Gender-„Problem“: Weib mit Bart

Begonnen von Michael Plewka, Juli 17, 2026, 17:48:13 NACHMITTAGS

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Michael Plewka

Hallo zusammen,

In der letzten Woche habe ich seit längerer Zeit mal wieder den Henrichsteich in Hattingen beprobt.

Dabei stellte  sich die Frage, ob die heißen Tage  der letzten Wochen einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Mikroorganismen haben.

Und tatsächlich war die Zusammensetzung des Plankton anders als das, was ich bisher in diesem Gewässer gefunden hatte: während typische Plankton-Rädertiere wie  z.B. die Gattungen Keratella,  Brachionus  oder Polyarthra, um nur einige zu nennen, praktisch nicht vorhanden waren, waren zwei Gattungen ziemlich präsent: zum einen das monogononte Rädertier Trichocerca similis,  das ich in dieser Häufigkeit (ca 20/ ml) noch nie in einer Probe hatte, zum andern das bdelloide  Rädertier Philodina megalotrocha, welches ebenfalls in ziemlicher Dichte auf abgestorben Algenfäden zu finden war.


Charakteristisch für diese letztere  Art ist, dass sie sich mit dem Fuß meist auf Algen anheftet, sehr häufig ein Ei daneben ablegt (es gibt ja nur Weibchen), aber dann nicht wegschwimmt, so dass möglicherweise mehrere Generationen auf einem solchen Algenfaden zu finden sind.  Einen Eindruck davon gibt es folgende Bild (der Pfeilkopf zeigt auf eine der o.a. Trichocercas):



Das Besondere an dieser Art ist aber ein Merkmal, das man bei Beobachtung in der typischen Dorsoventralansicht nicht wahrnehmen kann, sondern sich erst in der Seitenansicht erschließt:  auf der Bauchseite unter dem Mund befinden sich zwei Cilien-Büschel, die ich bisher bei keinem anderen Rädertier gesehen habe. Im folgenden Bild bei einem der zuvor geschlüpften Jungtiere zu sehen (Pfeilkopf). Das einzige  Rädertier quasi mit einem Ziegenbart...



Doch damit nicht genug: erst bei der Analyse der Videoaufnahmen (Aufnahme mit 300 Bildern pro Sekunde) wird deutlich, dass sich diese Cilien-Büschel je auf einem kleinen Lappen befinden,  die mit einer ziemlichen hohen Frequenz von circa 120 Hz oszillieren. Diese Bewegung ist mit bloßem Auge im Mikroskop überhaupt nicht wahrnehmbar.

Über die biologische Funktion dieses Gebildes darf gerne spekuliert werden. Mglicherweise sind diese Strukturen homolog zu den Ventral-/Lateraltastern der monogononten Rädertiere...

Mehr zu dieser Rädertierart hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Philodina%20megalotrocha.html

Schon vor circa 130 Jahren hat der Biologe Zelinka die Wasserströmungen, welche die (bdelloiden) Rädertiere mit ihrem Räder-Organ erzeugen, in einigen Zeichnungen festgehalten. Mittlerweile kann man so etwas ebenfalls in Videos dokumentieren. Insgesamt sind 5 verschiedene Cilienfelder bei der -selektiven- Nahrungsaufnahme von Philodina beteiligt. Das Zusammenwirken dieser Cilienfelder kann man durch Karmin-Körnchen sichtbar machen.  Es ist immer wieder faszinierend zu sehen und rätselhaft zugleich, wie die meisten der  in die Mundregion hinein gestrudelten Partikel nicht in den Magen gelangen, sondern wieder ausgeschieden werden.

Die wesentlichen hier beschriebenen Beobachtungen sind auch in diesem YouTube Video zu sehen.

https://www.youtube.com/watch?v=yHWxLMUzouM

Viel Spaß beim anschauen.

Beste Grüße,
Michael Plewka

Goldfuss

YouTube channel: microBizkaia

Daniel Scheibenstock

Hallo Michael,

Sehr interessant 🙂 vielen Dank..... auch das Video ist gut gemacht auch wenn ich etwas Ton gut gefunden hätte🙈

Liebe Grüße Daniel
Leica DMRB HC (DL, Pol, DIC, PH)
Motic BA310 LED (DL: PH; DF;POL, AL: POL)
Zeiss Universal (DL: Fluo; POL AL: Fluo,POL. DIC)
Zeiss IM35 (DL; PH; Fluo;POL)
Olympus SZX12
Bresser Stereolupe

Vorstellung: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=48126.0

Michael Plewka

Hallo zusammen,

@ Luis: thanks for the positive comment!

@ Daniel: du hast recht: es wäre schön, wenn man die Töne  der Rädertiere im Video hören könnte.

Leider reicht die Empfindlichkeit meiner Mikrofone dafür nicht aus .... ;-)))

Beste Grüße
Michael

Daniel Scheibenstock

Hallo Michael,

das ist natürlich schade – ich hatte schon auf den ersten Dolby-Surround-Mitschnitt eines Rädertierchens gehofft. 😄

Vielleicht hilft ja die Filmindustrie weiter: Beim Schneckenvideo habe ich die Geräusche einfach per Foley-Sound nachvertont. Für Rädertiere könnte ich mir ein dezentes Surren, leises Knarzen oder zumindest etwas stimmungsvolles Hintergrundrauschen vorstellen. Das würde dem Ganzen fast schon Dokumentationscharakter verleihen.

Wobei ich zugeben muss: Die Vorstellung, dass man einem Rädertier beim Fressen oder Schwimmen tatsächlich zuhören könnte, hätte schon ihren ganz besonderen Reiz.

Auf jeden Fall ist die Entscheidung, gar keinen Ton zu verwenden, deutlich besser als irgendeinen beliebigen Song in den Hintergrund zu legen, der überhaupt nicht zu den ästhetischen Aufnahmen passt. Die Bilder wirken für sich und brauchen nicht zwingend musikalische Untermalung.

Nochmals vielen Dank für die vielen wertvollen Beiträge und die Mühe, die du dir mit den Aufnahmen machst. Es ist immer wieder eine Freude, sie anzusehen.

Liebe Grüße

Daniel
Leica DMRB HC (DL, Pol, DIC, PH)
Motic BA310 LED (DL: PH; DF;POL, AL: POL)
Zeiss Universal (DL: Fluo; POL AL: Fluo,POL. DIC)
Zeiss IM35 (DL; PH; Fluo;POL)
Olympus SZX12
Bresser Stereolupe

Vorstellung: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=48126.0

Michael Plewka

Hallo Daniel,

als Musiker und Klangforscher hätte  ich sicherlich  genügend Material, um das Videomaterial adäquat zu  vertonen...

Aber wie du schon andeutest: ich möchte die optische Wahrnehmung nicht durch akustische Informationen beeinflussen.
Es bleibt also dabei: auch zukünftigi kein zusätzlicher Ton

Eine Sache, die ich aus dem sehr interessanten  Vortrag von Heribert Cypionka am letzten Samstag mitgenommen habe,  ist der Blick auf diejenigen Rätsel beziehungsweise Sachverhalte in der Mikrowelt, von denen wir nichts wissen.

Und so ist es auch hier: selbstverständlich erzeugen  Mikroorganismen wie zum Beispiel Ciliaten  oder auch Rädertiere mit ihren motorischen Cilien Schwingungen, die über die Wassermoleküle weitergeleitet werden, zwar nicht mit der Intensität eines Pistolenkrebses
https://www.heise.de/hintergrund/Zahlen-bitte-Ein-echter-Kracher-des-Meeres-mit-250-Dezibel-6542876.html,
aber immerhin... 

Ob und in welcher Weise die Schwingungen der Cilien  von anderen Mikroorganismen wahrgenommen werden:  wer weiß das schon?


Beispielsweise haben Rädertiere auf der Außenseite Sinnersorgane, so genannte Dorsalantennen bzw.  Lateral Antennen, die wiederum sensorische Cilien haben, z.B. hier bei dem Rädertier Floscularia melicerta:



Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Floscularia%20melicerta.html

Kein Mensch weiß allerdings, ob diese Sinnesorgane mechanisch und / oder chemisch sensitiv sind.


Beste Grüße
Michael Plewka