Autor Thema: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)  (Gelesen 7709 mal)

Jürgen

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Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« am: November 07, 2013, 22:14:46 Nachmittag »
Guten Abend zusammen,

Bischöfe sind derzeit ja in aller Munde  ;). Auch im Pilzreich hat die römisch-katholische Kirche ihre Spuren hinterlassen...

Klasse: Pezizomycetes
Ordnung: Becherlingsartige (Pezizales)
Familie: Lorchelverwandte (Helvellaceae)
Gattung: Giftlorcheln (Gyromitra)
Art: Bischofsmütze (Gyromitra infula)

Dieser seltene Ascomycet ist mir bis Ende letzter Woche erst einmal im Thüringer Wald begegnet. Gyromitra infula ist in NRW eine Rote-Liste-Art mit der Gefährdungsstufe 2 (=stark gefährdet). Am Sonntag hatte ich ein Massenvorkommen (ca. 30 Exemplare) dieses Pilzes in meinem Sammelgebiet (Sauerland) auf geschredderten Fichtenwurzeln.  Die Fichtenwurzeln sind noch Reste vom Orkantief Kyrill aus dem Jahre 2007.

Nachfolgend ein Foto der Fundstelle:



Den deutschen Namen Bischofsmütze hat der Pilz durch seinen mitraförmig, unregelmäßig gefaltenen Hut mit mehreren tütenförmigen Ausstülpungen bekommen. Die von mir gefundenen Exemplare waren bis zu 15 cm hoch und fast ebenso breit.

Hier eine Makroaufnahme:



Die Asci sind achtsporig. Die Sporen sind elliptisch, glatt und enthalten 2 Öltropfen. Die Sporengröße betrug bei meinem untersuchten Fund im Mittel 21,2 x 8,3 µm.



Die Paraphysen sind septiert (blaue Kreise), gegabelt (roter Kreis), an den Spitzen verdickt und bräunlich pigmentiert.



Der Speisewert ist äußerst umstritten. Da der Pilz das hitzeinstabile Gift Gyromitrin enthält, wird mittlerweile dringend vom Verzehr abgeraten.

Viele Grüße
Jürgen

Klaus Herrmann

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #1 am: November 07, 2013, 23:24:15 Nachmittag »
Hallo Jürgen,

 Da hast du dem Bischof aber eins auf die Mütze..sehr schön deine Quetschpräparate.
Es werden hier ja relativ selten Pilze gezeigt und dieser schein ja wie du sagst eine Rarität zu sein. Da wirst du doch in Pilze-Pilze noch mehr Resonanz finden!

Eine Frage: die Pilzler färben doch auch ganz gerne mit Lactophenolblau oder Phloxin oder Kongorot. Könntest du das nicht auch noch nachtragen?
Im französischen Forum hat Nino immer schöne gefärbte Quetschpräparate gezeigt.
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


ich ziehe das freundschaftliche "Du" vor! ∞ λ ¼


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knipser009

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #2 am: November 08, 2013, 03:43:37 Vormittag »
hallo an alle mikroskopierenden Pilzler

das Gyromitrin ist ein sehr gefährliches Gift, sogar ein Atemgift und nebenbei auch noch kummulierend carcinogen.

Zitat Wikipedia : Die letale Dosis für den Menschen liegt bei 30 bis 50 mg Gyromitrin pro Kilogramm Körpergewicht. Aufgrund der Flüchtigkeit von Gyromitrin reicht schon die bloße Präsenz der Giftpilze in einem schlecht gelüfteten Raum aus, um eine Vergiftung über die Atemwege hervorzurufen.

Mein Ratschlag - wenn schon mit gyromitrinhaltigen Pilzen mikroskopiert wird, dann bitte im Freien.

lG

Wolfgang
Viele Grüße aus dem SaarPfalzKreis

Wolfgang
gerne per "Du"

Bernhard Kaiser

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #3 am: November 08, 2013, 05:55:44 Vormittag »
Hallo Jürgen,

eine sehr schöne Darstellung!

Freundliche Grüße
Bernhard Kaiser

PS: Es muß nicht alles gegessen werden!!!

HDD

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #4 am: November 08, 2013, 07:14:12 Vormittag »
Hallo Jürgen

Ein schöner Bericht. Was für ein Objektiv hast Du bei den Sporenbildern verwendet?

Sieht aus wie ein 100er Öl. Die Bilder sind super geworden.

Danke fürs Zeigen und viele Grüße

Horst-Dieter

Peter Reil

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #5 am: November 08, 2013, 07:43:09 Vormittag »
Zitat
Zitat Wikipedia : Die letale Dosis für den Menschen liegt bei 30 bis 50 mg Gyromitrin pro Kilogramm Körpergewicht. Aufgrund der Flüchtigkeit von Gyromitrin reicht schon die bloße Präsenz der Giftpilze in einem schlecht gelüfteten Raum aus, um eine Vergiftung über die Atemwege hervorzurufen.

Hallo Wolfgang,

diese Quelle von Wikipedia (woher stammt diese Erkenntnis?) wird anscheinend gerne zitiert und häufig übernommen. Demnach müsste in einigen Ländern (z.B. in Russland, Schweden) eine sehr hohe Vergiftungsrate von Menschen vorliegen. Dort wird er nämlich in großen Mengen gehandelt und  als Speisepilz genossen (korrekt zubereitet, versteht sich).

Es ist wohl wie immer: Die Menge macht es.
Und: Panikmache ist vollkommen übertrieben.

Freundliche Grüße
Peter R.
Meine Arbeitsgeräte: Olympus BHS, Olympus CHK, Olympus SZ 30

Jürgen

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #6 am: November 08, 2013, 08:17:32 Vormittag »
Guten Morgen zusammen,

jetzt mal schön der Reihenfolge nach:

@Klaus:

pilzepilze.de ist mein Stammforum. Aber ab und zu möchte ich auch hier mal das faszinierende Innenleben der Pilze präsentieren!

Die Anwendung von Färbemitteln in der Pilzmikroskopie macht nur Sinn, wenn schlecht erkennbare (z. B. Sporenornamentation, Schnallen) oder nicht sichtbare (z. B. Ascus-Reaktion) Merkmale sichtbar gemacht werden müssen. Viele Mikrochemikalien wirken letal und verändern Mikrostrukturen. Daher gilt besonders bei Ascomyceten: "In vivo veritas!" Im Fall von Gyromitra infula würde die Anfärbung mit Chemikalien keinen Sinn ergeben, da die Ascus-Reaktion mit einer Jodlösung (z. B. Lugol) negativ ist und die Sporen kein Ornament besitzen.

@Wolfgang

Siehe Beitrag von Peter Reil. Der Gyromitringehalt ist in der Bischofsmütze auch wesentlich geringer als bei der Frühjahrslorchel (Gyromitra esculenta!). Wie Peter schon sagt, ist auch und besonders Gyromitra esculenta in Nordosteuropa immer noch ein beliebter Speise- und Marktpilz!

@Bernhard

Vielen Dank.

@Horst-Dieter

Die Mikrostrukturen sind in diesem Fall für Pilze ja recht groß. Daher ist nur das erste Mikrofoto mit dem einzelnen Asci und den acht Sporen mit einem 100er-CP-Achromat in Öl gemacht worden. Das Bild mit den Paraphysen ist mit einem 40er-CP-Achromat gemacht worden und wurde ausschnittsvergrößert.

@Peter

Volle Zustimmung.

Viele Grüße
Jürgen 

schuppi

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #7 am: November 08, 2013, 09:25:02 Vormittag »
Hallo Jürgen,

herzlichen Dank für diesen schönen Beitrag. Die Bischofsmütze habe ich so nie gesehen und jetzt hast Du mich sehr neidisch gemacht :-)

Viele Grüße
Rainer
DFK 72AUC02 an
- Motic BA310 Trino LED
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Web-Site: http://www.mikroskopie-bilder.de

knipser009

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #8 am: November 08, 2013, 10:37:43 Vormittag »
hallo

mein Beitrag bezog sich nur auf die Giftigkeit des Gyromitrins per se.

vergl.:Toxikologische Abteilung, Klinikum rechts der Isar,München
http://www.toxinfo.org/pilz/db/frameset.php?genic=GYROMITRA-SYNDROM

Auch der Gattungsname Giftlorcheln, zu denen die Bischofsmütze gehört, spricht eine klare Sprache.
Aber natürlich gilt auch hier " Nur die Dosis macht das Gift" - bei dem einen eher, (wegen der kummulierenden Wirkung) bei dem anderen später.

lG

Wolfgang
Viele Grüße aus dem SaarPfalzKreis

Wolfgang
gerne per "Du"

Rolf-Dieter Müller

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #9 am: November 08, 2013, 16:31:04 Nachmittag »
Hallo Jürgen,

vielen Dank für Deinen schönen Beitrag, der mich, obwohl in der Pilzmikroskopie nicht bewandert, gleich angesprochen hat.

Und, wie man sieht müssen es nicht immer Planapos für gute Bilder sein, es gelingt offensichtlich auch mit Achromaten. Gut, es sind CP-Achromate, die ja wieder eine Klasse für sich sind.

Viele Grüße
Rolf-Dieter

liftboy

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #10 am: November 08, 2013, 19:40:00 Nachmittag »
Hallo Jürgen,

lass Dich nicht kirre machen!
Für mich gesprochen, bin  ich dankbar für jede Information, die ich nicht suchen muss.
Übrigends eine sehr schöne Dokumentation, ich hätte nie erwartet, auf diesem Boden überhaupt etwas zu finden.

Grüße
Wolfgang
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=785.msg3654#msg3654
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Jürgen

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Re: Pilzmikroskopie: Die Bischofsmütze (Gyromitra infula)
« Antwort #11 am: November 08, 2013, 21:27:05 Nachmittag »
Hallo Wolfgang,

Pilze findet man ja sogar in der Wüste  ;). Und gerade Holzhäcksel und Mulchhaufen können so manche Überraschung bieten.

Zwischen den Holzstücken wuchs z. B. noch der nicht seltene Orangebecherling (Aleuria aurantia). Schon äußerlich eine Schönheit...



...hat er auch nicht zu verachtende innere Werte...



Hier könnte man die Sporen noch mit Baumwollblau in Milchsäure anfärben, um die Sporenornamentation noch deutlicher sichtbar zu machen.

Viele Grüße
Jürgen