Floscularia ringens, ein „hygienisches“ Rädertier

Begonnen von Michael Plewka, Februar 16, 2016, 23:06:43 NACHMITTAGS

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Michael Plewka

Hallo zusammen;
In der vergangenen Woche fand ich in einer Planktonprobe ein Rädertier, das ich zunächst für die Larve einer Ptygura hielt. Zwei Augen und der Wimperkranz sowie die Cilien am Fußende schienen dafür zu sprechen.




Dank eines ,,apochromatischen" Hohlschliff Objektträgers, den mir freundlicherweise Jürgen Stahlschmidt  zur Verfügung gestellt hatte, konnte ich die Larve in einer Feuchten Kammer weiter beobachten. Nach einem Tag hatte sie sich festgesetzt und bereits begonnen, ein Gehäuse aus Pillen zu bauen (ringförmige braune Fläche im unteren Teil des Bildes):




Es stellte sich nun heraus, dass es sich um Floscularia ringens handelte, was man an der Art erkennen kann, wie die Pillen hergestellt werden.  Dieses wird im Bildausschnitt deutlich: Im Gegensatz zu beispielsweise Ptygura pilula
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Ptygura-pilula.html
werden die Pillen nämlich nicht aus  Kotballlen geformt, sondern es wird ein Teil der Nahrungspartikel, die durch die ,,Krone" herbeigestrudelt werden, am Mund vorbei in spezielles Organ, eine Wimpergrube (,,Modulus", Mo) geleitet, wo sie durch ständiges Herumwirbeln mittels der Cilien zu einer Pille (Pi) gedreht werden.




Im nachhinein ist mir dann aufgefallen, dass dieses Organ bereits in der schwimmenden Larve zu sehen war (Pfeil im oberen Bild).

Anschließend wird der Vorderkörper bis zum Rand des Gehäuses geneigt und die Pille auf die anderen gestapelt, wobei eine sehr schön regelmäßige ,,hexagonal dichteste Kugelpackung" erzeugt wird. Vor einigen Jahren konnte ich diesen Vorgang mal mit einer biligen webcam beobachten. Ich verweise  an dieser Stelle auf die Videos, die auch zeigen, dass man mit einfachstem Equipment biologisch interessante Sachverhalte dokumentieren kann.

http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Floscularia%20ringens.html

Rein intuitiv ist man vielleicht (so wie ich) geneigt, die trichterförmige Krone in Analogie zu einer Posaune, deren Trichter ja im Mund endet, als einen Mundtrichter zu interpretieren und damit auf der ,,Vorder"(=Ventral-)Seite zu verorten. Tatsächlich aber befindet sich der Trichter quasi auf der Rückenseite (im obigen Bild der Seitenansicht damit links), der Mund oben und das Modulus-Organ ventral. Das letzte Bild zeigt somit eine Ventralansicht. Unter Zuhilfenahme der Abb. im KOSTE interpretiere ich die Organe wie folgt:
La: Labium (Oberlippe); Mo: Modulus mit Pille(Pi); LVA und RVA: linker und rechter Ventraltaster; SLA: Sublabium (Unterlippe); Me: Metum (Kinn):




beste Grüße
MIchael Plewka

reblaus

In Anbetracht der darin versteckten Wahnsinns-Arbeit kann ich ein schwäbisches Lob nicht unterdrücken: Et schlecht!

Rolf

Ole Riemann

Hallo Michael,

wunderschön dokumentiert. Ich finde die sessilen Rädertiere im Würzburger Raum - es gibt hier wenige stehende, verkrautete Tümpel - leider nur noch selten. Früher in Nordwestdeutschland (Kostes Gebiet!) war das ganz anders. Daher freuen mich Deine Beobachtungen besonders.

Kannst Du noch etwas zum "apochromatischen" Hohlschliffobjektträger sagen und wie Du den Kompromiss zwischen Platz für das Tier zum Festheften und sich Entwickeln einerseits und Schichtdicke für die Fotografie andererseits hinbekommst?

Danke und viele Grüße

Ole

Jürgen H.

Lieber Michael,

Deine sorgfältig gemachten Beiträge genieße ich immer sehr, ganz herzlichen Dank für Deine Mühe und das Teilen Deiner Ergebnisse.

Die Pillen werden aus einem Teil der Nahrungsbestandteile gebildet, schreibst Du. Heißt das, dass das Rädertier außerhalb des inneren Verdauungsapparates bereits zur Nahrung unbrauchbare Bestandteile herausfiltert, in den Modulus überführt und dort zu den Pillen verarbeitet? Oder kann das Gehäuse bei auftretendem Nahrungsmangel als Nahrungsvorrat verwertet werden?

Schöne Grüße

Jürgen

Martin Kreutz

Hallo Michael,

rein intuitiv war ich geneigt, die Wimpernkrone als ventral zu betrachten. Mal wieder was dazu gelernt! Auch was die Bildung der "Pillen" angeht. Ich war bisher der Ansicht, dass immer Kotballen verwendet werden, wie ich es bei P. pilula schon oft beobachtet habe. Bilder wie immer einwandfrei! Sehr schöner Beitrag!

Martin

Michael Plewka

hallo zusammen,
       
vielen Dank für das Feedback!

@ Ole:
leider habe ich bezüglich des ,,apochromatischen" Hohlschliff-Objektträgers das entsprechende Emoticon vergessen: beim Mikroskopikertreffen der NWV Hagen hatte ich J. Stahlschmidt von der Larve erzählt, und er hatte mir spontan diesen Objektträger angeboten,  mit dem Hinweis, dieser sei apochromatisch, dieses allerdings mit  einem Augenzwinkern. Wie du ja weißt, liefert J. Stahlschmidt ja immer nur beste Qualitat, selbst bei Objektträgern!
Ich habe die Larve also in die Vertiefung pipettiert, einen Tag gewartet  und dann ohne Deckglas mikroskopiert. Ansonsten wäre die Schichtdicke zu groß gewesen. Zum Einsatz kam deshalb ein Trockenobjektiv, das aber über einen größeren Arbeitsabstand verfügt als das Planapo Öl. Dazu musste dann ein Teil des Wassers wieder aus der Vertiefung abgezogen werden. Der Einsatz ohne Deckglas ist aber -abgesehen von den schlechten optischen Bedingungen- sehr kritisch:
ich muss aber leider zugeben, dass ich dann letztlich doch zu tief eingetaucht bin, das Viech blieb leider  zusammen mit dem Wassertropfen am Objektiv hängen und hat die Abspül-Operation dann letztlcih nicht überlebt. So bleiben leider nur ein paar Bilder.....

@ Jürgen:
inwieweit während des Herantransports des Partikelstroms zu dem Modulus bereits eine Selektion der Partikel stattfindet, ist (mir) nicht bekannt. Wulfert schreibt, dass  in  dem Modulus die Partikel mit Kitt zu den Pillen geformt werden. Ob dieses wirklich bewiesen ist, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis. Fakt ist aber, dass die Pillen  mechanisch relativ stabil sind. Die Gehäuse sind mindestens mehrere Wochen haltbar und werden nach meinen Beobachtungen selten  von anderen Organismen bewachsen.
Ob diese Biomasse theoretsich von dem Rädertier selbst wieder abgebaut werden könnte? Wäre evtl möglich, aber zwei Aspekte sollte man dabei nicht unberücksichtigt lassen:
1. Für mich ist nicht vorstellbar, dass dort, wo F. ringens vorkommt, ein Nahrungsmangel auftreten könnte. Da würde ich andere mangelhafte Umweltfaktoren wie z.B. Austrocknung für eher wahrscheinlich halten.
2. Das Nervensystem dieser Rädertier ist ja relativ einfach aufgebaut. Insofern ist dieser Gehäusebau, vor allem in der angedeuteten Präzision der Anordnung der Pillen, schon eine sehr erstaunliche Leistung. Zum Zwecke der Aufnahme der Pillen durch den Mund müsste ja nun ein ebensolches Verhaltensprogramm in dem Nervensystem gespeichert sein. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass dieses für mich nicht vorstellbar ist.
Dass jemand dieses mal beobachtet hätte, ist mir nicht bekannt.

@ Martin,
ja, das mit der ,,ventralen" Wimperkrone ging mir ja genauso......

beste Grüße
Michael Plewka

Monsti

Hallo Michael,

da hast Du ja mal wieder einen Leckerbissen abgeliefert - vielen Dank fürs Zeigen!

Viele Grüße
Angie

Gerald

Hallo Michael,

vielen Dank für die sehr interessante und (wie immer) ausgezeichnete (Bild-)dokumentation. Ich bin allerdings auch durch den fehlenden Smily über den apochromatischen" Hohlschliff-Objektträgers gestolpert  ;)

Viele Grüße

Gerald

Bernhard Lebeda

Zitat von: Michael Plewka in Februar 17, 2016, 23:00:44 NACHMITTAGS

leider habe ich bezüglich des ,,apochromatischen" Hohlschliff-Objektträgers das entsprechende Emoticon vergessen: beim Mikroskopikertreffen der NWV Hagen hatte ich J. Stahlschmidt von der Larve erzählt, und er hatte mir spontan diesen Objektträger angeboten,  mit dem Hinweis, dieser sei apochromatisch, dieses allerdings mit  einem Augenzwinkern. Wie du ja weißt, liefert J. Stahlschmidt ja immer nur beste Qualitat, selbst bei Objektträgern!


Liebe Optikfans

ich als Zeuge dieser Szene bin ziemlich sicher, daß Jürgen gesagt hat : " dieser Hohlschliffobjekträger ist aber chromatisch "  ;D

Nichtsdestotrotz: absolut tolle und interessante Dokumentation, lieber Michael!! 

Diese Knackschärfe hätte ich ehrlich gesagt ohne Deckglas im DIK nicht erwartet!  ???

Viele apochromatische Mikrogrüße

Bernhard
Ich bevorzuge das "DU"

Vorstellung