Mikroskopische virtuelle Kuriositäten- und Wunder-Kammer ( MVKWK )

Begonnen von purkinje, August 24, 2024, 15:03:13 NACHMITTAGS

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purkinje

Wertes Forum,
dieses Bild zeigt den heute vor 65 Jahren ermordeten ersten Präsidenten des seit 1960 unabhängigen Kongo Patrice Lumumba mit der Tochter von Ernst Leitz II Elsie Kühn-Leitz, welche sich damals verstärkt für wirtschaftliche Kontakte der BRD zur jungen Republik Kongo einsetzte

 die lesenswerte Quelle: Das Erbe von Elsie Kühn-Leitz:
,,Um Frieden zu sichern, muss man Menschen verbinden"

Beste Grüße Stefan

purkinje

#31
Wertes Forum,
heute ein weiteres kurioses Kapitel der Mikroskopie:

Wilhelm Reich als Mikroskopiker oder ,,Bione" in Leervergößerung

Wilhelm Reich, dieser umstrittenste Tausendsassa unter den Schülern Sigmund Freuds war sehr vieles, auch ein Mikroskopiker, wenn auch nicht der begnadetste.
Nach seinem Tode, in den 1960er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden seine Schriften– insbesondere "Funktion des Orgasmus", "Massenpsychologie des Faschismus" und "Charakteranalyse" zu Bestsellern.  Der Begriff der sexuellen Revolution leitet sich vom deutschen Titel einer seiner Schriften ab.

Bei seinen vielgestaltigen Forschungen befasste er sich ab den 1930er Jahren mit mikroskopischen Phänomenen, die seine vitalistischen Ansichten stützen sollten, auf der Suche nach mikroskopischen Belegen einer ,,Lebenskraft" .
Er glaubte, dabei ,,Energiebläschen" entdeckt zu haben, die er Bione nannte. Als ,,elementare Funktionseinheit aller lebenden Materie" entstünden sie in der Natur ständig ,,durch einen Auflösungsprozess anorganischer und organischer Materie", seien kultivierbar und ,,können sich zu Protozoen und Bakterien entwickeln." Den Auflösungsprozess meinte Reich auch bei einer Untersuchung der Probe des Gewebes eines Krebskranken festzustellen.

Dies geschah auch im Exil in Norwegen, wo er weiter forschte.
Eine seiner engsten Mitarbeiterinnen war Gertrud Mayer, die durch ihre Arbeit ihren Lebenspartner, den jungen Willy Brandt auch materiell unterstützen konnte. Auch hatte Willy Brandt wohl als Proband an Reichs bioelektrischen Versuchen teilgenommen. Sie folgte Reich später noch in die USA wo es jedoch bald zu einem Zerwürfnis kam.

Doch zurück zur Mikroskopie:
Ursprünglich verwendete Reich ein Leitz Mikroskop
Reichs Leitz.jpg
bevor er 1936 das gerade erst von Reichert auf den Markt gebrachte große Universal Mikroskop Z  mit Einrichtung zur Mikrokinematografie erwarb.
Reichs Reichert 2.jpg
Es ist überliefert ,dass er seine Untersuchungen im Dunkelfeld mit bis zu 3000x facher Vergrößerung (Objektiv 100:1) und Hellfeldbeobachtungen  zwischen 1600 und regelmäßig 3500fach, vereinzelt sogar höher (bis 5600x) durchführte.
Dies ist wohl auf die Verwendung von Okularen 20x und 25x verbunden mit einem Tubusfaktor von 1,5 und einem alten Seibert Fluoritobjektiv 150:1 zurückzuführen. Nehmen wir eine Apertur von 1,3 an so liegt der Bereich der förderlichen Vergrößerung jedoch nur zwischen 650 bis 1300x.
Diese Beobachtungen an der Auflösungsgrenze mit ungleich in die Höhe getriebener Vergrößerung wie auch das Verkennen von Brownscher Molekularbewegung, also Bewegungen ohne Leben, verursachten Fehlinterpretationen und führten zu teils abenteuerlichen Theorien.
Die ,,Fundgeschichte" des oben erwähnten uns heute eher sonderbar erscheineneden Durchlicht-Objektivs mit einer Vergrößerung von 150:1 von Nagy soll noch erwähnt werden. Dieses Objektiv wird von den Freunden der Reichschen Bionenforschung gerne als Erklärung für die Nichtreproduzierbarkeit der allemeisten Beobachtungen durch andere Forscher ins Feld geführt, kann aber auch nur bestenfalls eine n.A. von max 1,4; eher 1,3 aufgewiesen haben. Nagys Fundbericht diese Objektivs und seine Tests lesen sich, trotz fehlenden Bildern und stichhaltigen Erklärungen reichlich amüsant (Link s.u.).

Niemand geringerer als Wilhelm Foissner befasste sich mit einigen seiner Beobachtungen in einem kurzen Artikel 2013 im Mikrokosmos. Dort werden auch ein paar von Reichs Aufnahmen gezeigt (link s.u.)
Feussners kritische Würdigung des ,,zellbiologisch" arbeitenden Reich entspricht auf wenigen Seiten doch viel mehr den Tatsachen als die Publikation von Strick auf beinahe 500 Seiten. Dort wird die immense Leervergrößerung zwar erwähnt, der damit einhergehende fehlende Auflösungsgewinn negiert und mit anekdotischer Evidenz versucht die Beobachtungen zu retten. Erneut soll das ominöse 150x Objektiv als Erklärung für die Nichtreproduzierbarkeit herhalten.
Reichs Beobachtungen und Theorien widersprachen Ende der 1930er Jahre bereits einigen damaligen Erkenntnissen der Zellbiologie, auch wenn diese noch deutliche Lücken hatte. Stattdessen hätten diese besser in die ,,naturromantische Periode" der frühen Zellbiologie zur Wende vom 19. zum 20 Jh gepasst, von der Reich wohl auch geprägt war, da half auch nicht das allerneueste Mikroskop von Reichert.
Einige seiner auf anderen Gebieten stärkeren und durchaus der Zeit vorausschauenden Beobachtungen machte Reich auf alle Fälle ohne ein Mikroskop.


Wilhelm Feussner: Die sonderbore Protozoologie des Wilhelm Reich {1897-1957) Mikrokosmos 102 ,2013, S 74-77

Steven S. Nagy: Rediscovering Dr Reichs 150x microscope objective, 2003   

James E. Strick: Wilhelm Reich, biologist. Harvard University press 2015

Beste Grüße Stefan