Autor Thema: Interessante Pilzfunde 51 - Wiesenstäubling  (Gelesen 1175 mal)

Bernd Miggel

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Interessante Pilzfunde 51 - Wiesenstäubling
« am: September 26, 2022, 09:37:47 Vormittag »
Nach langer, trockenheißer Witterung haben wir endlich wieder gutes, feuchtes Pilzwetter! Auf den Wiesen finden sich in Ringen und Reihen Wiesenchampignons und auch Wiesenstäublinge ein. Ein erfrischender Anblick nach langen, pilzlosen Wochen. Den Wiesenstäublingen möchte ich mich nun widmen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Peter Reil, der mir bei der Artbestimmung auf die Sprünge geholfen hat!

Der Fund
Auf einer von Schafen beweideten Streuobstwiese fand ich eine aus ca. zwanzig Fruchtkörpern bestehenden Wiesenstäublingsgruppe. Die Pilze standen dort in kleineren Gruppen in allen Altersstufen. Im Gegensatz zu ähnlichen, waldbewohnenden Arten, wie dem Flaschenstäubling oder dem Stinkstäubling, bevorzugt unsere Art Wiesen und Weiden. In diesem Fall wuchsen die Pilze in acht Metern Entfernung von einem kleinen, niedrigen Hainbuchengebüsch. Auf den ersten Blick hätte man sie für junge Wiesenchampignons halten können. Wiesenstäublinge sind weit verbreitet und recht häufig und leben als Humuszehrer z.B.  auf beweidetem oder gedüngtem Grünland, in Gärten, an Wegrändern etc., jedoch nicht im Waldesinneren.

Eckdaten des Fundes
• Pilzart: Wiesenstäubling (Lycoperdon pratense Pers.).
• Funddatum 24.09.2022.
• Fundort: Streuobstwiese südl. von Karlsbad-Spielberg, Baden-Württemberg.
• Belegnummer: Miggel div22010,sow.

« Letzte Änderung: September 26, 2022, 16:08:51 Nachmittag von Bernd Miggel »
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Bernd Miggel

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« Antwort #1 am: September 26, 2022, 09:38:45 Vormittag »
Makroskopische Merkmale
Der Wiesenstäubling gehört mit bis zu 40 mm Durchmesser zu den kleineren Vertretern der Bauchpilze. Geruch und Geschmack sind unauffällig. Der Fruchtkörper ist birnen- oder kreiselförmig, oft am Scheitel abgeflacht, jung cremefarben, im reifen Zustand braun. Im Längsschnitt (Bild 1) erkennt man den Aufbau: Das reinweiße Innere besteht aus einem oberen, fertilen Bereich, der Gleba „g“, sowie einem unteren, sterilen Bereich, der Subgleba „sg“. Gleba und Subgleba sind durch ein Häutchen, das Diaphragma „d“ voneinander getrennt.
Die Hülle des Fruchtkörpers nennt man Peridie „p“. Diese besteht aus zwei Schichten: ganz außen haben wir die Exoperidie, die bei unserer Art aus feinen, weißen, abwischbaren Stacheln und Warzen besteht, und darunter eine pergamentartige, hellbräunliche Haut, die Endoperidie (Bild 2).
« Letzte Änderung: September 29, 2022, 11:41:37 Vormittag von Bernd Miggel »
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Bernd Miggel

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« Antwort #2 am: September 26, 2022, 09:39:30 Vormittag »
Das Fleisch des Fruchtkörpers ist im jungen Zustand reinweiß. Im Reifungsprozess färbt sich die Gleba erst gelblich, dann braun. Schließlich fallen die Stacheln und Warzen der Exoperidie ab, und die Endoperidie kommt zum Vorschein. Zudem bildet sich eine apikale Öffnung, durch die die reifen Sporen entlassen werden (Bild 3).
« Letzte Änderung: September 26, 2022, 10:21:06 Vormittag von Bernd Miggel »
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Bernd Miggel

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« Antwort #3 am: September 26, 2022, 09:40:47 Vormittag »
Mikroskopische Merkmale
Beim jungen Fruchtkörper besteht der obere, fertile Teil aus einem Stützgewebe, dem aus wenigen, dickwandigen, 3-4 µm breiten, wenig septierten Capillitium-Hyphen „h1“, und dünnwandigen, 2-3 µm breiten Hyphen „h2“, an denen die Basidien „b“ gebildet werden (Bilder 4 und 5).
« Letzte Änderung: September 29, 2022, 21:56:01 Nachmittag von Bernd Miggel »
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Bernd Miggel

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« Antwort #4 am: September 26, 2022, 09:41:56 Vormittag »
Die reifen Sporen (Bild 6) sind kugelig und haben einen Durchmesser von etwa 4 µm. Ihre Oberfläche ist sehr fein warzig ornamentiert, im Lichtmikroskop kaum erkennbar. Ein Sterigmenrest auf der Spore ist im Lichtmikroskop nur angedeutet erkennbar und im Foto nur bei wenigen Sporen zu "erahnen".
« Letzte Änderung: September 26, 2022, 10:23:00 Vormittag von Bernd Miggel »
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Bernd Miggel

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« Antwort #5 am: September 26, 2022, 09:42:38 Vormittag »
Notiz
Das Capillitium ist bei Wiesenstäubling nur schwach ausgebildet, was dazu führt, dass die Glebe im reifen Zustand ein wenig zusammensackt, was den Fruchtkörper mitunter abgeplattet erscheinen lässt.

Ähnliche Arten
Der Flaschenstäublich (Lycoperdon perlatum) kann im jungen Zustand ähnlich aussehen. Er wächst allerdings im Wald und besitzt außerdem kein Diaphragma zwischen Gleba und Subgleba.
Der Wiesenchampignon (Agaricus campestris) wächst ebenfalls auf Wiesen und Weiden und sieht im jungen Zustand, von oben betrachtet, dem Wiesenstäublich verblüffend ähnlich. Beim Umdrehen des Fruchtkörpers oder im Längsschnitt erkennt man aber, dass es sich um einen Lamellenpilz handelt.

Literatur
BREITENBACH, J. & KRÄNZLIN F. (1986): Pilze der Schweiz Bd. 2, Nichtblätterpilze: Nr. 521.
http://www.pilzflora-ehingen.de/pilzflora/arthtml/vpratense.php
https://fundkorb.de/pilze/vascellum-pratense-wiesenst%C3%A4ubling
https://www.pilz-baden.ch/galerie/wissenschaftlich/vascellum-134/vascellum_pratense-391
https://de.wikipedia.org/wiki/Wiesen-St%C3%A4ubling


Viel Vergnügen beim Anschauen!

Bernd



Alle Fundberichte in der Übersicht: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=42360.msg312080#msg312080

Fachausdrücke, Abkürzungen: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41611.msg306729#msg306729

« Letzte Änderung: September 29, 2022, 21:56:47 Nachmittag von Bernd Miggel »
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