Autor Thema: Botanik: In den Bart gedampft - Nerium oleander *  (Gelesen 7559 mal)

Fahrenheit

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Botanik: In den Bart gedampft - Nerium oleander *
« am: Juni 28, 2014, 00:25:15 Vormittag »
Liebe Pflanzenfreunde,

"In den Bart gedampft" - als Aufmacher zu einem Thread über den Oleander? Wir werden sehen. Als ich vor einiger Zeit beim Discounter einen halb vertrockneter Oleander sah, musste ich an ein Präparat von Anton denken, das schon eine ganze Weile zu meiner Sammlung gehört. Also habe ich das arme Ding mitgenommen, in der festen Absicht, mir ein Blatt einmal genauer an zu sehen.
Bei der Suche im Forum (Oleander hatten wir hier schon ein paar mal ...) bin ich dann auch auf einen interessanten Sprossquerschnitt gestoßen und so musste die Pflanze für Ihre Errettung vor dem Verdursten etwas teurer bezahlen. Keine Angst, es geht ihr gut uns sie dankt es mit vielen Blüten und Knospen.

Zunächst aber die Links zu den im Forum schon vorhandenen Threads zum Oleander:
- Blatt (Muschelblümchen)
- Spross (Muschelblümchen)

Was zu der Pflanze zu sagen ist

Der Oleander (Nerium oleander, auch Rosenlorbeer genannt), ist die einzige Art der Gattung Nerium innerhalb der Familie der Hundsgiftgewächse (Apocynaceae).
Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich in einem breiten Streifen von Marokko (hier bis in Höhenlagen von 2000 Meter) und Südspanien über das ganze Mittelmeergebiet, den Nahen und Mittleren Osten und Indien bis weit nach China hinein.
Die Pflanze bevorzugt warme und sonnige Standorte mit ausreichend feuchtem Boden. man findet sie daher regelmäßig an Flussläufen auf steinigen, oft vom Hochwasser zugeschwemmten kalkhaltigen Böden.

Bild 1: Auch wenn sie keine vier Meter hoch ist: die grundsätzlichen Merkmaler des Oleanders lassen sich auch an meiner kleinen Pflanze gut erkennen.


Der Name Oleander stammt von den zwei Wörtern olea für Öl und andreios für stark, kräftig ab. Der Gattungsname Nerium leitet sich vom lateinischen Wort nerium für nass ab und weist somit auf den bevorzugten natürlichen Standort dieser Pflanze in Tälern von Fließgewässern hin.

Nerium oleander ist ein immergrüne holziger Strauch, der unter günstigen Bedingungen eine Höhe von bis zu vier Metern bei mehreren Metern Breite erreichen kann. Die normalerweise zu dritt quirlig am Ast angeordneten lanzettförmigen Laubblätter sind ledrig erreichen eine Länge von 6 bis 10 cm. Die Blattoberseite ist von satt grüner Farbe, während sich auf der hellgrünen Unterseite die Nervatur dunkel abhebt.

Bild 2: Ober- und Unterseite eines Blattes


Bild 3: Die Nervatur im Durchlicht

 
Der Oleander blüht von Juni bis September. Er bildet trugdoldigen Blütenstände, in denen immer mehrere zwittrige Blüten zusammen stehen. Die Blütenkronblätter der fünfzähligen Blüten sind, je nach Sorte und Züchtung, weiß, gelblich oder in verschiedenen Rosa- bis Violetttönen gefärbt.

Bild 4: Eine Blüten, im Hintergrund der trugdoldige Blütenstand


Aus befruchteten Blüten entwickeln sich bis zu 15 cm lange Fruchtstände, die später aufplatzen und die hellbraunen, behaarten Samen frei geben.

Bild 5: Der aufgeplazte Fruchtstand gibt die Samen frei

Aufnahme aus der aus Wikipedia, 2008, User Frente unter GFDL

Oleander enthält die giftigen Glykoside Oleandrin und Neandrin, alle Pflanzenteile sind giftig. Der Pflanzensaft kann bei Hautkontakt zu Reizungen führen und ruft auch in kleinen Mengen durch z.B. Hautverletzungen aufgenommen Vergiftungserscheinungen hervor. Möglich sind Kopfschmerzen und Krämpfe und in höherer Dosierung sogar ein Herzstillstand.
Immer wieder wird von Vergiftungen berichtet, weil die grade gewachsenen Zweige des Oleanders als Garspieße beim Grillen am offenen Feuer verwendet werden. Ein Schicksal, das auch Soldaten Napoleons ereilt haben soll.

Oleander findet medizinisch Anwendung als Herzmittel. In der Homöopathie nutzt man seine Wirkung bei Schädigung und Schwäche des Herzmuskels, Angina pectoris, Ödemen sowie bei Magen- und Darmentzündungen.

Bild 6: Wie immer hier auch eine Illustration

Zeichnung aus Flora de Filipinas von Francisco Manuel Blanco (1880 - 1883), Wikipedia, gemeinfrei


Ein wenig zur Präparation

Geschnitten habe ich den frischen Spross knapp unter dem Blattansatz freistehend sowie das frische Blatt in Möhreneinbettung auf dem Handzylindermikrotom mit Leica Einmalklingen im SHK - Halter. Die Schnittdicke liegt bei rund 50 µm.

Vor der Färbung habe ich von den frischen Schnitten einige Aufnahmen gemacht.

Gefärbt habe ich - nach ca. 30-minütiger Schnittfixierung in AFE - nach W3Asim II von Rolf-Dieter Müller. Entsprechende Arbeitsblätter können im Downloadbereich der MKB-Webseite herunter geladen werden. Nach der Färbung habe ich die Schnitte vor dem Entwässern durch häufiges Spülen mit jeweils frischem Aqua dest. sanft differenziert. Eine ausführliche Beschreibung der Färbung findet sich hier.

Bild 7: Die fertig gefärbten Blattquerschnitte in Wasser



Und wie immer auch zur Technik

Alle Aufnahmen auf dem Leica DME mit den 5x und 40x NPlanen sowie den PlanApos 10x und 20x. Die Kamera ist eine Canon Powershot A520 mit Herrmannscher Okularadaption. Zur Zeit nutze ich ein Zeiss KPL 10x, das mit den Leica-Objektiven sehr gut harmoniert. Die Steuerung der Kamera erfolgt am PC mit PSRemote und der Vorschub manuell anhand der Skala am Feintrieb des DME.

Alle Mikroaufnahmen sind mit Zerene Stacker V1.04 (64bit) gestackt. Die anschließende Nachbereitung beschränkt sich auf die Normalisierung und ein leichtes Nachschärfen nach dem Verkleinern auf die 1024er Auflösung (alles mit XNView in der aktuellen Version). Bei stärker verrauschten Aufnahmen lasse ich aber auch mal Neat Image ran.

Auch die Auflicht-Aufnahmen sind unter dem Mikroskop mit dem 10x PlanApo entstanden. Beleuchtet habe ich mit zwei Jansö-Leuchten und einem zurechtgeschnittenen Plastikbecher als Diffusor.

Bild 8: Setup für die Auflichtaufnahmen


Das Übersichtsbild vom Spross hingegen sind Makroaufnahmen mit meiner neuen, alten Canon S3is. Dazu lag das Präparat direkt auf der Frontlinse der Kamera, beleuchtet habe ich von Oben mit einer Jansjö durch ein Blatt Papier als Diffusor.  


So, nun aber zu den Schnitten!

Werfen wir zunächst einen Blick auf den Spross. Wie oben beschrieben, stehen die Blätter zu Dritt in Wirteln um den Spross. Durch die Blattbasen entsteht dabei ein dreieckiger Querschnitt mit abgerundeten Ecken. In der Übersicht zeigen unterschiedlich dichte Gewebe den runden Spross im Zentrum der ansitzenden Blattgründe. Der Leitbündelring ist dreigeteilt und am Übergang in diese von einem breiten Streifen Markparenchym unterbrochen.

Bild 9: Makroaufnahme von einem Sprossquerschnitt in der Übersicht


Nun ein Blick auf das Leitgewebe des Sprosses:

Bild 10a-c: Detail mit Leitgewebe aus dem Sprossquerschnitt, Bild 10a ungefärbt, Bild 10c mit Beschriftung; Vergrößerung 50x, Stapel aus 19 bzw. 14 Bildern



Auffällig: oberhalb des Phloems befindet sich kein Sklerenchym sondern zwei reihen unterschiedlich großer Faserbündel (FB). Auch können wir hier schon ein innen liegendes Phloem (iPl) erkennen. Auf der Epidermis sitzen gedrungene, einzellige Haare (Trichome, Tr). Im Rindenparenchym finden sich besonders viele Drusen.
Wer die Beschriftung nachlesen möchte, findet auf der MKB Webseite eine Tabelle mit den Kürzeln und den zugehörigen allgemeinen Erläuterungen zum Herunterladen. Diese gilt natürlich auch für die noch folgenden Bilder.

Jetzt müssen wir uns natürlich auch einen Blattgrund genauer ansehen:

Bild 11a-c: Detail eines Blattgrunds, Bild 11a ungefärbt, Bild 11c mit Beschriftung; Vergrößerung 50x, Stapel aus je 13 Bildern



Der Blattgrund ist im Gegensatz zum Spross nicht behaart, zeigt aber an der Innenseite des Xylems auch Nester innen liegenden Phloems.

Bild 12a-b: Beim Leitgewebe schauen wir noch einmal etwas genauer hin, Bild 12a ungefärbt; Vergrößerung 100x, Stapel aus 16 bzw. 15 Bildern



Bild 13a-b: Noch näher heran und Bild 13b mit Beschriftung, Vergrößerung 200x, Stapel aus je 8 Bildern


Bei zweihundertfacher Vergrößerung sind die Besonderheiten der Leitgewebe, insbesondere die Faserbündel und das innen liegende Phloem, gut zu erkennen.

Bild 14a-b: Der ungefärbte Schnitt zeigt die äußeren Gewebe sehr schön, Bild 14b mit Beschriftung; Vergrößerung 200x, Stapel aus 49 Bildern


Die Zellen des Assimilationsgewebes unter dem Kollenchym enthalten viele leuchtend grüne Chloroplasten. Die kompakten Trichome sind für die hohe Anzahl von 49 Einzelaufnahmen verantwortlich.

Jetzt kommen wir zum Blatt!

Ein Querschnitt durch die Mittelrippe und die anschließenden Teile der Blattspreite geben uns einen guten Überblick:

Bild 15a-c: Mittelrippe und Blattspreit, Bild 15a ungefärbt, Bild 15c mit Beschriftung; Vergrößerung 50x, Stapel aus 12 bzw. 15 Bildern



Im Zentrum der Mittelrippe liegt das sichelförmig gebogene Leitgewebe. Das Markparenchym ist von einzelnen Phloemnestern durchzogen, die sich zum primären Xylem hin häufen. Die Rippe wird oben und unten durch ein Kollenchym unterhalb der Epidermis verstärkt, hier ist schon ein mehrreihiges Palisadenparenchym zu erkennen und auf der linken Seite sehen wir eine kleine Stomagrube, die wir uns im Folgenden noch genauer ansehen.

Beim Leitgewebe schauen wir auch hier wieder etwas genauer hin:

Bild 16a-c: Leitgewebe bei 100x (16a) und 200x (16b & c); Bild 16c mit Beschriftung, Stapel aus 17 bzw. 12 Bildern




Nun ein Schnitt durch die Blattspreite:

Bild 17a-b: Blattspreite im Querschnitt, Bild 17a ungefärbt; Vergrößerung 100x, Stapel aus 16 bzw. 14 Bildern



Und jetzt ist eines der Nebenleitbündel dran:

Bild 18a-b: Nebenleitbündel und umgebendes Gewebe, Bild 18a ungefärbt; Vergrößerung 400x, Stapel aus 16 bzw. 7 Bildern



Das Assimilationsparenchym (hier auch Palisadenparenchym) ist zweireihig gebaut und von Drusen unterbrochen:

Bild 19a-b: Assimilationsparenchym, Bild 19b mit Beschriftung, Vergrößerung 400x, Stapel aus 10 Bildern



Das auffälligste Merkmal der Oleanderblätter sind jedoch die Stomagruben an der Blattunterseite:

Bild 20a-d: Blattspreite ungefärbt bei 100x (Bild 20a), Stomagruben ungefärbt (200x, 20b), sowie gefärbt und mit Beschriftung (20c & d); Stapel aus 19, 17 und 24 Bildern





Stomata finden sich nur in den Stomagruben an der Blattunterseite. Die in den Gruben stehenden Trichome setzen die Verdunstung herab, ein klassischer Schutz für Pflanzen an ariden Standorten. In den Gruben aber stehen die Blattspalte aber dicht an dicht, wie die folgenden Bilder zeigen.
Diese sind Stapel mit verschiedener Bildanzahl vom selben Motiv und zeigen die Lage der Stomata an den Rändern der Stomagrube:

Bild 21a-b: Stomagrube, Bild 21a aus 7, Bild 21b aus 16 Einzelbildern; Vergrößerung 400x



Und wie schaut das ganze nun von unten im Auflicht aus? Das entsprechende Bild von Leo (siehe Link zum Blatt oben im Thread) hat mir sehr gut gefallen und so habe ich kurzerhand selbst einen passenden Stapel geschossen:

Bild 22: Blattunterseite mit behaarten Stomagruben im Auflicht, Vergrößerung 100x, Stapel aus 51 Bildern


Und nun ist die Einleitung "In den Bart gedampft" auch geklärt! ;)

Vielen Dank fürs Lesen, Anregung und Kritik sind wie immer willkommen.

Herzliche Grüße
Jörg

Edit 30.06.: Bildunterschrift zu Bild 20 ergänzt.
« Letzte Änderung: Oktober 21, 2014, 21:37:07 Nachmittag von Fahrenheit »
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hajowemo

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  • Jochen Mooßen
Re: Botanik: In den Bart gedampft - Nerium oleander
« Antwort #1 am: Juni 28, 2014, 06:51:09 Vormittag »
Lieber Jörg,
eine sehr umfangreiche Arbeit hast du dir hier gemacht.
Für mich ist sie wieder sehr lehrreich und zeigt mir auf das ich noch viel zu lernen habe.
Herzlichen Dank für deine Dokumentation.
Liebe Grüße
Jochen
Vorstellung
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Gerne per "Du"
Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Hans-Jürgen Koch

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Re: Botanik: In den Bart gedampft - Nerium oleander
« Antwort #2 am: Juni 28, 2014, 08:44:54 Vormittag »
Lieber Jörg,

ich bewundere immer wieder Deine Schnitte. Der Zeitaufwand ist sicher enorm, aber nur so entsteht ein lehrreicher Beitrag.

Gruß

Hans-Jürgen
Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat.

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Gerne per "Du"

frfmfrfm

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Re: Botanik: In den Bart gedampft - Nerium oleander
« Antwort #3 am: Juni 28, 2014, 11:57:00 Vormittag »
Thank you very much for the great job wanted Jörg.
Regards, Francisco.

Fahrenheit

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Re: Botanik: In den Bart gedampft - Nerium oleander
« Antwort #4 am: Juni 29, 2014, 21:20:30 Nachmittag »
Liebe Freunde,

vielen Dank für Euer Lob! Ich freue mich sehr, dass Euch der Beitrag gefällt.

Herzliche Grüße
Jörg
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