsendurchmesser: 17 mm
Linsengehäusedurchmesser: 27 mm
Gesamtlänge mit schwarzem Ebonitgriff: 113 mm
Gesamtlänge mit Messinggriff: 78 mm
Länge des schwarzen Ebonitgriffs: 77 mm
Länge des Messinggriffs: 42 mm
Maximalgewicht mit Messinggriff und aufgesteckten Schutzdeckeln: 76 g

Die kristallklare Optik bildet scharf und kontrastreich ab. Eine Vergütung der Linsenoberfläche ist nicht erkennbar. Die Lupe eignet sich sehr gut zum Betrachten von kleinen Mineral- bzw. Erzstücken (wofür ich die Lupe primär angeschafft habe).

Die gesamte Lupe wirkt nicht billig gemacht, sondern strahlt dezente Qualität aus. Vom ganzen Design her dachte ich zuerst intuitiv an eine Vorkriegsherstellung, am ehesten 1920er/30er-Jahre. Die fehlenden Herstellermarkierungen frustrieren etwas.

Im Moment kann ich nur folgende Erklärungsversuche anstellen:

1.) Die Lupe stammt effektiv von Zeiss Jena, trägt aber aus unbekannten Gründen keine Herstellermarkierung.

2.) Falls wirklich von Zeiss Jena, könnte die fehlende Herstellermarkierung vielleicht auf eine sehr frühe Nachkriegsfertigung unter russischer Besatzung hindeuten. Sehr spekulativ denkbar ist auch ein in Russland erfolgter Nachbau, hergestellt von Jenaer Personal auf demontierten Jenaer Maschinen.

3.) Lupe stammt nicht von Zeiss Jena.
  

Bin echt gespannt auf eure Einschätzung und ob eine Identifizierung möglich ist.

Mit besten Grüssen,
Stephan

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Wutsdorff Peter

Grüß´ Dich Stephan,
ich vermute, daß die Lupe einem Dermatologen gehörte.
Gruß Peter W

Jürgen Boschert

Beste Grüße !

Jürgen

Zeitenfänger

Danke, Peter und Jürgen, für die Rückmeldungen.

Der kürzere Messingstiel hat aussen eine aufsteckbare Formgebung (inkl. zylindrische glatte Hohlbohrung), sodass eine Verwendung an einem Präpariermikroskop durchaus vorstellbar erscheint.

Stephan

Lupus

Hallo,

ich bin mir ziemlich sicher dass das keine Zeiss-Lupe aus dem Bereich Mikroskopie ist. Die wäre in den entsprechenden Katalogen aufgeführt. Aber es gab ja möglicherweise auch allgemein verwendbare Lupen für andere Zwecke.

Hubert

beamish

Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Zeiss irgendwas hergestellt hat, wo nicht auch "Zeiss" drauf steht... ;-)
Zeiss RA mit Trinotubus 0/100
No-Name China-Stereomikroskop mit Trinotubus
beide mit Canon EOS 500D

Zeitenfänger

Hallo beamish,

Falls es überhaupt einen Zeitraum gab, in welchem durch Zeiss kurzzeitig ungemarkte Ware produziert worden sein könnte, dann allenfalls in der Demontagezeit von 1945 bis 1948. Siehe dazu meine Überlegungen im Eröffnungsbeitrag.

Da die Lupe bislang noch von niemandem identifiziert werden konnte, handelt es sich offenbar um ein sehr seltenes Modell, vielleicht ein Einzelstück.

Stephan

Alfons Renz

Hallo Stephan,

Falls die Lupe aus Jena stammt, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um ein 'Lehrlingsstück' aus der Lehrwerkstatt der Firma Zeiss handeln könnte.

Typisch für solche Lehrlings- oder auch Prüfungsanfertigungen ist ein übermäßiger Aufwand, inclusive verschiedenster Techniken, der Umsetzung auf Maßhaltigkeit und Qualität geprüft werden kann:

- Die beiden Deckel sind aus dem Vollen gedreht, auf einer Seite poliert und seitlich (eher schlecht) gerändelt.

- Die achteckige Form der Fassung hat keinen erkennbaren Sinn; für eine Verzierung ist sie zu banal und für eine Funktion ungeeignet (etwa gegen Wegrollen oder Umkippen). Aber technisch aufwendig - damals gab es noch keine Computer-gesteuerten Automaten.

- Die Fassung der Linse durch eine Ring-Schlitzmutter ist ein Overkill; Eine Bördelung oder ein Sprengring wären einfachere Lösungen.

- der Messing'Griff' hat keine erkennbare Funktion: Als Halterung in einem Gerät ist er kaum tauglich. Und der Ebonit-Griff macht für eine 10x Lupe auch wenig Sinn, da man mit der Linse doch sehr nahe ans Auge muss und ein solcher Griff eher stört.

=> Zum Test würde ich die Linse herausnehmen: Ist es wirklich ein achromatisches Triplet, das den Aufwand ggf. rechtfertigen würde? Oder nur eine einfache Linse oder ein Linsen-Doublet?

Auf jeden Fall ist es ein Unikat, an dem man seine Freude haben kann!

Gratulation,

Alfons

 

Zeitenfänger

#8
Hallo Alfons,

Vielen Dank für die ausführliche und interessante Antwort!

Ich hatte mich auch schon über verschiedene Bearbeitungsdetails an dieser Lupe gewundert und erhielt den Eindruck, dass sich da jemand maschinen-/bearbeitungsmässig "ausgetobt" hat...

Der schwarze Ebonitgriff ist mir in der praktischen Nutzung deutlich lieber, sehr angenehme Haptik. Zumindest in meinem konkreten Anwendungsfall, dem Betrachten von Mineralien und Erzproben, stört der Griff nicht. Das volle Gesichtsfeld kann bei etwa 3 cm Augenabstand erfasst werden. 

Von einer Zerlegung sehe ich vorläufig ab (es steht mir momentan eh kein geeigneter Schlüssel zur Verfügung). Es ist nichts lose, alles passt satt, da lass ich erst mal lieber die Finger von.

Offenbar ist die Lupe viel seltener als anfänglich angenommen, de facto ein Einzelstück, weshalb ich sie lieber nicht ins Feld mitnehme, sondern nur pfleglich "indoor" nutzen werde.

Gruss,
Stephan