Autor Thema: Foraminiferen einmal anders  (Gelesen 6896 mal)

Michael Plewka

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Foraminiferen einmal anders
« am: Dezember 08, 2013, 21:39:06 Nachmittag »
hallo zusammen,
Radiolarien sind schon oft in diesem Forum gezeigt worden. Meist handelt es sich um Präparate aus Sanden oder fossilen Quellen, in der Regel aber um totes Material.

Zurück aus Nordsulawesi, einem biologischen Hotspot für bizarre marine Lebewesen, entdeckte ich nun bei der  Sichtung des Bildmaterials auf dem Bild eines kleinen Kofferfischs (Lactoria sp.) ein Gebilde, das mir bei der Aufnahme nicht aufgefallen war (links neben der Rückenflosse; der Fisch ist ca. 3 cm lang):




Ich vermute mal, dass es sich um eine Radiolarie handelt. Hier ein 100% Crop von obigem Bild:




Leider habe ich dieses Viech in meiner Literatur nicht gefunden, obwohl ich meine, schon des öfteren REM-Aufnahmen dieser Form gesehen zu haben. Für mich stellt sich nun die Frage, ob diese Aufnahme nun den natürlichen Lebensraum widerspiegelt; dass dieses Viech planktisch lebt, kann ich mir nicht vorstellen. Über Hinweise würde ich mich freuen...

Da der Fisch einen solch süßen "Kussmund" hat, möchte ich ein weiteres Bild nicht vorenthalten (Off-topic):




beste Grüße Michael Plewka
« Letzte Änderung: Dezember 13, 2013, 08:17:09 Vormittag von Michael Plewka »

TPL

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Re: Radiolarie einmal anders
« Antwort #1 am: Dezember 08, 2013, 21:56:36 Nachmittag »
Hallo Herr Plewka,

es ist zwar nur ein bisschen aufgepepptes Lehrbuchwissen, aber soweit ich mich erinnere, sind Radiolarien kleiner als die (geschätzten) mehrere Millimeter Ihres Exemplars und sie leben pelagisch. Das schließt zwar nicht aus, dass dieses Skelett in ein Riff verdriftet wurde, aber als Lebensraum hätte ich bisher ausschließlich an die Hochsee gedacht.

Schöne Bilder, übrigens – beneidenswert!

Viele Grüße
Thomas P.

Manfred Ulitzka

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Re: Radiolarie einmal anders
« Antwort #2 am: Dezember 08, 2013, 23:05:26 Nachmittag »
Hallo Herr Plewka,

faszinierende Aufnahmen. Glückwunsch!
Allerdings habe ich auch mal gelernt, dass Radiolarien kleiner sind. Wikipedia weiss (?) 50 - 500µm.
Könnte es sich eher um eine Foraminifere handeln? Calcarina hat auch so sternchen- bzw. strahlenförmige Skelette. Hier ein Link: http://www.foraminifera.eu/calcarina-mayori1-portcampbell.html.
Hier gibt es sogar einen Bestimmungsschlüssel: http://www.foraminifera.eu/calcarina.php.

Herzliche Grüße

Manfred.
« Letzte Änderung: Dezember 08, 2013, 23:08:19 Nachmittag von Manfred Ulitzka »

Klaus Herrmann

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Re: Radiolarie einmal anders
« Antwort #3 am: Dezember 08, 2013, 23:13:07 Nachmittag »
Hallo Michael,

 bei den Bilder kommt man ins träumen! Ich kenne Kofferfische nur schmutzig braun, dass die auch so attraktiv aussehen können ...

Wir hatten hier mal einen Thread, bei dem es um den "Sternen-Sand" von Japan ging, da waren sehr ähnliche Foraminiferen-Skelette drin zu sehen:

Zitat
Probably the best example is a star sand from Ryukyu Islands, Japan.
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


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JB

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Re: Radiolarie einmal anders
« Antwort #4 am: Dezember 08, 2013, 23:28:43 Nachmittag »
Hallo,

Der Groesse, Farbe und den oben sichtbaren Kammern nach wuerde ich auf eine grosse Foraminifere tippen, zB so in Richtung Baculogypsina. Die Strahlen der Foraminifera oben gehen zwar tetraedrisch nach aussen, was ich so noch nicht kannte, aber alles ist moeglich :)

Jon

Michael Plewka

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #5 am: Dezember 10, 2013, 08:05:04 Vormittag »
hallo zusammen,

recht herzlichen Dank für das Feedback, das mir völlig neue Einblicke in die Welt der marinen Einzeller gebracht hat. Besonderer Dank an Herrn Ulitzka für den Link zu dem Schlüssel. Die Gattung Calcarina erscheint nun wahrscheinlich des Rätsels Lösung zun sein. (Ich habe deshalb den Titel dieses Beitrags geändert). Dass  es solche Formen bei den Foraminiferen gibt, erstaunt mich nun. Selbst in dem schon häufiger hier zitierten "Illustrated Guide....", welcher eine große Anzahl (? die Gesamtheit aller?) Gattungen von Einzellern auflistet, sind unter der Gattung Calcarina keine solchen Formen dargestellt.

Andererseits hätte ich Foraminiferen nicht ausschließen sollen. Der Boden des Biotops besteht aus schwarzem Sand vulkanischen Ursprungs einerseits und Korallensanden andererseits, je nach Strömungsverhältnissen mit einer organischen Sedimentschicht bedeckt, in der es von Foraminiferen, hauptsächlich des "Mini-Ammoniten-Typs" nur so wimmelt. Aus einem vergleichbaren Biotop hatte ich schon einmal ein Bild hier im Forum gezeigt, finde den Beitrag aber nicht mehr, deshalb hier nochmals das Bild von damals:



Daneben fiel mir noch eine Form von  der Größe einer 1Ct-Münze auf, die durch ein konzentrisches Muster gekennzeichnet ist. Hier vermag ich auch nicht zu entscheiden, ob es sich evtl. um Foraminiferen (lt. des o.a. Keys käme evtl die Gattung Discospirina in Frage) oder Rotalgen handelt:




bzw.




Im Kontext dieses Biotops und angesichts der Faszination meinerseits hier noch eine weitere Off-Topic Ergänzung:
auf den ersten Blick erscheint dieser Sandboden sehr öde. Ab und zu jedoch findet man einige Algenbüschel, die  quasi als Oase innerhalb dieser Sandwüste fungieren, in der sich viele Lebewesen tummeln, die durch ihre bizarre  Tarnung faszinieren. Hier das Bild eines Geister-Pfeifenfischs (Selonostomus sp.; Länge ca 6cm), der perfekt an die Rotalgen angepasst ist:




viel Spaß beim Anschauen & beste Grüße Michael Plewka
« Letzte Änderung: Dezember 10, 2013, 08:06:45 Vormittag von Michael Plewka »

Dr. Jekyll

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #6 am: Dezember 10, 2013, 11:44:50 Vormittag »
Hallo Herr Plewka,

Wirklich sehr schöne Fotos!
Auf dem ersten Bild ist noch eine weitre Foraminifere zu sehen, direkt vor dem Maul des schönen Fisches.
Beim zweiten Bild ihres letzten Beitrags handelt es sich ganz sicher um Foraminiferen ( die runden Gebilde).
Die Art kann ich aus der Ferne nicht bestimmen.


Gruß
Harald
« Letzte Änderung: Dezember 10, 2013, 11:50:06 Vormittag von Dr. Harald Maage »
Beste Grüße
Harald

Klaus Herrmann

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #7 am: Dezember 10, 2013, 17:20:14 Nachmittag »
Hallo Michael,

Die runden "Siebe" könnten Discocyclina sein. An das früher gezeigte Bild erinnere ich mich. Wunderbar klares Wasser!
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


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Manfred Ulitzka

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #8 am: Dezember 10, 2013, 18:10:52 Nachmittag »
Hallo Herr Plewka,

die Fotos sind wirklich super. Verwenden Sie dazu eine Unterwasserkamera oder irgendeine Kamera, die in ein Gehäuse gepackt wurde?
Im Flachwasser von tropischen Gewässern habe ich mit einer Canon Kompaktkamera im wasserdichten Gehäuse bei viel Licht auch ganz gute Fotos hinbekommen. Aber mit dieser Qualität kann ich nicht mithalten!

Beste Grüße

Manfred.

TPL

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #9 am: Dezember 10, 2013, 18:17:26 Nachmittag »
Zitat
Die runden "Siebe" könnten Discocyclina sein.

Hallo Klaus,
das glaube ich nicht. Discocyclina ist irgendwann im Tertiär ausgestorben... :-\

Gruß, Thomas

Michael Plewka

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #10 am: Dezember 11, 2013, 06:26:29 Vormittag »
hallo zusammen,

@ Dr. Maage: das hatte ich zunächst auch vermutet. Das fragliche Objekt ist auf diesem Foto nicht ganz scharf; auf einem anderen jedoch ist es deutlich erkennbar (Crop 100%).




Während das  obere Objekt (kleines Dreieck eindeutig eine Foraminifere ist (was deutlicher wird, wenn mann Helligkeit und Kontrast auf dieses Objekt hin optimiert), bin ich mir bei dem fraglichen Objekt (großes Dreieck) nicht sicher. Vielleicht handelt es sich um ein Ei oder eine kleine Krabbe. Experten können da vielleicht mehr herauslesen.

Dass die runden Gebilde fossil sind, kann man angesichts des rezenten Untergrunds, auf dem sie teilweise angeheftet waren (d.h.sie lagen -zumindest teilweise-  nicht lose auf), ausschließen. Insofern lässt sich Discocyclina wohl ausschließen.

@ Herrn Ulitzka

auch ich habe eine Canon Kompakte mit UW-Gehäuse (als Reserve). Diese Aufnahmen sind allerdings mit einer Olympus Micro Four Thirds (e-pl5) Kamera mit entsprechendem Gehäuse und 60mm Macro-Objektiv (äquivalent zu 150mm an Luft bezogen auf KB) entstanden. Gemessen an ihrer Größe ist es unglaublich, was dieses System leistet. Aus technischer Sicht sind aber zwei weitere Faktoren für die Bildqualität entscheidend:

1. ein guter Blitz
2. Verarbeitung im raw-Format.

Transporttechnisch bewegt sich dieses System allerdings schon an der oberen Grenze dessen, was ich mir aus Bequemlichkeitsgründen zumuten möchte.

beste Grüße Michael Plewka







Dr. Jekyll

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #11 am: Dezember 11, 2013, 07:51:59 Vormittag »
Hallo Herr Plewka,

Ich meinte das Gebilde vor dem Kofferfisch, auf dem rötlichen "Ästchen".
Wenn Sie die Achse Auge-Maul etwa um die gleiche Länge verfolgen, sitzt dort das Tierchen.

Beste Grüße
Harald
Beste Grüße
Harald

Michael Plewka

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #12 am: Dezember 12, 2013, 09:57:57 Vormittag »
hallo Herr Maage,

wir meinen beide das gleiche Objekt, wie aus dem Gesamtbild deutlich wird.




Der Fisch hatte sich zwischenzeitlich mal bewegt.
beste Grüße Michael Plewka

Dr. Jekyll

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #13 am: Dezember 12, 2013, 16:25:15 Nachmittag »
Hallo Herr Plewka,

Ich hatte die Dreiecke garnicht gesehen, weil ich nur einen Bildausschnitt auf meinem Monitor hatte.
Jetzt sind wir aber auf dem gleichen Stand ;)
Aber das Tierchen beim großen Pfeil ist definitiv eine Foraminifere und kein Ei.
Ich meine es könnte sich um eine Amphistegina sp. handeln.
Sollten Sie noch einmal dort vorbei kommen, könnten Sie mir ein Schippchen von dem Sand mitbringen  ;)

Beste Grüße
Harald

P.S.: Die großen, runden Foraminiferen sind möglicherweise Amphisorus sp. . Da der Randbereich nich sauber zu erkennen ist, kann ich es aber nicht mit Sicherheit behaupten.
Auch Marginophora wäre eine Option.
« Letzte Änderung: Dezember 12, 2013, 16:39:39 Nachmittag von Dr. Harald Maage »
Beste Grüße
Harald

Michael Plewka

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Re: Foraminifere einmal anders
« Antwort #14 am: Dezember 13, 2013, 08:16:52 Vormittag »
hallo Herr Dr. Maage,
 
da haben Sie mit Amphisorus/ Marginopora wohl ins Schwarze getroffen! 
Während das Naturkundemuseum in Leiden aus einem ähnlichen Biotop von Amphisorus spricht, listet Neville Coleman, ein legendärer Meeresbiologie (nach dem bestimmt zig marine Arten benannt sind)  vergleichbare Formen aus ähnlichem Biotop  als Marginopora auf. Ob es da wirklich Unterschiede zwischen den Gattungen gibt, werde ich wohl noch rausfinden müssen. Aber dass kalzifizierende Algen ausgeschlossen werden können, scheint mir nun sicher.
Auch Amphistegina ist  eine Option für den anderen, zuletzt gezeigten Organismus. Allerdings bieten im Freiland m.o.w. zufällig geschossene Bilder sicher nicht die beste Grundlage für die Bestimmung einzelliger Organismen.
Ich hoffe, in Zukunft diese Gegend nochmals besuchen zu können (und dann ohne 15 kg Übergepäck (= 600€ !! Mehrkosten)), so dass ich dann auch Sand mitbringen werde. da können Sie dann gerne eine Probe haben......

beste Grüße Michael Plewka