Autor Thema: Alter Hut...  (Gelesen 3076 mal)

Michael Plewka

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Alter Hut...
« am: April 15, 2014, 10:08:44 Vormittag »
hallo zusammen,

zur Zeit finden sich in Plankton-Proben der Gewässer in NRW viele Rädertiere, unter anderem aus der Gattung Polyarthra. Mir ist aufgefallen, dass man bei diesen besonders gut die unterschiedlichen Eier beobachten kann, welche Plankton-Rädertiere produzieren können.
Das ist zwar für viele Tümpler ein alter Hut, aber was soll´s.....

Zur Erläuterung:
die meisten der  Plankton-Rädertiere (ca.99%) sind diploide Weibchen, die sich durch Jungfernzeugung (Parthenogenese) fortpflanzen (amiktische Weibchen). Entweder es gibt Lebendgeburten, was bei relativ wenigen Arten der Fall ist (z.B. Asplanchna), siehe hier:
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Asplanchnella%20sieboldi.html,
oder aber es werden diploide Eier gebildet, aus denen wiederum diploide Weibchen schlüpfen. Diese Eier heißen Subitaneier und werden bei vielen Arten am Hinterleib der Mutter getragen, so auch bei Polyarthra. Das 1.Bild zeigt ein solches Weibchen mit einem solchen Ei. Das Junge ist bereits fertig ausgebildet. Man kann das Auge und den Kauer erkennen.
Der Vorteil dieser Vermehrungsart ist, dass ein Lebensraum relativ schnell "erobert" werden kann, da ansonsten die Chance, dass ein Männchen auf ein Weibchen trifft, sehr gering ist.



Bedingt durch einen "miktischen Stimulus", z.B. Veränderung der Umwelbedingungen, entstehen Weibchen, die haploid sind, also nur einen Chromosomensatz pro Zellkern haben  (miktische Weibchen). Diese produzieren haploide Eier, deren weiteres Schicksal davon abhängt, ob sie befruchtet werden oder nicht. Unbefruchtete Eier sind deutlich kleiner als die diploiden Subitaneier. Auch sie werden bei Polyarthra bis zum Schlüpfen am Hinterleib getragen:






Aus ihnen gehen Männchen hervor, die bei den meisten Rädertieren kleiner sind als die Weibchen. Ihr Körperbau ist reduziert, sie haben zumeist keinVerdauungssystem (Zwergmännchen):
Hier ein Bild. Man erkennt, dass der Penis (Pe) deutlich größer ist als der Fuß (Ft). Die weißen Dreiecke weisen auf die Spermien:



Diese Männchen können nun in unterschiedlicher Weise die miktischen haploiden Weibchen begatten und ihre (haploiden) Spermien die (haploiden) Eier befruchten. Das Ergebnis sind  sog. Latenzeier; sie unterscheiden sich in Form und Funktion von den beiden anderen Typen. Sie haben eine ähnliche Größe wie die Subitaneier, haben aber meistens eine chemisch und mechanisch widerstandsfähige Schale (In einigen Bodensedimenten wurden Schalen von solchen Eiern gefunden, die mehrere Tausend Jahre alt sind). Dieser Eityp übersteht schlechte Umweltbedingungen und ermöglicht somit das Überleben, zwar nicht des Individuums, aber der Art in einem Lebensraum mit welchselnden ökologischen Bedingungen (z.B. Kälte, Sauerstoffmangel, Austrocknung). Liegen wieder optimale Umweltbedingungen vor, schlüpfen aus dem Latenzeiern diploide amiktische Weibchen, der Zyklus beginnt erneut.
Hier ein Bild einer solchen Polyarthra mit einem  Latenzei.





weitere Bilder zu Polyarthra hier:
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/E-TL/Genus/Polyarthra.html

Erfahrungsgemäß kann man im April und Mai alle diese Rädertier-und Eitypen in ein und derselben Probe finden.

beste Grüße Michael Plewka
« Letzte Änderung: April 15, 2014, 10:23:03 Vormittag von Michael Plewka »

Bernd Kaufmann

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Re: Alter Hut...
« Antwort #1 am: April 15, 2014, 10:29:11 Vormittag »
Hallo Herr Plewka,

vielen Dank für diese aufschlussreiche Dokumentation und die fantastischen Bilder!
Viele Grüße
Bernd ©¿©
www.aquamax.de
Lieber per Du.

Herbert Dietrich

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Re: Alter Hut...
« Antwort #2 am: April 15, 2014, 11:04:41 Vormittag »
Hallo Herr Plewka,

nix alter Hut!
eine wunderschöne Dokumentation mit herrlichen Bildern.
Vielen Dank für's Zeigen.

Herzliche Grüße
Herbert

Kambiz

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Re: Alter Hut...
« Antwort #3 am: April 15, 2014, 18:47:17 Nachmittag »
Vielen Dank Michael,

man lernt in diesen Beiträgen in kurzer Zeit mehr als in manch langem Artikel.

"In einigen Bodensedimenten wurden Schalen von solchen Eiern gefunden, die mehrere Tausend Jahre alt sind"

Könnte es sein, dass die Schalen so lange erhalten blieben, weil sie unter "günstigen" Bedingungen lagerten, also unter norlmalen Umständen abgebeut worden wären? Ist ja ansonsten eigentlich ungewöhnlich.
Ist bekannt, wie lange funktionsfähigen Latenzeier ungefähr überdauern können?

Herzlichen Gruß
Kambiz

Martin Kreutz

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Re: Alter Hut...
« Antwort #4 am: April 15, 2014, 19:46:13 Nachmittag »
Hallo Michael,

vielen Dank für diesen tollen Beitrag! Super Bilder betrachten und noch was dazu lernen. Das macht Laune! Die "Eiersammlung", welche Du hier von Polyarthra zeigst, versuche ich mal nachzuvollziehen. Ich muss zugeben, dass ich vorher nicht auf Form und Größe der mitgeführten Eier geachtet habe. Ein Männchen von Polyarthra habe ich noch nie gesehen. Glückwunsch zu diesem Fund! Könnte man evtl. das Entstehen von Männchen erzwingen, in dem man eine Plantonprobe mit Polyarthra in den Kühlschrank stellt? Oder ist das zu einfach gedacht? 

Wünsche Dir einen schönen Abend!

Martin

Michael Plewka

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Re: Alter Hut...
« Antwort #5 am: April 16, 2014, 09:51:03 Vormittag »
hallo zusammen,

recht herzlichen Dank für die positiven Rückmeldungen!

zu den Fragen:

@ Kambiz
leider habe ich keine weitergehenden Informationen über die chem.-physikalischen Daten des Sediments der verschiedenen Seen, aus denen die Proben entnommen wurden. Ebensowenig ist mir die chem. Zusammensetzung des Hüllenmaterials bekannt. Ich muss allerdings noch anmerken, dass meine Charakterisierung der Latenzeihülle als sehr dauerhaft allgemein zu verstehen war. Die Daten über das Alter dieser Latenzeihüllen beziehen sich auf eine andere Gattung, nämlich Filinia.

@ Martin
zumindest die Art P.dolichoptera gilt als kalt-stenotherm. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen, dass im Juli/August Polyarthra-Exemplare kaum im Plankton zu finden sind (wobei das auch die Urlaubszeit ist, in der ich n icht so viele Proben nehme).
Insofern nehme ich an, der bessere Weg zur Erzeugung einer miktischen Generation wäre die Erhöhung der Temperatur.
Dass dieser "Generationen-Wechsel" aber nicht ganz nach einem starrem Schema abläuft, lässt sich daran erkennen, dass wohl in Einzelfällen sowohl miktische als auch amiktische Eier in ein und demselben Individuum gefunden wurden.

beste Grüße Michael Plewka