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Der Zahn der Zeit

Begonnen von Heribert Cypionka, Februar 24, 2015, 23:54:05 NACHMITTAGS

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Heribert Cypionka

Liebes Forum,

nein, dies hier ist nicht etwa ein Zahn. Es geht um die wurmartigen Spuren auf einem (wahrscheinlich aus Calziumcarbonat bestehenden) Schalenrest aus einer "Sand"probe von einem Korallenriff der Malediven. (Leider war ich nicht selbst dort.) Offenbar sind das Kanäle, die von Mikroorganismen (Pilze oder Bakterien?) "gebohrt" wurden, und die normalerweise nach einiger Zeit zum vollständigen Abbau führen...




Mit der Anaglyphenbrille kann man erkennen, wie tief (oder eben noch nicht) die Bohrungen sind:


Aufnahme mit dem 10x Planapo von Zeiss am Axioplan, Hellfeld, direkte Belichtung des Chips einer Canon EOS 600D ohne Okular oder Kamera-Objektiv, Stacking und Bildbearbeitung wie immer 100% PICOLAY.

Viel Spaß beim Ansehen

Heribert Cypionka

Gerd Schmahl

#1
Hallo Herr  Cypionka,
das sieht mir sehr nach den Spuren eines Bohraschwammes aus, z.B. Cliona sp., der sehr gerne auch Muschelschalen zerbohrt. War schon in der Rügener Kreide vor 68 Mill. Jahren sehr häufig, wo er vor allem Donnerkeile und Dickmuscheln befallen hat.
Beste Grüße
Gerd Schmahl
Man sagt der Teufel sei, im Detail versteckt,
doch hab' ich mit dem Mikroskop viel Göttliches entdeckt.

Ulrich S

Moin moin,
könnten das nicht auch Ätzmuster sein, durch Angriff von Humin- oder anderen Säuren an Schwächezonen?
Grüße
Ulrich
Es kommt immer anders wenn man denkt

Heribert Cypionka

Vielen Dank für die Kommentare!

@ plaenerdd

ZitatBohraschwammes aus, z.B. Cliona sp.
Vielen Dank für den interessanten Hinweis! Als Mikrobiologe denke ich natürlich nicht an Organismen, die so groß werden können. Ich wundere mich allerdings, dass die so klein anfangen.

@Ulrich S

Zitatkönnten das nicht auch Ätzmuster
Säure ist da sicher im Spiel. Aber wo soll die herkommen und so kleinräumig wirken, wenn nicht aus Zellen? Huminstoffe sind im Ozean um die Malediven sicher nur in geringer Konzentration vorhanden.

Lieben Gruß

H.C.

Dünnschliffbohrer

Lieber Herr Cypionka  und Mitlesende,

ich denke, dass Sie mit Pilzen (und evtl. Algen) genau richtig liegen. Solche Bohrspuren sind auch fossil bekannt, und mir persönlich im rheinischen Unterdevon sehr oft begegnet. An Bohrschwämme glaube aufgrund des Kalibers ich nicht, und rein anorganisch entstehen solche Gänge sicherlich auch nicht. Irgendein Paläontolüge hat sogar - die müssen unter Missbrauch der Regeln der Zoologischen Nomenklatur alles mit einem binären Namen belegen, um sich selbst auf diese Weise ein Denkmal zu setzen - für solche Bohrungen einen Gattungs- und Artnamen vergeben.
Meines Wissens sind solche Algen-/Pilzbohrungen zu einem sehr großen Prozentsatz an dem Ab- und Umbau der Kalkskelette von Rifforganismen hin zu dem oftmals völlig strukturlosen Riffkalk, wie er dem Geognost dann später im Gelände begenet, beteiligt. Aber da kann ein (Karbonat-) Sedimentologe sicher mehr dazu sagen.

Mir selbst sind auch einmal beim Aulösen eines völlig dichten unverwitterten Kalkes in Monochloressigsäure hinterher im Rückstand reichlich rezente Myzele von terrestrischen Pilzen begegnet, die sich offenbar mitten in das gestein auf der suche nach den organischen Bestandteilen des Kalkgesteines hineingeboht, oder besser geäzt hatten.

Einen schönen Abend, Db.
"Und Gott sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; und er schuf um ihn Laubmoose und Lebermoose und Flechten und ein Mikroskop!"
[aus: Kleeberg, Bernhard (2005): Theophysis, Ernst Haeckels Philosophie des Naturganzen,  S. 90]

Podsol

Schönen Abend miteinander,

zwar kommen mir Bohrspuren von Pilzen in einer Muschel von einem Riff/Strand(?) auch etwas seltsam vor (ich kenne mich mit Pilzen aber auch nicht wirklich aus), aber vielleicht hilft folgende Literatur weiter:

Smits, M. (2006): Mineral tunneling by fungi. - In: Gadd, G. M. (Ed): Fungi in Biogeochemical Cycles; Cambridge University Press, Cambridge, 311-327.

Ich würde aber auch aufgrund der 'gerichteten' Lösung von einem biogenen/mikrobiellen Prozess ausgehen. Wenn die Muschel aus einem Boden kommen sollte, würde ich auch als erstes auf Pilze tippen.

Schönen Abend,

Flo

Gerd Schmahl

Hallo,
ja über das "Kaliber" habe ich auch schon gegrübelt. Da außer einer Objektivangabe kein Größenmaßstab angegeben ist, dachte ich, dass das vielleicht doch hin kommen könnte. Die Bohrlöcher von Cliona sind auf jeden Fall sehr, sehr unterschiedlich in der Größe und wie klein die beginnen weiß ich nicht. Müsste ich wohl mal einen Donnerkeil anschleifen und nachsehen.
Beste Grüße
Gerd
Man sagt der Teufel sei, im Detail versteckt,
doch hab' ich mit dem Mikroskop viel Göttliches entdeckt.

Heribert Cypionka

Danke für die hilfreichen Diskussionsbeiträge!

Zitatja über das "Kaliber" habe ich auch schon gegrübelt
Asche über mein Haupt - da muss ich mich entschuldigen. Ich habe auch Aufnahmen dieses Sandes und einer mm-Skala mit dem 4x- und 6.3x-Objektiv gemacht - aber am anderen Mikroskop mit Okular und Kamera-Objektiv. Ich liefere heute abend noch was nach...

MfG

H.C

Heribert Cypionka

Jetzt habe ich - wie versprochen - noch einmal gemessen: die "Wurmgänge" haben Durchmesser von 5 - 8 µm,  die Länge ist etwa 10 x größer.

Hier noch ein Übersichtsbild von dem gleichen Sand. Rechts im unteren Drittel ein ähnliches Stück wie oben, allerdings im Auflicht mit dem 6.3x Endlich-Objektiv fotografiert ...



Liebe Grüße

Heribert Cypionka