Botanik: Berg Holunder (Sambucus racemosa) *

Begonnen von Hans-Jürgen Koch, August 27, 2026, 15:33:47 NACHMITTAGS

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Hans-Jürgen Koch

Verbreitung:
Europa (mit Ausnahme der Britischen Inseln und Skandinaviens) bis Anatolien, dem Nordirak (die autonome Region Kurdistan) und Westiran.

Die Gattung Sambucus umfasst 25  Arten, sie ist fossil seit dem Tertiär bekannt.
Ein früheres Erdzeitalter (Erdneuzeit) von vor rund 66 Millionen bis vor 2,6 Millionen Jahren, das auf das Aussterben der Dinosaurier folgte. In dieser Epoche breiteten sich die Säugetiere stark aus und viele moderne Pflanzen- und Tierarten entstanden.

Systematik:
Ordnung: Kardenartige (Dipsacales)
Familie:    Moschuskrautgewächse (Adoxaceae)
Gattung:    Holunder (Sambucus)
Art: Berg Holunder
Wissenschaftlicher Name: Sambucus racemosa
Syn.: Sambucus tigranii
Trivialnamen:  Berg  Holunder,  Hirsch-Holunder oder Traubenholunder
Englische Bezeichnung: Red-berried elder

Sambucus racemosa wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum, Band 1, Seite 270 erstbeschrieben.

Carl von Linné (1707–1778) hat keine Evolutionstheorie begründet, sondern die Grundlagen der modernen biologischen Systematik (Taxonomie) und die binäre Nomenklatur geschaffen. Seine Kernidee war es, alle Lebewesen nach einem festen, übersichtlichen Plan zu ordnen und eindeutig zu benennen.

Der Name Sambucus war der Name des Holunders bei den Römern und wurde auch von Plinius d. Ä. verwendet.
Gaius Plinius Secundus Maior, auch Plinius der Ältere, war ein römischer Gelehrter, Offizier und Verwaltungsbeamter, der vor allem durch seine Naturalis historia, ein enzyklopädisches Werk in 37 Büchern zur Naturkunde, Bedeutung erlangt hat. Er starb während des großen Vesuvausbruchs im Alter von etwa 55 Jahren.

Das althochdeutsche Wort ,,holuntar" ist der Ursprung des heutigen Begriffs Holunder. Es setzt sich aus zwei Teilen zusammen: ,,holun" (steht für hohl, gnädig, gütig oder wird mit Frau Holle  (verbunden) und ,,tar" (bedeutet Baum oder Strauch). Der Name bedeutet somit frei übersetzt ,,heiliger Baum" oder ,,Baum der Frau Holle.
Frau Holle (Freya) die Göttin des Hauses.

Der heute gebräuchliche Name ,,Flieder" ist erst seit dem 16. Jahrhundert überliefert.
Das Epítheton ,,racemosa" heißt übersetzt traubenartig.

Bild 01Habitus, Berg Holunder  (Sambucus racemosa)

Quelle:  Willow - Eigenes Werk, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7159949

Der Berg Holunder ist meist strauchförmig und mehrstämmig und bis zu 7 Meter hoch; seltener baumförmig, dann bis zu 10 Meter hoch, mit überhängenden Zweigen.
Die Äste sind meist reich verzweigt und dicht belaubt.
Die Zweige haben ein gelbbraunes Mark, beim Schwarzen Holunder ist es dagegen stets weiß.
Wegen des hohen Stickstoffbedarfs ist der Holunder oft in der Nähe menschlicher Siedlungen zu finden.
Das Wurzelwerk ist flach- und weit steichend.
Der Berg Holunder ist ein typische ,,Schlagpflanze". Nach Windbrüchen besiedelt er vor allem Bergwaldlichtungen als erster Sreauch.
,,Schlagpflanze" ist ein Begriff aus der Forstwirtschaft.
Eine Schlagpflanze ist eine Pionierpflanze, die nach einer Holzernte (einem ,,Schlag") auf freigewordenen Waldflächen und Lichtungen wächst.

Bild 02 Blätter, Oberseite, Berg Holunder  (Sambucus racemosa)

Foto: H,.J.-Koch

Die Fiederblätter  mit  3 – 5 , eiförmigen lanzettlichen Blättchen, diese sind 5 – 8 cm lang und bis 3,5 cm breit und unterseits flaumig behaart.

Bild 03 Blätter, Unterseite, Berg Holunder  (Sambucus racemosa)

Foto: H,.J.-Koch

Die Blätter beginnen sehr zeitig im Jahr, bei milder Witterung schon im Februar oder März auszutreiben.

Bild 04 Aufrecht stehende Blütenrispen,Berg Holunder (Sambucus racemosa,

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/User:AnRo0002

Die Blüten sind gelb uns stehen in unregelmäßigen Rispen und haben einen intensiven und charakteristischen Duft.
Die Blütezeit ist von April bis Mai.
Der Strauch benötigt zur Fruchtbildung eine Fremdbestäubung.

Bild 05 Grüne Früchte, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 06 Reife Früchte, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

Quelle:  Mantelmoewe - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149667456

Die roten Früchte sind reich an Carotinoiden (beispielsweise an Provitamin A), Vitamin C und fettem Öl (trocken bis zu 35 %). Letzteres gibt ein gutes Speiseöl, wenn durch Raffination die harzigen Wirkstoffe entfernt worden sind.
Die Früchte können zu Saft und Marmeladenzubereitung verwendet werden, die enthaltenen Steinkerne müssen aber wegen giftiger Blausäure-Verbindungen (Cyanide) entfernt werden.
100 g Fruchtanteil enthalten 25  bis 65 mg Vitamin C.

Volksheilkunde:
Volkstümliche Anwendung früher als Laaxans ( Abführmittel zur Behandlung von Verstopfung (Obstipation) oder zur Entleerung des Darms vor medizinischen Eingriffen) und Emetikum (Brechmittel) eingesetzt.
Fast jeder seiner Teile wurde bei irgendeiner Krankheit benutzt.
Daher hat man die Pflanze geradezu als die ,,lebende Hausapotheke" des deutschen Bauer bezeichnet.

Inhaltsstoffe:
Invertzucker (ca. 8%)  Pektine (ca. 3%), Gerbstoffe, Carotinoide und Vitamin B 1 und Vitamin C.

Bild 07 Illustration aus Pierre-Joseph Redouté, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

Autor: Pierre-Joseph Redouté (1759–1840)
Dieses Werk ist gemeinfrei.

Bild 08 Schnittstellen, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

Foto: H,.J.-Koch

Die Borke ist  hellgrau bis graubraun, längsrissig und blättert  oft länglich in aufwölbenden Schuppen ab.

Meine Pflanzenproben habe ich im Juli 2026 im Harz an der IInnerstetalsperre gesammelt.


Teil 1
Spross, Querschnitt
30 Mikrometer



Bild 09 Übersicht, ungefärbter Schnitt, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 10 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 11 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 12 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

rechts – Markparenchym, links – Xylem

Bild 13 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

LED Modul 455 nm
Reflektormodul FL mit Filtersatz 67
Erregerfilter: BP 470 nm
Strahlenteiler: FT 477 nm
Emission (Sperrfilter): LP 485

Bild 14  Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 15 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

MP = Markparenchym, XY = Xytem

Bild 16 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


W-3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)

Arbeitsablauf:
1.Pflanzenprobe liegt in 30 % Ethanol.
2. Aqua dest. 3x wechseln je 1 Minute.
3. Vorfärbung Acridinrotlösung 7 Minuten
4. 1x auswaschen mit Aqua dest. .
5. Acriflavinlösung (differenzieren bis gerade keine Farbwolken mehr abgehen - Lupenkontrolle) ca.15 Sekunden !!
6. 2 x auswaschen mit Aqua dest..
7. Nachfärbung Astrablaulösung 1 Minuten
Bei der Nachfärbung mit Astrablau eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis 3 : 1 verwendet (blau + gelb = grün).

Tipp:
Eine schöne Variante erhält man, wenn man in der letzten Färbestufe eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis 3:1 verwendet. (3 Tropfen Astrablau und 1 Tropfen Acriflavin separat ansetzen und Gemisch mit der Pipette übertragen.
8. Auswaschen mit Aqua dest. bis keine Farbstoffreste verbleiben.
9. Entwässern mit 3x gewechseltem Isopropylalkohol (99,9 %)
10. Einschluss in Euparal.

Ergebnis:
Zellwände blaugrün bis grün, verholzte Zellwände leuchtend rot, Zellwände der äußeren Hypodermis orangerot, Cuticula gelb, Zellwände der innenliegenden Hypodermis tiefrot.
Bei der Betrachtung wird eine Kontrastverbesserung bei Verwendung eines BG 38 Filters (blaugrün, 3 mm dick) erreicht.
Fotos: Nikon D5000, Sony Alpha 6000

Bild 17 Detailaufnahme, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 18 Detailaufnahme, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 19 Detailaufnahme mit Beschriftung, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

T = Tracheen, K = Kambium, XY = Xylem, PH = Phloem, MP = Markparenchym

Bild 20 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

Reflektormodul FL mit Filtersatz 67
Erregerfilter: BP 470 nm
Strahlenteiler: FT 477 nm
Emission (Sperrfilter): LP 485

Bild 21 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 22 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 23 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Teil 2
Spross, Längsschnitt
25 Mikrometer

W-3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)

Bild 24 Aufgeklebter Spross, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 25 Übersicht, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bei den Längsschnitten hat sich des Periderm von dem
Rindenparenchym  abgelöst.

Bild 26 Detailaufnahme, Berg Holunder (Sambucus racemosa)

Gefäße mit einfachen Durchbrechungen.
S = Spiralverdickung

Bild 27 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz ,Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Teil 3
Angeschnittene Frucht, Querschnitt
25 Mikrometer

W-3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)

Fruchtknoten: Drei bis fünf Fruchtblätter sind fest zu 3 bis 5 Kammern verwachsen.
Samenbildung: Jede dieser einzelnen Kammern enthält exakt eine Samenanlage.
Reife Frucht: Botanisch handelt es sich um eine ca. 5 mm große rote Steinfrucht, die folglich 3 bis 5 hellgelbe Steinkerne (Samen) in ihrem Inneren.

Bild 28 Kleine Frucht auf einen Holzklotz  geklebt, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 29 Übersicht, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 30 Detailaufnahme, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 31 Detailaufnahme,  Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Teil 4
Blattstiel, Querschnitt
25 Mikrometer

W-3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)

Die einzelnen Fiederblättchen sitzen auf ganz kurzen eigenen kleinen Stielen (Petioluli) an der Hauptspindel.
Oft zeigt der Blattstiel, besonders im frühen Stadium des Austriebs im Frühjahr, eine rötliche, bronzefarbene oder violette Tönung.
An der Basis des Blattstiels oder am Übergang zu den Fiederblättchen können sich kleine, unauffällige Nektardrüsen. befinden.
Ich habe keine gefunden.
Die Rinde und die rohen Beeren enthalten auch die Blätter und die Blattstiele des Berg-Holunders cyanogene Glykoside (u.a. Sambunigrin). Beim Verzehr oder intensivem Hautkontakt mit verletzten Pflanzenteilen können sie giftig wirken und Magen-Darm-Beschwerden hervorrufen.

Bild 32 Übersicht, Berg Holunder (Sambucus racemosa


Bild 33 Detailaufnahme, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Bild 34 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Berg Holunder (Sambucus racemosa)


Literatutverzeichnis:

Wikipedia; Freie Enzyklopädie

Georg Aaa ,,Bäume", ISBN: 3-7742-4058-2

Bachofer ,,Der Kosmos Baumführer", ISBN: 978-3-440-14660-6

Heinz Butin ,,Farbatlas Gehölzkrankheiten", ISBN:3-8001-3=74-3

Ulrich Hecker ,,Bäume und Sträucher", ISBN: 10-3-8354-0021-5

Bernd Miggel ,,Holzbestimmung mit dem Mikroskop", ISBN: 978-930167-81-4

Peter A. Schmidt ,,Taschenlexikon der Gehölze", ISBN: 978-3-494-01448-7

Schmeil ,,Leitfaden der Pflanzenkunde", 1952

,,Botanica" Das Abc der Pflanzen, ISBN: 3-8290-0868-6

,,Die große Enzyklopädie der Arzneipflanzen und Drogen", ISBN: 978-3-89996-508-7
,,Welcher Baum ist das?", ISBN: 978-3-440-16449-5

,,Der Kosmos Waldführer", ISBN: 978-3-440-17680-1

,,Tiere und Pflanzen", ISBN: 978-3-440-14136-6

Meine Recherche gleicht einer Entdeckungsreise, bei der ein Fakt oft zu weiterführenden Zusammenhängen führt.
Ich folge dem Schneeballprinzip:
Beim Verknüpfen der Informationen stoße ich kontinuierlich auf neue, spannende Aspekte.
Ich exploriere das Thema intensiv und erschließe mir fortlaufend neue Informationsquellen.
Ich arrangiere Informationen aus Büchern und Internet, um sie zu einer in sich geschlossenen Darstellung zu fusionieren.
Ich freue mich über Rückmeldungen jeglicher Art, sei es Lob oder konstruktive Anregungen.

Hans-Jürgen
Plants are the true rulers - Pflanzen sind die wahren Herrscher.

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Gerne per "Du"

Peter T.

#1
Lieber Hans-Jürgen,

ein wunderbarer Beitrag, insbesondere die Frucht, die man wirklich selten im Querschnitt zu sehen bekommt. Du machst Dir jedes Mal wirklich sehr viel Arbeit, die sich aber in meinen Augen immer mehr als auszahlt. Ganz herzlichen Dank, dass Du die Fahne der Pflanzenanatomie hier im Forum ein ums andere Mal hisst!

Natürlich freut sich die Botanik-Liste über diesen Beitrag (sobald ich dazukomme).

Liebe Grüße

Peter

Luciano

Wie immer eine in jeder hinsicht tadellose arbeit!!!!!!

Hans-Jürgen Koch

Lieber Peter,

danke für dein Feedback.

Hallo Luciano,

auch dir sage ich danke für die Rückmeldung.

Gruß
Hans-Jürgen
Plants are the true rulers - Pflanzen sind die wahren Herrscher.

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Gerne per "Du"

Jürgen Boschert

Lieber Hans-Jürgen,

Deine Beiträge machen einfach Spaß!
Beste Grüße !

JB

Hans-Jürgen Koch

Lieber Jürgen,

danke.
I do my very best.

Gruß
Hans-Jürgen
Plants are the true rulers - Pflanzen sind die wahren Herrscher.

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Gerne per "Du"