Was hat sich in den letzten 20 Jahren bei den Mikroskopen verändert?

Begonnen von Safari, Dezember 29, 2010, 22:35:51 NACHMITTAGS

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HDD

Hallo,

Zum Jahresende muß ich zu dieser, für mich sehr interessanten Diskussion auch noch
meinen Senf dazugeben.
In der Szene der High End Astronomie werden unter den Amateurastronomen genau die
gleichen Diskussionen geführt wenn es um das " beste " Fernrohr und die " beste " Optik
geht.

Fazit : Es gib sie nicht !  Jedes Fernrohr hat seinen Himmel !

Ich sehe hier genau die gleiche Situation.
Bis der Mikroskop-Interessierte sich überhaupt im Klaren ist was er eigentlich beobachten will, vergehen
unter Umständen Jahre der Einarbeitung und der Beschäftigung mit dem Thema.
Und nun hat der gute Mann (Frau) ein Problem: Er (Sie) will das Superteil kaufen, was sehr viel Geld kostet.

Also was macht er?   Er sucht sich den Wolf nach der eierlegenden Wollmilchsau.

Viel wohlmeinende nette Menschen wollen Ihn vor den gröbsten Fehlern bewahren. Aber jeder hat andere
Interessensgebiete und andere Gedankenabläufe. Der arme Mensch lernt seine wohlmeinenden Kollegen zu
achten und zu respektieren. Er findet hier im Forum Spezialisten deren Arbeit ihn faziniert.
Und so etwas will er auch machen.

Er will von jedem Part nur ein wenig: Es muss ja nicht ganz so profihaft sein!
Das andere Fachgebiet interessiert mich aber auch. Was soll ich nun tun ??

Sind wir wieder bei der eierlegenden ....

Fazit: Es gibt sie nicht !  oder doch ? ... gegen den Wert eines Mercedes sicher aber dessen
Verarbeitung ist auch nicht das was sie mal war.
               

In der Astronomie haben jahrelang die verschiedensten Händler davon gelebt, daß die Astronomen
ihre teuer erworbenen Geräte wieder verkauft haben um sich einem neuen Fachgebiet zu zuwenden.
Das "alte" Gerät wurde regelrecht verscheuert und als Anzahlung für ein neues Fernrohr genommen.
Nach Jahren hat er dann festgestellt, dass die neue Kiste auch nicht das war, was er erwartet hatte.

Wenn ich mir den komplexen Aufbau der Mikroskope anschaue und die Möglichkeiten die ich damit
habe, komme ich immer wieder zu dem Schluß, daß ein Fernrohr dagegen ein einfaches Spekulier-
Eisen ist.
Also bleiben wir bei den Möglichkeiten die uns unser Finanzminister zugesteht.

Wie war das?  " Jedes Fernrohr hat seinen Himmel "


In diesem Sinne :

Allen Forumslesern einen guten Rutsch und die besten Wünsche für 2011


Horst-Dieter



                       

Rawfoto

Liebe KollegInnen

Die "technische Machbarkeit" ist leider nicht das alleinige Kriterium einer Entwicklung unserer Zeit. Das Hauptkriterium wird immer mehr der Grenznutzen. Wir produzieren Heute also nicht im Bereich des Möglichen. Die Ausnahmen kann man an einer Hand abzaehlen ...

Möglichst hohe Absatzzahlen und damit verbundene EBIT-erwartungen treiben neue Produkte. Natürlich sind diese Produkte in vielen Bereichen besser, sie koennten aber noch besser sein. Nur sind wir dann meist auch nicht bereit höhere Preise zu zahlen und das gibt wiederum dem Controller recht.

Es hat sich also die Philosophie bei der Entwicklung in den letzten 30 Jahren deutlich verändert. Daher findet man gerade auf der mechanischen Seite "liebenswertes" aus dem vergangenem Jahrtausend und das ist doch schien. Wir haben die frei Entscheidung zu Wahlen.

Ich habe einen Wunsch, aber der wird leider nie in Erfüllung gehen. Der ist "neu gerechnete Topp Objektive" für mein geliebtes Olympus BHS ... Was das bringt konnte ich erst dieses Jahr bei Canon und dem "neu" gerechnetem 100er Makro erleben. Kontrast, Klarheit und Verzeichnung haben sich deutlich verbessert.

Was ich aber auch erleben muss, wir durchlaufen einen Prozess der in meinem Fall mit einem Ausstellungsprint, einem Offsetdruck oder einem Webbild endet. Die für die Qualität relevanten Fertigungsschritte liegen nur in einem kleinen Teil am Objektiv und in einem noch viel kleineren Teil am Stativ! Das beginnt beim Präparat und ein Großteil der Prozessschritte liegt im Bereich der elektronischen Bildverarbeitung. Und gerade im letzten liegt im Bereich der Fotografie der Hauptverbesserungsbedarf ...

Was ich damit sagen will, es nutzt nichts einen Prozessschritt auf 100 Prozent zu treiben, wenn man die anderen bei 20 belasst. Die Kette ist so stark wie das schwächste Glied, dieses Sprichwort aus dem vergangenem Jahrtausend trifft es immer noch auf den Punkt ...

:-)

Gerhard
Gerhard
http://www.naturfoto-zimmert.at

Rückmeldung sind willkommen, ich bin jederzeit an Weiterentwicklung interessiert, Vorschläge zur Verbesserungen und Varianten meiner eingestellten Bilder sind daher keinerlei Problem für mich ...

Stefan_O

Neben der Frage, was sich technisch verändert hat, wäre die Frage, was an zusätzlichen Informationen bei gleicher Aufgabenstellung dazu gekommen ist. Mehr Klarheit, bessere Zeichnung ist zwar nett, bringt es aber mehr Nutzen, mehr Informationen im Bild, neue Erkenntnisse? Hat Huttenlocher 1934 weniger Informationen in seinem Auflicht Pol gesehen, als ich mit meinem 30 Jahre alten Orthoplan (mit Unendlich-Optik...)? Würde ich mehr sehen, wenn ich ein heutiges Top-Modell Pol Auflicht kaufen würde? (Vieleicht, aber ohne Nutzen, weil ich es nicht interpretieren kann). Das Mikroskop ist immer noch ein Werkzeug, bei dem das Forschergehirn dahinter nicht durch eine Datenbank ersetzt wurde. Huttenlocher's Aufsatz ist immer noch aktuell....

Wohlgemerkt, das gilt bei gleicher Aufgabenstellung, ein Vergleich verschiedener Techniken ist nicht zulässig. Die "neueren" Techniken sehe ich eher als gravierende Änderungen der letzten 20 Jahre (wie der Einzug des konfokalen Mikroskops in die Biologie-Labore - nicht auf den Markt, sondern in die Labore).

Preis, Qualität: mein Orthoplan hat damals 36500 US$ (Listenpreise der Teile/Gruppen) gekostet, heute wären das um die 97000 US$. Irgendjemand war gewillt, soviel Geld dafür hinzulegen, glücklicherweise. Hasselblad mit kompromissloser Technik ist auch noch am Markt. Viel Geld für hohe Qualität ist immer noch machbar und keine Entschuldigung für "Plastik".

Nur so meine Gedanken zum Thema....

Gruss,
Stefan

Huttenlocher http://retro.seals.ch/digbib/view?rid=smp-001:1934:14::30&id=home&id2=browse4&id3=
Die Bilder dazu http://retro.seals.ch/digbib/view?rid=smp-001:1934:14::162&id=home&id2=browse4&id3=
Inlflationsrechner http://www.coinnews.net/tools/cpi-inflation-calculator/

Dr. Jekyll

Liebe Mikroskopiefreunde,

abgesehen von der Mechanik und der Optik hat sich doch noch mehr verändert, das Design!
Sicher ist hier ein Großteil reine Geschmacksache, aber die alten Leitz- oder Zeiss-Mikroskope sind doch wirklich
was fürs Auge. Ich habe noch kein modernes Mikroskop gesehen, dass hier mithalten kann.
Übrigens wird auch in heutigen Labors häufig noch mit Orthoplan, Diavert, Universal.......e.t.c. gearbeitet.
Und dies nicht immer aus Kostengründen, sondern weil auch heute noch etliche Fragestellungen mit diesen Geräten
professionell bearbeitet werden können.
Wer will kann jetzt natürlich wieder mit Autos vergleichen ;D Ich hätte gerne einen schönen gepflegten Oldtimer mit faszinierender Mechanik und guter Optik (Lampen) ;D

Viele Grüße und guten Rutsch
                                           Harald
Beste Grüße
Harald

Florian Stellmacher

#64
Liebe Freunde,

nachdem ich meine Festplatte erfolglos durchsucht hatte, habe ich auf einem USB-Stick nun doch noch ein Foto gefunden, das ich später für einen Vortrag durch ein neues ersetzt habe, weil es mir so ganz und gar nicht gefallen hatte.

Zu sehen ist ein histologischer Schnitt durch die menschliche Lunge in der Berlinerblau-Reaktion. Hierbei wird Hämosiderin blau dargestellt. Des Gewebe stammt von einer Patientin, die unter einer sehr seltenen (1:1.000.000), nur bei Frauen auftretenden Lungenerkrankung litt. Die Lymphangioleiomyomatose ist eine tumorartige Erkrakung, die mit der glatten Muskulatur ähnelden Infiltraten der Lunge sowie einem zystischen Umbau des Lungengerüstes einher geht. Hierbei kann es zu massiven Blutungen kommen, die, wenn sie lange genug überlebt werden, später als massive Hämosiderinablagerungen imponieren.

Das 1. Bild wurde an einem Leica DMLB mit N-Plan 4x und einer Leica-Mikroskopkamera mit (ich glaube) 3,1 MP gemacht. Das Paket wurde von Leica so vor ca. 4 Jahren verkauft.



Das 2. Bild habe ich dann am Leitz Orthoplan (letzte Serie mit 160 mm Objektiven) mit dem Planapochromat 4x und einer Nikon Coolpix 990 gemacht.



Auch das zweite Bild ist sicher nicht perfekt (ich liebe Zeiss-Kameras mit AxioVision...), vielleicht kann man aber nachvollziehen, dass ich inzwischen dafür gesorgt habe, dass die N-Plane gegen HC Plan-Fluotare getauscht wurden  ;). Mir gefällt jedenfalls in der direkten Gegenüberstellung das am Orthoplan geschossene Foto besser. Beide Fotos sind (milde) geGIMPt!

Es soll hierbei nicht darum gehen, den direkten Bick in das Mikroskop durch ein Foto zu ersetzen; durchs Okular geblickt hat man zunächst bei beiden Mikroskopen ein exzellentes Bild, und nicht jeder wird auf Anhieb die Vorzüge des Apochromaten bemerken. Es geht mir darum zu zeigen, mit welcher technischen Lösung welches Ergebnis erzielt werden kann. Dass z.B. die Leica-Kamera bei Lupenvergrößerung eine derartige Vignettierung und Randverzerrung aufweist, ist ein Faktum. Durch Ersatz des Kondensors durch einen mit eingebauter Mattscheibe haben wir inzwischen den Effekt beim 4er Objektiv beseitigen können, allerdings haben wir ihn noch ansatzweise beim 2,5er. Dass die CP nicht absolut randscharf abbildet, wundert mich indessen weniger.

Herzliche Grüße,
Florian

Vorwiegende Arbeitsmikroskope:
Zeiss Axioskop 2
Olympus BHS (DL, Pol, Multidiskussionseinrichtung)
Zeiss Axiophot (DIK und AL-Fluoreszenz)
Zeiss Axiovert (Fluoreszenz)
Wild M400 Fotomakroskop (DL, DF, AL, Pol)

Peter V.

#65
Lieber Florian

Zitatdurchs Okular geblickt hat man zunächst bei beiden Mikroskopen ein exzellentes Bild, und nicht jeder wird auf Anhieb die Vorzüge des Apochromaten bemerken.

So ist es! Ich habe an meinem DMLB HCX-Planapochromate 20 und 40 ( das sind die besten trockenen Unendlich-Planapos dieser Vergrößerungen, die es von Leica gibt ) im direkten Vergleich mit den entsprechend vergrößernden N-Planen. Und wenn man mal ganz ehrlich ist: Sicher ist für den Geübten z.B. an einem Pflanzenschnitt die bessere Auflösung des Planapos an kleinsten Details erkennbar, wenn man diese bewusst betrachtet, was aber den Farbkontrast und den gesamten Bildeindruck über das 22er oder 25er-Sehfeld betrifft, kann man auf Anhieb keine wirklich gravierenden Unterschiede erkennen.
Ich weiss auch nicht, ob man den Unterschied auf einem Foto mit der Coolpix 990 oder 995 überhaupt erkennen würde - vielleicht, wenn man stark hineinzoomt. ( habe es allerdings so noch nicht ausprobiert ).
Allerdings gebe ich zu, dass man seine Augen auch "verwöhnen" und an die bessere Auflösung gewöhnen kann, aber ohne den direkten Vergleich kann man hier z.B. auch mit N-Planen leben.

Das nur, weil Du es auch erwähnst. Obowhl es ja hier nicht ganz zum Thema passt, weil ich ja jetzt über den Vergleich der Objektivklassen des gleichen hersteller sim Unendlich-System berichte.

Herzliche Grüße
Peter
Dieses Posting ist frei von kultureller Aneigung, vegan und wurde CO2-frei erstellt. Für 100 Posts lasse ich ein Gänseblümchen in Ecuador pflanzen.

Mikroman

Eine hochspannende, teils auch philosophische Diskussion um den Stand und Wert der heutigen Mikroskoptechnik. In den letzten Jahren habe ich mir auch so einige Gedanken gemacht über den "Verfall der mechanischen Werte". Ich selbst besitze seit wenigen Jahren ein Orthoplan und gehe mit Vergnügen damit um. Irgendwo las ich, dass in der damaligen Produktion (die dann später "unbezahlbar" wurde) eine Lebensdauer von 50 Jahren zugrunde gelegt wurde. Dann hatte ich das Glück, vor drei Jahren etliche Seminare mit den Zeissianern (Vertrieb, Produktmanagement) bestreiten und ihre neuen Produkte (LSM, Apotom, Discovery V8 etc.) dadurch auch etwas näher kennen lernen zu dürfen. Aus Sicht eines "Liebhabers" (Amateurs) kann ich es mir jetzt einfach machen (hier fällt mir auch das Wort unseres Altmeistern Herrn Henkel ein (sinngemäß), daß man als Amateur auch sein Mikroskop lieben muss, um hier etwas bewegen zu können): die neueren Stative sind von ihrer optischen Leistung durchweg überragend, ergonomischer, "elektronifizierter" (Computer-Inferface) und vor allem stark anwendungsbezogen, aber die Anmutungsqualität (ob nun billiges oder teures "Plastik") ist in Teilen bestenfalls mittelmäßig, z.B. die unterschiedlichen Farbtöne an lackierten Metall- und lackierten Kunststoffteilen), das Vergilben von Kunststoffteilen, fragile Befestigungen, Plastikknöpfe etc. Als ambitionierter Laie kann ich da nur sagen: den größten Teil davon brauche ich nicht (sehr wohltuend auch hier wieder Herrn Henkels Statement, als Amateur so gut nie ein Objektiv mit n.A. > 1.0 gebraucht zu haben) , könnte bzw. wollte ich weder bezahlen noch - bei Elektronikausfällen - reparieren.  

Betrachte ich hingegen isoliert nur die optische (auch mikrofotografische) Leistung, dann stimme ich Rene ("Fortunately, I have 2 Olympus scopes available and are able to make a comparison between Olympus SPlanApo 60/1.4 and an equivalent 8year old UPlanApo for infinity. I do not see a difference in the whole of the 20mm FOV.") zu: bei den meisten Präparaten wie sie wohl im Amateurbereich Verbreitung finden, wird man durch den Einsatz professioneller neuer Stative keine signifikante Qualitätssteigerung erwarten dürfen, wohl aber hin und wieder einen fühlbaren Minderwert, was die feinmechanische Qualität des Arbeitsgeräts betrifft. Und noch einen "Nachteil" haben die neueren Profigeräte von Leica, Nikon, Olympus, Zeiss u.a.: als Amateur müßte man sich vermutlich erst stundenlang ins Manual vertiefen, um danach einigermaßen sinnvoll damit arbeiten zu können.

Mit besten Wünschen für das NEUE JAHR
Peter

Zu sehr auf sich selbst zu beharren,
ist ein unvernünftiges Vergeuden der Weltsubstanz (Juarroz, 9. Vertikale Poesie,1)