Botanik: Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium) *

Begonnen von Hans-Jürgen Koch, Juli 04, 2011, 19:02:53 NACHMITTAGS

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Hans-Jürgen Koch

Liebe Pflanzenfreunde,

Der Name "Wiesen - Bärenklau" kommt von der Form seiner Blätter, die Bärentatzen ähneln, während die lateinische Bezeichnung auf den kräftigen Wuchs der Pflanze hinweist. Der Gattungsname erinnert an Heros Herakles (Hercules) hin, der die Pflanze als Heilpflanze entdeckt haben soll.
Der Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium) ist an allen grünen Teilen  borstig behaart und hat einfach gefiederte, große Blätter mit aufgeblasenen Blattscheiden. Das stattliche Gewächs kommt gewöhnlich erst nach der Heuernte zum Blühen. Um diese Jahreszeit (Anfang Juli) ist der erste Grasschnitt bereits getrocknet und in den Scheunen eingelagert. Nach der Gestalt des Blütenstandes nennt man alle diese Pflanzen Doldengewächse (Umbelliferae, heute besser Apiaceae (D.K.)). Ihre Blüten stehen meist in zusammengesetzten Dolden.
Dem Wiesenbärenklau wird in der Volksmedizin eine Wirkung gegen Epilepsie und Hysterie unterstellt. Anwendung bei Entzündungen im Rachenraum und bei Bronchitis. In der Kräuterheilkunde verwendet man das über der Erde wachsende Kraut und die Wurzeln der Pflanze.
Das Sammeln sollte vorsichtig angegangen werden, da der Pflanzensaft auf der Haut in Verbindung mit Sonnenlicht Entzündungen, die Wiesendermatitis hervorruft. Auch beim Schälen der Pflanzenstängel ist Vorsicht geboten und besonders empfindliche Personen sollten Handschuhe dabei tragen.
Im Osten wird der Bärenklau von den Litauern und Polen schon seit langem zur Herstellung von einer Art Bier benutzt.
Der Wiesen-Bärenklau kommt auf Fettwiesen verbreitet vor und kann andere Pflanzen stark zurückdrängen.

Systematik:

Ordnung: Doldenblütlerartige (Apiales)
Familie: Doldenblütler (Apiaceae)
Unterfamilie: Apioideae
Gattung: Bärenklau (Heracleum)
Art: Wiesen-Bärenklau
Wissenschaftlicher Name: Heracleum sphondylium

Volkstümliche Namen: Echter Bärenklau, Gemeiner Bärenklau, Wiesenrhabarber, Bärenfuß, Bärentatze, Wolfsklau (wie der Bärlapp), Emdstengel, Kuhlatsch, Ochsenzunge, Säuchrut, Echter Bärenklau
Englischer Name: Meadow Parsnip or Cow Parsnip
Französisch: Fausse branc-ursine, berce, corne de chèvre, patte de loup, patte d'ours

Bild 01 Illustration

Bildquelle: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885, Gera, Germany

Bild 02  Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)


Bild 03 Schnittstellen


Arbeitsanleitung:

Original Färberezept siehe Seite von Herrn Armin Eisner http://www.aeisner.de/
W-3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau) modifiziert

Arbeitsablauf :

Reichert - Jung Schlittenmikrotom Hn 40 - Schnittstärke beträgt 30 µm.

Probe lag in AFE – Gemisch
Fixiergemisch auswaschen in 70 % Ethanol 5 Minuten
1. (Querschnitte) mit 70 % Ethanol
2. Alkoholreihe bis zum 30%igen Ethanol
3. Wasser entmin. 3x wechseln je 1 Minute
4. Vorfärbung Acridinrotlösung  8 Min.
5. 1x auswaschen mit Aqua dest. .
6. Acriflavinlösung (differenzieren bis gerade keine Farbwolken mehr abgehen- Lupenkontrolle)  15 Sekunden.
7. 2 x auswaschen mit Aqua dest..
8. Nachfärbung Astrablaulösung  2 Minute.
Bei der Nachfärbung mit Astrablau eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis 5 : 1 verwendet.
9. Auswaschen mit Aqua dest. bis keine Farbstoffreste auf dem Objektträger verbleiben
10. Entwässern mit 2x gewechseltem Isopropylalkohol ( 99,9 % )
11. Als letzte Stufe vor dem Eindecken Xylol einsetzen
12. Einschluss in Entellan

Ergebnis :
Rindenparenchym grün; Sklerenchymring rot;. Phloem blau; Epidermis hellrosa;
Zellwände blaugrün bis grün, verholzte Zellwände leuchtend  rot.

Fotos erstellt mit Nikon D5000.
Die Übersichtsaufnahmen wurden  mit ,,MagniFlash" erstellt.

Bild 04  Vergrößerung der Blattstiel – Schnittstelle

Hufeisenförmiger Querschnitt

Bild 05 Übersicht Blattstiel; Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)

Die Übersichtsaufnahme wurde  mit ,,MagniFlash" erstellt.

Bild 06 Vergrößerung aus der Übersicht mit Beschriftung; Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)


Rp = Rindenparenchym
Ph = Phloem
X = Xylem
T = Trachee

Bild 07 Blattansatz, Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)


Bild 08 Übersicht  Wurzel, Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)

Die Übersichtsaufnahme wurde  mit ,,MagniFlash" erstellt.

Bild 09 Zentrum der jungen Wurzel mit Beschriftung, Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)


sX = sekundäres Xylem
pX = primäres Xylem
sP = sekundäres Phloem
K = Kambium
S = Sekretgang

Bild 10  Wurzel, Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)


pR = primäre Rinde Periderm
S = Sekretgang
Ph = Phellem

Bild 11 Übersicht, sehr junger Spross, Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)

Die Übersichtsaufnahme wurde mit ,,MagniFlash" erstellt.
Der röhrige, kantig gefurchte Stengel ist mit meist rückwärts gerichteten Borstenhaaren besetzt.

Bild 12 Vergrößerung aus der Übersicht mit Beschriftung, Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)

Ep = Epidermis
K = Kollenchym
Die Plastizität des Kollenchyms ändert sich mit dem Alter. Das Kollenchym mancher Pflanzen kann sclerifiziert werden. Verhärtetes Kollenchym kommt in Pflanzenteilen vor, die ihr Streckungswachstum eingestellt haben.
Sk = geschlossener Sklerenchymring  um die Leitbündel
Sk. E = sklerenchymatische Elemente
Zitat von Dr. Detlef Kramer:
,,Das Kambium, auch das zwischen den Leitbündeln (das interfascikuläre Kambium) produziert ein Xylem, das fast nur noch aus sklerenchymatischen Elementen besteht, bzw. Fasern, vergleichbar mit den Holzfasern im Holz ringporiger Bäume bzw. Sträucher. Das dient der Festigung des Sprosses."

X = Xylem
Ph = Phloem
M = Mark,  sklerenchymatisch verdickt
H = Haar
T = Trachee
S = Sekretgänge

Was uns bei dem Bild  vom Spross verwirrte, war der geschlossene Ring von sklerematisch verdickten Zellen unter dem Phloem und das Fehlen des Kambiums.
Detlef Kramer hat auf die Schnelle (Rasierklinge, frei Hand) das Kambuim eindeutig darstellen können.
Danke Detlef für Deine Hilfe.

Bild 13 Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)

Färbung: klassisches Etzold

Bild 14 Dunkelfeld, Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)


Bild 15 Dunkelfeld, Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium)


Literatur zum Wiesen - Bärenklau:

Katherine Esau ,Pflanzenanatomie, Gustav Fischer Verlag, 1969
Matthiolus, New-Kreuterbuch, 1626, S. 274 D.
Dragendorff, Die Heilpfl. d. versch. Völker u. Zeiten, S. 499
Orne, zit. b. Hecker, Prakt. Arzneimittell., 1830, S. 84.
Heinigkes Handb. der hom. Arzneiwirkungsl., S. 304


Mit freundlichem Gruß
Hans-Jürgen










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Gerne per "Du"

Detlef Kramer

Lieber Hans-Jürgen,

1. habe ich mir erlaubt, in Deiner Einleitung den Familiennamen Durch den Zusatz Apiaceae zu ergänzen; Umbelliferae sollte nicht mehr verwendet werden.

2. ist pR in dem letzten Wurzelfoto nicht die primäre Rinde, sondern ein ausgewachsenes Periderm, also sekundäres Abschlussgewebe; die Wurzel war offenbar schon etwas älter.

Schöne Gesamtdarstellung, wie immer!

Herzliche Grüße

Detlef
Dr. Detlef Kramer, gerne per DU

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Hans-Jürgen Koch

Lieber Detlef,

danke für Dein Lob und die Hinweise zur Anatomie der Pflanze.
Ich habe die Korrektur in meinem Bericht vorgenommen.

Gruß
Hans-Jürgen
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Ragin

#3
Hallo Hans Jürgen,
Ich finde Deine Arbeit wieder mal spitzenmäßig. Besonders gut gefallen mit Deine Dunkelfeldaufnahmen.
In der traditionellen Kräuterkunde findet der Wiesenbärenklau als Tonikum Verwendung. Die jungen Stiele werden auch kandiert gegessen.

Weiss denn jemand, in welchen Zellen die Pflanze diese Furocumarine bildet, welche die phototoxischen Reaktionen hervorrufen?
Schöne Grüße,
Rainer
Ich pflege das bayrische Du, von Mensch zu Mensch

Fahrenheit

Lieber Hans-Jürgen,

wiederum vielen Dank für die tolle Dokumentation dieser interessanten Pflanze!
Sehr schöne Aufnahmen und interessante Erläuterungen machen das Lesen zum Vergnügen.

Herzliche Grüße
Jörg
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Zum Mitnehmen: Leitz SM
Für draussen: Leitz HM

Jan Kros

Lieber Hans-Jürgen

Ich schliesse mich vorige Schreibern an
Herzlichen Gruss
Jan

Hans-Jürgen Koch

Hallo Rainer, Jörg und Jan,

danke für Eure lobenden Worte.

@ Rainer,

welche Zellen für die Furocumarine verantwortlich sind kann ich nicht sagen.

Der Wiesen-Bärenklau ist jung ungiftig. Verantwortlich für Hautirritationen sind Furocumarine, die in allen Teilen der Pflanze vorhanden sind. Bei Berührung mit verschwitzter Haut werden die Furocumarine aus der Pflanze gelöst.

Unter Sonneneinstrahlung bilden sie zusammen mit einem körpereigenen Eiweiß ein Antigen, das zu einer Antikörper-Antigen-Reaktion führt. Als Folge bilden sich auf der Haut Blasen, die an Verbrennungen dritten Grades erinnern. Es entstehen sehr tiefe Wunden und Gewebeschäden, unter Umständen wird dadurch auch die Muskulatur gelähmt. Besonders gefährlich ist es, wenn Kinder mit dem Stängel des Riesen-Bärenklaus spielen, beispielsweise, wenn sie diesen als Blas- oder Sehrohr einsetzen. Dies kann bei Kontakt zu schweren Augenschädigungen führen. Die Furocumarine des Bärenklaus wirken auch krebserzeugend und erbgutverändernd.

Gruß
Hans-Jürgen

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Gerne per "Du"

ortholux

Lieber Hans Jürgen,

aus einer ganz anderen Ecke kommend, möchte ich folgendes ergänzen:
Die brokkoliförmigen Blütenknospen ergeben eines der delikatesten Wildgemüse. Kurz in Salzwasser blanchieren und dann in buttergerösteten Mandelplättchen wenden. Ideal in Omletts. Aber auch als Gemüsebeilage zu Kurzgebratenem oder Schmorfleisch.

Zitat von: Hans-Jürgen Koch in Juli 05, 2011, 11:39:05 VORMITTAG
Der Wiesen-Bärenklau ist jung ungiftig.

Hier drängen sich mehrere Fragen auf.
Meine eigene Erfahrung und die anderer Wildkräutersammler mit der phototoxischen Wirkung ist die, daß es bisher noch keine Klagen darüber gab. Allerdings hab ich über den Riesenbärenklau (H. mantegazzianum) gelesen, daß sich die Wirkung mit Tageszeit, Wetter und vielleicht noch anderen Faktoren ändert.

Gibt es für den Wiesenbärenklau ähliche Aussagen?

Zitat von: Hans-Jürgen Koch in Juli 05, 2011, 11:39:05 VORMITTAG
Die Furocumarine des Bärenklaus wirken auch krebserzeugend und erbgutverändernd.

Auch wenn man sie ißt? Oder werden Sie beim Kochen zerstört?

Danke und viele Grüße
Wolfgang

Fahrenheit

Lieber Hans-Jürgen, lieber Wolfgang,

in der Wikipedia steht zum Wiesenbärenklau, dass man die Stängel geschält roh essen kann. Das würde nahe legen, dass die Furocumarine in den Blatthaaren bzw. unter der Epidermis gebildet werden.

Was ist dann aber in den Sekretgängen enthalten, die ja auch im Xylem (interessant!) und den Parenchymen auftreten?

Herzliche GRüße
Jörg

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Hans-Jürgen Koch

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