Autor Thema: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris  (Gelesen 9718 mal)

Florian Stellmacher

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Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« am: Februar 20, 2012, 14:14:09 Nachmittag »
Liebe Freunde historischer Mikroskope!

Bei dem Mikroskop, das ich heute vorstellen möchte, handelt es sich offenbar um eine Art Vollwaise: Ich kenne kein zweites Instrument dieses Herstellers, weder aus Sammlungen noch aus der Literatur. Das Mikroskop trägt eine geschwungene Gravur „Bouzendroffer Opticien Paris“ am Tubus, ferner ist auf der Vergrößerungstabelle, die auf der Unterseite des Kastendeckels klebt, die Nummer 655 vermerkt, sicherlich ein Hinweis darauf, dass dieser Hersteller (so Bouzendroffer überhaupt der Hersteller und nicht der Händler war) noch weitere Mikroskope gefertigt hat.



Das Mikroskop ruht in einem polierten Kasten aus Tropenholz, beigegeben war ein kleines lederbezogenes Kästchen zur Aufnahme von drei Objektiven (wohl nicht original), ferner lagen diverse Dauerpräparate bei, aufgezogen auf auffällig kleine und mit Papier beklebte Objektträger. Der ursprünglich zugehörige Schlüssel ist offenbar schon vor langer Zeit verloren gegangen, der Kasten wird heute mit zwei Metallhaken verschlossen.





Das Stativ besteht aus einem gusseisernen, schwarz lackierten Fuß, auf dem zwei säulenförmige Messingelemente stehen, mit denen der Tisch drehbar verbunden ist. Fest mit dem Tisch verschraubt ist die Stativsäule, die den Tubus hält. Der Tisch trägt zwei Präparateklammern. Neben einem Grobtrieb mit Zahn und Trieb gibt es auch einen Feintrieb mit einer drehbaren Glocke, die den oberen Teil der Stativsäule gegen den Widerstand einer in der Säue gelegenen Feder verstellt. Ein Kondensor ist nicht vorhanden, in den Tisch ist jedoch eine Lochblendenscheibe eingelassen. Eine zusätzliche Kollektorlinse, wie sie für französische Mikroskope dieses Typs gebräuchlich war, ist ebenfalls nicht (mehr?) vorhanden, am Tubus ist auch keine entsprechende Halterung vorgesehen.





Die Vergrößerungstabelle listet vier Okulare, erhalten geblieben ist jedoch nur Nr. 3. Die von 0 bis 6 nummerierten achromatischen (!) Systeme bestehen aus einen fünfgliederigen sowie zwei dreigliederingen Satzobjektiven, von denen je nach gewünschter Vergrößerung Elemente ab- oder angeschraubt werden können. Die Basiselemente weisen ein Innengwinde auf, das auf ein Außengewinde des Tubus aufgeschraubt wird (nicht RMS!). Der Tubus besitzt einen ausziehbaren Innentubus, der mechanische Tubuslängen von 19 bis 26 cm erlaubt.



Das Mikroskop entspricht äußerlich dem Zeitgeschmack französischer Mikroskope der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem der auf zwei Säulen ruhende Fuß ist hier recht typisch. Eine exakte Datierung ist schwierig, da entsprechende Konstruktionen bereits vor 1850 auftauchten und z.T. bis nach 1900 verwendet wurden. Ausführung und Ausstattung lassen vermuten, dass das Mikroskop als mittleres Mikroskop für einen Liebhaber gedacht war. Ich gehe davon aus, dass es auf Bestellung als Manufakturware für einen Kunden hergestellt wurde. Die Marke Bouzendroffer dürfte unmittelbar mit der Person eines Pariser Optikers verbunden gewesen sein, sodass der Name mit dem Tod des Firmenbesitzers nicht mehr weiter verwendet wurde.

Frankreich war als Hersteller optischer Instrumente im 19 Jh. hoch angesehen, wobei französische Hersteller neben den englischen Manufakturen die Elite des optischen Handwerks darstellten. So wurden nicht nur komplette Mikroskope in die verschiedensten Länder exportiert, sondern es wurde auch optisches Glas an Hersteller im Ausland, auch nach Deutschland, verkauft. Bis zum preußisch-französischen Krieg 1870/71 wurden z.B. bei Carl Zeiss importierte Gläser aus Frankreich verwendet, ein Umstand, der die Gründung von Otto Schotts Jenaer Glashütte zwingend erforderlich machte.

Herzliche Grüße,
Florian

« Letzte Änderung: Februar 20, 2012, 14:25:53 Nachmittag von Florian Stellmacher »
Vorwiegende Arbeitsmikroskope:
Zeiss Axioskop 40 (DL, Pol, AL-Fluoreszenz)
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Klaus Herrmann

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #1 am: Februar 20, 2012, 14:32:07 Nachmittag »
Gratuliere Florian

zu dem schönen Instrument!

 Interessant finde ich die im Tisch eingelassenen Blendenscheibe, die bei einfachen Mikroskopen immer unterm Tisch angebracht ist, was ja viel leichter zu realisieren ist.

Die gesamte Konstruktion ist gut durchdacht.

Das Objektivkästchen könnte doch dazu gehören. Im DeckeL des Kastens sieht es links oben so aus, als ob dort ein Holz-"Käfig" angeklebt war, wo das Kästchen rein passt.
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


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Florian Stellmacher

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #2 am: Februar 20, 2012, 14:40:06 Nachmittag »
Lieber Klaus,

...kann sein, muss aber nicht. Natürlich ist das Mikroskop schon durch diverse Hände gegangen, sodass sich reichlich Gelegenheit ergeben hat, dass etwas verschwindet oder hinzukommt. Auf alle Fälle waren drei Satzobjektive dabei, das Kästchen könnte also passen, es kommt mir aber irgendwie "hartnackig" vor mit seinem violetten Polster.

Herzliche Grüße,
Florian
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beamish

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #3 am: Februar 20, 2012, 22:00:50 Nachmittag »
Lieber Florian,

wieder ein wunderschönes Instrument!
Mit etwas googlen kann man feststellen, daß Herr Bouzendroffer zumindest eine Zeit lang mit der Erzeugung ophthalmologischer Instrumente ganz gut im Geschäft war. Hier wird er als constructeur gelobt (Quelle http://gallica.bnf.fr/):



Von daher denke ich, daß er nicht nur Vertreiber, sondern auch Hersteller Deines Mikroskops war.
Mikroskope hat er offenbar nicht nur nebenher gebaut. Er inserierte für seine Mikroskope und Lupen in botanischen Zeitschriften (Quelle http://bibdigital.rjb.csic.es) :



Herzliche Grüße

Martin
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Florian Stellmacher

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #4 am: Februar 21, 2012, 03:06:37 Vormittag »
Lieber Martin,

vielen Dank fürs Googlen! Das hatte ich noch nicht gefunden.

Herzliche Grüße,
Florian
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Klaus Herrmann

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #5 am: Februar 21, 2012, 11:38:26 Vormittag »
Wie man auf dem rosa Werbeblatt ganz unten sieht hatte er in Spanien sogar einen Vertreter

 in höchsten Regierungskreisen General Franco;D
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


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beamish

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #6 am: Februar 21, 2012, 11:57:15 Vormittag »
In Google-Books findet man noch Hinweise, daß das Geschäft spätestens 1913 von einem gewissen Margaillan übernommen wurde:



den es 1930 noch gab:




vielleicht nur noch als Brillengeschäft?


Grüße

Martin
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Florian Stellmacher

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #7 am: Februar 21, 2012, 12:12:53 Nachmittag »
Lieber Martin,

Zitat
In Google-Books findet man noch Hinweise, daß das Geschäft spätestens 1913 von einem gewissen Margaillan übernommen wurde:

das ist ja interessant, lässt es doch den Schluss zu, dass das Mikroskop wohl eher aus der Jahrhundertwende stammt, es sei denn, Herr Bouzendroffer starb für seine Zeit eher untypisch als Methusalem.

Ich war in der Schule Lateiner, mit der französischen Sprache hapert es bei mir entsprechend, daher erschließen sich mir diese Quellen nicht wirklich zwanglos...  :-[

Herzliche Grüße,
Florian
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beamish

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #8 am: Februar 21, 2012, 14:45:28 Nachmittag »
Lieber Florian,

Zitat
Ich war in der Schule Lateiner, mit der französischen Sprache hapert es bei mir entsprechend
da haben wir was gemeinsam....  ;D

Die oben zuerst gezeigte Quelle stammt aus dem Jahre 1890 und ist der älteste Nachweis, den ich für ihn gefunden habe. Dort werden auch ein paar seiner ophthalmologischen Instrumente gezeigt:



Die darunter abgebildete Anzeige schaltete er in den Jahrgängen 1899-1903 im Bulletin de l'Académie internationale de géographie botanique, Le Mans.

Grüße

Martin

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beamish

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #9 am: Februar 21, 2012, 15:23:42 Nachmittag »
und schau Dir mal dieses sehr ähnliche Gerät an:

http://www.lecompendium.com/dossier_optique_22_microscope_a_double_colonne/microscope_a_double_colonne.htm

Vielleicht hat Bouzendroffer doch nur gebranded... ?

Grüße

Martin

Edit: noch ähnlicher ist das hier (Feintrieb...). Allerdings wird darauf abgehoben, daß die Objektive RMS-Gewinde ("society screw") haben:
http://www.sil.si.edu/digitalcollections/trade-literature/scientific-instruments/files/51796/imagepages/image26.htm
« Letzte Änderung: Februar 21, 2012, 15:59:34 Nachmittag von beamish »
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Florian Stellmacher

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #10 am: Februar 21, 2012, 15:57:25 Nachmittag »
Lieber Martin,

es steht völlig außer Frage, dass es von verschiedensten Herstellern Mikroskope dieses Typs gibt, leider dürfte bei dem überwiegenden Teil kein Hersteller graviert sein. In den verschiedenen Sammlungen (RMS Oxford, Science Museum London, Billing's Collection der AFIP Washington etc.) findet man immer wieder solche Mikroskope mit zwei Säulen an Fuß und horizontler Drehachse - diese Konstruktion ist typisch für etliche französische Mikroskope der zweiten Hälfte des 19. Jh. Daher dürfte es für Herrn Bouzendroffer irgendwie logisch gewesen sein, dass ein Mikroskop so aussehen muss, wie er es gebaut hat. Ein konstruktiver Geniestreich steht hier kaum zu vermuten.

Ich finde es großartig, was Du inzwischen an zusätzlichen Informationen über Herrn Bouzendroffer zutage gefördert hast! Nun kann ich doch mit gewisser Berechtigung vermuten, dass das Mikroskop um 1900 von einem findigen Pariser Optiker selbst hergestellt wurde, der außerdem ophthalmologische Instrumente gebaut und über die Grenzen Paris' hinaus vertrieben hat.

Herzliche Grüße,
Florian
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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #11 am: Februar 21, 2012, 16:32:45 Nachmittag »
Lieber Florian,

hier noch zum Schluß (?) ein Link, wo Du noch mehr über die Firma erfährst (gegründet 1860!):
http://www.sil.si.edu/digitalcollections/trade-literature/scientific-instruments/files/51731/imagepages/image66.htm
http://www.sil.si.edu/digitalcollections/trade-literature/scientific-instruments/files/51731/imagepages/image67.htm

Die Seiten sind aus einem Katalog "   L'Industrie Francaise des Instruments de Précision ", Paris 1901/1902.

Herzlich

Martin
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Florian Stellmacher

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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #12 am: Februar 21, 2012, 16:46:52 Nachmittag »
Lieber Matin,

1860... Okay, dann kann das Mikroskop doch noch älter sein, als ich zuletzt angenommen hatte. Super, was Du alles gefunden hast!

Herzliche Grüße,
Florian
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Re: Ein seltenes Mikroskop von Bouzendroffer, Paris
« Antwort #13 am: Februar 21, 2012, 21:30:31 Nachmittag »
Lieber Florian,

hat Spaß gemacht, so einem Anonymus ein wenig Geschichte eingehaucht zu haben.

Grüße

Martin
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