Autor Thema: Mastigamoeba aspera  (Gelesen 3389 mal)

Eckhard

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Mastigamoeba aspera
« am: April 10, 2013, 21:31:27 Nachmittag »
Hallo,


Mastigamoeba aspera, 40x, DIK


Mastigamoeba aspera

Unter den Amöben gibt es die Gruppe Pelobiontida (Page, 1976). Die Pelobiontida sind Amöben ohne Mitochondrien. Sie leben in der anaeroben Zone still fliessender eutropher Gewässer. Unter den Pelobiontida gibt es die Familie der Mastigamoeba (Schulze, 1875). Die Namensgebung zeigt schon die charakteristische Eigenschaft der Mastigamoeba: "mastig" = Flagellum. So haben alle Mastigamoeba zumindest während eines Teils ihres Lebenszyklus ein Flagellum.

Die Typus Art für die Mastigamoeba ist Mastigamoeba aspera (Schulze, 1875). Auch hier zeigt die Namensgebung die charakteristische Eigenschaft: "aspera" = rauh. Die Oberfläche der M. aspera ist mit einer dicken Glykokalix bedeckt, auf der sich oftmals viele kleine ektosymbiontischen Bakterien befinden. Die Bakterien erscheinen wie kleine Spicula - daher die Namensgebung.

In Kulturen von M. aspera treten einkernige Exemplare mit Flagellum und mehrkernige Exemplare ohne Flagellum auf (Frolov et al., 2011). Wie der exakte Lebenszyklus von M. aspera ist, habe ich noch nicht herausfinden können.

Bei den einzelligen Exemplaren endet das Flagellum mit seinem Kinetosom direkt am bläschenförmigen Zellkern, der einen ovalen Nukleolus hat. Man nennt diese Struktur (Flagellum -> Kinetosom -> Nukleus) einen Karyomastigont. Lynn Margulis, die Protagonistin der Endosymbiontischen Theorie (Plastiden und Mitochondrien waren ursprünglich eigenständige prokaryotische Organismen, die über die Zwischenstufe Endosymbionten zu Organellen eukaryotischer Organismen wurden), betrachtete den Karyomastigont als eine evolutionäre Zwischenstufe zum Flagellum als eigenständige Organelle. Tatsächlich wurden die Mastigamoeba zu den Archamoeba zugeordnet - Amoeben sehr ursprünglicher Form, die sich früh von der Entwicklung höher organisierter eukaryotischer Organismen abgespalten haben (gemeinsames Merkmal - fehlende Mitochondrien). Die moderne Molekulargenetik hat diese Theorie aber entkräftet - man geht heute davon aus, dass die vormals in den Archamoeben eingeordneten Arten ihre Mitochondrien wieder verloren haben (im anaeroben Milieu werden sie nicht gebraucht).

Die Struktur von Mastigamoeba aspera ist sehr einfach. Kontraktile Vakuolen sind vorhanden, konnten von mir aber nicht beobachtet werden. Das Plasma ist voll mit Nahrungsvakuolen, in denen Verdauungsreste und frische Beute zu erkennen ist. Der Karyomastigont befindet sich am Ende der Amöbe. Mastigamoeba aspera bildet viele Pseudopodien aus. Bei grösseren Exemplaren soll ein Uroid zu sehen sein - meine kleinen hatten keinen erkennbaren Uroid.  

M. aspera ist 50-200 µm gross. Die von mir beobachteten Exemplare (3) waren alle einkernig und etwa 50 µm lang. Das Flagellum schlägt pausenlos, aber die Bewegung ist amoeboid, wobei das Flagellum von hinten die gleitende Bewegung unterstützt. Ektosymbiontische Bakterien habe ich nicht beobachten können. Um den Zellkern waren deutlich endosymbiontische Bakterien zu erkennen.

Vor ein paar Jahren hat Martin Kreuz im Forum die interessante Amöbe Dinamoeba mirabilis (Leidy, 1874) gezeigt. Diese auch zu der Gruppe der Pelobiontida gehörende Amöbe ist leicht mit Mastigamoeba aspera zu verwechseln. Die Unterschiede liegen in dem Karyomastigont und dem bläschenförmigen Kern mit ovalem Nukleolus bei Mastigamoeba aspera.
 
Leider habe ich diese interessante Amoebe nur kurz beobachten können - ein Osterurlaub trennte mich am Morgen nach der Entdeckung von meinen Mikroskopen. Die Proben waren recht dick - ich konnte nicht mehr als ein 40x Objektiv einsetzen. In der Probe habe ich nach dem Urlaub bis jetzt kein weiteres Exemplar gefunden.


Mastigamoeba aspera, Nukleus


Mastigamoeba aspera, Flagellum und endosymbiontische Bakterien (Pfeil)

Hier noch der Link auf Martins Beitrag: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=5467.0

Herzliche Grüsse
Eckhard
« Letzte Änderung: April 24, 2013, 20:52:55 Nachmittag von Eckhard »
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Ernst Hippe

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Re: Mastigamoeba aspera
« Antwort #1 am: April 11, 2013, 09:34:49 Vormittag »
Hallo Eckhard,
vielen Dank für diesen ausführlichen und anschaulichen Beitrag! Da es auch so kleine kriechende Flagellaten gibt, ist das ein schwieriges Gebiet, das mich schon lange beschäftigt.
Gruß Ernst Hippe
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Bernhard Lebeda

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  • Beiträge: 2604
Re: Mastigamoeba aspera
« Antwort #2 am: April 11, 2013, 10:16:45 Vormittag »
Hallo Eckhard

vielen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag!!

Diese Passage

"
Bei den einzelligen Exemplaren endet das Flagellum mit seinem Kinetosom direkt am bläschenförmigen Zellkern, der einen ovalen Nukleolus hat. Man nennt diese Struktur (Flagellum -> Kinetosom -> Nukleus) einen Karyomastigont. Lynn Margulis, die Protagonistin der Endosymbiontischen Theorie (Plastiden und Mitochondrien waren ursprünglich eigenständige prokaryotische Organismen, die über die Zwischenstufe Endosymbionten zu Organellen eukaryotischer Organismen wurden), betrachtete den Karyomastigont als eine evolutionäre Zwischenstufe zum Flagellum als eigenständige Organelle. Tatsächlich wurden die Mastigamoeba zu den Archamoeba zugeordnet - Amoeben sehr ursprünglicher Form, die sich früh von der Entwicklung höher organisierter eukaryotischer Organismen abgespalten haben (gemeinsames Merkmal - fehlende Mitochondrien). Die moderne Molekulargenetik hat diese Theorie aber entkräftet - man geht heute davon aus, dass die vormals in den Archamoeben eingeordneten Arten ihre Mitochondrien wieder verloren haben (im anaeroben Milieu werden sie nicht gebraucht).
"

möchte ich hier einmal zum Anlass nehmen die Bücher von Lynn Margulis zu empfehlen. Speziell das Buch "Microcosmos" ist in meinen Augen ein MUSS für den Tümpler!

Viele Mikrogrüße

Bernhard
Ich bevorzuge das "DU"

Vorstellung

Eckhard

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Re: Mastigamoeba aspera
« Antwort #3 am: April 24, 2013, 20:50:59 Nachmittag »
Hallo,

vielen Dank, Ernst und Bernhard, für Eure Kommentare. Heute Abend bin ich wieder dazu gekommen, meine Probe zu bearbeiten und weitere Exemplare zu suchen. Diesmal war die Schichtdicke geringer und ich konnte das 40x/1.30 Oel Objektiv einsetzen.


Mastigamoeba aspera

In der oberen Aufnahme ist der Kern gut zu erkennen. Warum der Nukleolus scheinbar zweigeteilt ist, weiss ich nicht. Auf dem nächsten Bild kann man erkennen, dass der Urspung des Flagellums an der Kernhülle ist, wie im ursprünglichen Beitrag zu Karyomastigonten beschrieben.


Mastigamoeba aspera

Das hier gezeigte Exemplar bewegte sich recht zügig fort. Erstaunlicherweise zeigte der Kern mit dem Flagellum in "Fahrtrichtung". 

Herzliche Grüsse
Eckhard
« Letzte Änderung: April 24, 2013, 20:55:13 Nachmittag von Eckhard »
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