Autor Thema: Zeiss Diffraktionsaparat  (Gelesen 8806 mal)

Herne

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Zeiss Diffraktionsaparat
« am: Januar 01, 2013, 09:30:59 Vormittag »
Hallo zusammen,
vor kurzem ist mir ein Gerät zugelaufen, über dessen Anwendung ich etwas ratlos bin. Es handelt sich um dies hier:




Durch anklicken lassen sich die Fotos vergrößert darstellen

Es wird wohl zur Untersuchung von Beugungserscheinungen gedacht sein. Aber :
Wozu genau?
Wie nutzt man es?
Welche Aussagen liefert es?
Über Hilfestellungen hierzu würde ich mich sehr freuen

mit freundlichen Grüßen
Herbert
Die animalcula infusoria sind Blasen mit Neigungen.
G. Chr. Lichtenberg

Werner

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #1 am: Januar 01, 2013, 10:06:56 Vormittag »
Hallo Herbert!

google doch mal nach "Diffraktionsplatte" - gleich an erster Stelle kommt Christian Linkenheld mit der Erklärung.
Danach ein Praktikumsversuch.
Ich wußte doch, daß ich das mal irgendwo gelesen hatte...

Erfolgreiches 2013 !   -   Werner
« Letzte Änderung: Januar 01, 2013, 10:11:31 Vormittag von Werner »

Florian Stellmacher

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #2 am: Januar 01, 2013, 10:21:05 Vormittag »
Lieber Herbert,

herzlichen Glückwunsch - das ist der Diffraktionsapparat nach Ernst Abbe (vgl. Zeiss Mikroskope und Nebenapparate, Ausgabe 1939, S. 149).

Hierzu heißt es im Katalog:

"Nr. 12 76 20 Diffraktionsapparat nach ABBE

Der im Jahre 1876 von Abbe angegebene Apparat ist vorzüglich dazu geeignet, praktisch zu zeigen, dass die Mikroskopbilder durch Abbeugung des Lichtes im Präparat entstehen, dass verschiedene Objektive mit gleicher Diffraktionswirkung unter gleichen optischen Bedingungen im Mikroskop gleiche Bilder geben, und daß die Apertur des Objektives maßgebend für den Inhalt der Mikroskopbilder ist.
Der Apparat besteht aus der Diffraktionsplatte, einem Objektträger mit drei feinen Strichgittern, acht Objektivblenden (entsprechender Abbildungsverweis) für das achromatische Objektiv 6/0,17) und einem Zwischenstück mit Schieber (Abbildungsverweis) zum Einlegen und Drehen der Blenden über dem Objektiv, dem Diffraktionstrichter.
Ausführliche Beschreibungen der anzustellenden Versuche und Erklärungen enthalten die Spezialarbeiten über die Diffraktionstheorie und eingehende Lehrbücher der Physik und des Mikroskops. Wir nennen z.B. Monthly Micr. Journal 17, 82-88, 1877; Dippel, Das Mikroskop, I 147-156; Metzner-Zimmermann, das Mikroskop, Müller-Poiletts, Lehrbuch der Physik, Band 2.

Diffraktionsapparat nach ABBE, in Behälter RM 25,-
Nr. 12 76 21 Diffraktionsplatte  RM 12,-"

Der Diffraktionsapparat hat also primär keine praktische Anwendung wie Messen oder Zählen, sondern er ist ein, neudeutsch würde man sagen: Experimentierkit, um Abbes Theorie zur Bildentstehung im Lichtmikroskop nachvollziehen zu können.

Die Firma Zeiss/West hat in den 80er Jahren eine Replik eines mittleren Messingstatives herausgebracht, die ich besitze. Dieser ist ebenfalls ein Diffraktionsapparat beigegeben, ferner eine leider außerordentlich knapp gehaltene Begleitbroschüre, die die Experimente beschreibt.

Die Erkenntnis über die Bedeutung der Beugungsescheinungen ist wohl als der Durchbruch in der Abbildungstheorie des Lichtmikroskops zu sehen und führte dazu, dass die in den Mikroskopobjektiven verbauten Linsen bezüglich ihrer Krümmungsradien und Dicken sowie die Zusammensetzung der Linsengruppen aus Kron- und Flintglas auf wissenschaftlich fundierter Basis berechnet wurden und nicht länger durch Pröbeln entstanden.

Herzliche Grüße,
Florian

P.S.: Ich habe den Beitrag zu diesem hochinteressanten Instrument bei Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor verlinkt, damit er nicht verloren geht.
« Letzte Änderung: Januar 01, 2013, 10:32:21 Vormittag von Florian Stellmacher »
Vorwiegende Arbeitsmikroskope:
Zeiss Axioskop 40 (DL, Pol, AL-Fluoreszenz)
Olympus BHS (DL, Pol, Multidiskussionseinrichtung)
Leitz Orthoplan (DL, DF, Pol, AL-Fluoreszenz)
Zeiss Axiophot (DIK und AL-Fluoreszenz)
Wild M400 Fotomakroskop (DL, DF, AL, Pol)

Florian Stellmacher

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #3 am: Januar 01, 2013, 10:47:09 Vormittag »
Nachtrag: Alfons Renz hat einmal ein verblüffendes Experiment zur Diffraktion unter Verwendung eines Schinkens und eines Geodreiecks gezeigt, das sich HIER findet.

Viel Spaß beim Lesen!
Florian
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Herne

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #4 am: Januar 01, 2013, 11:19:57 Vormittag »
Hallo zusammen,
vielen Dank für die lehrreichen und sehr unterhaltsamen Links! Die Website von Christian Linkenheld ist toll!
Und dann: Ein Schinkenbrot als Referenz-Gitter! Darauf muss man auch erst mal kommen!
Für die Darstellung im "Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor"-Link muss ich mir aber was neues einfallen lassen, soweit die Bilder betroffen sind. Die hier sind ohnehin eher suboptimal und vor allem mit "fotos-hochladen.net" eingestellt - und die Sache hat dann nur eine begrenzte Haltbarkeit. Photobucket funktioniert bei mir zur Zeit nicht, Imageshack auch nicht. Weiß jemand Rat?

liebe Grüße
Herbert
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G. Chr. Lichtenberg

Florian Stellmacher

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #5 am: Januar 01, 2013, 11:26:00 Vormittag »
Lieber Herbert,

 bei mir funktioniert Photobucket inzwischen wieder - wenn man davon absieht, dass man zwar "Switch back to the original Photobucket.com" anklicken kann, man aber trotzdem nicht auf die alte Oberfläche kommt.

Wenn es bei Dir immer noch nicht geht, schick mir die Bilder, ich lade sie gerne für Dich hoch.

Herzliche Grüße,
Florian
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Herne

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #6 am: Januar 01, 2013, 11:37:09 Vormittag »
Lieber Florian,
danke, auf das Angebot werde ich ggf. gerne zurück kommen!

Ich werde jetzt erst mal ein paar Versuche mit der Einrichtung mache, wobei mir natürlich das 6/0.17er CZJ-Objektiv fehlt In dem Kistchen lag ein Leitz Summar mit 24 mm Brennweite, das ja für eine einstufige Abbildung vorgesehen ist (und der eigentliche Grund war, das Kästchen zu kaufen). Ich habe aber noch einen alten CZJ 6er Apo, damit sollte es auch gehen.

Liebe Grüße
Herbert
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G. Chr. Lichtenberg

Alfons Renz

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #7 am: Januar 01, 2013, 12:34:10 Nachmittag »
Hallo Herbert,

Herzlichen Glückwunsch zu dieser schönen Diffraktionsplatte von Zeiss-Jena, der wohl letzten Version vor der Teilung Ost / West!

Ein ausführliche Abhandlung über den Gebrauch der Zeiss-West-Platte in 50 Versuchen findet sich in Kurt Michels Grundzügen der Theorie des Mikroskops auf den Seiten 314 - 339 ((3. Auflage, 1981). Der dort beschriebene 'Grosse' Diffraktionsapparat geht auf eine Anregung des damaligen Zeiss-Mitarbeiters Prof. Haselmann (späterer Direktor des Tübinger Instituts f. Wissenschaftliche Mikroskopie) zurück.

Im Laufe der Zeit hat sich die Form und Anordnung der auf den Objektträgern eingeätzten Diffraktionsmuster und die der beigefügten Hilfsobjekte, die in die hintere Brennebene eingeführt werden, vielfach geändert. Ein interessantes Thema!

Mit besten Wünschen zum Neuen Jahr!

Alfons

junio

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #8 am: Januar 01, 2013, 12:48:28 Nachmittag »
Lieber Herbert,

anlässlich der Internationalen Mikroskopie-Tage in Hagen hielt 1998 der kürzlich verstorbene Johann F. Bornhardt einen Vortrag über "Die Bildentstehung im Mikroskop" und den Versuchen mit dem Diffraktionsapparat nach Ernst Abbe.
Ich schicke Dir heute Nachmittag die Kopie seiner Tischvorlage. Dazu gehört auch ein Literaturverzeichnis.

Alles Gute für 2013 wünscht

Jürgen


wilfried48

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #9 am: Januar 01, 2013, 13:56:59 Nachmittag »
Ein ausführliche Abhandlung über den Gebrauch der Zeiss-West-Platte in 50 Versuchen findet sich in Kurt Michels Grundzügen der Theorie des Mikroskops auf den Seiten 314 - 339 ((3. Auflage, 1981). Der dort beschriebene 'Grosse' Diffraktionsapparat geht auf eine Anregung des damaligen Zeiss-Mitarbeiters Prof. Haselmann (späterer Direktor des Tübinger Instituts f. Wissenschaftliche Mikroskopie) zurück.
Alfons

Lieber Alfons,

die abbe`sche Theorie der Bildentstehung im Mikroskop mit dem Diffraktionsapparat von Carl Zeiss Oberkochen war früher Bestandteil jedes physikalischen Praktikums Physiker. Wir haben in Tübingen sogar im Physikalischen Praktikum für Mediziner dei angehenden Doktoren damit geplagt.

Ich bin schon lange auf der Suche, ab und zu sieht man des ganze mal bei e-bay und da geht es meist zu horrenden Preisen weg.

Lieber Herbert,

wie läuft einem denn ein solches auch noch historisch wertvolles Schätzchen zu ?

Im limitierten Nachbau des berühmten Mikroskops, das Ernst Abbe für seine Versuche verwendet hat, von Zeiss West aus dem Jahr 1983 ist dieser Diffraktionsapparat auch enthalten.

Dazu eine kleine Boschüre in denen die Versuche einfach erklärt sind. Bei Interesse kann ich diese gerne mal scannen und dir als PDF zumailen. Bitte deine e-mail per PN.

viele Grüsse
Wilfried

vorzugsweise per Du

Hobbymikroskope:
Zeiss Photomikroskop II, AL, DL, HD, Pol, Ph, DIC
Zeiss Inversm. IM35, DL, Ph, Pol, EPI-Fl
Zeiss Stemi 2000 C
Zeiss Reisem. Standard Junior Aufrecht u. Invers, DL, HD, Ph, Pol

Vorst. Wilfried48
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=107.

Alfons Renz

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #10 am: Januar 01, 2013, 15:02:53 Nachmittag »
Lieber Wilfried,

Die Diffraktionsplatten von Zeiss waren schon immer etwas sehr Seltenes. Und um ehrlich zu sein: Ich frage mich, wie viele Personen wirklich alle 50 Versuche nach Abbe / Michel / Haselmann gemacht und begriffen haben?

Insofern ist es auch leicht verständlich, dass wohl die meisten der von Prof. Haselmann vorgeschlagenen und von Zeiss in den 80iger-Jahren verkauften 'großen Diffraktionsapparate' nach Tübingen gingen, wo Haselmann sie in seinem Kurs am Inst. f. Wiss. Mikroskopie verwendete und wo sie auch bei den Physikern (Prof. Plies) regelmäßig zum Einsatz kamen/kommen.

Es liegt heute an uns, die Erinnerung an diese genialen Apparate wach zu halten. Ich will dies in einem eigenen Beitrag gleich tun!

Herzliche Grüße,

Alfons

Herne

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #11 am: Januar 01, 2013, 16:53:11 Nachmittag »
Lieber Wilfried,
das ist das Glück, das manchmal auch ein blindes Huhn trifft !  ;)  Es lag bei einem Flohmarkt auf dem Tisch eines Händlers, der noch weniger Ahnung hat als ich. Der ursprüngliche Anreiz war das ebenfalls darin enthaltene 24mm-Summar von Leitz. Das verwende ich heute für extreme Makro-Aufahmen an einem modifizierten Standard Junior.

Die Diffraktionsplatten von Zeiss waren schon immer etwas sehr Seltenes. Und um ehrlich zu sein: Ich frage mich, wie viele Personen wirklich alle 50 Versuche nach Abbe / Michel / Haselmann gemacht und begriffen haben?
Gemacht werden das viele haben, aber auch begriffen? Die Website von Christian Linkenheld erklärt und zeigt es sehr anschaulich, wie es funktioniert. Das Internet hat also auch seine sehr positiven Seiten.  :D

Liebe Grüße
Herbert
Die animalcula infusoria sind Blasen mit Neigungen.
G. Chr. Lichtenberg

RainerTeubner

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Re: Zeiss Diffraktionsaparat
« Antwort #12 am: Januar 01, 2013, 20:54:48 Nachmittag »
Hallo Herbert,

 auch von mir noch einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem Fang!

In dem Buch "Das Lichtmikroskop" (2. Auflage, 1985) von Dieter Gerlach sind in dem Kapitel "Beugungsmaxima im Mikroskop" einige Experimente mit radialen Schnitten durch Kiefernholz beschrieben. Die radialen Schnitte dienen als Ersatz für die Abbe'schen Diffraktionsplatten.

Es sind auch zwei Artikel von Dieter Gerlach im "Mikrokosmos" (Jahrgang 60 (1971), S. 277 und S. 372) zu diesem Thema erschienen, die inhaltlich dem Kapitel im Buch sehr ähneln.

Ich habe die dort beschriebenen Experimente nachgearbeitet, die Effekte sind gut zu sehen.

Viele Grüße

Rainer
« Letzte Änderung: Januar 01, 2013, 21:03:37 Nachmittag von RainerTeubner »
Mikroskop: Carl Zeiss Standard Universal
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Kamera: Canon EOS 5D II