Autor Thema: Mikrofossilien 430Mill Jahre alt  (Gelesen 636 mal)

plaenerdd

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Mikrofossilien 430Mill Jahre alt
« am: Mai 21, 2022, 10:39:05 Vormittag »
Hallo,
in dem Beitrag "Beyrichienkalk mit netten Kleinigkeiten" hatte ich das im oberen Silur entstandene Gestein kürzlich vorgestellt, aus dem auch diese Mikrofossilien stammen, die ich durch Ätzen von Präparationsresten in Essig-Essenz 20% gewonnen habe. Durch diese Art der Präparation werden alle kalkigen Bestandteile naturgemäß zerstört. Was übrig bleibt sind phosporitisierte, pyritisierte oder silifizierte Fossilien.
Nach dem Ätzen bleibt ein feiner Schlamm übrig, den ich durch zwei Siebe gespült habe: ein grobes Teesieb (ca. 1,5mm Maschenweite) und ein feineres selbst gebautes mit 65µm Maschenweite. Im groben Sieb blieb nicht viel hängen, außer ein paar Fischschuppen- oder Kochenpanzerreste. Der getrocknete Rückstand auf dem feinen Sieb war jedoch voller Überraschungen.

Conodonten:
Als Conodonten bezeichnet man charakteristische Mikrofossilien, die als Beiß- und Kauwerkzeuge von primitiven Cordatieren oder "Würmern" gedeutet werden. Sie treten vor allem im Erdaltertum auf. Die jüngsten Vertreter stammen aus der oberen Trias. Die Conodonten, die ich gefunden habe, sind durchscheinend-honiggelb bis hornfarben.


Diese "Kämme" haben an der "Unterseite" eine Art Gelenk, dass man in der 3D-Ansicht etwas besser erkennt:


Fischschuppen
sind die bei weiten häufigsten Reste, die ich in meiner Probe gefunden habe. Hier nur ein Beispiel aus einer größeren Formenfülle:


Die gleiche Schuppe noch als Anaglyphenbild:


Problematika
Es finden sich auch interessante Reste, die ich noch nicht deuten kann: "Siebe" und "Netze".

Im Auflicht unter dem Stereomikroskop irisieren die "Siebe" leicht. Eingeschlossen in UV-Kleber und im Durchlicht sind sie hauchzart:


Noch besser wird diese Zartheit im invertierten Bild deutlich, das von seiner Anmutung dem Auflicht nahe kommt:


Die auffälligen "Netze" scheinen aus reiner Kieselsäure zu bestehen, muten unter dem Mikroskop aber an, als seinen sie aus Zuckerkristallen aufgebaut und sind extrem empfindlich. Sie waren recht häufig in der Probe, aber kaum zu bergen weil sie schon bei leisesten Berührungen zerbrachen. Auch hier kommt das invertierte Durchlichtfoto, dem Auflichtbild am nächsten:


Als Anregung und Bestimmungshilfe diente mir ein Beitrag von Fritz-Nielsen WISSING aus der "Geschiebekunde aktuell" vom August 1991

Beste Grüße
Gerd
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COPPER

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Re: Mikrofossilien 430Mill Jahre alt
« Antwort #1 am: Mai 21, 2022, 10:54:16 Vormittag »
Hallo Gerd,

sehr faszinierend und toll dokumentiert.
Würmer mit Zähnen, man lernt wirklich nie aus.

Danke für die Vorstellung deiner Funde.

Gruß
René

plaenerdd

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Re: Mikrofossilien 430Mill Jahre alt
« Antwort #2 am: Mai 21, 2022, 12:06:22 Nachmittag »
Hallo René,
na ja, das Conodontentier kennen wir fast nur von seinen Hartteilen, diesen "Zähnen". Überwiegend wird es heute zu den Cordaten gestellt, wobei die handfesten Hinweise sehr dünn sind.
Einen schönen Wurm mit Zähnen, die "Meeresnymphe"hat Dünnschliffbohrer hier im Forum mal vorgestellt. Einen Scolecodonten  habe ich auch im Beyrichienkalk gefunden.

Beste Grüße
Gerd
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Dünnschliffbohrer

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Re: Mikrofossilien 430Mill Jahre alt
« Antwort #3 am: Mai 21, 2022, 22:21:07 Nachmittag »
Hallo Gerd und alle Mitlesende,

ja Conodonten wollte ich auch schon immer mal hier zeigen, bin aber noch nicht dazu gekommen. Entdeckt wurden sie übrigens von Christian Heinrich Pander, der damals noch annahm, dass es Fischzähne seien. Zähne wachsen aber von aussen nach innen, wobei die Pulpahöhle immer kleiner wird. Bei den Conodonten wurde dagegen von aussen immer eine neue Schicht aufgelagert, was nicht nur einen ganz anderen Wachstumsmodus darstellt, sondern auch nur dann möglich ist, wenn der Conodont vollständig im Weichgewebe eingelagert ist. Also nicht wie Zähne frei in die Mundhöhle hineinragt. Man hat sogar welche gefunden, bei denen einzelne Zahnspitzen zu Lebzeiten abgebrochen und danach in leichter Fehlstellung wieder verheilt waren, wobei die "Heilung" dadurch von statten ging, dass einfach von aussen neue Schichten Hydroxylapatit aufgelagert wurden, und den Bruch somit "geklebt" haben.

Nostolepis ist ein typischer Vertreter der Acanthodier, die nach vielen Jahrzehnte langen Diskussionen jetzt allgemein als Vorläufer der Knorpelfische angesehen werden. Das wurde von einigen Wissenschaftlern schon seit ganz langer Zeit vermutet und der Name "Stachelhaie" dafür geprägt, von anderen aber u.a. aufgrund der zu den heutigen Haien andersartigen Knochenstruktur der Schuppen (verstandlicherweise) abgelehnt. Inzwischen wurden aber neue Funde sowohl von eindeutigen Haien mit Acanthodier-artigen Schuppen, als auch von Acanthodiern mit der für Haie typischen Anordnung der Flossenstacheln gefunden, so dass die Grenze immer unschärfer und künstlicher geworden ist. Mit anderen Worten, es sind "missing links" gefunden worden, die den Meinungswandel herbei geführt haben.

Bei dem letzten Objekt könnte es sich eventuell um einen Sklerit einer Seegurke handeln. Der wäre zwar aus Kalzit, und sollte die Säure somit eigentlich nicht überlebt haben. Aber wenn der Kalzit durch die Sammelkristallisation schön massiv geworden ist, und ohnehin wie bei Echinodermen einen Einkristall darstellt, kann er das Säurebad - mehr schlecht als recht - überstehen (wenn er rechtzeitig herausgefischt wird), und im Rückstand gefunden werden. Ich habe jedenfalls im Beyrichienkalk schon einzelne Seegurkensklerite (die es wohl schon mindestens seit dem Ordoviz in den Geschieben geben soll) gefunden, und erst recht viele von der Säure +/-"angedaute" Crinoidenstielglieder. Falls es aber eine andere chemische Zusammensetzung haben sollte (z.B. phosphatisch), kommt diese Deutung natürlich nicht mehr in Betracht.
"Und Gott sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; und er schuf um ihn Laubmoose und Lebermoose und Flechten und ein Mikroskop!"
[aus: Kleeberg, Bernhard (2005): Theophysis, Ernst Haeckels Philosophie des Naturganzen,  S. 90]

plaenerdd

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Re: Mikrofossilien 430Mill Jahre alt
« Antwort #4 am: Mai 21, 2022, 22:52:21 Nachmittag »
Hallo Dsb.
danke für die ausführlichen Ergänzungen.
Von den "Netzen", in denen Du Seegurkensklerite vermutest, habe ich noch einige. Wenn das Kalzit ist, kann man sie mit frischer Säure wahrscheinlich auflösen. Das kann ich mal probieren. Die haben übrigens ein erhebliches Größenspektrum.
Beste Grüße
Gerd
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plaenerdd

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Re: Mikrofossilien 430Mill Jahre alt
« Antwort #5 am: Mai 22, 2022, 10:10:27 Vormittag »
Hallo Dfb.
Du hattest den richtigen Riecher: Die "Netze" sind aus Calzit und lösen sich in frischer Essigsäure unter Schaumbildung auf. Ich habe das "Lehrbuch der Paläozoologie" vom MÜLLER nochmal zu Rate gezogen und bei den Seewalzen auch solche siebartigen Teile gefunden, die allerdings von rezenten Tieren stammen. Somit gehe ich davon aus, dass sowohl die "Siebe" als auch die "Netze" zu den Holothuroidea gehören. Hier noch eine Übersicht, die die Variabilität in der Größe der "Netze" verdeutlicht, wobei es sich bei dem kleinen Netz im großen Netz links unten um ein Bruckstück handelt, dass nicht zum großen gehört, sondern nur zufällig in der Öffnung liegt:
Bild 1 im Anhabg

Und hier nochmal ein paar Schuppen, die häufigsten Reste im Auflösungsrückstand:
Bild 2 im Anhang

Und dgl. noch mal in 3-D für Kreuzblickbefähigte:
Bild 3 im Anhang

EDIT: nachdem ich die Bilder in diesem Beitrag alle schon zwei Mal erneut eingestellt habe, gibt es sie im Anhang. Macht nicht wirklich Freude
LG Gerd
« Letzte Änderung: Mai 29, 2022, 17:12:27 Nachmittag von plaenerdd »
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Florian D.

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Re: Mikrofossilien 430Mill Jahre alt
« Antwort #6 am: Mai 22, 2022, 12:20:15 Nachmittag »
Hallo Gerd,

ganz toller Beitrag! Ich bin richtig neidisch, was ihr nördlich der Feuersteinlinie aus Schotter alles rausholen könnt.

Viele Grüsse
Florian

plaenerdd

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Re: Mikrofossilien 430Mill Jahre alt
« Antwort #7 am: Mai 22, 2022, 23:17:16 Nachmittag »
Hallo,
ich habe heute zwei weitere Conodonten ausgelesen, die ich so schön finde, dass ich sie Euch nicht vorenthalten möchte:
Conodont 1 im Durchlicht-Hellfeld:
Bild 1 im Anhang

auch 3-dimensional ein Hingucker:
Bild 2 im Anhang

Conodont 2 erinnert schon sehr an einen Haizahn. Hier im Durchlicht-Hellfeld:
Bild 3 im Anhang

und in 3D:
Bild 4 im Anhang

und im X-Pol, dieses Mal ohne Hilfsobjekt:
Bild 5 im Anhang

Beste Grüße
Gerd

EDIT: Ich habe inzwischen jedes verdammte Bild dieses Beitrags mindestens einmal neu einsetzten müssen. So langsam hört es auf Freude zu machen hier Bilder zu zeigen. Deshalb habe ich auch hier die Bilde im Anhang platziert.

« Letzte Änderung: Mai 29, 2022, 17:17:46 Nachmittag von plaenerdd »
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