Autor Thema: Ultra-Lomara  (Gelesen 8369 mal)

Jürg Braun

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Ultra-Lomara
« am: Februar 20, 2012, 22:05:39 Nachmittag »
Das Ultra-Lomara

Ich will hier ein kleines Stück Mikroskopgeschichte vorstellen. Ein wirklich kleines Stück. Es ist das Taschenmikroskop Ultra-Lomara. Hergestellt wurde es zwischen 1928 und 1934 von der auf Fotoapparate und Armeeoptik spezialisierten Firma Goerz in Berlin. Die Firma ging nach dem zweiten  Weltkrieg im Zeiss Ikon Konzern auf. Soweit ich ausfindig machen konnte, hat sie nie andere Mikroskope hergestellt.



Im Prospekt wurde es für beinahe jede Anwendung angepriesen: Für den Arzt und Zahnarzt, die Schule, die metallverarbeitende, chemische und textile Industrie, den Ingenieur und zu guter letzt den Naturfreund.  Diese Anpreisung war sicher etwas hoch gegriffen.


Nun zum Gerät

Beginnen wir bei der Verpackung. Sie entspricht in Form und Grösse einem Feldstecherköcher.  Im Innern verfügt sie über einen Metalleinbau in welchem jedes Einzelteil seinen Platz findet. Dies führt zu einem Gewicht von 630g alleine für den Köcher. Mit Inhalt wiegt die ganze Ausrüstung 1380g. Der Deckel ist mit violettem Samt ausgeschlagen in welchen mit goldenen Buchstaben in Jugendstilschrift „Ultra-Lomara“ geprägt ist.



Das Gerät besteht aus einem Stabmikroskop, welches in einem mit Spiegel, Blende, Kondensor und Feintrieb versehenen Ständer befestigt werden kann. Die Okulare sowie die Objektive sind wechselbar. Insgesamt ergeben sich 48 Vergrösserungsmöglichkeiten.



Der Mikroskoptubus ist aus Kunststoff gefertigt. In der Anleitung wird das Material als Hartgummi bezeichnet. Unter der abschraubbaren Okularfixierung und gleichzeitig Augenmuschel ist „ULTRA-LOMARA, D.R.P.“ eingraviert. Eine Serien- oder Gerätenummer ist nicht zu finden. Die Scharfstellung erfolgt über eine breite gerändelte Muffe. Es wird der gesamt Tubus verschoben. Die Distanz zwischen Okular und Objektiv bleibt somit konstant. Um die Vergrösserung zu erhöhen, kann der Tubus mit einer Hülse um ca. 8cm verlängert werden. Die Fokussierung hat deutlich Spiel. Ob dies erst im Laufe der Zeit entstanden ist oder schon von Anfang  an so war ist schwer zu beurteilen.


Optik
Es wurden zwei achromatische Satzobjektive, ein Festbrennweitenobjektiv und drei Okulare mitgeliefert. Sämtliche Linsenflächen sind, der Zeit entsprechend, nicht vergütet.
Die Okulare sind zweilinsig aufgebaut und entsprechen etwa den Vergrösserungen 7x, 12x und 15x. Das Sehfeld wird maximal dem Innendurchmesser des Tubus von 11mm entsprechen. Laut Verkaufsunterlagen konnten die Okulare mit einer Strichplatte für Messzwecke ausgerüstet werden.



Die Satzobjektive bestehen aus mehreren, in verschiedenen Kombinationen verschraubbaren Linsengliedern. Leider ist kein Objketiv und keine Linsenkombination parfokal.
Das kleinste Objektiv hat je nach Linsenkombination eine 1,6 bis 5 fache Vergrösserung. Die Elemente 3a und 3c enthalten eine Linse. Das Element 3b ist lediglich eine Distanzhülse.
Das mittlere Objektiv besteht aus vier Elementen, welche ausser dem Element 5a alle mit einer Linse versehen sind. Es hat eine 5,8 bis 17 fache Vergrösserung. Beim Element 5b ist die Linse aus einem Randstück gefertigt. Es fehlt ihr ein kleines Segment.
Das dritte Objektiv hat eine feste 40 fache Vergrösserung.
Abhängig von der Linsenkombination zeichnen die Objektive bis zum Sehfeldrand scharf. Bei der Linse 3a endet die Schärfe jedoch schon in der Mitte des Sehfeldes.
Bei 450 facher Vergrösserung wird die Zellenstruktur von Pleurosigma angulatum gezeichnet. Dies entspricht einer Apertur von etwas unter 0.65. Eine beachtliche Leistung für einen solchen Winzling.

Aus Neugier habe ich ein Euromex Objektiv aus den Neunzigerjahren mit Klebeband auf das Mikroskop montiert. Die Bildqualität war deutlich besser als mit den Originalobjektiven. Pleurosigma angulatum wurde etwas besser aufgelöst. Anscheinend sind die Objektive das schwächste Glied bei der Abbildung.


Stativ
Das Stativ ist aus Gusseisen. Die Unterseite ist gerade soweit geschliffen, dass es ohne zu wackeln steht. Daneben sind noch grobe Gussbrauen sichtbar. Über ein Scharnier lässt sich das Mikroskop zur angenehmeren Betrachtung neigen. Der Spiegel ist einseitig plan und einseitig hohl und lässt sich in alle Richtungen bewegen. Unter dem Objekttisch aus Kunststoff ist ein einlinsiger Kondensor angebracht. Die Lochscheibe, welche als Aperturblende dient, ist über dem Kondensor montiert. Sie funktioniert, zu meiner Überraschung, trotzdem. Der Kondensor kann ausgeschwenkt und durch eine mitgelieferte Glühlampe ersetzt werden. Bei Glühlampenbetrieb fehlt somit der Kondensor und die Apertur fällt deutlich zurück. Die Leuchte kann auch als Auflichteinheit angesteckt werden.
Der am Tisch angebrachte Feintrieb funktioniert über einen gefederten Wippmechanismus. Seine Bedienung fordert etwas Feingefühl. Zwei fix montierte Objektklemmen vervollständigen das Mikroskop.




Beleuchtung
Sie besteht aus einer einzementierten 4V Glühbirne welche über ein seidenisoliertes Kabel und einen Adapter an eine Taschenlampe angeschlossen werden konnte. Die Glühbirne ist noch intakt.




Erhaltungszustand
Leider ist das Linsenglied 5b sowie das Objektiv 7 teilweise delaminiert. Doch ich denke, dass das flaue Bild nicht alleine darauf zurückzuführen ist. Die Frontseite des Kondensors hat mehrere, deutlich sichtbare Kratzer und der Hohlspiegel ist leicht fleckig. In Anbetracht des Alters und des Umstandes, dass es sich bei diesem Mikroskop nie um ein Gerät der Spitzenklasse handelte, kann man von einem guten Erhaltungszustand sprechen.


Punktuelle Delamination im Objektiv




Originalunterlagen






Gruss in die Runde

Jürg

PS. Wer will kann den Text auch als PDF haben. Bitte per PN melden.





Jürg









Florian Stellmacher

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Re: Ultra-Lomara
« Antwort #1 am: Februar 21, 2012, 03:31:53 Vormittag »
Lieber Jürg,

vielen Dank, dass Du dieses wunderbare Mikroskop hier vorstellst. So ausfürlich hat das offenbar bislang noch niemand gemacht.

Ich glaube, jetzt will ich auch eins! ;D

Herzliche Grüße,
Florian
Vorwiegende Arbeitsmikroskope:
Zeiss Axioskop 40 (DL, Pol, AL-Fluoreszenz)
Olympus BHS (DL, Pol, Multidiskussionseinrichtung)
Leitz Orthoplan (DL, DF, Pol, AL-Fluoreszenz)
Zeiss Phomi I - III (DL, DL-DIK, Phako, AL-Fluoreszenz)
Wild M400 Fotomakroskop (DL, DF, AL, Pol)

Yuval Goren

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Re: Ultra-Lomara
« Antwort #2 am: Januar 07, 2013, 16:59:06 Nachmittag »
Danke Jürg zum Lenken mich zu dieser guten Bewertung. Ich habe einen ähnlichen Satz, und ich denke, dass dies eines der besten und innovativsten mobilen Mikroskopen jemals gemacht werden soll.

wilfried48

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Re: Ultra-Lomara
« Antwort #3 am: Januar 07, 2013, 19:07:03 Nachmittag »
Hallo Jürg,

als Reisemikroskopfan bin ich begeistert über die Vorstellung dieses kleinen alten Reisemikroskops.

Was haben denn die Objektive für ein Anschlussgewinde ?

In der Bucht ist zur Zeit ein Hand/Tisch Mikroskop/Lupe der Firma Lomara,

es dürfte sich um dieselbe Firma handeln:

http://www.ebay.de/itm/alte-lomara-lupe-10x-Mikroskop-Messinstrument-Lupensortiment-Vergroserungsglas-/160948348252?pt=Alte_Berufe&hash=item257944e55c

viele Grüsse
Wilfried



vorzugsweise per Du

Hobbymikroskope:
Zeiss Photomikroskop II, AL, DL, HD, Pol, Ph, DIC
Zeiss Inversm. IM35, DL, Ph, Pol, EPI-Fl
Zeiss Stemi 2000 C
Zeiss Reisem. Standard Junior Aufrecht u. Invers, DL, HD, Ph, Pol

Vorst. Wilfried48
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=107.