Autor Thema: Meteorit im Dünnschliff  (Gelesen 6748 mal)

Ulrich S

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Meteorit im Dünnschliff
« am: Januar 05, 2013, 20:40:38 Nachmittag »
Hallo zusammen,
Ich möchte mal wieder einen Meteorit vorstellen. Ausgewählt habe ich ihn, weil sich im März der 10. Jahrestag seines Falls jährt. Es handelt sich um:
Park Forest
L5 Chondrit, Schockstadium S5
Fall 26.März 2003, 23:50 LT

Met.Bull. 87 schreibt:
Eine helle Feuerkugel wurde am 26. März 2003 gegen Mitternacht von vielen Beobachtern in Illinois, Indiana und Ohio beobachtet. Viele Steine fielen einem Gebiet um den Ort Park Forest. Mindestens zwei Häuser wurden getroffen. Mindestens 18 kg Material wurde geborgen, der größte Stein wog rund 3 kg.

Abb. 1: Teilscheibe: 4,16 g



Abb. 2: Detail von Nahen



Petrographie
Es handelt sich um eine monomikte Brekzie mit zwei Lithologien gleicher Zusammensetzung, einer hellen und einer dunklen. Es ist nicht klar, ob eine Beschreibung von hellgrauen Klasten in einer sehr dunklen Matrix oder von dunklen Klasten in einer helleren Matrix zutreffender ist, vermutlich aber ersteres. Die größeren Stücke werden von der helleren Lithologie dominiert, manche Stücke zeigen beide Lithologien und wenige kleine Stücke bestehen ausschließlich aus der dunklen Lithologie. Die hellen Klasten sind angular oder gerundet, der Kontakt zwischen hellem und dunklen Material ist scharf. Freies Eisen und Sulfide sind in beiden Materialien zu beobachten, wobei das Eisen heterogen verteilt ist.

Abb. 3: Dünnschliff Übersicht mit beiden Lithologien. Links unten der graue Bereich ist Nickeleisen



Die Textur der hellen Lithologie ist typisch für gewöhnliche Chondrite. Sie wird dominiert von anhedralen Olivinen zwischen 80 und 200 μm Durchmesser und größeren einzelnen Olivinkristallen von 400-600 μm in einer rekristallisierten Matrix
Schockfeatures zeigen sich als dunkle, sulfidreiche, glasige Adern in und zwischen den Klasten sowie Mosaikzismus und planar deformation features (pdf) in den Olivinen, undulatorischer Auslöschung in den Pyroxenen sowie Umwandlung von Plagioklas in Mascelynit.
Die dunkle Lithologie erscheint im Durchlicht anders, hat aber keine nennenswerten Unterschiede in der Mineralogie. Die dunkle Farbe wird durch FeS-gefüllte Risse in und zwischen den Mineralkörnern bedingt. Diese fehlen in der hellen Lithologie. Die dunkle Lithologie wurde vermutlich bei einem Impakt auf dem Mutterkörper aus der helleren gebildet.

Abb. 4 und 5: Helle Lithologie im xpl





In beiden Lithologien erkennt man im Dünnschliff, jedoch nicht im Handstück, Chondren und Chondrenfragmente. Die Grenzen zur Matrix sind dabei aber undeutlich. Balken- und porphyrische Olivinchondren bilden den Hauptanteil, aber auch olivinfreie granulare Pyroxenchondren kommen vor. Einige Olivine haben FeO-reiche Reaktionssäume.

Abb. 6: Relikt einer Olivin-Balkenchondre



Abb. 7: Risse in Olivinkorn



Dünnschliff: Schliff D. Mann

Literatur:
Simon SB, Grossman L, Clayton RN, Mayeda TK, Schwade JR, Sipiera PP, Wacker JF, Wadhwa M (2004): The fall, recovery, and classification of the Park Forest meteorite, Meteoritics & Planetary Sci. 39, 625-634
Russell SS, Zipfel J, Folco L, Jones R, Grady M, McCoy T, Grossman JN (2003): The Meteoritical Bulletin, No. 87, Meteoritics & Planetary Sci. 38, A189-A248

Viel Spaß
Ulrich

« Letzte Änderung: Januar 05, 2013, 22:07:19 Nachmittag von Ulrich S »
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Klaus Herrmann

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Re: Meteorit im Dünnschliff
« Antwort #1 am: Januar 05, 2013, 23:32:03 Nachmittag »
Hallo Ulrich,

schön mal was ganz anderes zu sehen. 18 Kg Material hört sich erst mal viel an, aber bis alle interessierten Institute und Museen versorgt sind und die unzähligen Sammler sind schnell alle schönen Scheibchen weg?

Du hast den Schliff wohl nicht selbst gemacht? Ich bin mir nicht sicher, aber er wirkt, als ob nicht fein genug geschliffen wurde. Besonders die letzten beiden Bilder sehen so aus, als ob der Ausbruch in der Fläche grob muschelig ist. Oder ist der Schiff nicht eingedeckt?
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


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Ulrich S

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Re: Meteorit im Dünnschliff
« Antwort #2 am: Januar 06, 2013, 12:21:10 Nachmittag »
Hallo Klaus,

nein, denn Schliff habe ich nicht selbst gemacht, sondern D. Mann, der in Meteoritensammlerkreisen als der Altmeister der Dünnschliffe geführt wird. Er hat schon die Apollo-Mondproben bearbeitet. Der sollte sein Handwerk also kennen.
Die Ursache der, ich sag mal Körnigkeit, ist mir aber auch schleierhaft.

18 kg ist einerseits viel für einen Fall, da gibts auch welche mit deutlich weniger Material, anderseits ist es auch wenig, ein Stein mit 18 kg ist nicht so sehr groß, wenn man so an seinen Steingarten denkt. Auch wenn es viele kleine Steine waren, der Markt saugt es schnell auf.

Grüße
Ulrich
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olaf.med

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Re: Meteorit im Dünnschliff
« Antwort #3 am: Januar 06, 2013, 12:54:52 Nachmittag »
Hallo Ulrich,

entschuldige wenn ich in die gleiche Kerbe wie Klaus haue, aber entweder ist der Dünnschliff wirklich schlecht (was ich sehr vermute!) oder es liegen ganz gravierende Abbildungsfehler vor. Auch halte ich die Übersetzung aus dem Englischen, wobei die Fachbegriffe einfach eingedeutscht wurden statt die richtigen deutschen Worte zu verwenden, als nicht sehr hilfreich. Ich bezweifele, dass die Mehrheit der Forennutzer, die sich höchstens peripher mit mineralogischen Themen beschäftigen, mit

Zitat
Die Textur der hellen Lithologie ist typisch für gewöhnliche Chondrite. Sie wird dominiert von anhedralen Olivinen zwischen 80 und 200 μm Durchmesser und größeren einzelnen Olivinkristallen von 400-600 μm in einer rekristallisierten Matrix
Schockfeatures zeigen sich als dunkle, sulfidreiche, glasige Adern in und zwischen den Klasten sowie Mosaikzismus und planar deformation features (pdf) in den Olivinen, undulatorischer Auslöschung in den Pyroxenen sowie Umwandlung von Plagioklas in Mascelynit.

wirklich etwas anfangen können.

Nichts für ungut....

Herzliche Grüße,

Olaf

Ulrich S

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Re: Meteorit im Dünnschliff
« Antwort #4 am: Januar 06, 2013, 14:30:51 Nachmittag »
Moin moin,
Zitat
entschuldige wenn ich in die gleiche Kerbe wie Klaus haue,
ist schon okay
Zitat
Auch halte ich die Übersetzung aus dem Englischen, wobei die Fachbegriffe einfach eingedeutscht wurden statt die richtigen deutschen Worte zu verwenden, als nicht sehr hilfreich. Ich bezweifele, dass die Mehrheit der Forennutzer, die sich höchstens peripher mit mineralogischen Themen beschäftigen, mit
nun, ich denke feature kann jeder im Forum deuten.
für mosaicism und undulatorisch fällt mir auch bei intensiveren Nachdenken nicht recht was passendes deutsches ein.
btw, der Text ist nicht eine bloße Übersetzung
Zitat
entweder ist der Dünnschliff wirklich schlecht (was ich sehr vermute!) oder es liegen ganz gravierende Abbildungsfehler vor.
jetzt wirds richtig interessant! Was kann es sein wenn der Schliff i.O. ist?
Also ich habe dann mal diverse Schliffe unterschiedlicher Hersteller genau betrachtet. Diese "Struktur" ist bei allen zu sehen. egal ob ich Polfilter rein oder rausnehme, sie ist konstant, auch wenn ich den Filder rotiere. Verdrehe ich den Schliff, dreht sie sich mit, wirkt fast wie Interferenzstreifen bei leicht unscharfer Einstellung.
Hab dann unterm Stereo mal bei der größten Vergrößerung und 2 aufgelegten Polfiltern und Barlow geschaut, dann kann ich sie nicht finden.
 ???
Ulrich
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Klaus Herrmann

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Re: Meteorit im Dünnschliff
« Antwort #5 am: Januar 06, 2013, 15:15:29 Nachmittag »
Hallo Ulrich,

 
Zitat
mosaicism
damit ist doch wohl die Morphologie gemeint: die Mineralkörner sind zerbrochen und liegen wie ein Mosaik in der Flächen mit Zwischenräumen.
Die ondulatorische Auslöschung kann Olaf besser, da trau ich mich nicht dran ;)

Aber bevor wir uns den Kopf zermartern, was nun Schuld hat: Präparator, Mikroskop oder Hitzeflimmern durch zu heiße Lampe ;D mein pragmatischer Vorschlag: schick mir den Schliff gut verpackt und ich mach ein paar Bilder. Wenn die deutlich besser sind bist du und/oder dein Mikroskop Schuld oder der Schliff ist suboptimal - was ich übrigens auch vermute. Ich verspreche, den Schliff nicht nachzuschleifen!  ;)
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


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olaf.med

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Re: Meteorit im Dünnschliff
« Antwort #6 am: Januar 06, 2013, 16:46:21 Nachmittag »
Lieber Ulrich,

zuerst einmal herzlichen Dank dass Du mir meine konstruktive Kritik nicht übel nimmst - da habe ich leider schon anderes erlebt  :).

Zu den Fachbegriffen:

anhedral
heißt im deutschen Sprachgebrauch xenomorph (fremdgestaltig); das Gegenteil wäre idiomorph (engl: euhedral)

Mosaikzismus
= Mosaikbau

planar deformation features = planare Elemente (kristallographisch orientierte Bruchflächen, die ausschließlich bei der Schockmetamorphose entstehen, also nicht mit der normalen Spaltbarkeit zu verwechseln sind)

undulatorisch
= undulös

Maskelynit ist übrigens ein sog. diaplektisches Glas von der Zusammensetzung der Plagioklase und aus diesen durch extreme Schockmetamorphose entstanden. Dabei wird das Kristallgitter zerstört, es entsteht eine amorphe, glasartige Substanz.


Zu den Bildern kann ich nur sagen, dass besonders bei den letzten beiden ein sehr starker Randabfall verbunden mit starken chromatischen Effekten zu sehen ist. Das ist sicher apparativ bedingt.

Mit herzlichen Grüßen,

Olaf

Klaus Herrmann

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Re: Meteorit im Dünnschliff
« Antwort #7 am: Januar 08, 2013, 20:15:11 Nachmittag »
Hallo zusammen,

Ulrich hat mir die außerirdische Probe geschickt und ich hab sie heute mal unters Mikroskop gelegt.

Gleich vorab: er ist rehabilitiert: der Schliff ist schon ein Trümmerfeld. Ob das nun am Präparator liegt, oder ganz einfach daran. dass das Material extrem brüchig ist vermag ich nicht zu beurteilen. Die Probe hat natürlich schon eine Schockbehandlung hinter sich - da wären wir auch mürbe!

Hier ein paar Bilder wahllos aus der Probe abgegriffen immer einmal mit linearpolarisiertem (LPL) und dann auch gekreuzt polarisiertem (XPL) Durchlicht.







Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


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