Autor Thema: Mineralogie – eine Standortbestimmung  (Gelesen 7061 mal)

Peter V.

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Re: Mineralogie – eine Standortbestimmung
« Antwort #15 am: August 19, 2011, 23:13:02 Nachmittag »
Lieber Olaf,

Vielen Dank für dieses interessante Posting.
Nun ist ja schon durch meine Vorautoren durch beeindruckend lange Postings so ziemlich alles gesagt worden, was man zu diesem Thema sagen kann.

Von mir daher nur ein paar kurze "Gedankenfetzen":

1) Auch ich denke, dass das Interesse an "Mineralogie" doch deutlich größer ist als an der Mikroskopie. Du wirst ja mit Mineralogie sicher allgmein die "Beschäftigung mit Mineralien" meinen ( wobei ich natürlich den Heilsteinhokuspokus mal außen vor lasse ). Oder meinst Du etwa speziell die Kristalloptik? Die ist ja wirklich ein vergleichsweise schwieriges wissenschaftliches Spezialgebiet. Solltest Du die meinen, könnte man natürlich genau so fragen, wieso sich so wenige Menschen hobbymässig mit Teilchenphysik beschäftigen.

2) Als Mikroskopiker könnte man sich genau so die Frage stellen: Warum beschäftigen sich so wenige Menschen Mikroskopie, so viele hingegen mit Astronomie? ( Auf die Frage habe ich tatsächlich bislang keine schlüssige Erklärung - auch hier muss man einfach hinnehmen, dfass es so ist).

3) Wenn Du nicht verstehst, warum sich so wenige Menschen mit Mineralogie beschäftigen, obgleich sie doch die zentrale Wissenschaft ist, könnte ich ebenso verwundert fragen, wieso wir uns eigentlich so wenig mit uns selbst beschäftigen und über uns selbst so wenig wissen!? Das Wissen über unseren menschlichen Körper und seine Funktionen ist in der Bevölkerung erschreckend gering! Nur die wenigstens Menschen haben eine auch nur annährende Vorstellung davon, wo bestimmte Organe liegen und welche Funktion sie haben. Warum herrscht da so ein großes Desinteresse? Zwar gibt es Tausende von Medien, die sich mit "Gesundheitsthemen" / Krankheiten beschäftigen, aber ein tatsächliches Verständnis biologischer Funktionen vermitteln sie nicht und setzen sie auch nicht voraus.
Und wenn man anmerkt, dass Mineralogie in der Schule keinen Raum einnimmt: Wir alle leben in einer durch komplexe Rechtsnormen bestimmten Gesellschaft. Wo lernen wir diese? Nur "intuitiv" oder nebenbei im praktischen Leben. Ein echtes Verständnis für die Normen und Grundprinzipien, die in unseren Rechtssystem das Zusammenleben regeln, entwickeln nur wenige Menschen. Warum gehört also z.B. "Rechtskunde" ( früher mal an wenigen Schule Wahlfach, ich weiss gar nicht, ob es das heute noch gibt ) nicht zu den selbstverständlichen Unterrichtsfächern? Und so ließen sich sicherlich noch Beispiele in unendlicher Zahl finden.

Ansonsten finde ich, dass Franz die wesentlichen Punkte recht gut zusammengefasst hat.

Herzliche Grüße
Peter
« Letzte Änderung: August 21, 2011, 07:22:45 Vormittag von Peter V. »
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reblaus

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Re: Mineralogie – eine Standortbestimmung
« Antwort #16 am: August 19, 2011, 23:46:26 Nachmittag »
Hallo -

wenn Olaf von der Mineralogie als Basis der Wissenschaft redet, dann möchte ich hinzufügen, dass mein Sohn im Vorschulalter schon begeisterter "Strahler" war - er ist heute Physiker und jetzt nicht einmal als Physiker tätig. Er hat aber nun auch einen Sohn im Vorschulalter und dessen liebstes (und für die Eltern billigstes) Vergnügen ist es Mineralien zu sammeln und zu "analysieren". Wahrscheinlich wird auch dieser Enkel kein Mineraloge ...

So geht es auf der Welt!

Viele Grüße

Rolf

Eckhard

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Re: Mineralogie – eine Standortbestimmung
« Antwort #17 am: August 20, 2011, 10:58:42 Vormittag »
Hallo Olaf,

danke für Deinen Beitrag.

In der Tat, auch mein Interesse an Naturwissenschaften wurde durch "Steine" geweckt. Als 7-jähriger hatte ich im Urlaub im Harz einen weissen Stein mit einer Goldader gefunden, den ich meinem Vater stolz beim Frühstücksbuffet im Hotel präsentierte. Mein Vater verstand von Allem viel - nur von Mineralien und Steinen gar nichts. Aber am Nachbartisch sass ein älterer Herr, der sich ins Gespräch einmischte und sich das "Gold" zeigen lies. Mein Gold wurde als Kupferkies identifiziert und der ältere Herr entpuppte sich als pensionierter Bergbaudirekter. Mit diesem zog ich dann den Rest des Urlaubs über Abraumhalden - ich mit Pfeil und Bogen bewaffnet, er mit einem Geologenhammer.

Geologie oder Biologie wollte ich studieren - ich bin dann aber Informatiker geworden. Dünnschliffe finde ich genauso faszinierend wie botanische Schnitte oder die Mikrolebewelt. Botanische Schnitte sind jedoch deutlich einfacher familienkompatibel herzustellen - vor allem mit meiner Methode, frisches Material zu schneiden. Vom Baum zum Präparat in einer Stunde ;D Und die Mikrowelt kann man vom Spaziergang mit der Familie mitbringen.

Dünnschliffe erfordern mehr Platz, Gerätschaften, Zeit und Geduld und erzeugen bei der Herstellung Ehefrau inkompatiblen Lärm und Dreck. Auch ist es einfacher zu lernen, Alge und Wasserfloh auseinander zu halten, als Mineralien unter dem Pol Mikroskop zu bestimmen. Deswegen sind diese "Disziplinen" bei Hobbymikroskopikern wohl populärer als die Gesteinskunde.

Herzliche Grüsse
Eckhard
Zeiss Axioscope.A1 (HF, DF, DIK, Ph, Pol, Epifluoreszenz)
Nikon SE2000U (HF, DIK, Ph)
Olympus SZX 12 (HF, DF, Pol)
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olaf.med

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Re: Mineralogie – eine Standortbestimmung
« Antwort #18 am: August 20, 2011, 22:25:00 Nachmittag »
Liebe Freunde,

Danke für die zahlreichen und tiefgreifenden Diskussionsbeiträge zu diesem Thema. Hier noch ein paar Kommentare und Ergänzungen von meiner Seite:

Mein Thema sollte keine Lamento sein, lieber Wilfried, sondern durch bewußt provokante Thesen und (rhetorische) Fragen zum Nachdenken über die Geowissenschaften und deren Stellung innerhalb der Naturwissenschaften anregen. Ich hoffe damit zu einem respektvolleren Umgang miteinander beizutragen. Vielleicht bin ich im Laufe eines langen Berufslebens in dieser Beziehung etwas dünnhäutig und empfindlich geworden und entschuldige mich, wenn der eine oder andere das als Überreaktion empfindet.

Uns allen sollte klar sein, daß das gesamte Universum nach physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, daß alle Naturwissenschaftler in einem Boot sitzen sollten und die Gräben und Animositäten zwischen den Fachbereichen, die es leider auch gibt, künstlich und völlig unnötig sind. In dem Konzert der exakten Naturwissenschaften ist die Mineralogie integraler Teil und auch so zu behandeln - glücklicherweise ist das ja auch in der Regel der Fall, aber leider eben nicht immer.

In diesem Forum wird die Mineralogie - und das ist ja auch nicht verwunderlich - häufig mit Polarisationsmikroskopie gleichgesetzt. Das belegen ja zahlreiche der oben stehenden Kommentare. Es muß aber an dieser Stelle in aller Deutlichkeit gesagt werden, daß die Polarisationsmikroskopie lediglich eine (der zahlreichen) diagnostische Methode innerhalb dieses Fachs ist, deren Bedeutung (leider!) zunehmend zurückgeht. Die Bandbreite der mineralogischen Forschung reicht von der Kosmochemie (Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Weltalls über Studium der Meteorite, der lunaren Materie etc.) zu globalen Problemen der Dynamik der Erde (die Plattentektonik wird durch Mineralreaktionen im Erdmantel gesteuert und damit gehen Vulkanismus und Erdbebentätigkeit einher) bis zum mikroskopischen Maßstab der Kristallstrukturanalyse. Über einige technische Aspekte habe ich bereits am Anfang berichtet.

Häufig wird die Mineralogie mit Mineraliensammeln verknüpft; auch das belegen zahlreiche Diskussionsbeiträge. Es ist tatsächlich so, daß einige Mineralogen über die Sammelleidenschaft zu diesem Fach gekommen sind, in der modernen Mineralogie spielt dies aber absolut keine Rolle. Es ist sogar (leider!!!) so, daß im neuen straffen Bachelor- und Masterstudium der Geowissenschaften nur noch die wenigen sog. gesteinsbildenden Minerale behandelt werden. Jeder engagierte Sammler macht einem jungen Geowissenschaftler bei Erkennen exotischer Minerale etwas vor.

Auch aus einem anderen Grund kann man den Besucherzahlen der Gesteinsmessen, deren größte in Europa jährlich in München (ca. 20.000 Besucher an einem Wochenende), nicht als Gradmesser des Interesses an der Mineralogie ansehen. Ich bin seit über 35 Jahren regelmäßiger Besucher dieser Veranstaltungen und maße mir ein Urteil an. Von ursprünglichen Sammlerbörsen, auf denen man hochengagierte Menschen traf, haben sie sich überwiegend zu einem grandiosen Umschlagplatz von Schund und Tand entwickelt. Ernstzunehmende Mineralienhändler findet man selten, der große Reibach wird mit Schmuck und Esotherik gemacht. Hier findet man in Massen vierseitig zugeschliffene Quarzpyramiden zur Bündelung dubioser Energien - eine schreckliche Vergewaltigung des hexagonalen Quarzes - wie auch aufgetrennte Schneebesen mit Edelsteinkugeln an den Drahtende, die man sich über den Kopf stülpt, damit schädliche Strahlen abgeleitet werden. Man muß nicht den fundamentalistischen Islam bemühen, wenn man einen Rückfall ins düstere Mittelalter beklagen will.

Bastian schrieb:
Zitat
Immerhin kennen beispielsweise wohl die meisten einen Unterschied zwischen Kieselsteinen und Kalksteinen.
und genau das bezweifele ich sehr. In einer Gesellschaft, in der selbst die Steinmetze oft nur Granit (hart) von Marmor (weich) unterscheidet, behaupte ich, daß weniger als 1 Promille der Menschen wirklich den Unterschied dieser Gesteinstypen kennt. Natürlich liegt das an den Grundzügen unserer Bildung, nämlich an den Lehrplaänen unserer Schulen. Die Geographie in diesen Anstalten, das Fach, in dem man Informationen über den nichtbiologischen Teil unserer Erde erwarten sollte, bietet das schon lange nicht mehr an, sondern erschöpft sich in völlig anderen Dingen. Chemie - das Fach, in dem ich Informationen über den Aufbau der Materie erwarten würde, also die Bauprinzipien der Kristalle, ist verpönt und wird abgewählt. Vielleicht sind wir in Nordrhein-Westfalen, und besonders in der "Malocheruni" Bochum, dadurch besonders gebeutelt, denn bei den Erstsemesterveranstaltungen stellt sich immer wieder heraus, daß höchstens 10 Prozent der Studenanfänger mehr als ein halbes Jahr Chemie oder Physik in der Schule hatten - und das wohlgemerkt in einer Klientel, die sich für ein naturwissenschaftliches Studium entschieden hat! Im naturwissenschaftlichen Zweig des Gymnasiums meiner Söhne kam mangels Nachfrage kein Leistungskurs in Chemie zustande und im normalen Unterricht rechneten sie stur und verständnislos mit der Nernstschen Gleichung rum, hatten aber niemals etwas vom Bohrschen Atommodell gehört. Das ist wahr!

Meine erste These wurde mir in einigen Beiträgen besonders angekreidet. Ich wollte das für Festkörper im physikalisch-mineralogischen Sinne ausdrücken, merkte aber beim erneuten Durchlesen, daß die Überschrift diesbezüglich nicht eindeutig ist. Ich bitte das zu entschuldigen, stehe aber mit dieser Einschränkung zu meiner Aussage. 

So, nun bin ich leergeschrieben - gute Nacht, bis morgen und nochmals Danke für's Mitdiskutieren,

Olaf
« Letzte Änderung: August 21, 2011, 10:35:44 Vormittag von olaf.med »

hinrich husemann

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Re: Mineralogie – eine Standortbestimmung
« Antwort #19 am: August 21, 2011, 11:39:07 Vormittag »
Hallo Mineralogie-Diskutierende,
nein, ich wollte an sich nicht in diesem mineralogischen Konzert mitsingen. Aber ein Teilnehmer erwähnte kurz in seinem letzten Satz, in seinen älteren "secondhändigen" Lehrbüchern der Mineralogie stünden die Stempel des Mineralogischen Instituts der Universität Münster (er meint damit sicher das alte; das neue liegt jetzt ja wohl näher am Coesfelder Kreuz). Da fiel mir wieder ein: Vor (wirklich) sehr vielen Jahren habe ich dort mal ein mineralogisches (Nebenfach-, Anfänger-) Praktikum gemacht. Als historisches Relikt davon hatte ich immer noch ein sogenanntes Wulffsches Netz für die stereographische Projektion (an eine Benutzung desselben kann ich mich nicht mehr erinnern). "Auf die Schnelle" konnte ich es nur nicht wiederfinden. So holen einen die alten Zeiten im Mikroforum wieder ein!
Freundliche Mikrogrüsse
H. Husemann

hebi19

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Re: Mineralogie – eine Standortbestimmung
« Antwort #20 am: August 21, 2011, 13:21:41 Nachmittag »
Was machen Geologen heute?

Ich bin KEIN Geologe !! Ich denke aber, dass für Geologen das gleiche gilt wie für andere naturwissenschaftlich/technische Berufsgruppen:  die Beschäftigungmöglichkeit ist (unterschiedlich) vielfältig.

Sicherlich gibts auch heute noch Geologen, die Erz- oder sonstige Rohstoffvorkommen suchen (z.B. auch Erdöl), es gibt welche in der Grundlagenforschung, es gibt welche in der Lehre und........ ein Freund von mir ist Geologe und macht ausführliche Gutachten für Autobahn- und Bahntrassenbau..

Genauso wenig kann man sagen "was macht heute ein Biologe ?"...... von Gentechnikangestellter über Zoodirektor bis Bio-Lehrer......

Für mich stellt olaf.med aufgrund sener Thesen sowieso mehr die Frage "warum sind in unserer postmodernen Gesellschaft hobbymäßig (ernsthaft) wissenschaftliche Betätigung so wenig verbreitet ??"
Die Antwort ist wahrscheinlich noch vielschichtiger als die Betätigungsfelder von Nautrwissenschaftlern und Technikern.

Martin
« Letzte Änderung: August 21, 2011, 13:25:01 Nachmittag von hebi19 »
Grüße von
Martin alias hebi19

Motic 300, Stereo-Mikroskop noname, div Lomo, Steindorff

Florian Stellmacher

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Re: Mineralogie – eine Standortbestimmung
« Antwort #21 am: August 21, 2011, 15:37:58 Nachmittag »
Lieber Olaf,

vieles ist bereits zu Deinem Beitrag geschrieben worden, und ich könnte zunächst etliches davon wiederholen: dass auch ich schon als kleiner Junge Steine mit nach Hause genommen habe, die immer noch im Schrank liegen (und von denen ich bis heute nicht sicher weiß, um was es sich eigentlich handelt), dass auch ich der Mineralogie eine große wissenschaftliche Bedeutung beimesse und schließlich, dass auch ich Deinen wunderbaren Workshop in Bochum sehr genossen habe und erst seit dem weiß, wozu ein Polarisationsmikroskop eigentlich gedacht ist.

Aber ich denke, dass Deine Frage wohl tiefer geht, und nachdem ich nun ein bisschen darüber nachgedacht habe, sehe ich zwei Richtungen, in die man die Sache untersuchen und bewerten könnte. Da Dir bislang alle auf eine mehr oder weniger allgemeine Weise geantwortet haben, will ich es ganz bewusst auf eine eher persönliche Art tun.

„Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt!“

Diese mehr oder weniger eingängig vertonte These, die man immer mal wieder in symphonischer Breite zu hören bekommt, werden recht viele Menschen als wahr oder zumindest akzeptabel ansehen – ich nicht! Dies führt uns zum ersten Erklärungsansatz, denn: ich begreife diese These einfach nicht! Sicher, manchmal gucke auch ich mir ein Fußballspiel im Fernsehen an, mitunter fühle ich mich dabei auch mäßig gut unterhalten, ja manchmal kann ich auch die Spannung aufnehmen, die dabei entsteht, aber so eine richtige Leidenschaft für Fußball habe ich nicht im Ansatz entwickelt. Fußball spielt in meinem Universum keine Rolle. Warum nicht? Ich glaube, weil ich selbst und auch kein anderer mir die Tür dazu geöffnet hat. Weder in meiner Familie noch in meinem Bekanntenkreis hat Fußball eine irgendwie geartete Bedeutung. Als ich noch ein Baby war, stand mein Kinderbett neben dem Flügel, sodass ich mit Musik aufgewachsen bin. Wie der Vater und die älteren Brüder bin ich „mit der Nase auf dem Boden“ aufgewachsen und habe Käfer, Muscheln und Pflanzen gesammelt und angeguckt. Mein Weg zur Mikroskopie war dann in sich eigentlich recht logisch, klar bei mir viel ausgeprägter als bei meinen Brüdern, die sich dann eher in die technische Richtung orientiert haben und Ingenieure geworden sind (okay, einer hat danach dann doch noch Biologie studiert), aber es wundert niemanden wirklich, dass ich irgendwann Mäuse seziert und später (tatsächlich über verschlungene Umwege) Medizin studiert habe. Dass ich mich dann aus einer Vielzahl von Fächern für die Pathologie entschieden habe, ist letztlich bei meiner Vita auch nicht wirklich originell.

Wäre ich Fußballer geworden, wäre ich sicherlich der schlechteste Spieler auf dem Platz – wahrlich keine Sportskanone, aber erst recht ohne Leidenschaft für die Sache – weil diese nie geweckt wurde! Obwohl: in diesem Falle hatte es das staatliche Bildungssystem sogar versucht, mir die Sache schmackhaft zu machen, allerdings ohne Erfolg.

Mein zweiter Ansatz geht über die Erweckung von Leidenschaften hinaus: Es geht um nichts Geringeres als um das Konzept der Welt, das sich jeder Mensch letztlich selbst entwickeln muss. Hierzu will ich keine Medienschelte, kein Lamento über die Jugend von heute und erst recht keine selbstbeweihräuchernden Statements über die Oberflächlichkeit der Menschheit loslassen. Auch die Religion will ich vollständig beiseite lassen. Nur soviel: Die meisten Menschen haben das Klassenziel zumindest insoweit erreicht, als dass sie wissen und in ihr Weltbild aufgenommen haben, dass die Erde rund und keine Scheibe ist, wir auf einer Art Kruste stehen, dass die Erde innen aus irgend welchen Gründen, für die keiner etwas kann, offenbar flüssig und ziemlich heiß ist, dass gelegentlich die Flüssigkeit und anderer Dreck an die Oberfläche treten und dass dann manchmal der Flugverkehr eingestellt wird. Die meisten Menschen werden sogar etliche Mineralien recht hübsch finden; eine Menge Amethysten dürften auf deutschen Fernsehern herum stehen. Aber: die Erde macht einen grundsoliden Eindruck! Was sich hier ändert, vollzieht sich in Ultrazeitlupe! Minerale sind um uns herum, wir laufen darauf, essen sie und werden irgendwann darin beerdigt, aber sie sind quasi nur die Bühne, auf der sich das Leben abspielt, sie werden hierdurch kaum wahrgenommen, und insofern dürften sie im Konzept der Welt der meisten Menschen kaum eine wesentliche Rolle spielen.Was uns näher liegt, ist das Leben: Mehr oder weniger oft wird und bewusst, dass es bedroht, anstrengend und endlich ist – und es ist dynamisch. Das Leben ist Einflussfaktoren ausgesetzt, die langfristig als Selektionsdruck und kurzfristig als größtes Glück oder größtes Unglück mit Krankheit und Tod wirken. Wir denken über Begriffe wie Gesundheit, Krankheit, Erfolg, Misserfolg, Anerkennung, Verachtung, auch Armut oder Reichtum nach, und diese Begriffe sind es, die unser Konzept der Welt prägen. Naturwissenschaftliches Interesse, naturwissenschaftliche Forschung hat uns aus den Höhlen der Steinzeit heraus geholt, gleichzeitig traten neue Probleme auf, die Naturwissenschaft und Technik wiederum für uns gelöst haben, nicht ohne dabei wiederum neue aufzuwerfen, an deren Lösung wir engagiert dran sind. Bis heute ist für den Menschen wichtig (oder zumindest schadet es nichts), essbar von nicht-essbar zu unterscheiden, giftig von harmlos, ansteckend von nicht ansteckend, ökologisch vertretbar von Ökoferkelei, die schnell ins Auge geht oder eben doch erst ein paar Generationen später zum richtigen Problem wird, gutartig von bösartig usw. Oftmals ein Kampf! Vielleicht sogar recht viele Menschen werden daher Forscher verstehen, die versuchen Krebs zu heilen, emissionsfreie Motoren zu entwickeln oder nach einer gerechten Weltwirtschaftsordnung suchen. Minerale? Sie sind immer noch da, unverändert, sie haben Kriege, Seuchen, Hungersnöte, gepuderte Perücken mit Zopf und Schleifchen, dass Deutschlands es nicht ins Endspiel der Fußball-WM geschafft hat und die letzte Steuererhöhung völlig unbeeindruckt überstanden und werden vielleicht, aber nur vielleicht, in ein paar tausend Jahren einmal ihr Gesicht ganz leicht verändert haben. Wer mag darüber schon nachdenken? Und dann kommen Menschen auch noch auf die Idee, dass Steine womöglich ihr Leben positiv beeinflussen könnten (von den Esotherik-Anhängern hattest Du ja bereits geschrieben).

Ist die Mineralogie also unspannend? Kann sie keine Leidenschaft erwecken? Was bedeuten sie uns? Was bedeuten sie mir?

Mehr als Fußball jedenfalls, soviel sei voraus geschickt! Mineralien sind oft schön, und das sind sie auch, wenn man überhaupt nicht versteht, woraus sie bestehen und wie sie zustande gekommen sind. Wenn ich gelegentlich in Marburg bin, besuche ich mitunter das Mineralogische Museum und staune, welche Vielfalt an Steinen es gibt, welche Systematik hinter der Gesteinsbestimmung steckt und auch, welche Strapazen Menschen auf sich genommen haben, solche Brocken vom Amazonas nach Oberhessen zu schleppen. Gut, Gesteine sind oft wenig spektakulär. Aber, ja, ich kann die Leidenschaft erahnen, ich kann mir sogar vorstellen, dass unsere steinzeitlichen Vorfahren neben Steinen für den täglichen Gebrauch auch Steine aufgelesen haben, die sie schön fanden, mit denen sie sich vielleicht schmückten, ja, denen sie vielleicht sogar eine metaphysische Bedeutung beigemessen haben. Soweit reicht mein Verständnis.

Ich verstehe auch, dass darüber hinaus die Geowissenschaften eine zentrale Bedeutung für uns haben; wir sind vom Eröl, Metallen, seltenen Erden abhängig, finden es schon recht praktisch, wenn Bauwerke nicht sofort wieder zusammen brechen, und sind gierig nach neuen Werkstoffen. Insofern spielen Minerale in meinen Konzept der Welt gewiss eine Rolle.

Habe ich Leidenschaft für Minerale? Soweit würde ich ganz sicher nicht gehen. Ich verstehe aber Menschen, die diese Leidenschaft hegen, und nichts, aber auch gar nichts finde ich daran merkwürdig! Wir überspringen einmal den Baum der sich aufzweigenden Naturwissenschaften (darüber wurde schon reichlich geschrieben, auch wenn man trefflich darüber streiten kann, worin die Wurzel besteht) und stellen lediglich fest, dass Du und ich auf verschiedenen Zweigen sitzen. Jedoch: in Bochum bei Deinem Workshop ist mir aufgefallen, dass wir bei unser Arbeit recht ähnlich vorgehen, um zu einem Ergebnis zu gelangen, das wir beide „Diagnose“ nennen. Wir wissen beide, dass das Finden der richtigen Diagnose ein spannender Prozess sein kann, wir sind auch beide für unsere Diagnosen verantwortlich (ganz im Gegensatz zu so manchem Halbexperten, der einem auch hier im Forum gelegentlich allzu selbstbewusst entgegen tritt). Noch etwas scheint unsere Fächer zu verbinden: ich sitze auf einem Endast der Biologie, der Medizin, und hier wiederum auf einem dünnen Zweiglein, auf dem außer mir nur noch einige andere hocken; der Rest findet das, was wir treiben, mehr oder weniger langweilig, schräge, in unserem Falle sogar mitunter eklig! Wenn ich im Forum ein Bild poste und einen Text dazu schreibe, muss ich mir nicht nur darüber Gedanken machen, ob vielleicht einer von der dargestellten Krankheit betroffen ist, sondern ich muss mich auch fragen, ob das, was dort zu sehen und zu lesen ist, die Leser abschrecken oder gar traumatisieren könnte. So mancher erträgt den Anblick eines Schnitzels nur paniert und gebraten. Die allerwenigsten Forumsmitglieder beschäftigen sich mit der Histologie, naturgemäß die wenigsten mit der Pathologie. Dabei erhält man hier faszinierende Einblicke in Lebensprozesse, wie sie in der Pflanzenanatomie (Pflanzenpathologie gibt es hier ja auch nicht zu Gesicht, die ist wohl nicht hübsch genug) nie zu sehen sein werden. Die Ästhetik von Pflanzenschnitten erschließt sich mir durchaus, aber wenn ich ehrlich bin, sieht das für mich in der gebotenen Häufung immer wieder ein bisschen aus wie eine Kollektion von Klöppeldeckchen resp. von Lipomen (gutartige Fettgewebstumoren). Es wäre so richtig und so wichtig, wenn jeder naturwissenschaftlich interessierte Mensch sich mit der maroskopischen und feingeweblichen Anatomie der Tiere auskennen würde, stattdessen haben die wenigsten Menschen auch nur eine halbwegs zutreffende Vorstellung davon, wo Leber, Milz und Nieren liegen. Ich denke die Analogie zu den Gesteinen ist evident.

Deshalb reich mir die Hand, Kollege, zum Bunde der weit zu Unrecht unterrepräsentierten Fächer! Ich bin mir halbwegs sicher, dass ich verstehe, was Dich – gerade nach Deiner Tätigkeit als Hochschullehrer – umtreibt und zweifeln lässt. Es geht etlichen anderen auch so!

Also, was muss geschehen? Die beklagendwert geringe Stellung von Chemie und Physik in der Schule hast Du ja bereits angesprochen, ebenso, dass der Geographieunterricht sich dieser Thematik weitgehend entledigt hat. Diesen Umstand prangerst Du nur zu recht an. Denn genau hier liegt der Hase im Pfeffer – so gut es ist, zumindest die Einsicht vermittelt zu haben, dass auch Pflanzen Lebewesen sind, obwohl sie nicht herumlaufen können, so wichtig es ist, ein ökologisches Bewusstsein zu vermitteln – etwas fehlt: früher sprach man (und fasste es auch so in Lehrbüchern zusammen) von der Naturgeschichte der drei Reiche: Mineralien – Pflanzen – Tiere. Da müssen wir sicherlich wieder hin.

Wie sieht es mit der Erweckung der Begeisterung, der Leidenschaft aus? Was ist mit dem Elternhaus? Eine Pflichtquote, die Eltern, die am Samstag mit den Kindern zum Fußball gehen, festnagelt, sie sonntags ins Museum zu führen, wird es wohl auch auf lange Sicht nicht geben. Aber ein fundamentales Interesse für die gesamte Natur zu erwecken und zu fördern, ist sicher elementar! Und viel mehr kann man vielleicht auch gar nicht erwarten. In der Lehre sieht die objektiv zu erwartende Erfolgsquote auch nicht viel besser aus: Obwohl meine Vorlesungen sehr gut evaluiert werden (regelmäßig über 70 % Einsen), werden sich nur ein oder zwei der um die 180 Hörer im Semester irgendwann für die Pathologie entscheiden. Deine exzellente Lehre habe ich ja nun am eigenen Leib erleben dürfen, aber wie viele Deiner Hörer entscheiden sich für die Kristallograpie? So gesehen, lass uns bescheiden sein und über die Menschen freuen, die wir wie auch immer „erwecken“ konnten. Von den anderen dürfen wir aber zurecht Respekt für das, was wir tun, einfordern.

Herzliche Grüße,
Florian
« Letzte Änderung: August 28, 2011, 08:58:28 Vormittag von Florian Stellmacher »
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Wild M400 Fotomakroskop (DL, DF, AL, Pol)