Autor Thema: Rädertier in Hyaolocyt  (Gelesen 1753 mal)

Michael Plewka

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Rädertier in Hyaolocyt
« am: November 11, 2017, 14:20:45 Nachmittag »
hallo zusammen,

vor ein paar Jahren habe ich von Herrn B. Kaiser die Info bekommen, dass sich bestimmte Rädertiere in den Retortenzellen von Torfmoosen (Sphagnum) aufhalten. Ich hatte daraufhin mal verstärkt darauf geachtet und damals das Rädertier Habrotrocha roeperi,  welches  sich in diesen Retortenzellen finden lässt,  beobachtet und auch darüber im Forum berichtet:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=11209.msg81948#msg81948

Die Retortenzellen befinden sich an der Peripherie des „Stämmchen“ dieser Moospflanzen.

Durch Zufall habe ich in dieser Woche in einer Torfmoos-Probe aus den Dolomiten zum ersten mal auch ein Rädertier in den Hyalocyten eines Blattes eines Torfmooses gefunden. Den meisten Leser(inne)n dieses Forums ist sicherlich bekannt, dass  die Blättchen von Torfmoosen  grundsätzlich aus zwei unterschiedlichen Zelltypen bestehen, den lebendigen Chlorocyten (Chlo), welche Chloroplasten enthalten und deshalb grün sind, und den farblosen, toten Hyalocyten (Hy),  welche Verstärkungsrippen aufweisen und insofern für die mechanische Stabilität des Blattes sorgen. Sie sind außerdem relativ lang (der Doppelpfeil markiert die Länge einer Zelle):
 




Außerdem haben die Zellwände der Hyalocyten   - je nach Art-  Poren an verschiedenen Stellen, durch welche Zellen die Wasser aufnehmen und abgeben können. Ich geh mal davon aus, dass ebenfalls bekannt ist, dass dieses Wasserspeicherungsvermögen der Torfmoose von enormer ökologischer Bedeutung ist. Ein weiterer Aspekt dabei ist, dass eine solchermaßen mit Wasser gefüllte Zelle einen Lebensraum für eine Vielzahl von mikroskopischen Lebewesen darstellt (auch wegen ihrer Größe); eins davon ist Habrotrocha reclusa. Ich habe diese Art bisher nur freilebend vorgefunden; dieses ist also für mich eine Premiere gewesen.  Wegen der Ähnlichkeit des Lebensraums kann man evtl H. reclusa mit H. roeperi verwechseln; letztere hat aber sehr auffällige rote Augenflecken, die H. reclusa fehlen; außerdem ist der Zwischenraum zwischen Dorsaltaster und Rüssel bei H. roeperi viel größer.  Das Bild zeigt das Tier mit Kopf und Hals außerhalb der Zelle, während der Körper  nur teilweise erkennbar ist. Die Verstärkungen der Hyalocyte sind durch Pfeilspitzen, der Rand der Pore durch einen Pfeil markiert:




Weitere Bilder zu H. reclusa hier:
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Habrotrocha%20reclusa.html
Noch eine Anmerkung  zur Fundzeit:  H. roeperi habe ich im Januar gefunden, H. reclusa im November. Man kann also durchaus jetzt noch in der dunklen Jahreszeit „draußen“ interessante Obkejte finden….

Viel Spaß beim Anschauen & beste Grüße
Michael Plewka

Ole Riemann

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Re: Rädertier in Hyaolocyt
« Antwort #1 am: November 11, 2017, 20:26:53 Nachmittag »
Hallo Michael,

das ist ja eine fantastische Momentaufnahme - für mich eines der schönsten Fotos hier seit langem (von der hochinteressanten Biologie dieser Tiere ganz abgesehen). Ich vermute, eine solche Aufnahme gelingt nur mit hochaperturigen Wasser-Immersionsobjektiven. Oder war das Objekt ganz klassisch abgedeckt?

Vielen Dank und schöne Grüße

Ole
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Olympus BHS/BHT (HF, DIK, Phako)
Zeiss Standard/WL (HF, DIK, Phako)


Vorstellung: http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=19707.msg149740#msg149740

A. Büschlen

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Re: Rädertier in Hyaolocyt
« Antwort #2 am: November 12, 2017, 13:49:36 Nachmittag »
Hallo Michael,

deine Beobachtungen sind sehr spannend und interessant. Danke für dein mitteilen!
Ich konnte schon beim Wassersackmoos Frullania dilatata in seinen Wassersäcken Rädertiere beobachten. Frullania dilatata finde ich häufig als Rindenbewohner an lebenden Bäumen.

Gruss Arnold Büschlen

Michael Plewka

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Re: Rädertier in Hyaolocyt
« Antwort #3 am: November 13, 2017, 10:20:30 Vormittag »
hallo Ole, hallo Arnold,

vielen Dank für Eure positiven Rückmeldungen!

@ Ole: als Fachmann hast Du natürlich richtig erkannt: ein (relativ) hochaperturiges Objektiv (Zeiss LD W-Apo 40/ 1.1 corr.), das ich gerne zum Tümpeln einsetze, wenngleich es mit Deckglas eingesetzt werden muss, was aufgrund  der hohen Oberflächenspannung des Wassers  als Immersionsflüssigkeit dazu führt, dass  manche Proben ersaufen, wenn man zu nah an den Deckglasrand kommt.
 
(Ich habe H. reclusa quasi nur als Beifang zufällig gefunden, ich war eigentlich auf ein anderes Rädertier fokussiert gewesen. Deshalb das Deckglas)

Ich habe die Probe in einer feuchten Kammer aufbewahrt und nach 3 Tagen nochmals angeschaut:  Nun war H. reclusa in dem Moosblatt nicht mehr vorhanden, stattdessen war ein Ei zu sehen. Dank DIK kann man dokumentieren, dass das Ei sich wirklich in einer Hyalocyte befindet und  nicht darüber oder darunter. Es ist naheliegend anzunehmen, dass das Ei von der ursprünglichen H. reclusa stammt; ein Beweis ist das natürlich nicht. Es waren noch einige andere Rädertiere in der Probe, jedoch alle kontrahiert, so dass ich z.Zt. nichts über das Schicksal der H. reclusa sagen kann. Foto unten.


@ Arnold: Du Glücklicher!
Seit mehr als 10 Jahren suche ich schon nach Frullania dilatata, aber bisher habe ich hier im Ruhrgebiet bzw. Bergischen Land in NRW erfolglos gesucht. Falls mir also jemand eine Stelle in NRW nennen, kann, wo ich dieses Wassersack-Moos finden kann, wäre ich sehr dankbar !!

Hoffnungsvolle Grüße
Michael Plewka




A. Büschlen

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Re: Rädertier in Hyaolocyt
« Antwort #4 am: November 13, 2017, 11:57:37 Vormittag »
Hallo Michael,

du bekommst Post von mir!

Siehe PN.

Gruss Arnold

Martin Kreutz

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Re: Rädertier in Hyaolocyt
« Antwort #5 am: November 13, 2017, 19:45:37 Nachmittag »
Hallo Michael,

Deine Aufnahme von Habrotrocha reclusa in der Hyalocyte ist wirklich sehr beeindruckend! Ich wusste bis dato nicht, dass man darin Bdelloiden finden kann. Also auch noch was gelernt. Du sagst, dass es ein Beifang gewesen ist. Also eigentlich eher ein Zufallsfund. Was glaubst Du, wieviel Kilo Moos man durchkämmen muss, um so ein Vieh zu finden? Oder ist H. reclusa häufig Torfmoos zu finden?

Martin

Michael Plewka

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Re: Rädertier in Hyaolocyt
« Antwort #6 am: November 14, 2017, 10:52:12 Vormittag »
hallo Martin,


spannende Fragen, die ich mal so beantworten möchte:

H. reclusa wird man sicherlich häufig im Moorproben  bzw. Sphagnum-Pflanzen finden, wobei ich bestimmt schon Torfmoosblättchen in einer vierstelligen Anzahl in Proben gesehen habe, allerdings zugegebenermaßen praktisch nie darauf geachtet habe, was sich in den Blättchen befindet. (Da werde ich in Zukunft mal verstärkt drauf achten.)
Das ist das 1. Problem.

Das 2. Problem lässt sich folgendermaßen skizzieren:
Meine Vorgensweise bei Moosproben ist bisher: ich nehme ein paar Pflänzchen mit einer entsprechenden Flüssigkeitsmenge und tupfe sie auf den Objektträger. Diese Flüssigkeit untersuche ich dann, wobei ich die Moosblättchen als störend empfinde (s.o.) und bisher meist entfernt habe, weil sie die Schichtdicke erhöhen und somit beim Fotografieren hinderlich sind. Aber woher weiß  ich dann bei den  bdelloiden Rädertieren, welche Art ich gerade vor mir habe?

Die Antwort ist, platt formuliert: ohne dass das Viech rädert, d. h. seinen Kopf mit der Krone zeigt, ist eine Bestimmung unmöglich. Das bedeutet aber andersherum: vielleicht haben schon viele Mikroskopiker (innen), mich eingeschlossen, diese Art H. reclusa kriechend gesehen, aber nicht als solche erkannt. Man kann sich also wirklich glücklich schätzen, wenn man bei den meisten bdelloiden Arten der Rädertiere (abgesehen von den aquatisch vorkommenden Rotaria- oder Philodina-„Rädertierchen“) eines mal rädernd  erwischt. Konkret bei H. elusa sieht man dann, dass ein wesentliches Merkmal die dreieckig-längliche Oberlippe ist, welche die Räderscheiben überragt (ich habe die o.a. verlinkte  Seite diesbezüglich nochmal etwas verändert). Die Räderscheiben sind außerdem sehr schmal (ca 1/2 Kopfbreite). Zusammen mit anderen Merkmalen wie z.B. der Kauerformel (=Anzahl der  Hauptzähne im linken und rechten Uncus, in diesem Fall 6/6 oder 7/7, ergibt sich dann schon eine gewisse Möglichkeit, die Art zu bestimmen.

Eine weitere Art, die sich in Moorproben, bzw. in Sphagnum -nun allerdings wieder in den Retortenzellen- finden  lässt, ist Scepanotrocha rubra (diese Gattung ist im „Wassertropfen“ gar nicht erwähnt):
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Scepanotrocha%20rubra.html

beste Grüße
Michael Plewka
« Letzte Änderung: November 14, 2017, 10:55:41 Vormittag von Michael Plewka »