Micropta, Prag, No. 4628 (ca. 1930-1950?): Hilfe benötigt bei Feinfokustrieb

Begonnen von Zeitenfänger, August 12, 2024, 22:17:24 NACHMITTAGS

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Zeitenfänger

Guten Abend Mikroskop-Gemeinde,

Bin auf der Suche nach einem Spezialisten für Feinfokustrieb-Probleme.

Ich konnte als ungeplanten Spontankauf ein älteres klassisches Mikroskop erwerben.

Auf der Frontseite des Fokussiergehäuses trägt es die eingravierte Markierung "Micropta, Prag, No. 4628." Weitere Markierungen sind nicht vorhanden. Es gelang mir nicht, im Internet nähere Informationen zu Modell oder auch nur zur Firmengeschichte zu finden. Es ist nicht mal klar, ob es sich bei der Nummer 4628 um eine Modell- oder aber Seriennummer handelt.
Das Gewicht des Mikroskops beträgt 6,0 kg, es wirkt nicht billig gemacht sondern strahlt Solidität aus. Vermutlich war es für professionelle Anwendung bestimmt.
Die drei Objektive sind lediglich sparsam markiert mit Nummern 1/12, 3 und 6. Die drei Okulare sind markiert mit Nummern 2, 3 und 5. Ein erster Test mit Okular 2 zeigt ein scharfes Bild, bei kleinem Gesichtsfeld.
Es ist denkbar, dass es sich technisch an einem Zeiss-Modell jener Epoche anlehnt  Aufgrund des Erscheinungsbilds schätze ich den Fertigungszeitraum auf ca. 1930 oder etwas später. Gemäss einer Plakette auf dem zugehörigen Transport- und Aufbewahrungskasten wurde das Mikroskop von der Firma "Müller & Krempel" Zürich, in die Schweiz importiert (Firma 1920 von Lukas Krempel in Zürich gegründet).

Ich habe keine Erfahrung mit solchen Mikroskopen. Beabsichtigt ist, wenn überhaupt, der Einsatz im mineralogischen Bereich (Betrachtung von Kleinmineralien, Dünnschliffen etc., also eher bei niedrigen Vergrösserungen).

Das Mikroskop befindet sich äusserlich in einem fast neuwertigen Zustand, ohne Gebrauchsspuren. Der Fokustrieb läuft fein und gleichmässig. Leider funktioniert jedoch der Feinfokustrieb nicht. Der Drehknopf läuft zwar rund, leicht ungleichmässig, jedoch ohne jede Funktion und ohne Nebengeräusche. Habe als ersten Versuch, mit einem perfekt passenden Schraubenzieher, vorsichtig die obere kleine Abdeckplatte (mit der Feder darunter) abgeschraubt und ein wenig WD40 reingesprüht, ohne Wirkung.

Kann jemand helfen bei Fehlerdiagnose und Instandsetzung des Feinfokustriebs? Vorab herzlichen Dank für jegliche Hilfestellung.

Viele Grüsse,
Stephan

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Jürgen Boschert

Hallo Stephan,

auf Deinem letzten Bild ist klar ersichtlich, dass die Abdeckplatte sowie die Feder für den Feintrieb fehlt, das kann so nicht funktionieren. Außerdem sieht man klar, dass die Markierung für den Feintriebbereich (auf der rechten Seite unterhalb des Grobtriebknopfes zwei weiße Striche auf dem schwarzen Stativarm und gegenüber ein schwarzer Strich mit Punkt auf dem mattverchromten Triebgehäuse) am oberen Anschlag steht.
Das letzte Bild zeigt die Feintriebschwalbe messingfarben hinter dem chromfarbenen Grobtrieb. Dort erkennt man eine runde Bohrung, in die normalerweise eine kräftige Druckfeder gehört, die wiederum durch die ebenfalls fehlende Abdeckplatte in Position gehalten wird. So wird der beweglich Teil des Feintriebes gegen einen Stift oder ähnliches gepresst und damit ein spielfreies Funktionieren des Triebes Triebes gewährleistet.
Zieh mal die messingfarbene Schwalbe samt Grobtriebkasten vorsichtig nach oben heraus, dann kann man von vorne evtl. sehen, ob da noch etwas fehlt. Stelle davon dann gerne noch ein Foto ein. Kann sein, dass das durch verklebtes altes Fett nicht oder nur sehr schwer geht; da helfen dann Wärme (Fön) oder ein, zwei Tropfen Xylol.
Beste Grüße !

JB

Zeitenfänger

Hallo Jürgen,

Danke für die schnelle Rückmeldung.

Betr. Abdeckplatte sowie die Feder für den Feintrieb: diese habe ich ja selbst demontiert (habe ich in meinem Startbeitrag erwähnt).
Ich werde versuchen das gemäss deinen Angaben weiter zu demontieren und ein Foto zu machen.

Viele Grüsse
Stephan

Jürgen Boschert

Hallo Stephan,

entschuldige, das mit der Abdeckplatte und Feder habe ich irgendwie überlesen.

Beachte bitte: Es kann auch ein Trieb sein, bei der eine Kugel auf einem Kegel geführt wird, kann also sein, dass beim Herausziehen diese Kugel - keine Angst, hat einen Durchmesser von ca. 1/2 cm und es sind nicht wie bei einem Revolver viele- herausfällt.
Beste Grüße !

JB

Zeitenfänger

#4
Hallo Jürgen,

Ich habe die messingene Schwalbe mit dem Grobtriebkasten nach oben herausgezogen. Sass sehr stramm, konnte die Einheit, erst nach Applikation von Kriechöl, nur mit äusserster Fingerkraft von unten her nach oben pressen und abziehen. Es sind beim Demontagevorgang keine Teile weggeflogen. Eine Kugel ist mir nirgends aufgefallen.

Habe ein Foto gemacht (nun spätnachts in der Küche bei schlechten Lichtverhältnissen). Alles in von mir noch unberührtem Originalzustand wie zerlegt:
 
Oben die Innenseite mit dem Feintrieb. Die angeschraubte runde Scheibe dort dreht beim Betätigen des Feintriebknopfs.
Unten der Grobtriebkasten. Man sieht dort eine hellfarbige, mit Schraube gesicherte Scheibe. Diese dreht ohne Widerstand leer, ohne jede Wirkung auf das Wellritzel des Fokustriebs.
In eingebautem Zustand scheinen beide Scheiben miteinander zu interagieren. Das heisst es würde sich, wenn kein Irrtum vorliegt, um einen Reibradantrieb handeln, Metall auf Metall. In solchem Falle müsste aber die helle Scheibe eine kraftschlüssige Bewegung auf das Wellritzel des Fokustriebs mitteilen, was wie erwähnt nicht erfolgt. Entweder ist inwendig etwas ausgehängt oder defekt.

Ich hoffe das Foto ist für deine Diagnose hilfreich und dass eine Totalzerlegung nicht zwingend erforderlich ist.
Auf welche Teile soll ich mich jetzt konzentrieren?

Viele Grüsse
Stephan

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Werner

Das ist kein Reibradantrieb, sondern ein Exzenter, der den gesamten Block des Grobtriebs auf- und ab bewegt. Die kleinere Scheibe ist das Kontaktstück, frei drehbar gegen Abrieb durch die Exzenterscheibe. Beide Scheiben zudem gehärtet und feingeschliffen.
Wenn Du das alte Fett mit Benzin auswäschst und die Teile neu fettest, funktioniert das wieder einwandfrei. Das Fett ist hier unkritisch, erbetteltes Getriebefett oder Kugellagerfett aus der Autowerkstatt genügt.

Gruß - Werner

Jürgen Boschert

#6
Hallo Stephan,

es ist so, wie Werner geschrieben hat. Wenn die Friktion beim Drehen des Feintriebes für Dich o.k. und das Drehen ohne "Kratzen und Ruckeln" gleichmäßig ist, sollte eine Totalzerlegung nicht erforderlich sein. Die Gleitbahnen müssen gründlich gesäubert werden. Das ganze sollte nach zusammenstecken der Schwerkraft folgend alleine gleiten; für die Bahnen sollte man kein Haftfett verwenden.
Beste Grüße !

JB

Zeitenfänger

#7
Hallo Werner,

Vielen Dank für den hilfreichen Tipp! Ja, jetzt erst fällt mir auf, dass es sich bei der grösseren Scheibe um einen Exzenter handelt. (War schon spät gestern Nacht...)
Habe die Schwalbe mit Aceton gründlich von den alten festgeharzten Fettresten gereinigt, jetzt läuft das wieder fein in den Führungen. Bei Drehen des Feintriebknopfs läuft nun der gesamte Block des Grobtriebs, wie von dir erwähnt, auf und ab (innerhalb eines auf wenige mm beschränkten Wegs). Bin froh, dass das wieder läuft und inwendig nichts gebrochen ist. Freude herrscht!

Danke auch an dich Jochen für die freundliche Hilfestellung!

Eine letzte Frage vor dem finalen (gefetteten) Zusammenbau: gibt es eine Einbauvorschrift, in welcher Stellung die Exzenterscheibe stehen soll, bevor das Gegenstück in der Schwalbe abgesenkt und dann oben wieder verschraubt wird?
Anmerkung dazu: die Exzenterscheibe weist oben am Rand eine ganz kleine rechteckige Kerbe auf (siehe Foto oben), es ist unklar, ob es sich um eine Einbaumarkierung handelt, oder ob die Stellung der Kerbe ignoriert werden kann.

Viele Grüsse
Stephan 

Jürgen Boschert

Hallo Stephan,

die Kerbe dient lediglich als sensitive Rückmeldung, dass der Feintrieb den tiefsten Punkt erreicht hat; egal von welcher Drehrichtung kommend, ab diesem Punkt wird der Tubus wieder angehoben.
Beste Grüße !

JB

Zeitenfänger

Das Gerät ist wieder zusammengebaut und funzt nun wie in seinen besten Tagen.

Wolfgang und Jürgen, eure freundliche Hilfestellung war absolut zielführend. DANKE! Ohne eure Infos hätte ich mich verrannt und unnötigerweise viel zu viel demontiert, mit damit einhergehendem Beschädigungsrisiko.

Gutes Forum hier!

Viele Grüsse
Stephan 


Gerd Schmahl

Hallo Stephan,
ZitatBeabsichtigt ist, wenn überhaupt, der Einsatz im mineralogischen Bereich (Betrachtung von Kleinmineralien, Dünnschliffen etc., also eher bei niedrigen Vergrösserungen).

Lässt sich der Tisch um 360 Grad drehen? Dann wäre eventuell die Nachrüstung mit einer einfachen Polarisationseinrichtung sinnvoll. Da machen Gesteinsdünnschliffe gleich sehr viel mehr Freude.

Weißt Du wo die Polarisationsfilter platziert werden müssen? Wenn nicht gebe ich Dir gerne ein paar Tipps.

LG Gerd
Man sagt der Teufel sei, im Detail versteckt,
doch hab' ich mit dem Mikroskop viel Göttliches entdeckt.

Zeitenfänger

Hallo Gerd,

Ja, der runde Tisch lässt sich 360° drehen. Allerdings möchte ich nicht zu viel Zubehörkosten in dieses historische Mikroskop investieren. Alleine schon die drei originalen Huygens-Okulare, die zwar eine hervorragende Mittenschärfe, aber eben nur ein Huygens-typisches sehr kleines Gesichtsfeld offerieren, sind nicht ganz optimal.  Ich habe dieses Micropta-Mikroskop mehr aus Nostalgie und zur Deko gekauft. Ich bin durchaus ein notorischer Ästhet. Sein völlig neuwertiger Zustand gab mir den spontanen Kaufimpuls, sonst hätte ich es stehen gelassen.

Ich befasse mich, mit Unterbrüchen, schon seit vielen Jahren bzw. Jahrzehnten mit Geologie, hist. Bergbau- und Hüttenkunde und Probierkunst. Erze und Mineralien begeistern mich.
Von daher wäre die Anschaffung eines modernen Stereomikroskops schon LÄNGST überfällig. Zweiäugiges räumliches Sehen ist so viel entspannender. An meinem astronomischen Refraktor habe ich schon vor 10 Jahren alles auf Bino-Betrieb (Baader Mark V Grossfeld-Binoansatz) umgestellt. Wer erstmal beidäugig beobachtet, will nicht mehr zurück.
Bis jetzt scheiterte die Anschaffung eines guten Stereomikroskops an Budgetproblemen. Und meine Frau ist leider krebskrank. Das wirft einen zurück. Momentan passt es finanziell nicht. Ich hoffe, dass ich stereomikroskop-mässig mittelfristig dann endlich doch mal hinmachen kann.

Viele Grüsse
Stephan   

spectator

Hallo,
noch ein paar Gedanken zur Datierung:
Von 1918 bis 1938 und wieder ab 1945 würde auf dem Mikroskop "Praha" stehen.
Die äußere Form passt nicht zu einem Mikroskop vor 1918, also aus der österreichischen k&k. Monarchie.
Also muß das Mikroskop wärend der Jahre 1939-1945 während der deutschen Besatzung (Protektorat) gefertigt worden sein.Vieleicht hieß die Herstellerfirma auch nur während dieser Zeit Micropta.
Während der sozialistischen Zeit sind dann die kleineren optisch-mechanischen Betriebe in der CSSR im Staatabetrieb Meopta zusammengefaßt worden.
Auf jeden Fall. Ein schönes und perfekt erhaltenes Stück, meinen Glückwunsch dazu!

Viele Grüße

Helmut
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt!

RainerTeubner

Mikroskop: Carl Zeiss Standard Universal
Bildbearbeitung: Gimp, Helicon focus und picolay
Kamera: Canon EOS 5D II

beamish

In einer amerikanischen ebay-Auktion gibt es einen Micropta-Katalog (leider undatiert). Danach handelt es sich bei deinem Mikroskop um das Modell Vr.
Micropta-Katalog
Grüße
Martin

PS: Rainer war schneller...
Zeiss RA mit Trinotubus 0/100
No-Name China-Stereomikroskop mit Trinotubus
beide mit Canon EOS 500D