Autor Thema: Kerogen  (Gelesen 7694 mal)

Holger

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Kerogen
« am: Januar 30, 2010, 16:42:45 Nachmittag »
Hallo Freunde des Dünnschliffs,

als kleiner Willkommensgruß für Thomas (TPL) folgt hier ein Bild des Dünnschliffs eines etwas "exotischen" Gesteins: Wenn es auch keine Kohle ist ;), so fällt es doch in den Bereich der als Brennstoff geeigneten Bodenschätze...



Es handelt sich dabei um alpinen "Ölschiefer", der allerdings mit Schiefer im eingentlichen Sinne nichts zu tun hat: es sind kalkige oder dolomitische Gesteine, in denen sich in großer Menge Kerogen - feste, organische Substanz, die man verschwelen oder hydrieren kann - findet. Im Bild erkennt man links eine "wüste Mischung" aus Kerogen und kleinen karbonatischen Gesteinsbruchstücken, die an ein größeres Gesteinsbruchstück angrenzen und sich dabei lückenlos in jede kleine Spalte zwängen. Interessanterweise sind diese Spaltenfüllungen - sofern die Spalte nur ausreichend eng war - frei von den kleinen Gesteinstrümmern (schön in dem Riß in der Bilmitte rechts zu sehen): Quasi eine natürliche Druckfiltration.

Übrigens wurde derartiges Material tatsächlich eine Zeitlang bergmännisch gewonnen, um durch Verschwelen "Tiroler Dirschenöl" daraus zu gewinnen. Heute ist der Abbau allerdings unrentabel.

Gruß,
Holger

rekuwi

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Re: Kerogen
« Antwort #1 am: Januar 30, 2010, 17:54:23 Nachmittag »
Lieber Holger,

solch Ölschiefer wurde auch im Hessischen in der Grube Messel gewonnen. Nachdem man dort das Urpferdchen und noch viele andere Einschlüsse fand wurde diese Grube doch unter Schutz gestellt (wäre fast als Mülldeponie "verschütt" gegangen!).

Liebe Grüße
Regi

Ragin

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Re: Kerogen
« Antwort #2 am: Januar 30, 2010, 18:51:10 Nachmittag »
Hallo Holger
Danke für das schöne Bild.
Auch auf der Schwäbischen Alp in Holzmaden wird solcher Ölschiefer gewonnen. Heut zu Tage aber als Boden und Tischplatten verarbeitet.
Ich war als Kind schon dort und habe damals ganz schöne Versteinerungen gefunden.
Besonders lohnend ist ein Besuch des Urweltmuseums. http://www.urweltmuseum.de/index.htm
Liebe Grüße
Rainer
« Letzte Änderung: Januar 31, 2010, 19:45:25 Nachmittag von Ragin »
Ich pflege das bayrische Du, von Mensch zu Mensch

bewie

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Re: Kerogen
« Antwort #3 am: Januar 30, 2010, 19:45:12 Nachmittag »
Hallo Holger,

schöne Bilder. Ich finde es allerdings erstaunlich, dass dieses organische Material bei Schleifen erhalten bleibt. Was hat es denn für eine Struktur?

Schöne Grüße
Bernd

TPL

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Re: Kerogen
« Antwort #4 am: Januar 30, 2010, 21:33:13 Nachmittag »
Hallo Holger,
vielen Dank für Deinen "kaustobiolithischen Gruß", der gleich in mehrerer Hinsicht einen Platz im Lehrbuch verdient hat. Denn offensichtlich hat der Ölschiefer (Muttergestein, links) ja bereits wichtige Phasen (Generation, Expulsion, Migration) der Erdölbildung durchlaufen und dabei das unmittelbar benachbarte Speichergestein (poröser oder klüftiger Kalkstein) mit seinen Produkten aufgeladen. Das ist zwar im großen Maßstab der Lagerstätten meist etwas komplexer, aber so ein "Petroleum-System für den Präparatekasten" ist eine wirklich schöne Demonstration. Das Steinöl wird in den Alpen meines Wissensn immer noch im Kleinstmaßstab zu pharmazeutischen Zwecken abgebaut. Leider mit unnötig esotherischem Gedöns.

@ Bernd: Kerogen ist ein Sammelbegriff für die nicht mit (konventionellen) organischen Lösungsmitteln extrahierbare organische Substanz. Die Chemiker rümpfen über so einen unspezifischen Sammelbegriff sicher die Nase ;) Dazu gehören also auch sehr langkettige und schwerflüchtige Verbindungen, die auch als Asphalt oder Festbitumina bezeichnet werden. Die sind es dann auch meist, die die Gesteinsdiagenese, die anschließende Heraushebung (in Form der Alpen) und die damit einhergehende Verwitterung überstehen und als zähe oder feste Stoffe auch "schleifbar" sind. Dei leichflüchtigen Produkte des Ölschiefers sind sicher schon seit langem 'verloren' und haben als natürliches CO2 zur Zusammensetzung unsererer Atmosphäre beigetragen.

Begeisterte Grüße, Thomas

Klaus Herrmann

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Re: Kerogen
« Antwort #5 am: Januar 30, 2010, 21:56:00 Nachmittag »
Hallo Holger,

eine Frage zu Deinem "Exoten" ist das eine Polaufnahme?

Wenn ja, ist sie dann nur deshalb nicht farbig, weil der Calzit durch die hohe Doppelbrechung erst in sehr kleinen Schichtdicken Interferenzfarben zeigt?

Kann es sein, dass ich Dich in einer wichtigen Mineralien/Fossilien-Zeitschrift als neues Mitglied entdeckt habe? ;)
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


ich ziehe das freundschaftliche "Du" vor! ∞ λ ¼


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Holger

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Re: Kerogen
« Antwort #6 am: Januar 30, 2010, 23:16:15 Nachmittag »
Hallo,

@Bernd: Struktur - zumindest makroskopisch - hat das Kerogen so gut wie keine; es ist einfach eine schwarze Masse mit ein paar hellen Trümmern darin. Am ehesten könnte man die Struktur des ganzen Stückes als brekzienartig beschreiben. Übrigens: So ganz inert ist das Material nicht; beim Einbetten in Kanadabalsam/Xylol warf ein derartiger Schliff doch tatsächlich Wellen, wohl, weil er durch das Lösungsmittel etwas aufquillt.

@Klaus: Das ist eine Hellfeldaufnahme (und ein, bei der ich - entgegen meinen Bekundungen - ein wenig Bildbearbeitung betrieben habe ;D). Und mit der Zeitschrift hast Du auch recht - da war kürzlich mein Name abgedruckt... ;)

Gruß,
Holger

TPL

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Re: Kerogen
« Antwort #7 am: Januar 31, 2010, 00:39:49 Vormittag »
Hallo Holger,
ich bewege mich als 'Geognost' natürlich auf gaaaanz dünnem Eis, denn ich habe vernommen, dass sich im Forum auch echte Chemiker tummeln ;D :
Zitat
So ganz inert ist das Material nicht; beim Einbetten in Kanadabalsam/Xylol warf ein derartiger Schliff doch tatsächlich Wellen, wohl, weil er durch das Lösungsmittel etwas aufquillt.
Das wäre aus meiner Sicht als Geochemie-Laie ein Zeichen dafür, dass auch einige lösliche Bitumina in der Probe verblieben sind. Diese Sorte Proben hat meinen Mitarbeitern schon immer besonders große präparative Freude bereitet...

Zitat
Das ist eine Hellfeldaufnahme
Noch eine kleine Erbsenzählerei, die ich mir einfach nicht sparen kann :-[: auch Aufnahmen mit gekreuzten Polarisatoren sind Hellfeldaufnahmen! (Mit einer Dunkelfeld-Beleuchtung lässt sich kein orthoskopischer Strahlengang realisieren). Im internationalen Umgang sind folgende Bezeichnungen häufig: NPL= non-polarised light; LPL* = linear polarised light = der übliche Zustand bei "faulen" Pol-Mikroskopikern, die den Polarisator im Kondensor immer eingeschaltet lassen; XPL = crossed polarisers/crossed polarised light. Es mag eine unwichtige Feinheit sein, aber LPL macht z.B. Pleochroismus sichtbar, der bei NPL nicht erkennbar wäre.

Schöne Grüße in die Runde der Dünnschliff-Freunde, Thomas

PS: die teilweise immer noch gebrauchte Wendung "gekreuzte Nicols" ist ein ziemlich heftiger Anachronismus, da schon vor der Einführung von Polarisationsfiltern praktisch keine Nicol-Prismen mehr als Polarisatoren eingesetzt wurden. Für mich ist das ein bisschen so, als würde man beim Anlassen eines Automobils (!) noch "Hüa!" sagen ;D

*: Alternativ wird PPL für plane-polarised light verwendet
« Letzte Änderung: April 22, 2010, 16:40:54 Nachmittag von TPL »

TPL

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Re: Kerogen
« Antwort #8 am: Januar 31, 2010, 02:26:22 Vormittag »
Auch auf der Schwäbischen Alp in Holzmaden wird solcher Ölschiefer gewonnen.

Hallo Rainer,
da ich gerade am Fuße der Schwäbischen Alb sitze: der gleiche Posidonienschiefer, der in Holzmaden und Dotternhausen abgebaut und so sorgfältig auf große Fossilien abgesucht wird, ist in Norddeutschland und weit darüber hinaus das wichtigste Erdöl-Muttergestein. Deutschlands einzige Erdöl-Lagerstätte vom Typ "Giant" (Mittelplate) wurde aus diesem 'Ölschiefer' gespeist. Bilder vom schwäbischen Posidonienschiefer zeige ich nach meiner Rückkehr.

Schöne Grüße, Thomas

Holger

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Re: Kerogen
« Antwort #9 am: Januar 31, 2010, 08:31:20 Vormittag »
Noch eine kleine Erbsenzählerei, die ich mir einfach nicht sparen kann :-[: auch Aufnahmen mit gekreuzten Polarisatoren sind Hellfeldaufnahmen! (Mit einer Dunkelfeld-Beleuchtung lässt sich kein orthoskopischer Strahlengang realisieren). Im internationalen Umgang sind folgende Bezeichnungen häufig: NPL= non-polarised light; LPL = linear polarised light = der übliche Zustand bei "faulen" Pol-Mikroskopikern, die den Polarisator im Kondensor immer eingeschaltet lassen; XPL = crossed polarisers/crossed polarised light. Es mag eine unwichtige Feinheit sein, aber LPL macht z.B. Pleochroismus sichtbar, der bei NPL nicht erkennbar wäre.

Hallo Thomas,

das ist natürlich richtig, und ich müsste eigentlich sagen, dass dies eine LPL-Aufnahme ist. (Scherzfrage: Wofür steht TPL in dieser Reihe? ;D)

Gruß,
Holger

Bernhard Lebeda

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Re: Kerogen
« Antwort #10 am: Januar 31, 2010, 14:09:24 Nachmittag »
. (Scherzfrage: Wofür steht TPL in dieser Reihe? ;D)



...für " totally polarized light" natürlich  ;D ;D


Bernhard
Ich bevorzuge das "DU"

Vorstellung