Na wer hat Lust etwas zu färben - Sudan III?

Begonnen von JB, März 23, 2012, 03:56:46 VORMITTAG

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JB

Hi,

"Vorsorglich schließe ich den Faden mal.....
Nicht das es wieder zu Streit kommt, aber ich finde darauf muss man einfach aufmerksam machen. Sowass sollte immer in den Köpfen der Menschen präsent bleiben."

http://www.dewezet.de/portal/lokales/aktuell-vor-ort/hameln_Gefahrguteinsatz-am-Schiller-Gymnasium-gefaehrlicher-Stoff-_arid,414027_regid,1.html

Wo wir uns hier doch sooo gern streiten :)

Ganz klar: Bevor man Chemikalien benutzt sollte man die Literatur dazu lesen! Da kommt die Frage auf: Wie kann man in einer Schule eine Flasche einer Chemikalie aufbewaren, die beim einfachen Fallenlassen einen Feuerwehr-Grosseinsatz ausloesen kann?

Wenn das tatsaechlich 1% Sudan III in Isopropanol war, und in Hameln die ueblichen Naturgesetze gelten, ist das eine Provinzposse!
Aus dem MSDS von Sudan III Pulver (!) von Sigma:

"Respiratory protection: Respiratory protection is not required. Where protection from nuisance levels of dusts are desired,
use type N95 (US) or type P1 (EN 143) dust masks."

"IARC: No component of this product present at levels greater than or equal to 0.1% is identified as probable, possible or confirmed human carcinogen by IARC." [Sudan III is a class 3 carcinogen: The agent (mixture or exposure circumstance) is not classifiable as to its carcinogenicity to humans.]

"Potential health effects
Inhalation: May be harmful if inhaled. May cause respiratory tract irritation.
Ingestion: May be harmful if swallowed.
Skin: May be harmful if absorbed through skin. May cause skin irritation.
Eyes: May cause eye irritation."

Und aus den MSDS von Sciencelab:

"Small Spill:
Use appropriate tools to put the spilled solid in a convenient waste disposal container. Finish cleaning by spreading water on
the contaminated surface and dispose of according to local and regional authority requirements.
Large Spill:
Use a shovel to put the material into a convenient waste disposal container. Finish cleaning by spreading water on the
contaminated surface and allow to evacuate through the sanitary system."

War also wohl doch kein Sudan III; klingt eher nach einer Flasche Brom :)

Eckhard F. H.

Zitatist das eine Provinzposse!

und dazu eine klassische, denn sie baut auf Historie. Künftig werden Hamelner ihre Kinder einsammeln, wenn ein Flötenspieler auftaucht.
Gruß - EFN

-JS-

#2
ZitatKünftig werden Hamelner ihre Kinder einsammeln, wenn ein Flötenspieler auftaucht.
Wohl nicht nur das - um der bei Sudan-Lösung bereits geschilderten Vorgehensweise adäquat Folge
zu leisten, wird das Auftauchen eines (1) Flötenspielers im Großraum Hameln ganz sicher einen
GSG9-Großeinsatz mit allem Brimbamborium nach sich ziehen.  ;D
Spaß beiseite:
Ich sehe hier mit der zerborstenen Sudanlösungs-Flasche lediglich einen Auslöser für eine willkommene
(und wohl aus Kostengründen immer wieder verschobene) Spontan-Übung für FW, POL, Notarztkommando
und verlinkte Krankenhäuser. Derartige Anlässe kommen ja nicht jeden Tag vor, und schliesslich (wenn
die Fehlerquote der Übung sagen wir mal unter 50% gelegen hat) können nette Berichte geschrieben
werden und sich von Schulleitung bis OBB eine Menge Leute selbstgefällig auf die Schulter klopfen.
Das geht mit einer von langer Hand geplanten Übung und den damit immer verbundenen und nie ganz
vermeidbaren stillen Informationsquellen (Flurfunk, konspirative e-mails, Frisör-News etc.) natürlich nicht
so schön.
Was soll's - Hameln hatte seinen Spaß und in der Zeitung stand's auch.
Widmen wir uns also wieder den wirklich intergalaktischen Problemen als da z.B. sind Okularbeschriftungen
mit ordentlicher Interpunktion, dem Durchkauen von selbst schon den Altvorderen bereits bekannten
Qualitätsmerkmalen unterschiedlicher Objektivklassen, knirschenden Zahntrieben und Mikroskoprevolver-
kugeln sowie und nicht zuletzt neidvolle Blicke auf Bilder von Forumsmitgliedern, die schlicht und einfach
nur gut sind.
Viele Grüße
Joachim




... bevorzugt es, ge_Du_zt zu werden ...

Peter V.

#3
Hallo Joachim,

so sehe ich es auch! Ist doch schön - alle hatten ihren Spaß und Verlierer gibt's auch keine. Die umsichtige Lehrerin ist die Heldin. Feuerwehr, Polizei und Notärzte konnten einmal ihre volle Kompetenz bei der Bewältigung eines Großschadenfalls zeigen. Die Presse hatte mal wieder interessantere Bilder als die Ehrung des langjährigen Vorsitzenden des Karnickelzüchtervereins. Und 180 Schüler hatten einen freien Tag. Also große Gaudi - was will man mehr?

In dunkler Erinnerung an alte Zeiten bin ich gerade in meinen Keller abgestiegen, habe nachgeschaut und tatsächlich eine 100 ml-Flasche "Sudan-III-Lösung alkohlisch gesättigt" gefunden - und sogar in die Hand genommen!  :o  :o  :o  :o

Dominik - meinen herzlichen Dank für das Posten dieses wirklich kuriosesten Fundstücks, das ich je hier im Forum gesehen habe.

DAS genau ist das Problem in der heutigen Zeit: Durch die Kategorisierung der Substanzen in Gefahrstoffklassen geht das "Gefühl" für die tatsächliche Gefahr, die vom speziellen einzelen Stoff ausgeht, verloren.
Vor wenigen Jahren habe ich einmal eine Führung durch ein Chemieunternehmen in Essen mitgemacht. Der Führer verwies auf eine umfangreich abgesicherte Rohrleitung mit einer der mit Abstand gefährlichsten Substanzen (ich meine, es sei Ethylenoxid gewesen, bin mir aber nicht ganz sicher), mit denen dort hantiert wird. Und versäumte nicht, lakonisch darauf hinzuzweisen, dass Motorbenzin kuioserweise exakt die gleiche Gefahrstoffeinstufung hätte!

Früher lernte man eben im Chemieunterricht, dass die "Giftigkeit" von Methanol anders zu werten ist als die "Giftigkeit" von Kaliumcyanid und man durchaus Unterschiede im Grad der "Vorsichtigkeit" im Umgang mit den Substanzen machen muss. Diese Differenzierung ist heute leider verloren gegangen (und offenbar selbst in den Köpfen von Chemielehrer/innen nicht mehr vorhanden) und so kommt es zu solchen kuriosen Vorgängen wie in Hameln.

Aber mal eine ganz andere Frage: Wie ist der der Satz zu werten, dass das heroische Schließen der Türen die Verbreitung gefährlicher Dämpfe verhindert hätte? Was wäre denn da verdampft? Doch nur der Alkohol, es wäre doch wohl kaum eine Sudan-III-Wolke durch die Schule gezogen - oder  ???

Herzliche Grüße
Peter

PS: Mir wurde letzten glaudwürdig vom Fall eines Chemielehrers berichtet, der seine Schüler habe an einer Salmiakgeistflasche riechen lassen. Nachdem daraufhin einige Schüler über "Übelkeit" klagten, soll dieser "Vorfall" für den Lehrer sehr ernste dienstrechtliche Folgen (u.a. mit zunächst sofortiger Suspendierung) gehabt haben.

Dieses Posting ist frei von kultureller Aneigung, vegan und wurde CO2-frei erstellt. Für 100 Posts lasse ich ein Gänseblümchen in Ecuador pflanzen.

Hyperion

ZitatPS: Mir wurde letzten glaudwürdig vom Fall eines Chemielehrers berichtet, der seine Schüler habe an einer Salmiakgeistflasche riechen lassen. Nachdem daraufhin einige Schüler über "Übelkeit" klagten, soll dieser "Vorfall" für den Lehrer sehr ernste dienstrechtliche Folgen (u.a. mit zunächst sofortiger Suspendierung) gehabt haben.

Na weil heute jeder Angst hat verklagt zu werden falls doch mal irgendwas ist und dieser findige Jemand sich dann einen guten Anwalt nimmt. Deshalb steht auch auf Papp-Bechern bei McDoof, dass der Kaffee heiß ist.

Die Schulleitung hatte in dem Fall warscheinlich Angst davor von einem Mob wütender Öko alternativ Eltern auf Schadensersatz verklagt zu werden. Man kann sich ja schon die Bildzeitungsschlagzeile ausmalen. "Schüler mit Todeschemikalie Gymnasium brutal vergiftet" oder sowas... Dann ist natürlich auch deren Ruf im Eimer. Schon klar das man da lieber auf Nummer sicher geht. Ein Grund mehr warum der praktische Chemie und Biountericht sich in Zukunft auf das Eintauchen von pH Stäbchen in Leitungswasser beschränken wird (aber nur mit Schutzbrille und Kittel, oder vll doch lieber als Lehrerversuch, pH Stäbchen haben manchmal scharfe Kanten)....

ruhop

Hallo, Leute.

Natürlich ist das eine Provinzposse erster Kajüte. Aber sie zeigt auch die wachsende Dummheit und Uninformiertheit von sogenannten Fachleuten (Chemielehrerin, Gefahrenexperten der Feuerwehr usw.) auf. Die von Paracelsus formulierte Erkenntnis, daß erst die Dosis ausmacht, daß "ein Ding" Gift ist, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Außerdem sind die experimentellen Nachweise zur Gefährlichkeit einer Substanz äußerst fragwürdig. Da Schädigungen oftmals erst nach jahrelanger Exposition auftreten (Kanzerogenität usw.), wird einfach mit erhöhter Dosis zeitverkürzt gearbeitet oder ähnliches. Als Beispiel sei auf die Untersuchungen im Verlauf der Formaldehyd-Hysterie und die Verteufelung von Süßstoffen in den 80ern hingewiesen. Eine erhöhte Krebsanfälligkeit für Mitarbeiter in anatomischen oder zoologischen Instituten, die nun wirklich reichlich mit Formaldehyd zu tun haben, ist bis heute nicht erwiesen. (Ich selbst habe jahrelang in einem Labor, dessen Luft reichlich mit Formaldehyd versetzt war, gearbeitet. Das ist jetzt 35 Jahre her. Und?). Zu den Süßstoffen hat dann ein findiger Mitarbeiter eines Getränkeherstellers, in dessen Produkten dieser Süßstoff enthalten war, ausgerechnet, daß aufgrund der experimentellen Ergebnisse ein Konsument etwa 600 Flaschen dieses Getränks pro Tag zu sich nehmen müßte, um sich einem erhöhten Krebsrisiko auszusetzen. Naja.

Um auf die Provinzposse zurückzukommen: In Grund und Boden schämen müßte sich die Chemielehrerin. Wer hat diese Dame "ausgebildet" und dann mit einer Qualifikation in Chemie auf die Kinder losgelassen?

Zum Abschluß: Mein Doktorvater äußerte einmal zur Qualifikation von Hydrobiologen, daß diese keine Hemmung haben dürften, im Schlamm zu wühlen und und im Abwasser zu planschen. Heute würde er dafür einen Verweis bekommen, von den Studenten wie auch von der Uni-Leitung.

Schönen Gruß aus dem Hintertaunus.

Holger

Klaus Herrmann

ZitatNatürlich ist das eine Provinzposse erster Kajüte

Na ja, nehmen wir einfach mal an, dass Joachims Vermutung zutrifft: tolle Gelegenheit - vielleicht sogar getürkt - um eine Großübung abzuhalten. Ich kanns einfach nicht glauben, das so viele doch wohl gut ausgebildete Fachleute ernsthaft so einen Scheiß veranstalten.
Und die Presse hatte vielleicht Sauregurkenzeit - kein Meteorit weit und breit, der auf die Erde zurast, kein Politiker, der sich eine Million aus der Griechenlandhilfe abzweigt...und Elvis wurde auch nicht geklont. ;D

Oder war das Berichtsdatum der 1. 4.?
Mit herzlichen Mikrogrüßen

Klaus


ich ziehe das freundschaftliche "Du" vor! ∞ λ ¼


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peter-h

#7
 ;D ;D ;D

und was würde in Hameln geschehen, wenn man in dieser Schule eine Flasche mit der Aufschrift PIKRINSÄURE findet ?
Sicher würde der ganze Landkreis evakuiert !

Ein herrlicher Zeitungsbericht, wenn es nicht so traurig wäre.

Peter

danke Jörg

Klaus Herrmann

ZitatPKRINSÄURE

nein lieber Peter, die würden erst eine Kommision beauftragen die klären soll, was sich hinter diesem Namen verbirgt! ;D  ;D
Mit herzlichen Mikrogrüßen

Klaus


ich ziehe das freundschaftliche "Du" vor! ∞ λ ¼


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Fahrenheit

Lieber Klaus,

jaah, und nach dem diese Kommission dann nach monatelanger intensiver Recherche herausgefunden hätte was PKRINSÄURE ist (im dritten Monat der Analyse hatte versehentlich ein Untersachreferent das fehlende I ergänzt, was es der Fachgruppe ermöglichte, die Arbeiten innerhalb weiterer 14 Tage abzuschließen), wäre ganz Hameln nach einer beispiellosen Evakuierungsaktion einer kompletten Notsprengung unterzogen worden.

Der Entstandene Krater diente heute als Naherholungsgebiet und mit 23,5 Kubikkilometern Rauminhalt dem Pumpspeicherkraftwerk Weser 1 als Speicherbecken. Ganz nebenbei erfreute sich der Betreiber des ehemaligen Kernkraftwerkes Grohnde an der gelungenen, kostengünstigen Rückbaumaßnahme. Nur einige ewig unzufriedene Besorgnisträger würden dann weiterhin versuchen, Spuren der gefährlichen Pikrinsäure im Seewasser nachzuweisen, nicht ohne sich über die empfindliche Störung ihrer Messverfahren aufgrund der latenten Strahlung der Reste des Kraftwerkes zu beklagen.

Hmpf, was ein Aufwasch. Mein alter Chemielehrer hätte bei so einem "Unfall" einige fränckische Flüche gelassen, kurz über die Unempfindlcihkeit seines ewigen braunen Anzugs sinniert und uns den ganzen Mist aufwischen lassen. Nicht ohne ein paar angemessene Bemerkungen zur tatsächlichen Gefährdung und zur fachgerechten Entsorgung des Abfalls.

O tempora, o mores!
Jörg      
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Arbeitsmikroskop: Leica DMLS
Zum Mitnehmen: Leitz SM
Für draussen: Leitz HM

Peter V.

#10
Hallo,

mein ehemaliger Chemielehrer von altem Schrot und Korn (der Natrium mit bloßen Fingern anfaßte, was wegen dickster Hornhautschwielen völlig problemlos war) würde sich im Grabe umdrehen, wenn er so etwas lesen müsste.
Und selbstvertsändlich hätte er das - unter ähnlichen Lautäußerungen wie von Jörg beschrieben - selbst weggewischt oder wegwischen lassen. Aber man stelle sich nun vor, einer der Schüler würde heutzutage so etwas zuhause berichten und der besorgte Vater befragt das Internet, was denn Sudan-III sei - nicht auszudenken!!!!!

Aber es haben sich die Zeiten schon sehr geändert: Ein Chemielehrer (ein absolut verwegener Kerl, denn er läßt Schüler sogar noch mit Bunsenbrennern hantieren) erzählte mir letztens, dass der Erfahrungshorizont vieler Schüler mit Dingen des täglichen Lebens derart gering sei, dass sie auch in der Obertsufe weder praktisch noch theoretisch in der Lage seien, einen solchen Brenner nur anzuzünden und sich dabei schon förmlich die Finger brächen. Nun, ich kann das verstehen, denn leider läßt sich die Flamme nun einmal nicht vom Feuerzeug auf den Brenner "hinüberwischen" und das Gas strömt auch nicht auf Tastenkombination "STRG-ALT-G", sondern dazu bedarf es der Bedienung eines Hahns (eines was??????).

Herzliche Grüße
Peter


Dieses Posting ist frei von kultureller Aneigung, vegan und wurde CO2-frei erstellt. Für 100 Posts lasse ich ein Gänseblümchen in Ecuador pflanzen.

Jürgen Boschert

Hallo Holger,

Zitat... Eine erhöhte Krebsanfälligkeit für Mitarbeiter in anatomischen oder zoologischen Instituten, die nun wirklich reichlich mit Formaldehyd zu tun haben, ist bis heute nicht erwiesen. ...

Im Gegenteil: Unter den medizinischen Subdisziplinen erreichen die Anantomen das durchschnittlich höchste Lebensalter ! Formalin fixiert vielleicht schon zu Lebzeiten  ;D

Beste Grüße !

JB
Beste Grüße !

JB

Jürg Braun

Guten Abend

Ja, mein Vater hat in seinen jungen Lehrerjahren noch im Klassenzimmer mit der Röntgenlampe gespielt. Das wurde ihm aber schon 1975 verboten.

Strahlende Grüsse

Jürg

Rawfoto

He Klaus

Du siehst das falsch, die hatten irgend ein rieeeesen Ding am Laufen haben alle mit genau so einem Thema abgelenkt ...

:-))

Gerhard
Gerhard
http://www.naturfoto-zimmert.at

Rückmeldung sind willkommen, ich bin jederzeit an Weiterentwicklung interessiert, Vorschläge zur Verbesserungen und Varianten meiner eingestellten Bilder sind daher keinerlei Problem für mich ...

Eckhard F. H.

ZitatUnter den medizinischen Subdisziplinen erreichen die Anatomen das durchschnittlich höchste Lebensalter

Erstaunlich! Vielleicht wird in die Atmosphäre von Heilstollen demnächst Formalindampf reingedrückt.  ;D
Gruß - EFH