Autor Thema: Das schwimmende Deckglas  (Gelesen 6276 mal)

Ole Riemann

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #15 am: März 21, 2018, 00:23:26 Vormittag »
Hallo Martin,

ganz herzlichen Dank für diesen hochinteressanten Hinweis aus der Praxis. Natürlich schwimmen sie bei mir nun auch - die Deckgläser. Mir ist aufgefallen, dass ein Bild entweder verschwunden ist oder gar nicht eingestellt wurde: Ditrema mukrous beschreibst Du nur, zeigst aber keine Abbildung - aber das nur am Rand.

Gefragt habe ich mich, wie diese zarten, winzigen granuloreticulosen Amöben (und weitere Deckglas-Siedler) überhaupt die Unterseite des Deckglases erreichen. Nicht nur, dass sie magisch davon angezogen werden - die allermeisten Deckglas-Bewohner werden doch gewöhnlicherweise im Detritus am Boden von Gewässern leben. Umgerechnet auf menschliche Maßstäbe entspricht die Distanz vom Detritus in der Petrischale hin zur Deckglasunterseite hunderte, wenn nicht tausende Meter. Und diese Freiwasserdistanzen müssen erst einmal überwunden werden. Welche Microgromia tut sich das an? Und wie schaffen sie das? Denkst Du, es sind Turbulenzen und konvektive Verlagerungen ganzer Wasserkörper, die die winzigen Protozoen ohne Freiwasserstadien an die Deckglasunterseite spülen?

Vielen Dank und schöne Grüße

Ole

Martin Kreutz

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #16 am: März 21, 2018, 06:37:36 Vormittag »
Hallo Ole,

das nenne ich einen aufmerksamen Leser! Tatsächlich habe ich vergessen den link für Ditrema einzufügen, was ich gerade nachgeholt habe.

Ja, wie kommen die Viecher ans Deckglas? Meiner Ansicht nach entweder durch bewegliche Stadien im Lebenszyklus (z.B. begeißelte Stadien bei vielen Amöben) oder aber durch Kontakt mit Detritus- oder Pflanzenteilen. Deshalb setze ich meine Petrischalen auch immer als "Gemüsesuppe" an. Aber tatsächlich ist das nur eine Theorie von mir. Es gibt zumindest eine gewisse Reihenfolge bei der Besiedlung. Zuerst kommen die Bakterien und dann kleine Flagellaten wie Bicosoeca. Erst nach ca. 2 Tagen kommen dann auch andere Protisten dazu (zumindest bei mir). Nach ca. 7 Tagen finde ich dann oft einen Bewuchs mit Cyanophyceen und trichalen Grünalgen und sessilen Rädertieren. Ciliaten, welche den Bakterienrasen abweiden, kommen dann auch dazu. Im Grunde kann man die Entwicklung eines Minibiotops bei der Entwicklung zuschauen. Vielleicht noch ein Tipp: wenn ich auf einem Deckglas noch nichts interessantes finde, löse ich es wieder vorsichtig vom Objektträger (Wasser seitlich zugeben) und lege es wieder in die Petrischale. Die entwickeln sich dann weiter.

Martin

Michael

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #17 am: März 21, 2018, 10:28:14 Vormittag »
Hallo Martin,
bei den von mir verwendeten Mikroaquarien (Hohlschliff-Objektträger mit großem Deckglas) ist die Schichtdicke bei ca. 80% der Fläche nicht anders als bei einem "normalen" Präparat. Lediglich im Bereich über dem Hohlschliff - der als Wasserreservoir dient - ist eine höhere Vergrößerung nicht möglich.
Natürlich sind meine Ausrüstung und meine Erfahrung nicht mit Deinen vergleichbar und über die Unterschiede zwischen DIK und schiefer Beleuchtung ist schon viel diskutiert worden. Dennoch möchte ich zum Vergleich ein paar Impressionen vom DG-Aufwuchs eines ca. 2 Monate alten Mikroaquariums zeigen:


Schalenamöbe



Schalenamöbe



Bakterien


Blaualgen


Viele Grüße

Michael



Gerne per Du

reblaus

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #18 am: März 21, 2018, 10:53:34 Vormittag »
Hallo Michael -

beim Tümpeln mit dem Inversmikroskop bei ähnlichen Schichtdicken hatte ich den Eindruck, dass viele Mikroben lieber den Boden besiedeln als die Decke - hast du mal probiert die Hohlschliff-Objektträger auf dem Deckglas liegend zu inkubieren und erst zur Untersuchung umzudrehen?

Viele Grüße

Rolf

Michael

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #19 am: März 21, 2018, 15:54:55 Nachmittag »
Hallo Rolf,
gute Idee - ich habe gleich mal ein paar Mikroaquarien umgedreht. Mal sehen, was daraus wird.

Viel Grüße

Michael
Gerne per Du

WinfriedK

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #20 am: März 21, 2018, 19:18:25 Nachmittag »
Hallo Michael,

die Blaualge mit dem schwarzen Körper und dem grünen Kopf (bin blau-grün-schwach) ist doch eine Fake, die ist gedrechselt und gemalt, die gehört im Kunstmuseum ausgestellt.

Frage: Welches Objektiv (Art und Vergrößerung) hast hast Du für die schiefe Beleuchtung benutzt?

Winfried


Martin Kreutz

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #21 am: März 21, 2018, 21:01:52 Nachmittag »
Hallo Michael,

ich habe selber viele Jahre mit schiefer Beleuchtung gearbeitet und kann gut beurteilen, was da möglich ist und was nicht. Deine Ergebnisse sind jedenfalls hervorragend! Du zeigst 4 Objekte, die Du am Deckglas gefunden hast. Davon kann ich zwei sicher identifizieren. Das erste ist keine Schalenamöbe, sondern Salpingoeca marssonii! Ich bin zuerst auch drauf reingefallen, weil S. marssonii ein Gehäuse ähnlich einer Weinkaraffe besitzt und mit dem flachen Boden dieser "Karaffe" am Deckglas festsitzt. Man sieht diesen Flagellaten im Gehäuse also meist von unten und glaubt eine Schalenamöbe vor sich zu haben. In lateraler Sicht sieht Salpingoeca marssonii jedoch so aus:



Auf Foto 7 und 8 Deiner Serie sieht man auch bei Dir ansatzweise das lange Flagellum.

Die von Dir gezeigte Oscillatoria (nach den Bakterien) ist Oscillatoria chlorina. Ich erkenne das Vieh mit einem Sack über dem Kopf, da es die Haus und Hof Cyanobakterie des Simmelrieds ist! Sie ist stark doppeltbrechend durch die feinen, inneren Strukturen und ruft im DIK tolle Farbeffekte hervor und besitzt immer hyaline Endkappen:



Die "Spirille" ist wahrscheinlich Leptospira. Die Cyanobakterie, die Du zuletzt zeigst, lässt sich ohne gleichzeitige Betrachtung von Dauerzelle und Heterocyste schwer bestimmen. Wahrscheinlich eine Anabaena.

Martin

« Letzte Änderung: März 22, 2018, 07:33:01 Vormittag von Martin Kreutz »

Michael

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #22 am: März 22, 2018, 08:20:00 Vormittag »
Hallo Winfried und Martin,

@Winfried:
die Blaualge mit dem schwarzen Körper und dem grünen Kopf (bin blau-grün-schwach) ist doch eine Fake, die ist gedrechselt und gemalt, die gehört im Kunstmuseum ausgestellt.
Erwischt!  8)
Die Blaualge hat mich einfach ästhetisch angesprochen - vielleicht ist der Faden ja schon etwas degeneriert?
Die Aufnahmen sind mit einem Leitz PL Apo 100 entstanden - aber für die schiefe Beleuchtung ist die Kondensorseite wichtiger: Hier handelt es sich um einen einfachen Leitz Hellfeldkondensor (n.A. 0,9), bei dem ein Dunkelfeldkeil aus Pappe mit einem Gummiring unter der Klapplinse befestigt wurde (http://www.schwaben.de/home/mathias/ Unterpunkt "Dunkelfeldkeil"). Durch Verschieben des Keils ist ein kontinuierlicher Übergang von klassischen Hellfeld -> leichtes Schieflicht -> fast streifende Beleuchtung -> Dunkelfeld (bis etwa 40er Objektiv) möglich. Je nach Objekt und Objektiv kann so die geeignete Beleuchtung gewählt werden.

@Martin:
Vielen Dank für die Bestimmung. An Flagellaten habe ich überhaupt nicht gedacht - dabei habe ich mich noch gewundert, dass das mittlere "Pseudopodium" so zappelt! Manchmal ist man halt wie vernagelt!
Noch mehr gefreut hat mich aber die Bestimmung von Oscillatoria chlorina, da sie die Leib-und-Magenspeise von dem Gastrotrichen Ch. elegans ist, der es erstaunlicherweise irgendwie schafft, Stücke von dem Faden abzubeißen:



Endlich hat diese Cyanobakterie eine Namen!

Vielen Dank

Michael
Gerne per Du

WinfriedK

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #23 am: März 22, 2018, 20:01:39 Nachmittag »
Hallo Michael!

Danke für Deine ausführliche Antwort, besonders zur schiefen Beleuchtung/Dunkelfeld.

Da vergißt man fast den Wunsch nach DIC und einer dicken Brieftasche.

Ich habe Schwierigkeiten mit dem Dunkelfeld beim Carl Zeiss Neofluar 40/0,75 160/0,17 4618833.

Wenn ich mal gut drauf bin werde ich entsprechende Bastelversuche starten.

Winfried

PS.

"Leitz PL Apo 100" = 100x mit Öl Immersion ??

"Durch Verschieben des Keils ist ein kontinuierlicher Übergang von klassischen Hellfeld -> leichtes Schieflicht -> fast streifende Beleuchtung -> Dunkelfeld (bis etwa 40er Objektiv) möglich."

Du hast aber 100er Objektiv benutzt in diesem Fall ??
« Letzte Änderung: März 22, 2018, 20:07:50 Nachmittag von WinfriedK »

liftboy

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #24 am: März 22, 2018, 20:35:44 Nachmittag »
Do gibt es a schenes jiddisches lidl:

"Wenn ich eimo reich wär"

Grüße
Wolfgang

Michael

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Re: Das schwimmende Deckglas
« Antwort #25 am: März 23, 2018, 07:53:44 Vormittag »
Hallo Winfried,

"Leitz PL Apo 100" = 100x mit Öl Immersion ??

"Durch Verschieben des Keils ist ein kontinuierlicher Übergang von klassischen Hellfeld -> leichtes Schieflicht -> fast streifende Beleuchtung -> Dunkelfeld (bis etwa 40er Objektiv) möglich."

Du hast aber 100er Objektiv benutzt in diesem Fall ??


Ja, klar - mit dem großen Besteck! Schiefe Beleuchtung ist bei jedem Objektiv möglich, da die Blende immer so justiert werden kann, dass der optimale Anteil des "Beleuchtungskegels" ausgeblendet wird. Dunkelfeld schaffe ich nur bis zum 40ger, da hier die Justierung bereits etwas kniffelig wird. Vielleicht müsste man etwas mit dem Öffnungswinkel des Dunkelfeldkeils experimentieren.

Ein schönes Wochenende

Michael
Gerne per Du