Autor Thema: Die Gattung Polymerurus - Teil I: Polymerurus rhomboides  (Gelesen 475 mal)

Michael

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Die Gattung Polymerurus - Teil I: Polymerurus rhomboides
« am: Januar 23, 2021, 17:40:49 Nachmittag »
Hallo in die Runde,

unter der Gattung Polymerurus sind einige markante und unverkennbare Bauchhärlinge zusammengefasst, die aber den meisten Tümpler noch niemals untergekommen sein dürften. Deshalb möchte ich hier in einer kleinen Berichts-Serie die drei Vertreter der Gattung Polymerurus vorstellen, die in den "offiziellen" Artenlisten für Deutschland aufgeführt sind.
In der Gattung Polymerurus finden sich einige meist recht große Gastrotrichen-Arten mit langgestreckten, wurmartigen Körper ohne ausgeprägte Halseinschnürung. Die Kopfpanzerung besteht nur aus einem Kopfschild ("Kephalion") und einem Paar Wangenschilde ("Pleuren"), so dass der Kopf - anders als bei den meist fünflappigen anderen Gastrotrichen - eine lediglich dreilappige Kontur zeigt. Zwischen diesen Platten entsprießen die Wimpernbüschel der Tiere - in diesem Falle also auch nur ein Paar Wimpernbüschel. Der Lebensraum der Polymerurus-Arten ist der nährstoffreiche aber sauerstoffarme Faulschlamm am Grunde von stehenden Gewässern (Sapropel). Werden Tiere in klares Wasser umgesetzt oder reichert sich das Fundortwasser im Probenbehälter mit Sauerstoff an, sterben sie recht schnell ab. Aus diesem Grund findet man recht selten diese eigentlich häufigen Tiere in Proben, die man nicht möglichst schnell nach der Probennahme untersucht. Ich selbst brauchte mehrere Jahre bis ich den Zusammenhang verstanden habe und meine ersten Vertreter von Polymerurus untersuchen konnte. Erst seitdem ich immer auch eine Schlammprobe in einer licht- und luftdichten Filmdose aufbewahre, kann ich auch noch Wochen nach der Probennahme Exemplare dieser Gattung aus dem Schlamm extrahieren.
Ein besonders markantes Merkmal der Polymerurus-Arten sind die meist sehr langen beweglichen Zehenanhänge, die bis zu einem Drittel der Körperlänge erreichen können. Diese Zehenanhänge bestehen aus hohlen, zueinander beweglichen kutikularen Ringen (daher der Name "Polymerurus" = "viele Ringe"), die die Rolle der Kleberöhrchen vieler anderer Gastrotrichenarten übernehmen. Anders als diese Arten besitzt Polymerurus aber keine Klebedrüsen, sondern fixiert sich mit seinen langen Zehenfortsätzen zwischen den Schlammpartikeln.


Dies typische Art, die ich heute vorstellen möchte, ist

Polymerurus rhomboides (Stokes, 1887)


Bild 1: P. rhomboides, Übersicht

Mit 250µm bis 420µm Länge (inklusive der langen Zehenanhänge) ist P. rhomboides der kleinste "deutsche" Polymerurus, Auffällig sind die aus 18 bis 23 Einzelringen bestehenden Fortsätze an den Zehen.


Bild 2: P. rhomboides, Seitenansicht

In der Seitenansicht zeigt sich sehr deutlich, dass das Tier mit einem glatten, unbestachelten Schuppenkleid bedeckt ist, das an das mächtig ausgebildete Kopfschild anschließt.


Bild 3: P. rhomboides, dorsale Beschuppung

Fokussiert man auf die Rückenschuppen, erkennt man ein glattes, rautenförmig gegliedertes Schuppenkleid, das namensgebend ("rhomboides") war. Erst genauere Untersuchungen (die mir nicht gelungen sind), zeigen, dass die Schuppen kleine, eng beieinander stehende Ovale sind, die an der Vorderseite mit einer kleinen Öse an einem Stiel beweglich befestigt sind.


Bild 4: P. rhomboides, Schuppen

Ein genauerer Blick auf den Schuppenverband zeigt, dass das Tier mit sog. Stielschuppen bedeckt ist: auf der Kutikula der Tiere ist eine kleine Basisplatte befestigt, aus der senkrecht zur Basisplatte ein Stiel wächst. An diesen Stiel ist die ovale Endplatte der Schuppen mit einer Öse befestigt. Diese besondere Schuppenkonstruktion erzeugt eine doppelte Kontur, die die Art P. rhomboides unverkennbar macht. Ein solche Schuppenkonstruktion ist innerhalb der Gattung Polymerurus einzigartig und kommt sonst meist nur bei der Gattung Aspidiophorus vor.
Links ist der Aufbau der Zehenfortsätze mit den vielen Einzelringen bei einem gefärbten Schuppenpräparat gut zu erkennen.


Bild 5: P. rhomboides, Kopf, dorsal

Bei allen Gastrotrichen lohnt immer ein Blick auf die Unterseite des Kopfes. Man erkennt hier die Beschuppung des "ventralen Zwischenfeldes", des Bereichs zwischen den beiden Zilienreihen, mit denen sich das Tier bewegt. Anders als bei der originalen Artbeschreibung angegeben, sind die beiden Zilienbänder direkt hinter dem Mundbereich durch ein weiteres transversales Zilienband verbunden. Auffällig ist die starke kutikulare Querspange hinter der Mundöffnung,das sog. "Hypostomion", dessen Form typisch ist.


Bild 6: P. rhomboides, trächtiges Tier

Die Eier von Gastrotrichen gehören - bezogen auf die Tiergröße - zu den größten im Tierreich. Bei P. rhomboides ist dieses Missverhältnis besonders augenfällig, da die Eiform - der wurmförmigen Körperform geschuldet - nochmal ungewöhnlich in die Läge gezogen ist.


Bild 7: P. rhomboides; oben: Ei mit Embryo; unter: juveniles Tier

Nach der Eiablage ändern sich die Eiproportionen bei Aushärten etwas, dennoch sind die langezogenen Eier typisch für Polymerurus. Bei den juvenilen Tiere sind - wie bei allen Gastrotrichen - Kopf und Zehen, also alle stark kutikularisierten Teile des Tieres, in ihrer Endgröße ausgebildet. Die kutikularen Teile wachsen nach dem Schlupf nicht weiter. Lediglich der "Mittelteil" des Tieres wächst innerhalb einiger Tage bis zur Endgröße.

In einem 4 minütigem Film habe ich die typische Lebensweise eines trächtigen Tieres festgehalten. Leider konnte ich die Eiablage nicht beobachten. In dem Film ist der Schlupf eines Jungtieres aus dem Ei zu sehen.


Bild 8: P. rhomboides; Film - zum Starten ins Bild klicken

Soweit der erste Teil meiner Berichte über die Gattung Polymerurus und seiner typische Art Polymerurus rhomboides. Die Berichte über die Arten P. nodicaudus und P. serraticaudus folgen demnächst.
Ich hoffe, mein Bericht über diese eigenartigen Tiere war von Interesse für Euch.

Viele Grüße

Michael
Gerne per Du

limno

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Re: Die Gattung Polymerurus - Teil I: Polymerurus rhomboides
« Antwort #1 am: Januar 23, 2021, 19:56:35 Nachmittag »
Guten Abend Michael!
Ein schönes Portrait 8) !
Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen !
Vielen Dank und begeisterte Grüße von
Heinrich
So blickt man klar, wie selten nur,
Ins innre Walten der Natur.

Michael

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Re: Die Gattung Polymerurus - Teil I: Polymerurus rhomboides
« Antwort #2 am: Januar 24, 2021, 09:43:49 Vormittag »
Hallo Heinrich,

es freut mich, dass Dir der Beitrag gefallen hat. Als "Autor" ist man immer - gerade bei einem so abseitigen Thema - auf feedback angewiesen.
Auch vielen Dank für Deine PN:

Hallo Michael,
einen kleinen Fehler bei der Übersetzung bitte ich Dich zu korrigieren:poly heißt viel; meros ist das Teil oder Glied (vgl. Polymer bei Kunststoffen) uros ist der Schwanz.Die einigermaßen korrekte Übersetzung des Gattungsnamens wäre demnach "Vielgliedriger Schwanz"
Beste Grüße
Heinrich

Da hast Du sicherlich Recht - ich hatte mich da von "meros=Ring, (Ketten-) Glied" verführen lassen. In den Originalbeschreibungen hat man in der damaligen humanistisch gebildeten Wissenschaftsgemeinde meist auf eine Herleitung der Namensgebung verzichtet. Dankenswerter Weise setzt man heutzutage keine Kenntnisse in Latein und Altgriechisch mehr voraus und erklärt die neu vergebenen Namen - da hätte ich mich leichter getan.

Noch einen schönen Sonntag

Michael
Gerne per Du

Ole Riemann

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Re: Die Gattung Polymerurus - Teil I: Polymerurus rhomboides
« Antwort #3 am: Januar 26, 2021, 11:47:03 Vormittag »
Hallo Michael,

schönen Dank für diesen Bericht - den ich ganz und gar nicht abseitig finde. Besonders interessieren mich Deine Beobachtungen zur strengen Faulschlammbindung der Polymerurus-Arten. Ich kann das in großen Zügen bestätigen; auch ich finde Polymerurus erst, seitdem ich lockeren Grundschlamm - teilweise zersetzte Pflanzenteile - untersuche.

Dass Du selbst nach Wochen in einer verschlossenen und abgedunkelten Filmdose noch lebenden Exemplare gefunden hast, finde ich faszinierend. Ich kenne ähnliche Berichte von Organismen aus der marinen Sandlückenfauna, bei denen Vertreter aus praktisch sauerstoffreien, sulfidischen Bereichen ebenfalls nach Wochen in geschlossenen Gefäßen noch leben.

Beste Grüße

Ole

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Vorstellung: http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=19707.msg149740#msg149740

Michael

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Re: Die Gattung Polymerurus - Teil I: Polymerurus rhomboides
« Antwort #4 am: Januar 26, 2021, 12:04:56 Nachmittag »
Hallo Ole,

ja, die Faulschlammbildung ist wirklich ganz erstaunlich!
Gerade gestern habe ich aus einer luft- und lichtdichten Filmdose eine mehr als einen Monat alte Probe untersucht - neben vielen Metopiden fand ich eine Menge DasydidenP. rhomboides und P. nodicaudus. In einer offenen Probe von der selben Sammelsession ist praktisch nichts mehr los...
Das sind natürlich keine systematische Untersuchungen, aber seit ich dazu übergegangen bin, auch immer einige Filmdosen zu füllen, erlebe ich immer wieder Überraschungen.

Viele Grüße

Michael


Gerne per Du