Stein aus Mallorca mit "was drin" --> Flechte Verrucaria sp.

Begonnen von Carsten Wieczorrek, Juni 10, 2016, 17:37:57 NACHMITTAGS

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Carsten Wieczorrek

Hallo,

ich hoffe, Ihr könnt mir bei einem Rätsel helfen.

Ich habe mir aus Mallorca ein paar Steine aus Kalk mitgebracht. Der Fundort sah aus, wie eine etwas gefaltete Riffstruktur. Die Steine sind relativ leicht und fühlen sich mehlig (wie Kreide) an. Ich hatte die Hoffnung, nach verabreichung von reichlich Salzsäure, in den Resten Kieselalgen zu finden.

Gestern nun habe ich ein etwa 5 cm großes Stück eines solchen Steins :





in ein Marmeladenglas mit 100 ml konz. HCl gelegt (abgedeckt). Über Nacht ebbte die sehr heftige Reaktion ab. Aber was ist das?



Da schwimmt ein etwa 3 cm großes, faseriges, weiches, organische Etwas auf der Salzsäure. Die nächsten zwei Bilder zeigen die "Oberseite", so wie im Glas zu sehen und die Unterseite dieses Etwas.





Was ist das? Hier noch eine Nahaufnahme der Unterseite:




Ich nehme mir heute Abend mal die Zeit, diese Matsche zu mikroskopieren.

Vielen Dank für Eure Hilfe,

Carsten
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Carsten Wieczorrek

Hallo,

so, mal schnell zwei Bilder.

Pilz?
Fadenalge?






Carsten
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Carsten Wieczorrek

Hallo,

ich habe das Experiment wiederholt. Das Gewebe kommt tatsächlich aus dem Stein. Die Form und Größe des Klumpens entspricht immer in etwa der Form und Größe des Steinstückes, das ich aufgelöst habe.

Und da man noch kein Gewebe à la Enterprise ins Gestein beamen kann, bleiben doch eigentlich nur zwei Möglichkeiten:

a) das Gewebe produziert außen eine Säure und ist in der Lage, in Kalkgestein hinein zu wachsen.

b) das ist mit dem Stein entstanden. Dann wäre das etwa 100 Mio Jahre altes Gewebe.

Hier noch ein paar Detailaufnahmen. Das sind Quentschpräparate. Ich habe versucht, etwas Kontrast mit Malachitgrün zu erhöhen, aber die Färbung ist sehr unregelmäßig. Die wie Adern aussehenden Fasern drehen die Ebene des Polarisierten Lichtes nicht. Cellulosefasern sollte man also ausschließen können.

Weiß hier niemand Rat?

Einen schönen Restsonntag

Carsten







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Carlos

Hallo Carsten,
Ich sehe keine Bilder, in keinem Deiner Beiträge ???
Gruß Carlos

Carsten Wieczorrek

Hallo,

also, ich sehe Bilder auf zwei PCs und auf meinem Handy. Wie sieht es im Rest des Forums aus?

Carsten
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Carlos

Hallo Carsten, hallo zusammen,
Ich sehe überhaupt keine Bilder mehr in den Beiträgen. Text kann ich sehen. Zugang zum Internet OK. Aber beim Klicken auf "Links" in den Beiträgen  : "Server nicht gefunden".
Naheliegende Diagnose: "Mein Rechner spinnt!"
Therapie:  :'( ??? :'( ??? :'( ??? :'(
ratlos Carlos

Carsten Wieczorrek

Hallo,

kleiner Nachtrag: die grüne Farbe der "Oberseite" aus Bild 4 des ersten Beitrags ist mittlwerweile unter Luft- und Lichteinfluss verschwunden, oben sieht farblich wie unten "cremeweiss" aus.

Carsten
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Carlos

Hallo Carsten,
Nach meiner Erinnerung können bestimmte Pilze mit ihrem Mycel in derartiges Gestein sehr gut ,,eindringen" und so es zu ,,porösem Gestein" umwandeln. Da das Zellgerüst Chitin ähnlich ist, wird es von Säure kaum angegriffen. M.W. zeigt es auch keinen ,,Polarisationseffekt". Es ist durchaus möglich, das der ,,Pilz" noch lebt und  durch Feuchtigkeitszufuhr ,,reanimiert" wird. (Natürlich nicht durch Salzsäure.)   
Gruß Carlos
Ps. Mit meinem neuen Rechner habe ich Probleme, der ,,spinnt".
Mit meinem alten Rechner kann ich jetzt die Bilder sehen.

Carsten Wieczorrek

Hallo Carlos,

ja, das mit dem Pilz halte ich auch für wahrscheinlich. Muss mir wohl doch mal dieses Pilz-Fluoreszenz-Zeug kaufen. Allerdings habe ich äußerlich gar nichts gesehen. Ob man in so einem Fall etwas in einem Dünnschliff erkennen könnte?

Ich habe heute nochmal Quetschpräparate gemacht. Und da ist etwas, was man wohl gut als Pilzsporen halten kann. Obwohl ich ja gar nicht verstehe, wie so ein Pilz die Sporen in Freiheit setzt. So mitten im Stein is wohl schwierig.

Was ich auch nicht verstehe, bei über 300 Zugriffen, dass nicht jemand aus der "Pilzlerfraktion" schon mal etwas gesagt hat. Ich habe ja wohl kaum eine neue Art entdeckt.

Viel Spaß beim Sporen-Gucken.

Carsten






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MikroTux

Hallo Carsten,
Bei der 2. Mikroskopierserie tippe ich klar auf PIlzhyphen, bei dem ersten ein schon möglich. Sehe mich aber nicht als Pilzler.
In der Ökologie-Forschung [Wer hat schon mal den Wald gedüngt?] Gibt es schon die Ansicht, daß Nährstoffe auch aus Mineralphase und Gestein mobilisiert werden kann. Wobei Pflanzenwurzeln zwar auch  wohl  eher weniger Säuren/Enzyme produzieren um Gestein anzulösen. Diese Aufgabe kommt dann den  Pilzen (Mykorrhizza) und auch Bakterien der Rhizospäre zu (z.B. Jürgen Friedel - rock eating fungi).


Carsten Wieczorrek

Hallo,

noch drei Impressionen von meinem Alien.

Bild 1 : Eine von den "Adern" mit Innereien

Bild 2 : Die Sporen, Acridinorange, Anregung 430 nm, Filterwürfel 450 nm, Sperrfilter CZJ G 249

Bild 3 : Sporen in Nahaufnahme

Viel Spaß,

Carsten









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TPL

Lieber Carsten,

meines Erachtens führt die Vermutung eines fossilen Gewebes in die Irre. Das ist so extrem unwahrscheinlich, dass ich es, angesichts der viel wahrscheinlicheren Kontamination eines (höchstwahrscheinlich nicht nach dem Gesichtspunkt fehlender Kontamination genommenen) Handstückes für illusorisch halte.

Riffkalke sind auch ohne Einwirkung von Pilzen häufig sehr porös. Und sie sind ein marines Gestein, in dem – wenn es überhaupt einmal trocken gefallen ist – labiles organisches Material wie Pilz-Hyphen in kürzester Zeit oxidiert worden wären. Nicht einmal Pollen, Sporen oder Dinoflagellaten-Zysten überstehen solche Ablagerungs- und Fossilisiationsbedingungen!

Ich tippe, Du hast da einen nettes, mesozoisches Riffkalk-Klötzchen mit "subrezenten" (Geologen-Sprech für "vorgestrigen") Pilz- und/oder Pflanzenresten. Letztere sind bestimmt nicht uninteressant, aber sehr wahrscheinlich eben nicht wirklich alt. Eine Probe, bei der solch eine subrezente Kontamination ganz sicher ausgeschlossen werden könnte, müsste aus einem frischen Ausbiss sehr tief aus dem Anstehenden (z.B. einem steilen Kliff) heraus gemeißelt werden, oder aber als Bohrkern mehrere Meter unterhalb des Einflusses von meteorischem Wasser genommen werden. Diesen enormen Aufwand nicht zu betreiben ist mehr als lässlich, denn angesichts der äußerst geringen Chance, dass sich organisches Material in solch einem hochenergetischen, oxidierenden Milieu überhaupt erhält, ist es auch unter idealen Beprobungsbedingungen extrem unwahrscheinlich, derlei Fossilien dort zu finden.

Bitte nicht beirren lassen: was Du zeigst, scheint auch mir interessant. Nur eben nicht fossil.

Beste Grüße
Thomas

Carsten Wieczorrek

Hallo Thomas,

was Du schreibst, ist sicher richtig. Auch ich kann nicht glauben, das organisches Gewebe geologische Gesteinsbildung unbeschadet überleben kann.
Ich versuche auch gerade, in einem Zucht-Marmeladenglas ein Stück Stein zum Leben zu erwecken  ;)

Es interessiert sich mittlerweile ein Labor für diesen Stein. Mal sehen, was die finden. Der Verdacht geht in Richtung Stromatolithen. Ob recent oder alt und wenn ja, wie alt, sei mal dahingestellt: wie die in der trockenen Macchie Spaniens aber leben sollen, ist mir auch ein Rätsel.

Carsten
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Michael L.

Hallo Carsten,

eine sehr interessante Probe. Endolithische Organismen sind nicht selten insbesondere unter den Bakterien, Cyanobakterien, Pilzen und Flechten. Wie bereits geschrieben ist das ganz sicher kein fossiles sondern rezentes Material aber in einer beachtlichen Konzentration an Biomasse. Das es sich um Pilze handelt lässt nicht nur der Habitus vermuten sondern auch die Resistenz gegen die "brutale" Säurebehandlung (Chitin) Sicherlich ein interessantes Objekt für den Geobiologen. Wenn Du mit folgenden Stichworten googelst findest Du entsprechende Literatur: endolithic + fungal + limstone.

Viele Grüße,

Michael

Carsten Wieczorrek

Hallo Michael,

danke für den ersten zielführenden Hinweis!

Wenn man die korrekten Suchwörter eingibt, findet Googel sogar Bilder, die meinen Schleim (besonders der "oberseite") extrem ähnlich sehen. Dabei dürfte es sich also um eine endolithische Flechte der Gattung Verrucaria handeln.

Das Rätsel ist also vermutlich gelöst:

https://de.wikipedia.org/wiki/Verrucaria

Viel weiss man offensichtlich nicht über sie.

Danke für alle Hinweise

Carsten
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