Historische Diatomeen-Präparate : Coscinodiscus bulliens

Begonnen von Carsten Wieczorrek, Heute um 19:40:26 NACHMITTAGS

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Carsten Wieczorrek

Hallo,
hier ist ein weiters historisches Präparat.


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Bild 1: Coscinodiscus bulliens

Der Objektträger entspricht in seiner Größe exakt den heutigen Standardmaßen. Seine Dicke ist 1,1 mm und damit recht dünn. Die Kanten sind rundherum geschliffen und rund poliert.

Auf dem Objektträger sind 3 Etiketten. Oben ein rechteckiges Etikett, dass in gedruckter Schrift "FOSSIL DIATOMACEA" zeigt. In der Fußzeile steht "For        Objective", leider ohne Angabe, welches Objeltiv gemeint ist. In den drei freien Textzeilen steht handschriftlich "Coscinodiscus Bulliens" und "No" ohne Angabe einer Nummer. Unten gefindet sich ein rautenförmiges Etikett mit der gedrukten Beschriftung "WARD PREPARER FOR OBJECTIVE MANCHESTER". Der Hinweis "FOR OBJECTIVE" deutet nach Google darauf hin, dass dieses Objekt als Auflösungstest-Objekt gedacht war.

Das Präparat wird von einem runden Deckglas verschlossen. Dieser ist mit einem dicken weißen Lackring versiegelt. Laut Google ist es ein Markenzeichen von Ward, dass er auf den weißen Lackring weitere, bis zu 4, extrem dünne Lackringe gesetzt hat, um zu zeigen, wie fein er arbeiten kann. Das Diatmomeen Ensamble ist dann noch mit einem feinen roten Ring markiert.

Edward Ward (1844–1901) – Lebensstationen

1844: Geburt in Manchester. Über seine frühen Jahre ist wenig bekannt; er begann als Amateur-Naturforscher mit einer großen Leidenschaft für die Mikroskopie.

1860–1870: Ward arbeitet zunächst in anderen Berufen, perfektioniert aber im Privaten seine Präparationstechniken. Er spezialisiert sich auf die Ästhetik der Mikroskopie (Symmetrie und Lackringe).

1880: Gründungsmitglied der berühmten Manchester Microscopical Society. Er war dort eine treibende Kraft und blieb zeitlebens eng mit der Gesellschaft verbunden.

1881: Ward macht sein Hobby zum Beruf und eröffnet sein Geschäft in der 249 Oxford Street, Manchester. Er etabliert sich schnell als einer der führenden kommerziellen Präparatoren Englands.

1883: Er gewinnt eine Goldmedaille auf der National Fisheries Exhibition in London für seine mikroskopischen Schnitte und Diatomeen-Präparate.

Um 1890: Umzug des Geschäfts in die Burlington Street, Manchester. In dieser Zeit entstehen seine aufwendigsten "Arranged Slides" (gelegte Diatomeen).


Was sieht man? Wie immer ungeputz, 10er Planachromat im DIK.



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Bild 2: 0er Planachromat im DIK

Auch hier kommt noch ein Nachschlag,
Carsten
Für's grobe : GSZ 1
Zum Durchsehen : Amplival Hellfeld, Dunkelfeld, INKO, Phasenkontrast
Zum Draufsehen : Vertival Hellfeld, Dunkelfeld
Zum Polarisieren : Amplival Pol u Auf-/Durchlicht
Für psychedelische Farben : Fluoval 2 Auflichtfluoreszenz
Für farbige Streifen : Epival Interphako

Carsten Wieczorrek

Hallo,

auch hier kommt noch ein Bild mit dem 40/0,65. Bilder mit dem 100 sind leider nicht möglich, da der Lackring so dick ist, dass sich das 100er NICHT scharf stellen läßt.


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Bild 3: 40/4,65 im DIK

Auch hier möchte ich Euch die Analyse der KI nicht vorenthalten:


Bestimmung: Coscinodiscus lineatus (nach aktueller Taxonomie oft Thalassiosira leptopus)
(Größenangabe: 95 µm)

1. Strukturanalyse:

Symmetrie: Radiärsymmetrisch (zentrisch), exakt kreisförmiger Schalenbau.
Rippenstrukturen & Zentrum: Es ist kein abgesetztes oder hyalines Zentrum vorhanden. Es gibt weder eine Zentralrosette (wie z. B. bei C. asteromphalus) noch Rippen, Strahlen oder Ocellen. Der Randbereich ist schmal abgesetzt.

Areolenmuster: Dies ist das absolute und diagnostisch entscheidende Hauptmerkmal. Das grobe, wabenförmige (hexagonale) Areolennetz verläuft nicht radial (strahlenförmig) vom Zentrum zum Rand. Stattdessen sind die Areolen in strikt geraden, zueinander parallelen Reihen angeordnet. Diese Reihen durchziehen die gesamte Schalenfläche und kreuzen sich in drei Richtungen (ein sogenanntes decussates oder lineares Muster).

2. Am besten passende Taxa:

Coscinodiscus lineatus – 90 % (Das durchgehende, konsequent geradlinig-parallele Wabennetz über die gesamte Fläche hinweg ist das namensgebende Lehrbuchmerkmal dieser Art. Die von Ihnen gemessenen 95 µm passen zudem perfekt in das Größenspektrum).

Thalassiosira eccentrica (früher Coscinodiscus excentricus) – 8 % (Hat ebenfalls ein nicht-radiales Netz, jedoch verlaufen die Wabenreihen hier typischerweise exzentrisch, also in leicht gebogenen, tangentialen Bündeln und nicht in derart exakt geraden, durchgehenden Linien).

Coscinodiscus radiatus – 2 % (Ähnelt in der Grundform und Wabenstruktur, fällt anatomisch aber sofort heraus, da die Waben dort zwingend strahlenförmig (radial) vom Zentrum ausgehen).

3. Fazit:
Das Fehlen einer Zentrumsstruktur in Kombination mit dem höchst markanten, nicht-radialen Wabenmuster erlaubt eine sehr genaue Eingrenzung. Da die Areolen hier streng in geraden, zueinander parallelen Linien quer über die gesamte Schale verlaufen (und nicht gebogen oder radial), ist die anatomische Bestimmung als Coscinodiscus lineatus (bzw. Thalassiosira leptopus) eindeutig. Das DIK-Verfahren bringt dieses geometrische "Linien-Muster" auf der 95 µm großen Schale exzellent zur Geltung.

Ich habe mich dann noch getraut, zu fragen "Äh, auf dem 150 Jahre alten Objektträger steht aber Coscinodiscus bulliens":


Bewertung des historischen Etiketts: "Coscinodiscus bulliens"


Dass auf solch historischen Präparaten Namen stehen, die nicht mit der heutigen Systematik oder der tatsächlichen Morphologie übereinstimmen, ist sehr typisch für die Mikroskopie des 19. Jahrhunderts.

Hier ist die fachliche Einordnung zu dem Etikett:

1. Taxonomischer Hintergrund:
Die Art Coscinodiscus bulliens existiert tatsächlich. Sie wurde um 1878 von Adolf Schmidt in seinem berühmten "Atlas der Diatomaceen-Kunde" erstbeschrieben und tritt oft in marinen Fossilien (wie Oamaru oder Barbados) auf.

2. Morphologischer Abgleich (Warum das Etikett falsch ist):

Die Literatur sagt: Coscinodiscus bulliens wird in der wissenschaftlichen Literatur eindeutig mit Areolen beschrieben, die in radialen Reihen oder in konzentrischen/tangentialen Bögen verlaufen. Zudem weist die Art oft einen Ring aus markanten Dornen nahe dem Schalenrand und leicht veränderte Areolen im Zentrum auf.

Ihr Bild ("Präparat Ward") zeigt: Ein makelloses, streng geradliniges (lineares/dezussiertes) Wabennetz, das sich exakt parallel quer über die gesamte Schale zieht, völlig ohne radiäre Ausrichtung oder Zentrumsstruktur.

3. Fazit:
Das 150 Jahre alte Etikett ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine historische Fehlbestimmung des damaligen Präparators. Die sichtbare Anatomie in Ihrem DIK-Bild schließt C. bulliens völlig aus. Das streng parallele Linienmuster ist und bleibt das absolute, unumstößliche Hauptmerkmal von Coscinodiscus lineatus (nach moderner Nomenklatur Thalassiosira leptopus). Sie können Ihrer eigenen fotografischen Evidenz hier mehr vertrauen als dem alten Objektträger!
Für's grobe : GSZ 1
Zum Durchsehen : Amplival Hellfeld, Dunkelfeld, INKO, Phasenkontrast
Zum Draufsehen : Vertival Hellfeld, Dunkelfeld
Zum Polarisieren : Amplival Pol u Auf-/Durchlicht
Für psychedelische Farben : Fluoval 2 Auflichtfluoreszenz
Für farbige Streifen : Epival Interphako