Autor Thema: Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung  (Gelesen 9315 mal)

Holger Adelmann

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Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung
« am: Februar 21, 2011, 15:37:10 Nachmittag »
Liebe Kollegen,

heute poste ich ein Bild zur Histologie der menschlichen Leber nach dem Genuss von Knollenblätterpilzen.

Die Knollenblätterpilze werden sehr oft mit den Champignons verwechselt, besonders die blasseren Arten. Allerdings sind die Lamellen der Knollenblätterpilze immer weiss und nie rosa bzw rötlich-lila.
Ausserdem haben die Knollenblätterpilze an der Basis des Fusses die namensgebende knollenartige Verdickung. Schönes Bild in Wikipedia:



Die Knollenbätterpilze der Familie Amanita enthalten starke Gifte aus der Grupper der Amatoxine und Phallotoxine.
Chemisch sind dies zyklische Polypeptide, d.h. ringförmigen Verbindungen von Aminosäuren. Besonders lebertoxisch ist z.B. das a-Amanitin, dessen Strukturformel in Wikipedia angegeben ist:


Zunächst kommt es wenige Stunden nach dem Verzehr von Knollenblätterpilzen zu heftigem Erbrechen und massivem Durchfall mit Bauchkrämpfen.
Es folgt eine Phase der trügerischen Ruhe bei nachlassender Magen-Darm Symptomatik, diese "Ruhe vor dem Sturm" kann bis zu 3 Tagen anhalten.
Vier bis fünf Tage nach der Pilzmahlzeit kommt es dann zur massiver Gelbsucht, Magen-Darm Blutungen und hepatischer Enzephalopathie (Hirnfunktionsstörungen durch nicht mehr in der Leber entgiftetes Ammoniak aus der Darmbakterienproduktion). Die Patienten werden zunehmend delirant und fallen in schweren Fällen ins hepatische Koma. Zusätzliche Nierenfunktionsstörungen führen häufig zu akutem Nierenversagen und zum Tod.
Ich kann mich noch an meine Studentenzeit erinnern, wir hatten damals einen Patienten wegen schwerster Lebernekrose nach Knollenblätterpilzen verloren. Er starb innerhalb von 5 Tagen im Leberausfallskoma. Das klinische Bild des Leberzerfalls ist erschreckend, beim Betreten des Krankenzimmers roch es lebhaft nach frischer Leber, das lief uns Studenten noch tagelang hinterher ...

Die Therapie ist schwierig und oftmals nicht erfolgreich, die Prognose korelliert direkt mit der Menge des aufgenommenen Giftes. Je eher die Behandlung beginnt, um so größer sind die Überlebenschancen. Bei begründetem Verdacht auf Knollenblätterpilzvergiftung sind Therapiemaßnahmen sofort einzuleiten. An erster Stelle steht dabei die Elimination evt. noch nicht resorbierten Giftes durch eine Magenspülung sowie die Gabe von medizinischer Kohle.
Medikamentös sollte sofort mit der Gabe eines Antidots begonnen werden. Empfohlen wird Silibinin-Dihemisuccinat. In den verabreichten hohen Konzentrationen verhindert Silibinin durch Rezeptorenblockade die weitere Giftaufnahme aus dem Blut in die Leberzelle.

Der Pathologe (z. B. unser lieber Florian) sieht bei der Autopsie eine weiche, gelbe Leber (daher bezeichnet man das Bild auch als "akute gelbe Leberdystrophie"). Das unten gezeigte mikroskopische Bild aus der Humanpathologie zeigt einen Schnitt durch die Leber eines Patienten, der die Vergiftung leider nicht überlebt hat...

Histologisch kommt es nach wenigen Tagen zur Zerstörung von mehr oder weniger Lebergewebe. Bleibt noch genügend Lebergewebe übrig, kann die Leber sich recht gut regenerieren, andernfalls hilft nur noch die - oftmals leider so kurzfristig nicht mehr darstellbare - Lebertransplantation.
Von meinen diversen anderen Beiträgen sollten Bilder der gesunden Leber ja noch bekannt sein. Es ist interessant, diese mal mit dem hier gezeigten Befund zu vergleichen.

Man sieht im Bild von links nach rechts zunehmende Zeichen der Gewebezerstörung.
Links ist die Lebergewebearchitektur noch recht gut im Groben erhalten und die Kerne noch gut strukturiert, allerdings sieht man (besonders in dem hochaufgelösten Bild) auch hier bereits ein scholliges Cytoplasma, welches Zeichen einer schweren Zellfunktionsstörung ist.
In der Mitte des Bildes ist das Zellplasma bereits stark vakuolisiert als Zeichen fortschreitender Zellnekrose.
Im rechten Bereich sind bereits keine Zellen mehr zu erkennen, sie sind schon zu Detritus zerfallen.

Das Bild in voller Auflösung ist hier zu sehen:
http://img3.fotos-hochladen.net/uploads/leberknollenblaettetud93jmsh0.jpg

Leitz Orthoplan, Pl Apo 63/1.40, Moticam 2300, Mosaik mit Microsoft Image Composite Editor.

Herzliche Grüsse & Vorsicht beim Pilzsammeln !

Holger



 
« Letzte Änderung: Februar 21, 2011, 15:55:49 Nachmittag von Holger Adelmann »

Peter Reil

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Re: Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung
« Antwort #1 am: Februar 21, 2011, 17:28:22 Nachmittag »
Hallo Holger,

besten Dank für die beeindruckende Darstellung!

Freundliche Grüße
Peter Reil
Meine Arbeitsgeräte: Olympus BHS, Olympus CHK, Olympus SZ 30

reblaus

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Re: Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung
« Antwort #2 am: Februar 21, 2011, 17:34:58 Nachmittag »
Hallo Holger -

vielleicht ist es für Pilzinteressierte noch interessant hinzuzufügen, dass der Wirkmechanismus des Amanitins u.a. auf der Blockierung der Transkription beruht, d.h. die Gene können nicht mehr abgelesen werden was natürlich in einem solch stoffwechselaktiven Organ wie der Leber besonders krasse Folgen hat. Andererseits kann das Amanitin dadurch auch bei in-vitro Untersuchungen zur Genaktivität eingesetzt werden.
Eine Lehrerin von mir ist daran gestorben: Sie hatte immer die Abfälle ihrer gesammelten bzw. gekauften Pilze im Garten auf den Kompost geworfen und die dort wachsenden Pize dann gegessen. Eines Tages waren es leider nicht mehr nur Champignons und Steinpilze ...

In den 1920er Jahren gab es in Paris einen Mörder, der zwecks Ergaunern von Lebensversicherungssummen die betreffenden Kandidaten zum Dinner einlud, das u.a. mit  Knollenblätterpilzen angereichert war. Da der Tod ja erst nach längerer Zeit eintritt schöpfte  man lange keinen Verdacht.
Einige Kandidaten hatten Glück - damals war nämlich noch nicht klar, dass der Gelbe Knollenblätterpilz ungiftig ist.

Viele Grüße

Rolf

Fahrenheit

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Re: Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung
« Antwort #3 am: Februar 21, 2011, 17:52:50 Nachmittag »
Lieber Holger, liebr Rolf,

vielen Dank für die spannenden Erläuterungen. So ergeht es also Pilzsammlern, die ihre Champignons im Wald suchen.

herzliche GRüße
Jörg
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Arbeitsmikroskop: Leica DMLS
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Rawfoto

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Re: Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung
« Antwort #4 am: Februar 21, 2011, 18:28:41 Nachmittag »
Hallo Holger

Tolle Qualitaet & spitzen Beschreibung, danke :-)

Hast Du einen vergleichbaren Ausschnitt von einem gesunden Organ. Dann koennte der Vergleich diregt gemacht werden. Die Bilder bei wiki koennen mit Deiner nicht mithalten und damit ist der Vergleich nicht leicht ...

:-)

Gerhard
Gerhard
http://www.naturfoto-zimmert.at

Rückmeldung sind willkommen, ich bin jederzeit an Weiterentwicklung interessiert, Vorschläge zur Verbesserungen und Varianten meiner eingestellten Bilder sind daher keinerlei Problem für mich ...

Mila

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Re: Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung
« Antwort #5 am: Februar 21, 2011, 18:52:29 Nachmittag »
Lieber Holger,

vielen Dank für den tollen Beitrag! Er wird ausgedruckt und zum Unterrichtsmaterial gelegt, denn auch an der PTA-Schule werden Giftpilze besprochen.
Erstaunlich finde ich immer wieder, dass es außer dem Inhaltsstoff der Mariendistelfrüchte (Silybinin) kein Antidot gibt.

Hier ein interessanter Artikel: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=titel_29_2005

Ein schönes Modell des grünen Knollenblätterpilzes steht bei mir am Schreibtisch :)

Herzliche Grüße
Mila

Jürgen

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Re: Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung
« Antwort #6 am: Februar 21, 2011, 22:33:39 Nachmittag »
Hallo Holger,

toller Beitrag.

Erfahrungsgemäß vergiften sich viele Mitbürger mit osteuropäischem Migrationshintergrund mit dem Grünen Knollenblätterpilz. Dies hat Harry Andersson, ein anerkannter Giftpilzexperte der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM), in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift "Der Tintling", Ausgabe 6/2010, anschaulich dargestellt:

Die phalloides-Patienten aus Osteuropa verwechseln die Knollenblätterpilze nicht in erster Linie mit Champignons. Nein viel schlimmer: Sie verwenden Bestimmungsmethoden, von denen man glaubte, sie seien in Deutschland durch Aufklärung ausgestorben.

Zitat aus dem Artikel von vergifteten Pilzammlern: "Wir riechen daran, wenn der Pilz gut riecht, probieren wir ihn, wenn er gut schmeckt, kommt er in die Pfanne." oder "Wir kochen immer eine Zwiebel mit. Wenn sie sich schwarz färbt, werfen wir das ganze Essen weg."

Man muss dazu wissen: Amanita phalloides riecht jung süßlich, honigartig und schmeckt wohl mild. Ebenso wird sich eine Zwiebel beim Kochen von Knollenblätterpilen nicht schwarz verfärben. Angesichts dieses Verhaltens läuft es mir als Pilzsachverständigen kalt den Rücken runter. Die DGfM hat daher Aufklärungsposter in russischer Sprache herausgebracht. Die haben mir persönlich schon bei Aufklärungegesprächen sehr geholfen.

Eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit ist hier notwendig.

Viele Grüße
Jürgen

Holger Adelmann

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Re: Histologie der Knollenblätterpilzvergiftung
« Antwort #7 am: Februar 23, 2011, 13:13:18 Nachmittag »
Liebe Kollegen,

vielen Dank fuer die spannenden Ergänzungen und das Feedback. Gerhard hat nach Vergleichsbildern einer gesunden Leber gefragt.
Ich hänge mal zwei Bilder aus meinem Semiduennschnitt Thread an.

Bild 1 zeigt mehrere Leberparenchymzellen im Verbund, sowie die Lebersinusoide mit Kupffer-Zellen.
Legende zum Bild:
Nuc = Kern eines Hepatocyten
NF = Neutralfett innerhalb des Leberzellplasmas, wiederum durch OsO4 Nachfixierung konnten die Lipide erhalten und vor einer Herauslösung geschützt werden
Sin = Lebersinusoide: Spaltensystem zwischen den Leberzellen. In diesen Spaltensystemen befinden sich Zellen des sog. Reticulohistiozytären Systems (Teil der körpereigenen Abwehr), hier besonders die:
Ku = Kupffer'schen Sternzellen, wegen ihrer unregelmässigen Form so genannt
Die Sinusoide werden sowohl von arteriellen Blut (Leberarterie) als auch von venösen Blut (Pfortader = Vena portae) gespeist.
Die Kupffer'schen Sternzellen sind aud Blutmonozyten differenzierte Macrophagen, also Fresszellen der Immunabwehr, die im Körper in allen möglichen Spielarten vorliegen. Diese entfernen schädliche Stoffwechselprodukte durch Phagozytose und auch Pinocytose, aber auch abgestorbene Blutzellen und evt. Bakterien.

Bild 2 zeigt eine einzelne Leberparenchymzelle im Verbund mit deutlich sichtbaren Zellgrenzen und umgebenden (Gallen)kapillaren (Aufnahme an der Grenze des Lichtmikroskopisch Machbaren bei Hellfeldbeleuchtung).

Herzliche Gruesse
Holger

Bild 1


Bild 2