Ein Rädertier, das nicht fliegen kann

Begonnen von Michael Plewka, Februar 23, 2026, 19:40:29 NACHMITTAGS

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Michael Plewka

Hallo zusammen,
hier möchte ich mal ein Rädertier aus einem Plankton-Fang aus einer Talsperre vorstellen, das möglicherweise gar nicht so selten ist, andererseits aber eher unerkannt bleibt, weil dieser Form  einig auffälliges  Merkmal fehlt, das ansonsten  für diese Gattung sehr typisch ist:




  Obwohl dieses Rädertier auf den ersten Blick einem Keratella- oder Brachionus Rädertier sehr ähnlich sehen mag, handelt es sich hier jedoch  um ein Schwertborstenr-RäderTier (Polyarthra), dem aber genau diese Schwertborsten fehlen.  Ich habe diese Form auch nur ganz selten bewusst wahrgenommen.
Früher hat man diese Lebensform als eine eigene Art angesprochen, tatsächlich tritt diese Form aber als erste Generation derjenigen Tiere auf, die aus den  (befruchteten) Dauereiern schlüpfen. Anschließend pflanzen sich diese so genannten Apteraformen (aptera: ohne Flügel/ Flosse) durch unbefruchtete Eier fort. Die daraus schlüpfenden Tiere haben dann die für diese Gattung  typischen Körperanhänge. Die Artbestimmung ist bei den Apteraformen  entweder durch Beobachtung der Nachkommen oder durch die Kaueranalyse  möglich.

Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Polyarthra%20dolichoptera_aptera.html

Beste Grüße
Michael Plewka

Gerd Schmahl

Hallo Michael,
das ist ja mal wieder eine ganz außergewöhnliche Tatsache, die Du uns hier offerierst! Es gibt doch immer wieder was zum Staunen in der Welt der Lebewesen. Danke für diesen Beitrag.
LG Gerd
Man sagt der Teufel sei, im Detail versteckt,
doch hab' ich mit dem Mikroskop viel Göttliches entdeckt.

Michael Plewka

Hallo Gerd,
vielen Dank für deinen Kommentar!

...und es stellt sich wie so häufig einige  Fragen, z.B.:

wie ist es zu der dieser ungewöhnlichen Entwicklung gekommen?

Welcher Selektionsvorteil ergibt sich im Vergleich zu anderen Rädertieren mit ähnlichen Körperanhängen, bei denen keine ,,Aptera"-Formen"zu finden sind, z.B. Filinia, Hexarthra oder Kellicottia?

Beste Grüße,
Michael Plewka

Bernd

Hallo Michael,

das mit den Aptera-Formen war mir auch neu. Ich habe deinen Post deshalb als Anlaß genommen, nach Literatur zu suchen. Dabei bin ich auf eine Veröffentlichung von Gilbert, J. J., & Schröder, T. (2004). Rotifers from diapausing, fertilized eggs: unique features and emergence. Limnology and oceanography, 49, 1341-1354 gestoßen. Daraus habe ich gelernt, daß es bei einigen Polyarthra-Arten Aptera-Formen, bei anderen Aptera-reducta-Formen gibt. Bei letzteren schlüpft aus dem Dauerei ein Weibchen, das schon ein fast vollständig entwickeltes Ei im Körper hat. Dies ist das einzige Ei, welches diese Tier legt. Aus diesem Ei schlüpft dann sehr schnell ein normales Weibchen. Faszinierend.

Auf den ersten Blick erscheint mir die Entstehung einer neuen Population über den "Umweg" der Aptera- oder Aptera-reducta-Formen eher unvorteilhaft. Aber vielleicht liegt der Vorteil ja auch bei den Dauereiern, die vielleicht länger überleben können, wenn sie nur ein "unvollständiges" Weibchen hervorbringen müssen.

Auf jeden Fall ein Phänomen, das man experimentell sicher nur sehr schwer adressieren kann.

Viele Grüße
Bernd



Michael Plewka

Hallo Bernd,

mein Respekt,  dass du als ausgewiesener Algenexperte auch noch andere Themen der Mikrowelt auf dem Schirm hast!

Vielen Dank für den Hinweis auf die Arbeit von Gilbert und Schröder, die ja sehr differenziert auf  die besonderen Eigenschaften der Dauereier der Rädertiree eingeht. Ein m.E. eigentlich sehr naheliegendesr Aspekt   wird dabei allerdings  außer acht gelassen: nämlich die mechanischen und chemischen Eigenschaften der Eihülle  im Vergleich von (miktischem) Dauerei und (amiktischen) Subitanei.

Während des Subitanei ja wirklich nur eine ganz dünne Hülle ist und den Transport beziehungsweise die Aufbewahrung des Embryos für eine relativ kurze Zeit sicherstellen muss, ist das Dauer mechanisch ziemlich stabil und vermutlich auch chemisch deutlich resistenter, so dass die Eihülle mehrere 1000 Jahre bei einigen Arten (Filinia) überstehen kann, ohne abgebaut zu werden. Bisher habe ich aber  keine Literatur dazu gefunden, wie die Embryonen  überhaupt aus diesen Dauereiern rauskommen können:  ist das vorwiegend ein mechanischer Prozess oder sind da bei auch chemische Vorgänge im Spiel? Eine Sollbruchstelle ist zumindest an den Dauereiern, die ich bisher gesehen habe,  nicht zu erkennen.
Am Beispiel von Polyarthra kann man  das Problem veranschaulichen: die 12 typischen Paddel sind deutlich länger als der Körper, das Viech ist also relativ sperrig, siehe hier  (10.Bild):
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Polyarthra%20dolichoptera.html


Das ist  bei den Subitaneiern mit flexibler (und möglicherweise elastischer) Hülle kein Problem: die Hülle platzt auf und das Räderter schlüpft.

Bei Dauereiern hätte der Embryo mit solch langen Paddeln sehr wohl ein Problem. Möglicherweise wird also diese ,,Strategie" ziemlich schnell rausselektiert.

Soweit meine Vermutung.

Beste Grüße
Michael Plewka