Autor Thema: Das Histological and Physiological Microscope von SWIFT  (Gelesen 6030 mal)

Florian Stellmacher

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Das Histological and Physiological Microscope von SWIFT
« am: Februar 21, 2012, 13:41:55 Nachmittag »
Liebe Freunde historischer Mikroskope,

heute möchte ich ein Spezialmikroskop der Firma J. Swift vorstellen, das eben nicht auf die universelle Anwendung ausgelegt ist, sondern für den Einsatz in der Medizinerausbildung optimiert wurde.


Zeitgenössische Abbildung aus Carpenter 1901

Die traditionsreiche britische Firma Swift wurde 1854 von James Powell Swift in London gegründet. Swift hatte zuvor für die renommierte Firma Ross gearbeitet, bevor er sein eigenes Geschäft eröffnete. 1877 trat sein Sohn Mansell James Swift in die Firma ein, und „Swift“ wurde zum eingetragenen Warenzeichen. Neben Mikroskopen wurden auch Fotoobjektive hergestellt. Eine herausragende Leistung stellt der 1881 eingeführte Swift-Feintrieb mit Glockenspindel dar, eine Weiterentwicklung des bisher üblichen Feintriebes; dieser wurde von anderen Herstellern vielfach nachgebaut. 1906 starb der Firmengründer, der Firmenname änderte sich 1912 in „James Swift & Son Ltd.“ 1946 wurde Swift von Hilger & Watts Ltd. übernommen. Nach dem Kriege standen Polarisationsmikroskope bei Swift im Vordergrund, allerdings fanden die Mikroskope keinen entsprechenden Markt, sodass die Firma 1967 in Konkurs ging. 1968 kaufte J. H. Bassett, ein ehemaliger Swift-Mitarbeiter, die Reste der Firma auf und brachte ein neues Polarisationsmikroskop auf den Markt; dieses war jedoch keine komplette Eigenentwicklung, sondern es basierte auf dem Watson Microsystem 70. Erst 1975 wurde ein neues eigenes Polarisationsmikroskop, das Modell MP 120, vorgestellt. 1980 wurde Swift von Prior übernommen [1]. Der Firmenname wurde später von einer japanischen Firma benutzt, die Mikroskope haben jedoch konstruktiv nichts mit der britischen Firma Swift zu tun.

Das „New Histological an Physiological Microscope“ wurde 1894 eingeführt. Neben dem normalen Stativ gab es auch eine tragbare Variante, bei der das hintere Bein mit einem Scharnier versehen war und zum Transport hochgeklappt werden konnte. Carpenter [2] beschreibt das Mikroskop als klein, kompakt, preisgünstig und wirklich nützlich. Es wurden verschiedene Ausbaustufen angeboten, die den jeweiligen Bedürfnissen der Kunden angepasst waren.





Der dreibeinige Fuß trägt eine Welle, um die die Stativsäule geneigt werden kann. Das Design wurde seinerzeit als „wunderschön und schwungvoll“ (Carpenter) angesehen. Das Mikroskop ist mit einer Grobeinstellung mit Zahn und Trieb sowie dem bereits angesprochenen Swift-Feintrieb ausgestattet, beide laufen heute noch perfekt. Der horseshoe Tisch ist nach vorne geöffnet, darunter ist ein auf diese Weise leicht zugänglicher Abbe-Kondensor in einer Schiebehülse angebracht. Der eigentliche Clou des Stativs ist der patentierte Kreuzobjektfüher. Dieser verschiebt nicht etwa den Präparatehalter sondern verschiebt den Objekttäger mittels kleiner Rollen, die über rotierende Wellen bewegt werden. Die Feder des Objekthalters ist nicht als Spiralfeder ausgelegt sondern besteht aus einem glatten federnden Element, das auch nach 120 Jahren noch einwandfrei funktioniert. Typisch für Swift ist zudem, dass auf dem Objekttisch ein Messfeld in Inch eingraviert ist. Das Mikroskop ist mit zwei Objektiven in einem Revolver ausgerüstet, beide Objektive sind nicht graviert. Ferner sind die Objektive absolut nicht parfokal, wobei bemerkenswert ist, dass Swift bei dem zeitgleich angebotenen „Bacteriological Microscope“ (vielleicht stelle ich dieses später einmal vor) damit warb, dass die Objektive hier annähernd parfokal abgeglichen seinen, ferner sei der neuartige Revolver so konstruiert, dass kein Schmutz mehr eindringen könne [3]. Das histologische Mikroskop stellte hier also eine einfachere Konstruktion, ein Kursmikroskop dar.



Das Mikroskop ist – insbesondere wenn man bedenkt, dass dieses Exemplar mit ziemlicher Sicherheit eine Zeit lang in der Studentenausbildung eingesetzt worden sein dürfte – verblüffend gut erhalten. Sowohl die Fokussiertriebe als auch der aufwendig konstruierte Kreuzobjektführer funktionieren einwandfrei, was sicherlich für die hohe Qualität spricht, die Swift seinerzeit produziert hat! Dass das Mikroskop durchaus benutzt wurde, erkennt man vor allem an Abplatzungen des schwarzen Einbrennlackes am Fuß, letztlich jedoch nur kosmetische Spuren eines bewegten Mikroskoplebens.

Herzliche Grüße,
Florian



[1] Bracegirdle, Brian: Notes on Modern Microscope Manufacturers, Quekett Microscopical Club, 1996 S. 72ff
[2] Carpenter, William B.: The Microscope and ist Revelations, 8th Edition, London 1901, S. 233 und 235
[3] Hogg, Jabez: The Microscope – Its History, Construction and Application, London und New York 1898, S. 117
« Letzte Änderung: Februar 21, 2012, 14:03:39 Nachmittag von Florian Stellmacher »
Vorwiegende Arbeitsmikroskope:
Zeiss Axioskop 40 (DL, Pol, AL-Fluoreszenz)
Olympus BHS (DL, Pol, Multidiskussionseinrichtung)
Leitz Orthoplan (DL, DF, Pol, AL-Fluoreszenz)
Zeiss Phomi I - III (DL, DL-DIK, Phako, AL-Fluoreszenz)
Wild M400 Fotomakroskop (DL, DF, AL, Pol)

Jürg Braun

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Re: Das Histological and Physiological Microscope von SWIFT
« Antwort #1 am: Februar 21, 2012, 13:49:23 Nachmittag »
Guten Tag Florian

Obschon die heutige Firma Swift nur noch denselben Namen trägt und nichts mehr mit der historischen Firma Swift gemein hat, ist Sie dem dreibeinigen Fuss treu geblieben.



Gruss in die Runde

Jürg