Objektivverpilzung in den Tropen

Begonnen von Klaus Dönnebrink, März 20, 2011, 22:28:58 NACHMITTAGS

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Klaus Dönnebrink

Guten Abend in die Runde!
Ich habe eine Frage an die Tropenexperten:
Viele der hiesigen Mikroskope in Antsiranana/ Madagaskar zeigen in den Objektiven zarte netzförmige Strukturen, gelegentlich auch bräunliche Verfärbungen am Rand. Die hiesigen Laboranten bezeichnen das als Verpilzung.
Meines Wissens brauchen Pilze aber zum Wachstum irgendwelche organischen  Substrate. Wie die zwischen die Linsen kommmen sollen, ist mir schleierhaft, außerdem besteht der Linsenkitt ja nicht aus Zucker.
Handelt es sich also um irgend eine Form von Delamination oder sind es mykotische Strukturen?
Und wenn es eine Verpilzung ist, wie ließe sich die vermeiden?  Thymol ???? oder nur putzen?
Bilder gibts leider nicht. Habe zwar die Canon 550 dabei, auch den passenden Adapter für das12,5 Kpl
von Zeiss, aber leider gibt es hier kein Einstellfernrohr.
Für Ratschläge bin ich sehr dankbar!
K.D.

Oliver S.

#1
Lieber Klaus,
ich habe mal eine Weile Regenwasser untersucht und weiß, dass dort in geringen Mengen praktisch alles drin ist, was in der Atmosphäre verdunstet und versprüht wird.
Daher kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sich in Gegenden mit hoher Luftfeuchtigkeit gelegentlich Kondenswasser auf den optischen Teilen bildet, in dem sich dann eben auch alles, was an Dünsten und Gasen in der Raumluft ist, löst . Bei tropischen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit können Pilzsporen dann in den Kondenswassertröpchen auskeimen und die organische Substanzen verstoffwechseln.
Wenn meine Hypothese stimmt, könnte Trockenstellen (z.B.Gerät in einer Kiste mit trockenem Silikagel oder anderem Trocknungsmittel aufbewahren) und Vermeidung von Kondenswasserbildung (kein kaltes Gerät in feuchte warme Luft bringen) vorbeugend wirken.
Gruß, Oliver
(gern per "Du" )

TPL

Hallo Herr Dönnebrink,
das Ärgernis ist als "Glaspilz" bekannt (z.B. hier http://de.wikipedia.org/wiki/Glaspilz).
Das Auftreten ist nicht auf tropische Gegenden beschränkt, sondern auch ein typischer Schaden an Vergrößerungsobjektiven aus den lange Zeit nicht genutzten Dunkelkammern. Aber auch die mikroskopischen "Kellerfunde" zeigen nicht selten die feinen Fäden auf den Kittflächen der Objektive und Okulare. Ist der Schaden erst einmal da, kann man ohne erheblichen Aufwand nichts tun, um ihn zu beheben.

Was die Pilze aber nicht mögen ist z.B. UV-Licht. Wie Oliver schon schreibt, ist auch kondenserende Feuchte günstig für die Verbreitung. Die Geräte sollten also idealerweise trocken stehen und die Optiken gelegentlich mal Kontakt mit dem Sonnenlicht bekommen. Mir ist bewusst, wie schwer so etwas auf Dauer zu realisieren ist, ohne nicht wieder an anderer Stelle Probleme zu bekommen.

Meine Foto-Ausrüstung habe ich in den Tropen in Taschen aufbewahrt, die ich (Tage vorher!) mit einem Antimykotikum eingenebelt hatte. Das ist natürlich nur ein vorübergehender Schutz.

Beste Grüße, Thomas

Klaus Dönnebrink

Danke Oliver
Danke Thomas!
Mit so schneller Antwort hatte ich nicht gerechnet .Der Wickipedia- Artikel ist  sehr erhellend. Leider bedeutet das wohl, daß die Objektive einfach kaputt sind, da ja nicht nur die äußeren (putzbaren) Glasflächen, sondern speziell die schwer erreichbaren inneren Glasflächen vom " Glaspilz" betroffen sind.

Um die rel. Luftfeuchtigkeit unter 60%  zu senken hat Herr Jülich noch die Idee beigesteuert die Mikroskop-optik in  einer erwärmtenBoxen zu lagern. Dadurch sinkt die rel Luftfeuchtigkeit ja auch.
Inwieweit sich die alten Objektive mit UV- Licht vertragen, muß man wohl ausprobieren, allerdings habe ich hier im centre hosptalier noch nie eine UV- Lampe gesehen. Außerdem : was passiert mit den Pilzrückständen?
Werde morgen mit den Laboranten hier besprechen welche Lösung ( außer wegwefen )  am einfachsten umgesetzt weden kann.
Auch der Hinweis auf alte-Keller-Optik ist sicher wichtig. Manche Teile hier hinterlassen den Eindruck, als ob der "Glaspilz" schon mitexportiert wurde.
Jedenfalls ALLEN herzlichen Dank für die Raschläge!
Klaus Dönnebrink

felix

Ich habe einige Jahre in den Subtropen verbracht und meine Objektive in einigermaßen luftdichten Plastikdosen mit Silikagel verwahrt.  Durch Gebrauch wurden sie regelmäßig gelüftet.   Das Silikagel muß regelmäßig getrocknet werden (am einfachsten im Wärmeschrank oder Backofen).  Der Farbinidakor zeigt an, wann die Trocknung fällig ist.  ZZt bin ich wieder in einem tropischen Land und stelle fest, daß die achtsameren Kollegen (leider die Minderheit!) es nach wie vor ebenso halten.    Das ist eine einfache und, nach meiner Erfahrung, erfolgreiche Methode.  Was man tun kann, wenn der Schaden schon da ist, darüber habe ich mir glücklicherweise nie Gedanken machen müssen.

Gruß! -- felix
"Du" angenehm.

TPL

#5
Hallo Klaus und ander Pilzgeschädigte,
der eigentlich interessanteste Ansprechpartner wird wohl Alfons Renz sein. Wenn ich mich recht erinnere, müsste er sehr ausgedehnte und aktuelle praktische Erfahrungen mit diesem Problem haben.
Meine eigenen Erfahrungen mit Gaspilz beschränken sich dagegen - zum Glück - auf ein in Kolumbien zum Weichzeichner gewordenes Foto-Objektiv und Ebay-Käufe, die wohl einen langen Keller- oder Dachboden-Aufenthalt hinter sich hatten (weshalb es mir auch völig schleierhaft ist, warum so häufig Mikroskope von diesen beiden Standorten angeboten werden).

Wenn der Schaden erstmal da ist, kann man praktisch nichts mehr tun - schon gar nicht in einem tropishen Land, ohne Klima-Anlage und ohne wohl sortierte Werkzeuge. Mein UV-Tipp war nur eine Vorbeugung: gelegentlich (nicht im Dauerzustand!) die Geräte ans (UV-reiche) Tageslicht bringen.
Ansonsten gibt es diese angesprochenen Wärmeschränke, die in der schlichtesten Version einfach eine Netz-Glühlampe zur Heizung verwenden. Meine Befürchtung ist allerdigs, dass man - ganz besonders in den Tropen - dadurch innerhalb kürzester Zeit unfreiwillig ein Terrarium mit lichtliebenden Insekten und diese verspeisenden Reptilien bekommt - wenn auch keine Pilze ;)

Die nachhaltige Lösung dieser Frage wäre ein Mikroskop mit einer Optik, die für Pilze nicht oder kaum anfälig ist, wie es von der Millenium Health Microscope Foundtion entwickelt wird (http://www.millennium-microscope.org/). Eine kurzfristige Lösung könnte eine Anfrage hier im Forum nach Optik-Teilen sein, die für solche Projekte unentgeltlih zur Verfügung gestellt werden. Ich bin mir darüber im Klaren, dass sich der letzte Vorschlag richtig schön gutmenschlich anhört, aber in der Praxis leider fast immer scheitert. Und zwar NICHT am guten Willen der großzügigen Spender, sondern an den Einfuhr-Regularien der "beglückten" Länder.

Beste Grüße, und viel Erfolg für diesen Dienst an Menschen, die durch die anderen Katastrophen ein wenig aus dem Blickfeld geraten.
Thomas

Klaus Dönnebrink

Nochmals Danke für die Tipps!
Alfons Renz ist im Moment noch in Afrika unterwegs.
Deshalb konnte ihn  auch nicht erreichen.
Klaus Dönnebrink








Alfons Renz

Hallo Klaus,
und andere Pilzgeschädigte,

"Glaspilz" auf optischen Linsen eines Mikroskops und - vor allem - auf den meist unzugänglichen Flächen der Prismen im Binokulartubus ist der sichere Tod eines jeden Mikroskops in den feuchten Tropen. Das kann akut verlaufen oder, bei gegebener Achtsamkeit,  auf Jahrzehnte hinausgezögert werden.

Ein Zeiss-Standard-Mikroskop, das einem Kollegen 1985 bei Regen aus dem Auto gestohlen und dabei im nassen Holzkasten auf Dschungelpfaden in Richtung Nigeria verschleppt wurde, war schon nach 4 Wochen sehr stark verpilzt, als ich es nach abenteuerlichen Verhandlungen wieder zurückholen konnte.

Diesen frischen Glaspilz konnte ich problem- und rückstandslos entfernen (wie fast jeden Pilz, den ich bislang angetroffen habe). Das Gerät steht heute noch in unserem Labor in Kamerun und ist dort in täglichem Gebrauch. Allerdings reinige ich es jedes Jahr gründlich und entferne die ständig neu wachsenden Pilzmyzele. Ebenso an den 3 Wild M5 Seziermikroskopen (zusammen ca. 85 Tropenjahre) und an den vielen anderen Mikroskopen und optischen Instrumenten.

Problematisch sind eigentlich nur die Linsen- und Glasflächen, die man nicht zerlegen bzw. mit einem Wattestäbchen erreichen kann: Prismenflächen im Tubus, justierte und durch Lacktropfen gesicherte Linsensysteme etc. Glücklicherweise sind dies auch die am besten geschützen (inneren) Glasflächen, an denen die Pilzsporen am spätesten auftreten und keimen.

Bei Präzisionsgeräten namhafter Hersteller kann man von einer Herstellung und Montage im Reinstraumklima ausgehen, so dass die initiale Kontamination gering sein sollte. Teilweise wurden auch fungizide Substanzen dem Lack und den Fetten beigesetzt (siehe die Literaturquelle in dem von TPL zitierten Wikipedia-Link), deren fungizide Wirkung auf langsamer Freisetzung von Quecksilberdämpfe beruht (einige Fette und Lacke älterer Mikroskope sind daher - und auch aus anderen Gründen - giftig!).

Wie kann man vor Verpilzung schützen?

Die schon vorgeschlagene und beim Versand neuer Optiken allgemein gebräuchliche Methode ist ein Schutz der trocken in Plastik eingeschweisster Teile mit Silikagel oder anderen Trockenmitteln. Das wird auch für den kurzfristigen Tropenbesuch die Methode der Wahl sein.

Nur für den Hausgebrauch im tropischen Labor mit vielen und großen Mikroskopen ist dies kaum möglich.

Hier verwenden wir Trockenschränke nach einer von englischen Kollegen übernommenen Methode: In allen Wandschränken (im Regenwald auch für Wäsche etc.) sind 20 bis 40 Watt-Glühbirnen montiert, die eine freie Zirkulation der leicht erwärmten und dadurch trockeneren Luft gewährleisten. Man muss also auf richtig dimensionierte Lüftungsschlitze unten und oben achten. Durch die direkte Bestrahlung der 'luftig' stehenden Mikroskope werden diese handwarm und damit wärmer als die Umgebungsluft, so dass sich kein Kondenswasser bilden kann.

Pilze können nur dort wachsen, wo sie als Sporen hingelangt sind und wo sie etwas Nahrhaftes vorfinden, wobei sie bei Letzerem offenbar sehr genügsam sind. Möglicherweise reichen dazu die Ausdünstungen feuchter Holzkästen, Lederköcher etc. Darauf unbedingt verzichten! Also möglichst luftig in einer 'geruchsfreien' Umgebung.

Dadurch setzt man die Geräte allerdings dem zweiten Fluch der Tropen aus, dem Staub der Trockenheit. Dann nämlich, bei sehr niedriger Luftfeuchtigkeit, müssen die Mikroskope wieder in staub- und luftdichte Plastikhüllen (.... gelbe Müllsäcke ...) gepackt werden. Staub betrifft glücklicherweise nur die äusseren Flächen und lässt sich vergleichsweise leicht entfernen.

Greift der Glaspilz die Linsenflächen an?  

Meine persönliche Erfahrung: eher wenig oder gar nicht. D.h. man kann ihn meist (fast) restlos entfernen. Allerdings mit drei Einschränkungen:

- Es gibt die verschiedendsten Verursacher (siehe den o.g. genannten Link), d.h. Pilze mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften. "Unser" kameruner Pilz scheint zu den eher harmlosen Arten zu zählen.

- man muss ihn möglichst früh entfernen (frisches Myzel ist leicht wegzuwischen).

- spezielle Glassorten und Beschichtungen sind anfälliger, auch in Kombination mit der Auskristallisation alkalischer Verbindungen als Folge der Reaktion von Glasinhaltsstoffen mit der Luftfeuchtigkeit (Stichwort: Blindes Glas).

Facit:

Bei hoher Luftfeuchtigkeit und ständiger Benutzung lässt sich Verpilzung nicht vermeiden, nur verzögern. Mindestens ein Mal im Jahr, zu Ende der Regenzeit, sollte die gesamte Optik sorgfältig inspiziert und ggf. gereinigt werden. Und am Ende - d.h. bei sehr starker Verpilzung - ist es immer gerechtfertigt, selbst aussichtslose Fälle zu zerlegen und zu reinigen: Auch justierte Prismen, Linsensysteme etc. von denen man unter Normalumständen unbedingt die Finger lassen sollte, kann man in vielen (ich möchte behaupten: den allermeisten) Fällen wieder einigermaßen hinbekommen. Vorausgesetzt, man hat das nötige und richtige Werkzeug.

Noch ein spezieller Rat:

Je weniger Glas, um so geringer das Risiko und desto leichter die Reinigung. Statt eines Axioimagers tut es in der Routine auch ein ganz simples Stativ, mit Monokulartubus, aber qualitativ hochwertiger Optik (Kondensor, Objektiv und Okular). Was Robert Koch seinerzeit mit einem solchen Mikroskop beobachtet und gezeichnet hat (die Strahlenkörper der Piroplasmen etwa), konnten seine Kollegen erst 75 Jahre später mit dem Elektronenmikroskop nachvollziehen und bestätigen. Der "Glaspilz" sitzt in Form des Grauen Stars etc. eben auch in unserer Kornea und dem angegliederten weiterverarbeitenden System.

Mit unverpilzten Grüßen,

Alfons