Autor Thema: Botanik: Gemeines/Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris *  (Gelesen 2611 mal)

Hans-Jürgen Koch

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Botanik: Gemeines/Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris *
« am: Oktober 18, 2016, 18:23:28 Nachmittag »
Liebe Pflanzenfreunde,

Linaria vulgaris vermehrt sich außerordentlich stark und ist oft an sandigen, erdigen Ruderalstellen und auf Brachfeldern in Europa und Westasien anzutreffen. Seine Blütezeit erstreckt sich von Juni bis Oktober.
Die vertrockneten Triebe können im Herbst oder Frühjahr zurückgeschnitten werden. Wer nicht möchte, dass es sich selbst aussät, sollte Verblühtes regelmäßig entfernen.
Durch intensive Bodenbearbeitung, ausgiebige Düngung und Anbau dichtstehender Getreidesorten kann das Gewöhnliches Leinkraut jedoch leicht unterdrückt werden.

Bild 01 Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

Foto: H.-J_Koch

An der Unterlippe der Leinkraut-Blüte befinden sich zwei Verdickungen, die den Schlund der Blüte dicht verschließen. Nur Hummeln und kräftige Wildbienen sind in der Lage die Blüte zu öffnen, an den Nektarvorrat des Sporns zu kommen und so die Bestäubung durchzuführen. Man nennt solche Blüten daher „Kraftblüten“. Die „auserwählten“ Insekten müssen weniger um die Blüten kämpfen, was sie zu treuen Besuchern der Leinkraut-Blüten macht. Beide Teile profitieren davon: Die Leinkraut-Bestäuber haben das Exklusivrecht am Nektar und der Blütenstaub der Pflanze gelangt schneller und direkter an die richtige Stelle.

Einige Insekten, die aus eigener Kraft die nicht in der Lage wären die Leinkrautblüte zu öffnen und an den Nektar zu gelangen, beißen jedoch ein Loch in die Spitze des Blüten-Sporns und bedienen sich am Nektar, ohne der Pflanze einen Gegendienst zu erweisen.
Von den Leinkräutern (Linaria spp.) gibt es in Westasien und in den Mittelmeerländern besonders viele. Viele von ihnen sind zumindest in gewissem Maße Kulturbegleiter.
Das Gemeine Leinkraut ist eine mehrjährige Pflanze mit kräftigem Wurzelstock und Wurzelsprossen.
Ursprünglich ist das Gemeine Leinkraut eine Steinpflanze und an den Ufern der finnischen Meere zuhause. Die Pflanzen im Binnenland sind möglicherweise später eingeschleppt worden. Wegen seiner schönen Blüten wurde das Gemeine Leinkraut in Gärten umgesiedelt und hat auf diese Art ebenfalls neue Standorte gewonnen.

Das Leinkraut besitzt einen bis zu 90 cm hohen, meist einfachen Stängel mit wechselständigen, lanzettlich-linealen Blättern, die ziemlich dicht stehen, so dass die nichtblühende Pflanze an Flachs oder auch an Zypressenwolfsmilch erinnert.
Es werden Kapselfrüchte (5 - 10 mm) gebildet.

Die zahlreichen scheibenförmigen Samen sind schwarzbraun und rings breit geflügelt (Hautrand).
Das Leinkraut ist biologisch interessant als "Wurzelwanderer". An den unterirdischen Teilen der Pflanzen entspringen nämlich horizontal verlaufende meterlange "Triebwurzeln", aus denen sich Adventivsprosse bilden können.
Die Blumenkrone ist gelb, lippenförmig und mit einem 25-30 mm langen Sporn ausgestattet. Die Oberlippe ist zweiteilig. Die Unterlippe ist dreiteilig und die am Grund befindliche Verdickung orangegelb. Es gibt vier Staubblätter, von denen eines verkümmert ist.
Die Blüten stehen in einem traubigen, zuweilen einseitswendigen Blütenstand zusammen.

Bild 02 Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

Foto: H.-J_Koch

In den Schriften der alten Griechen und Römer kann das Leinkraut nicht deutlich bestimmt werden, dagegen tritt es uns aber in fast allen Kräuterbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts entgegen.
Leber- und Milzverstopfung, Harn- und Stuhlverhaltung, Wassersucht waren das Hauptanwendungsgebiet. Die Blumen wurden als Tee gegen Hautunreinigkeiten getrunken.
Sehr bekannt war eine gegen Hämorrhoidalknoten gebrauchte Leinsalbe.
Linaria leistet gute Dienste bei Ikterus, Cystitis, Hydrops, Obstipation, Darmatonie, Cholangitis und Pfortaderstauung.
Bei Kopfschmerzen mit Erbrechen, Incontinentiae urinae, Blasenschwäche, Enuresis und Diarrhöe hat sich Linaria in kleineren Dosen bewährt.
Auch bei Ohnmachten, Beschwerden im Epigastrium und nach Hauer bei Bronzekrankheit ist Linaria versucht worden.
Bei allen Schriftstellern (Hortus Sanitatis, Bock, Matthiolus, Lonicerus, Rademacher, Clarke, Heinigke, Dragendorff, Thoms, Bohn usw.) wird das Kraut als verwendet bezeichnet.
Nur in den mittelalterlichen Kräuterbüchern ist auch von Wurzeln und Samen die Rede.
Das HAB. lässt zur Herstellung der Urtinktur die frische, blühende Pflanze ohne Wurzel verwenden (§ 2). Aus dieser wird auch das "Teep" hergestellt.
(Das Teep-Verfahren dient zur Extraktion von Wirkstoffen).
Bei der Bezeichnung „HAB“ Frischpflanzen-Pressaft-Urtinktur handelt es sich um eine pflanzliche Arznei, die nach den Richtlinien des Hompöopathischen Arzneibuches von Dr. Samuel Hahnemann (HAB), dem Begründer der Homöopathie, zubereitet wird.
Sammelzeit vom Juni bis in den September.
Das Leinkraut gehört zu den Heilkräutern, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit gerieten. Unsere Ahnen nutzen es z.B. bei blutenden Myomen.
Myome sind Wucherungen, die in der Muskelschicht der Gebärmutter (Myometrium).
Daneben wurde es genutzt, um Leinenwäsche mit einem leichten Gelbton einzufärben.
Das gelbblühende Kraut ist ein Färbemittel und wurde von unseren Vorfahren unter anderem zur „Blondfärbung“ der Haare genutzt.
Obwohl das Leinkraut noch vor einigen Jahrzehnten als „offizinell“ in gut ausgestatteten Apotheken erhältlich war, wird es heute meist nur noch in der Homöopathie genutzt. Doch es sind genau solche vergessenen Kräuter, die für Überraschungen sorgen, wenn man sich nur näher genug mit ihnen beschäftigt.

Die meisten der beschriebenen Wirkungen wurden wissenschaftlich bisher nicht bestätigt!

Inhaltsstoffe:

Flavonglykoside, u.a. Linarin, Pectolinarin, Alkaloide (Spuren), u.a. Peganin
Droge: Herba Linariae (syn. Herba Antirrhini.
Im Volksglauben galt das Leinkraut längere Zeit als Schutz gegen Hexenzauber für kleine Kinder. Selbstverständlich wollten die Menschen nicht nur ihre Tiere, sondern auch Haus und Familie vor bösen Geistern schützen.
Diese Argumentation fiel bei den abergläubischen Menschen auf fruchtbaren Boden. Entsprechend stark fürchteten sie sich vor dem Satan, vor Zauberern und Hexen. So waren Mittel zum Gegenzauber sehr begehrt, und jeder war dankbar, wenn er von ihnen erfuhr. Mit sogenannten »Beruf- oder Beschreikräutern« versuchten die Menschen in vergangenen Zeiten, böse Mächte abzuwehren.

Systematik:
Ordnung: Lippenblütlerartige (Lamiales)
Familie: Wegerichgewächse (Plantaginaceae); (früher Braunwurzgewächse – Scrophulariaceae)
Gattung: Leinkräuter (Linaria)
Art: Echtes Leinkraut
Wissenschaftlicher Name: Linaria vulgaris ; syn. Antirrhinum linaria
Volkstümliche Bezeichnung:
Akkerlein, Dorant, Heidenflachs, Katharinenblume, Katharinenflachs, Marienflachs, Mauerflachs, Uckerleinkraut
Die meisten Volksbenennungen beziehen sich auf die rachenähnliche Blütenform: Löwenmaul (in den verschiedenen mundartlichen Formen in vielen Gegenden), Löwerache (Gotha), einfache Hasenmäuler (Unterfranken), Hase(n)mülele (Elsaß), -müli (Aargau), Froschmäuler (Unterfranken), Froschgescherl (Niederösterreich), Frösche(n)mülele (Elsaß), -mul (Thurgau), Drachenmul (Unterfranken) u. a. Beschreikräutid (Gotha), Abnehmkraut, gegen das "Abnehmen" der kleinen Kinder (Elsaß), Bettstroh (Nahegebiet), Hexakraut (Schwäbische Alb), Schrattelkraut (Steiermark), Wildes Teufelskraut (Böhmerwald), Wille Flas (Göttingen), Fraun-, Jumpfernflachs (Nordböhmen).
Englischer Name: Toadflax (Krötenflachs) oder Butter-and-Eggs (Butter & Eier)

Bild 03 Illustration Linaria vulgaris

Quelle: Figure 27 from Deutschlands Flora in Abbildungen at http://www.biolib.de
Urheber: Johann Georg Sturm (Painter: Jacob Sturm)
Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Bild 04 Schnittstelle, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

Die Blätter haben keinen Stiel, sie sind sessil (sitzend), linealisch, am Ende spitz und die Ränder sind zurückgerollt.

Spross, Querschnitt, Schnittdicke: 25 Mikrometer


Bild 05 Ungefärbter Schnitt, Übersicht, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris



Bild 06 Ungefärbter Schnitt, Dunkelfeld, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris



3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)
Arbeitsablauf:
1. Schnitte liegen in 30 % Ethanol.
2. Aqua dest. 3x wechseln je 1 Minute.
3. Vorfärbung Acridinrotlösung  8 Min.
4. 1x auswaschen mit Aqua dest. .
5. Acriflavinlösung (differenzieren bis gerade keine Farbwolken mehr abgehen - Lupenkontrolle) ca. 15 Sekunden !!!.
6. 2 x auswaschen mit Aqua dest.
7. Nachfärbung Astrablaulösung  1 Minuten, 30 Sekunden.
Bei der Nachfärbung mit Astrablau eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis  3 : 1 verwendet (blau + gelb = grün).
8. Auswaschen mit Aqua dest. bis keine Farbstoffreste auf dem Objektträger verbleiben.
9. Entwässern mit 2x gewechseltem Isopropylalkohol ( 99,9 % ).
10. Als letzte Stufe vor dem Eindecken Xylol einsetzen.
11. Einschluss in Entellan

Ergebnis:
Zellwände blaugrün bis grün, verholzte Zellwände leuchtend rot, Zellwände der äußeren Hypodermis orangerot, Cuticula gelb, Zellwände der innenliegenden Hypodermis tiefrot.
Fotos: Nikon D5500

Bild 07 Übersicht, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris


Bild 08 Übersicht, schwarzer Hintergrund, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

« Letzte Änderung: Oktober 20, 2016, 14:02:39 Nachmittag von Fahrenheit »
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Hans-Jürgen Koch

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Re: Botanik: Gemeines/Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris
« Antwort #1 am: Oktober 18, 2016, 18:24:37 Nachmittag »
Bild 09 Vergrößerung aus der Übersicht, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris


Bild 10 Vergrößerung aus der Übersicht, Kristalldruse, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

In den Pflanzenteilen vom Leinkraut kommen vereinzelt echte Kristalle vor. In ihrer Gestalt sind die Oxalat Kristalle außerordentlich mannigfaltig. Zum Nachweis, dass die Kristalle aus Calciumoxalat bestehen, kann man Schnitte in Essigsäure legen; die Kristalle bleiben erhalten. In Salzsäure lösen sich die Kristalle auf.

Bild 11 Vergrößerung, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris


Bild 12 Vergrößerung aus der Übersicht mit Beschriftung, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

MP = Markparenchym, XY = Xylem, T = Trachee, K = Kambium, PH = Phloem, RP = Rindenparenchym, EP = Epidermis, CU = Cuticula

Bild 13 Vergrößerung, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris


Bild 14 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10

Bild 15 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10

Bild 16 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10

Bild 17 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10

Quellenangaben und verwendete Literatur:

Wikipedia; Freie Enzyklopädie
Schmeil „Leitfaden der Pflanzenkunde“, 1950
„Welche Heilpflanze ist das ?“, ISBN 978-3-440-10798-0
„Der Kosmos Tier- und Pflanzenführer“, ISBN: 3-440-07286-X
„Die große Enzyklopädie der Arzneipflanzen und Drogen“, ISBN: 978-3-89996-508-7

Mit freundlichem Gruß

Hans-Jürgen



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KlausB

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Re: Botanik: Gemeines/Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris
« Antwort #2 am: Oktober 20, 2016, 13:48:07 Nachmittag »
Hallo Hans-Jürgen,

sehr schöner Beitrag mit tollen Bildern.

Danke
Klaus
Zeiss Phomi III im Einsatz
Zeiss OPMI als Stereo

Web-Seite:
https://www.freizeit2012undmehr.com/

Fahrenheit

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    • Mikroskopisches Kollegium Bonn
Re: Botanik: Gemeines/Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris
« Antwort #3 am: Oktober 20, 2016, 13:59:33 Nachmittag »
Lieber Hans-Jürgen,

wieder eine sorgfältige Präsentation mit schönen Präparaten und Bildern, die ich gerne in die Botanik-Liste aufnehme!

Herzliche Grüße
Jörg
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Arbeitsmikroskop: Leica DMLS
Zum Mitnehmen: Leitz SM
Für draussen: Leitz HM

Hans-Jürgen Koch

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Re: Botanik: Gemeines/Gewöhnliches Leinkraut Linaria vulgaris *
« Antwort #4 am: Oktober 23, 2016, 09:43:51 Vormittag »
Hallo Klaus und Jörg,

danke für Euer Feedback.

Gruß

Hans-Jürgen
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