Mikroskop-Kurs am Gymnasium

Begonnen von ortholux, März 25, 2026, 12:10:40 NACHMITTAGS

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Gerd Schmahl

#15
Hallo Wolfgang,
um mit dem Mikroskop sinnvoll arbeiten zu können, sind nicht nur grundlegende Kenntnisse im Umgang mit den konkret zur Verfügung stehenden Geräten notwendig (Einführung dauert ca. 1h). Von den konkreten Geräten und eventuell vorhandenem Zubehör hängt es auch ab, ob man außer Hellfeld auch weitere Kontrastverfahren anwenden kann. Es könnte ja nicht nur um das "Was gucken wir an?" gehen, sondern auch um Beleuchtungsverfahren (Bastelecke Rheinbergbeleuchtung, Polfilter aus Folie bauen, "Kreutzblende" für schiefe Beleuchtung oder Dunkelfeld-Zentralblenden aus Centstücken bauen, die auf Münzschachtelhälften geklebt werden)

Die zweite wichtige Sache sind grundlegende Präparationstechniken. Dergleichen lässt sich gut an Stationen vermitteln. z.B. je eine Station an der
- Oberflächenabdrücke mit Fingernagellack (farbloser Finish)genommen werden. Klassische Objekte sind Blätter, es geht aber z.B. auch mit Haaren sehr gut, um deren Oberflächenstruktur zu ergründen. Hier braucht es kein Fachpersonal, wenn eine gute Arbeitsanleitung vorliegt (Leseanlass).
- (Hand-)Schnitte (mit Rasierklinge oder Cutterklinge - Gefährdungsbeurteilung!) z.B. von Efeu Stängeln und Blättern (ganzjährig verfügbar) oder von einer Kartoffel-das sollte aber schon mal jemand zeigen. Die Schnitte müssen nicht, können aber gefärbt werden, z.B. mit FCA (ist unproblematisch), sollen aber nur frisch betrachtet werden, da Dauerpräparate zu zeitaufwendig und chemikalienlastig. Im Efeu gibt es auch schöne Oxalatkristalle (Polarisationsmikroskopie) und in der Kartoffel die Stärkekörner, die mit der gleichen Technik zum Leuchten gebracht werden können (typisches Stärkekreuz)
- Austrich-Technik z.B. Zahnbelagsbakterien entweder lebend (wenn man verschieden Kontrastverfahren vermitteln möchte wäre das die Gelegenheit für Dunkelfeld und/oder die schiefe Beleuchtung) oder in Tusche eintrocknen. Die Bakterienformen (Kokken, Streptokokken, Bazillen, Spirillen) sind dann leuchtend aus dunkler Umgebung zu sehen.
-Kristallpräparate durch Kristallisation aus Lösungen oder Sublimation (Coffeinkristalle aus erhitztem Kaffeepulver). Spannend ist auch den Kristallen beim Wachsen zuzusehen, wenn sich am Rand des Lösungstropfens erste Kristalle bilden und auch die Auflösung, wenn man einen Tropfen Wasser an den Rand des vollständig eingetrockneten Tropfens gibt.

Weitere grundlegende Arbeitstechniken findest Du in Form von bebilderten Arbeitsblättern im Einführungskurs Mikroskopie von Martina und Günther Zahrt.

In meiner Mikroskopie-AG verbinde ich gerne eine Präparationstechnik (z.B. Kristallpräparate herstellen) mit einer technischen Komponente bzw. einem Kontrastverfahren (in diesem Fall Polarisationsmikrokopie).
Mir geht es dabei darum, den Kindern/Jugendlichen grundlegende Arbeitstechniken zu vermitteln, mit denen sie sich dann die Sachen, die sie interessieren, selber erschließen können. Das klappt mit jüngeren Schülern nur sehr bedingt ("Was gucken wir heute Schönes an?") mit älteren aber schon ("Ich möchte mir die Spaltöffnungen meiner Kakteen ansehen").

Eine schönes Hilfsmittel, die Aufmerksamkeit der Menschen (egal ob Kind oder Erwachsener) etwas zu bündeln ist es, einen Faden in eine Wiese zu legen oder über einen Strauch und entlang des Fadens mit einer Lupe das Gras/den Strauch genau anzusehen. Dann kann sich jeder interessante Bereiche herausgreifen (z.B. ein Blatt mit Insekteneiern, die er sonst nicht gefunden hätte) um sie mit Stereolupe und/oder Mikroskop noch näher zu betrachten.

Beste Grüße
Gerd
Man sagt der Teufel sei, im Detail versteckt,
doch hab' ich mit dem Mikroskop viel Göttliches entdeckt.

Stuessi

#16
Lieber Wolfgang!

Sei vorsichtig mit diesem Thema und vergiss alles, was Dein Sohn schon weiß!

Als Thema würde ich "Die Welt im Kleinen" wählen.

Einige Kinder können kleine Gegenstände aus nächster Nähe sehen, andere benötigen dafür eine Lupe.

Wie hält man eine Lupe?
Was kann man damit sehen?
Wieviel vergrößert sie?
Was bedeutet "vergrößern"?
Becherglas mit Lupe basteln ...

Stereo Lupe, weil die Handhabung so bequem ist. Oben, unten- rechts links bleiben erhalten.
Auflicht / Durchlicht
(Die Bibel auf einem Objektträger.)

Dann kommt evtl. der Wunsch nach stärkerer Vergrößerung: Mikroskop

Mikroskop ohne Bino:

seitenverkehrt

(Bis zu diesem Zeitpunkt sollte der Physiklehrer mitwirken.)

Durchlicht
Präparation

Stereo würde ich ganz der Kunstlehrerin und dem Physiklehrer anvertrauen.

Was bedeutet räumliches Sehen?
Parallelblick
Hilfsmittel zum Betrachten basteln.

Perspektive in der Kunst.

Liebe Grüße,
Rolf

p.s.

2 Stereolupen Wild M1 kann ich Dir leihen. Komm mal vorbei!

mhaardt

Ein Tropfen aus stehendem Regenwasser auf einen Objektträger, ein Deckglas drauf, und man kann eine Menge entdecken, ohne Schnitt und ohne Chemie.

Ich weiß nicht, ob es schon welche gibt, aber Grasmilben (heißen mit Sicherheit anders) sind unter dem Mikroskop sehr interessant. Man fängt sie, indem man abends ein weißes Blatt auf den Rasen legt. Aus irgendeinem Grund krabbeln sie da drauf und sind als dunkle Punkte zu sehen. Man kann sie im Dunkeln dann mit einem Tesastreifen vorsichtig abnehmen. Auf einen Objektträger und ein Monster erscheint.

Für eine Projektwoche wäre es nicht schlecht, die verschiedenen Aspekte der Mikroskopie strukturiert zu bearbeiten, d.h. Benutzung (Vergrößerung durch Objektiv/Okular, Scharfstellen, etwas finden), Optik (warum braucht man das Deckglas, Beleuchtungsarten, warum kann man nicht endlos vergrößern, Tiefenschärfe), physikalische und biologische Objekte ... Wenn man das unstrukturiert angeht, wird es bestensfalls unterhaltsam, vielleicht aber auch nur sinnlos und langweilig.

Michael

ortholux

Liebe Kollegen,

das ist eine schöne Fülle an Ideen, Informationen und Angeboten.

Danke dafür.

@Peter Reil
Danke für Dein Angebot, aber ich bekomme von einem anderen Kollegen verschiedene Kulturen.

Herzliche Grüße
Wolfgang

Uromastyx

Entwarnung für Heuaufguss?

Habe gerade von einer Kollegin einen aktuellen Hinweis bekommen:

Für den Biologieunterricht in Baden Württemberg gibt es eine Musterausführung der
"Tätigkeitsbezogenen Gefährdungsbeurteilung... Experimente mit biologischen Arbeitsstoffen... der Schutzstufe 1"
Darin ist Heuaufguss, Teichwasser, Mikroorganismen in Lebensmitteln,... ausdrücklich unter den eigentlich selbstverständlichen Sicherheitsmaßnahmen erlaubt.

"... durch eine fachkundige Lehrkraft..."

"Bei Arbeiten mit Teichwasser, Bodenproben oder einem Heuaufguss dürfen keine offensichtlich kontaminierten Proben - z.B. Abwasser, Klärschlamm - verwendet werden.

Übrigens ist laut der gleichen Quelle auch Methylenblau im Unterricht wieder zulässig!

Ich finde sehr interessant, dass diese Gefährdungsbeurteilungen auch im Namen der Unfallkasse Baden - Württemberg herausgegeben wurden - diese Strelle steht eigentlich bei naturwissenschaftlichen Lehrkräften deutlich im Verdacht, alle Experimente möglichst abschaffen zu wollen - Ziel "YouTube - Chemie"

Für Baden - Württemberg findet man die Gefährdungsbeurteilungen und zugehörige Erläuterungen unter:
https://sichere-schule.kultus-bw.de/,Lde/Startseite/themenspezifische-hinweise/gefaehrdungsbeurteilungen-biologieunterricht#anker25255426

Vermutlich gibt es Ähnliches auch für andere Bundesländer?

Viele Grüße
Gerd

Gerne per Du!

Naturkundeverein Schwäbisch Gmünd:    http://www.nkv-gd.de/

Meine Lieblingsmikroskope:
Zeiss PhoMi II mit Phaco und Polkontrast
Orthoplan - Phaco, Ploemopak, Hiller- LED
und diverse LOMO!

Uromastyx

Was mir aktuell nicht ganz klar ist:

Wie sieht das bei Handschnitten mit Rasierklinge / Cuttermesser aus?

In den letzten Jahren sollte durfte (?) an der Schule nur so etwas wie das Haga - Kastenmikrotom benutzt werden, hier ist die Klinge "fingersicher", das Gerät ist aber so gut wie unbrauchbar.

Weiß da jemand etwas?

Viele Grüße
Gerd
Gerne per Du!

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liftboy

Hallo Gerd,

Zitatdas Gerät ist aber so gut wie unbrauchbar.

na na na, so würde ich das nicht stehen lassen! Ich habe viel damit gearbeitet (und zufriedenstellend). Allerdings mit einer Einschränkung: Der Probentransport musste vorher optimiert werden, sonst waren die Schnitte entweder zerrissen, zu dick oder keilförmig. Das war aber nicht kompliziert (Rolf-Dieter [Gott hab Ihn selig] hat das mal im Forum dokumentiert; ist aber schon lange her und ich finds nicht mehr).

Grüße
Wolfgang
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=785.msg3654#msg3654
LOMO-Service
Das Erstaunen bleibt unverändert- nur unser Mut wächst, das Erstaunliche zu verstehen.
Niels Bohr

Peter Reil

Hallo Gerd,

ich zitiere mal: "Grundsätzlich muss für jede Tätigkeit und jedes Experiment die Gefährdungsbeurteilung vor der erstmaligen Aufnahme der Tätigkeit zur Festlegung der notwendigen Schutzmaßnahmen durchgeführt werden. Die Gefährdungsbeurteilung ist von einer fachkundigen Person zu erstellen und zu dokumentieren."

Das ist die ganze Krux.
Bevor du einen Hammer, eine Zange, einen Lötkolben, eine Batterie im Technikunterricht, Ölfarben in Kunst, Mikrotom in Biologie, Mikroskop im Projekt, Heuaufguss, sonstige Wassertierchen, und ..... einsetzt, solltest du immer diese Gefährdungsbeurteilung erstellen und  - nicht vergessen - dokumentieren!

Die Idee für diesen ganzen Aufwand ist, Unfälle im Unterricht zu vermeiden. Das ist per se ja nicht schlecht. Da wurden dann ein paar Leute beauftragt, deren Aufgabe es war, alle Möglichkeiten durchzuspielen, wo Unfälle entstehen können. Und die haben sich ausgetobt, die Bürokratie und die Juristen haben noch ihren Senf dazu gegeben - und enstanden sind dann Unmengen neuer Vorschriften/Handreichungen/Erlasse.

Früher wurde mit dem gesunden Menschenverstand entschieden. Heute muss alles kleinlichst vorgegeben werden.

Gruß
Peter

PS: Solange nichts passiert, ist fast alles erlaubt.  ;D
Meine Arbeitsgeräte: Olympus BHS, BHT, CH2, CHK, Olympus SZ 30, antikes Rotationsmikrotom

Uromastyx

Hallo Wolfgang,

ja, Dein Einwand ist sicher berechtigt.
Auch ich erinnere mich dunkel an eine Anleitung, wie man das Haga - Mikrotom benutzbar machen kann - habe sie aber auch nicht mehr gefunden.

Vielleicht sind auch verschienden Bauserien nicht gleich gut / schlecht, in meiner Schule haben wir 3 Stück, bei denen auch ist keine vernünftige geschmeidige Messerbewegung möglich.

Wenn irgendwo die Anleitung für die Präparateklammer auftaucht, versuche ich (als "Halbrentner") mal, die Geräte unterrichtstauglich zu machen.

Viele Grüße
Gerd
Gerne per Du!

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Uromastyx

Hallo Peter,

Als ich (im letzten Jahrtausend) von meinem damaligen Bio- Fachleiter gehört habe, dass Kollegen zum Herstellen von Blutausstrichen die berüchtigten "Schnäpper" benutzt haben - ohne Desinfektion - wurde mir erstmals klar, dass vielleicht hier Aufklärungsbedarf besteht. (Gesunder Menschenverstand?)
Im Gegensatz dazu verlangte unser Fachleiter Chemie Demonstrationsversuche im Unterricht, die an der Uni streng verboten waren. (Gesunder Menschenverstand?)

Leider wird vielen Kollegen im Studium zu wenig beigebracht, wie man sicher experimentiert und stattdessen Angst gemacht (weiß ich aus erster Hand von jungen Kolleginnenund Kollegen an meiner Schule).

Ich erinnere mich an einen Beitrag in der Zeitschrift "Kultus und Unterricht" (offizielle Pflichtpublikation des Kultusministeriums Baden - Württembertg) von ca. 1986:
Eine Anfrage im Landtag, ob man nicht angesichts vieler Unfälle Experimente in Chemie, Physik und Biologie völlig verbieten sollte.
Antwort: über 99% aller Unfälle an der Schule finden im Sportunterricht statt, in den Naturwissenschaften (damals) deutlich weniger als 1 Unfall pro Jahr im Bundesland.

Und dann gibt es ja immer wieder mal von Verwaltungsseite die geniale Idee, "einfache Fächer" wie Biologie könnt man ja auch fachfremd unterrichten...

Hoffnungsvolle Grüße
Gerd
Gerne per Du!

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Hugo Halfmann

Zitat von: liftboy in Heute um 11:11:31 VORMITTAGHallo Gerd,

Zitatdas Gerät ist aber so gut wie unbrauchbar.

na na na, so würde ich das nicht stehen lassen! Ich habe viel damit gearbeitet (und zufriedenstellend). Allerdings mit einer Einschränkung: Der Probentransport musste vorher optimiert werden, sonst waren die Schnitte entweder zerrissen, zu dick oder keilförmig. Das war aber nicht kompliziert (Rolf-Dieter [Gott hab Ihn selig] hat das mal im Forum dokumentiert; ist aber schon lange her und ich finds nicht mehr).

Grüße
Wolfgang

Hallo Wolfgang, die Google KI hat das hier ausgespuckt:

https://www.mikroskopie-bonn.de/_downloads/MKB_Artikel_Haga_Allmikro_Mikrotom_RDM_WSS_110617.pdf

Viele Grüße aus dem Bergischen Land

Hugo Halfmann