Autor Thema: Raphidiophrys intermedia  (Gelesen 1424 mal)

Ole Riemann

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Raphidiophrys intermedia
« am: März 21, 2018, 00:06:38 Vormittag »
Liebe Kollegen,

Im Rahmen des diesjährigen Kornrade-Treffens in Würzburg hat Martin Kreutz dankenswerterweise einige Proben aus seinen bevorzugten Probenahme-Stellen mitgebracht. Ich hatte in den letzten Tagen Gelegenheit, diese zu sichten und habe viele interessante Funde gemacht. Vorstellen möchte ich hier das Sonnentier Raphidiophrys intermedia. R. intermedia gehört zu den Centrohelea, einer Gruppe heterotropher Protisten mit Axopodien, einer tangentialen Schuppenschicht um den runden Zellkörper und einem zentralen Centrosom als Organisationszentrum der Mikrotubuli-Stäbe, die die Axopodien stützen. Die Axopodien sind mit Extrusomen besetzt und dienen dem Beutefang. Der Zellkern sitzt exzentrisch, kontraktile Vakuolen sind mehrere pro Zelle ausgebildet.

Bei mittlerer Vergrößerung (Objektiv 40x) ist der Sonnentier-typische Habitus gut sichtbar, man erkennt den runden Zellkörper mit den strahlig angeordneten Axopodien sowie um den Zellkörper herum eine dichte Schuppenschicht.



Bei zunehmend geringer werdender Schichtdicke und dem Einsatz der Ölimmersion 100x kommen nach und nach mehr Details der Zellorganisation zum Vorschein.



Die periphere Schicht dicht gepackter, hyaliner Schuppen ist vom Zellkörper deutlich abgesetzt, die Extrusomen auf den Axopodien treten als scharf umgrenzte Kügelchen hervor, und das Centrosom in der Zellmitte wird sichtbar. Im Cytoplasma fallen Algen bzw. deren Chloroplasten auf. Ich bin nicht sicher, ob dies die Reste erbeuteter Phytoflagellaten sind oder möglicherweise symbiontische Algen bzw. für eine gewisse Zeit im Cytoplasma des Sonnentieres noch funktionsfähige, aus der Nahrung stammende Chloroplasten. Erst wenn die Schichtdicke ganz gering geworden ist, zeigt die hochaperturige Ölimmersion ihre maximale Leistung (Ölimmersionsobjektiv 63x, N.A. 1,4) – Ax=Axopodien, Cs=Centrosom, kV=kontraktile Vakuole, Nu=Nukleus.




Fokussiert man auf den oberen Rand der Schuppenlage, bekommt man einen schönen Eindruck von der Form und Struktur der Schuppen, soweit dies lichtmikroskopisch zu beurteilen möglich ist. Die Schuppen sind von langgezogen-elliptischer Form mit einem ausgeprägten, verdickt wirkenden Saum. Hart an der Auflösungsgrenze liegt eine feine Rippenstruktur, die den Saum der Schuppen dicht an dicht überzieht (untere Abbildung). Eindrucksvoll sind auch die filigranen, bei geringster Wasserbewegung elegant schwingenden Axopodien mit ihre Extrusomenkörnchen. 




Der Besitz von Schuppen ist bei weitem kein exklusives Merkmal von R. intermedia. Hier zum Vergleich noch eine Abbildung zweier Exemplare einer Art, die ich für Polyplacocystis ambigua halte, ein weiterer Vertreter der Centrohelea. Das Material habe ich in einem flachen See in Dänemark gesammelt. Auffallend ist, wie weit die stark langgezogenen Schuppen die Axopodien herauf ziehen. Im linken Exemplar ist im Zentrum das Centrosom gut erkennbar.



Viele Grüße

Ole



« Letzte Änderung: März 21, 2018, 00:25:38 Vormittag von Ole Riemann »

Bernhard Lebeda

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Re: Raphidiophrys intermedia
« Antwort #1 am: März 21, 2018, 16:00:17 Nachmittag »
Vielen Dank fürs zeigen, lieber Ole

Ich bin wie immer enthusiasmiert!  ;)


Viele Mikrogrüße

Bernhard
Ich bevorzuge das "DU"

Vorstellung

Jürgen Boschert

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Re: Raphidiophrys intermedia
« Antwort #2 am: März 21, 2018, 16:22:52 Nachmittag »
Hallo Ole,

wieder einmal traumhaft !

JB
Beste Grüße !

JB

Martin Kreutz

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Re: Raphidiophrys intermedia
« Antwort #3 am: März 21, 2018, 21:19:37 Nachmittag »
Hallo Ole,

wieder ein toller Beitrag und super Fotos! Ich habe zuerst gedacht, Deine Fotos zeigen Raphidiophrys elegans, aber auf Deinen Fotos sieht man ganz deutlich, das die Schuppen nicht an den Axopodien hoch wandern, was sie bei R. elegans angeblich nicht tun. Ich bezweifel jedoch etwas, ob dies wirklich ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zwischen diesen beiden Arten ist. Deine vorletzte Aufnahme ist wirklich herausragend, weil man den fein geriffelten Saum der Schuppen erkennen kann. Ich weiß, dass es sehr schwierig ist, dieses Merkmal lichtmikroskoisch darzustellen. Ich habe mich vor längerer Zeit mal an Raphidiophrys elegans versucht, aber diese Riffelung konnte ich nie deutlich herausarbeiten! Da muss ich noch mal etwas rumfummeln. Dafür konnte ich in meinen damaligen Beitrag noch die Bildung der Fressgemeinschaften zeigen, die R. intermedia wahrscheinlich auch eingeht:   

http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=20434.0

Martin

Ole Riemann

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Re: Raphidiophrys intermedia
« Antwort #4 am: März 22, 2018, 18:19:49 Nachmittag »
Hallo Bernhard, Jürgen und Martin,

vielen Dank für Eure Rückmeldungen! Martin, danke, dass Du Deinen schönen Artikel zur nahe verwandten Art R. elegans und zum Phänomen der Fressgemeinschaft verlinkt hast. Eine prima Ergänzung.

Viele Grüße

Ole