Autor Thema: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen  (Gelesen 1509 mal)

reblaus

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Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« am: Februar 21, 2019, 21:03:47 Nachmittag »
Hallo -

da über diese spiegellose Vollformat-Kamera derzeit genügend Informationen, Gerüchte und Expertenstreitigkeiten im Umlauf sind, hier lediglich einige Beobachtungen, welche für Mikroskopiker von Interesse sein könnten.

Betrieben habe ich sie mit der üblichen Fernsteuerung (EOS-Utilities 3) vom Laptop aus.

1. Die Kamera hat neben dem Vollformatmodus (ca 30 MPx) auch einen 1,6 Crop-Modus bei dem nur das Zentrum des Sensors (mit mageren 11 MPx) ausgenutzt wird. Das hat sich bei mir als praktisch erwiesen, da ich sowohl gerne mit der eingebauten KB-Einrichtung eines Axiovert 35 als auch mit einem Axioskop 50 in Direktprojektion (Objektiv + Tubuslinse) fotografiere, wo ich für Vollformat ein zusätzliches Projektiv und einen unpraktisch hohen Kameraaufbau benötige.

2. Erschütterung durch mechanischen Verschluss. Untersucht mit PlanApo 100x/DIC am Axioskop (50).
Das Verschlussgeräusch ist lauter als bei den älteren Modellen (im live view-Modus ohne Spiegel) und es lässt sich selbst an dem recht massiven Axioskop noch der Hauch einer Verwackelung zeigen, vor allem wenn man es mit dem rein elektronischen Verschluss vergleicht:

3. Silent Shutter Mode: Tatsächlich völlig geräuschlos und frei von Erschütterung - ach, aber ach:
    a) die gesamte Belichtungsaktion (Abscannen des Sensors) dauert dabei auch bei sehr kurzer effektiver Belichtungszeit rund 1/10 bzw. 1/15 sec, was zu Verzerrungen bei schnell bewegten  Objekten führen kann -
    b) die Hoffnung, dass man mit lautlosem Verschluss Blitzen könnte, wurde leider auch nicht erfüllt, auch nicht bei längeren Belichtungszeiten.

4. Drahtlose Verbindung zur EOS-Utiliy auf dem Laptop:
Damit bin ich sehr glücklich. Die Fernsteuerung geht in vernünftigem Tempo, und auch das Herunterladen von JPG-Dateien erfolgt in erträglicher Zeit. Wenn man allerdings eine ordentliche Zahl von 30 MB-RAW-Dateien verarbeiten will braucht es viel Geduld - deshalb die viel schnellere

5. USB 3.1 Kabelverbindung zum Laptop:
Weil das abgeschirmte Kabel mit dem etwas breiteren Stecker doch sehr störrisch ist, befürchtet Canon zu Recht, dass man durch eine hastige Bewegung die Steckverbindung der Kamera ruinieren könnte und liefert deshalb eine Zugentlastung mit, deren Konstrukteur sich sicher nie in der Praxis mit so was auseinandergesetzt hat.
Das mitgelieferte (viel zu kurze) Kabel ist auch zum Laden des Akkus gedacht - geht aber unsinnigerweise nur mit abgeschalteter Kamera, obwohl eine extrateure Stromversorgung dafür vorgesehen ist. Sehr sinnvoll, wenn man stundenlang am Mikroskop sitzt und lauert. Gottseidank passte aber der alte Batteriedummy von meiner EOS 5D auch noch mit der EOS R ...

Der klapp- und schwenkbare Schirm ist nicht nur für Leute mit Selfie-Drang interessant, sondern auch sehr praktisch, wenn man mal ohne Computer schnell was knipsen will. Bei den älten EOS SLRs muss man da halt immer aufstehen um von oben schauen zu können.

Belegfoto: Stack aus 6Bildern im CropModus aufgenommen. Geräuschloser Verschluss. PlanApo 100x/1,40 mit 0,9-Kondensor. DIC


Viele Grüße

Rolf


JB

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #1 am: Februar 21, 2019, 21:45:21 Nachmittag »
Hallo Rolf,

Vielen Dank fuer den Erfahrungsbericht! Sehr interessant. Da hast Du ja eine schicke Kamera an der Hand  ;)

3. Silent Shutter Mode: Tatsächlich völlig geräuschlos und frei von Erschütterung - ach, aber ach:
    a) die gesamte Belichtungsaktion (Abscannen des Sensors) dauert dabei auch bei sehr kurzer effektiver Belichtungszeit rund 1/10 bzw. 1/15 sec, was zu Verzerrungen bei schnell bewegten  Objekten führen kann -

Da wusste ich erst einmal gar nicht was Du meinst. Aber tatsaechlich, im elektronischen Verschlussmodus wird der Sensor Zeile fuer Zeile belichtet und ausgelesen. Der Vorgang dauert tatsaechlich 75-80 ms und ist bei beweglichen Objekten ein Problem. Dieses Problem war mir noch nicht bekannt.

https://www.dpreview.com/forums/post/61723181
https://www.reddit.com/r/photography/comments/9nhx7x/canon_eos_r_rolling_silent_shutter_speed_measured/

Beste Gruesse,

Jon

Lungu

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #2 am: Februar 21, 2019, 23:47:46 Nachmittag »
Hallo Rolf,

danke für Deinen Bericht. Ich werde mir im Moment keine neue Kamera kaufen, aber interessieren tut sie mich schon.

1.) Die Verwendung am Mikroskop. Wie sieht es mit der Adaption aus und wie sehe ich was? Ein Display brauche ich nicht, es ist einfach zu unbequem. Wenn ich das Bild auf dem Rechner, oder auf dem Smartphone sehe, es reicht es mir.

2.) Wie ist die Verwendung alter Objektive gelöst? Was mache ich mit einem Balgengerät? Ist es möglich die Kamera über ein Smartphone, oder Tablett zu steuern? Ich möchte scheue Tiere fotografieren und Abstand halten.

Es wäre schön wenn Du da etwas berichten könntest.


NB. Ansich könnte die Kamera fürs Mikroskop extrem simpel sein.


Grüße Lungu


Grüße Lungu

reblaus

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #3 am: Februar 22, 2019, 00:38:16 Vormittag »
Hallo -

@Jon:
Danke für die Links, obwohl ich öfter in solchen Foren stöbere, kannte ich sie noch nicht!

@Lungu:
Es wäre sinnlos eine solche Kamera (nur) zum Mikroskopieren anzuschaffen, zumal eine ähnliche Bildqualität schon vor einem Jahrzehnt mit der EOS 450 und deren Nachfolgern erreicht wurde!
Ein Grund (Ausrede) für mich ist, dass alle meinen teuren EF-Objektive mit einem kleinen Adapterring perfekt anzupassen sind, ja selbst EF-S-Objektive, die an meiner alten EOS 5DMkII nicht anzusetzen waren, und selbstverständlich auch Balgengeräte oder ein Mikroskopadapter mit einem EOS-Bajonett.
In der Tat lässt sich die Kamera auch vom Smartphone aus steuern oder ins heimische WLAN einlinken. Bei mir auf dem Dorf resultiert dabei aber eher ein WLahm. Wie weit ich mit meinem Laptop/Tablet weg kann habe ich am Mikroskop naturgemäß noch nicht probiert.
Verblüfft war ich über den Sucher - man kommt sich in der Dämmerung vor wie mit einem Nachtsichtgerät.
Aber andere Produzenten haben auch schöne Töchter und die können das alles wohl auch - mal besser, mal schlechter. Bei Canon bin ich vor einem Jahrzehnt m.o.w. zufällig gelandet, weil deren SLRs damals die einzigen waren mit denen man erschütterungsfrei auslösen konnte, vorher hatte ich Olympus und (für Taschenzwecke immer noch) Sony. Zu einem Smartphone habe ich es immer noch nicht gebracht und fühle auch keinen Bedarf - mein Monitor muss so groß wie möglich sein.

Viele Grüße

Rolf


Lungu

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #4 am: Februar 22, 2019, 18:22:10 Nachmittag »
Hallo Rolf,

viele Gemeinsamkeiten gibt es. Mit Olympus habe ich auch angefangen. Die E-330 war ja sogar die offizielle Mikroskopkamera von Olympus. Sie fristet bei mir ihr Gnadenbrot, das heißt sie liegt in irgendeiner Schrankecke. Danach die Olympus E-3, eine Kamera mit der ich sehr zufrieden war und mit der ich heute manchmal noch fotografiere. Aber die E-3 verursachte zuviel Schwingungen. Abhilfe brachte die Canon EOS 650, bei der ich auch einen Balgen verwenden kann.

Mein  Monitor hat 27" und reicht mir.

Mit Smartphonen sind wir recht gut eingedeckt. Ich finde das Huawei Mate 20 einfach toll. Die Kamera ist leistungsfähig und dank KI kann ich auch bei Dunkelheit aus der Hand fotografieren.


Grüße Lungu
 
Grüße Lungu

reblaus

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #5 am: Oktober 15, 2019, 00:50:34 Vormittag »
Hallo -

obwohl mich der Automat darauf hingewiesen hat, dass das Thema schon 120 Tage alt sei möchte ich doch noch eine Ergänzung hinzufügen:

Das Problem, dass die ETTL-Blitz-Messung durch das Mikroskop traditionell sehr schlecht reproduzierbare Ergebnisse mit sich brachte, sodass man eigentlich mit manueller Belichtung besser bedient war, hat sich heute tatsächlich gelöst:

Die merkwürdige Idee am Mikroskop mit FP und Belichtungszeiten zwischen 1/1000 und 1/8000 zu  "arbeiten" funktioniert bei der Kombination EOS R / Speedlite 580 EX II ganz hervorragend, sogar mit dem altersgebeugten Infrarot Speedlite-Transmitter ST E-2.

Beim Tümpeln mit nervösen freischwimmenden Organismen hatte ich immer das Problem, dass das sich das Beobachtungslicht bei der Blitz-Mindestbelichtungszeit (1/200) für die Belichtungsautomatik störend auswirkte, vor allem wenn man schwache (also sehr kurze) Blitze nutzen wollte - FP bietet hier einen Kompromiss.

Viele Grüße

Rolf


plaenerdd

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #6 am: Oktober 15, 2019, 06:08:15 Vormittag »
Hallo Rolf,
was ist "FP"?
Grüße
Gerd
Fossilien, Gesteine und Tümpeln mit
Durchlicht: CZJ-Nf mit Phv, Pol, DF, HF; Auflicht: VERTIVAL, Stemi: MBS-10; Inverses: Willovert mit Ph

reblaus

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #7 am: Oktober 15, 2019, 09:49:14 Vormittag »
Hallo Gerd -

ich entschuldige mich für den gedankenlosen Gebrauch einer Abkürzung - auch noch eines englischen Begriffs.

Deutsch heißt es glaube ich HSS = Hochgeschwindigkeitssynchronisation. Sie wird beim Schlitzverschluss angewendet um auch bei kürzeren Belichtungszeiten blitzen zu können (FP = focal plane = Schlitzverschluss). Nützlich z.B. bei zusätzlichem Aufhellblitz im Sonnenschein, wenn aus gestalterischen Gründen mit offener Blende fotografiert werden soll und deshalb eine Belichtungszeit nötig ist, die unter der zulässigen Blitzsynchronzeit der betreffenden Kamera liegt (meist so um 1/200).
Wie das genau funktioniert weiß ich nicht - die Blitzdauer muss irgenwie auf die Zeit verlängert werden, die der Schlitz braucht um über den Sensor zu wandern. Vielleicht durch einen schnellen Stroboskopeffekt. Dabei geht natürlich viel Licht verloren, macht aber bei meinem System nichts aus.

Eigentlich blitzt man am Mikroskop ja um dank des verkürzten Blitzes bei Teilleistung eine sehr kurze Belichtungzeit hinzukriegen - ich glaube man kommt so auf 1/20 000. FP ist also eigentlich kontraproduktiv, aber ich bin jetzt auch mit 1/6000 zufrieden weil die ETTL-Automatik jetzt endlich sehr gut und drahtlos funktioniert.

Viele Grüße

Rolf

Ulrich S

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #8 am: Oktober 15, 2019, 14:45:58 Nachmittag »
Moin,
also ich übersetze focal plane mit Brennebene/Fokalebene und nicht mit Schlitzverschluß  :-\
Ulrich
Wer will dass die Welt bleibt wie sie ist, will nicht dass sie bleibt

reblaus

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #9 am: Oktober 15, 2019, 17:21:02 Nachmittag »
Richtig!

Vollständig muss es natürlich focal plane shutter heißen, weil er in der Brennebene liegt und nicht wie der Zentralverschluss nahe der Blendenebene.

Gruß

Rolf

Florian D.

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Re: Die neue Canon EOS R am Mikroskop - Erfahrungen
« Antwort #10 am: November 09, 2019, 19:22:03 Nachmittag »
Hallo,

ich habe mir heute auf der Hausmesse eines Photogeschäfts auch die Canon EOS R angesehen. Momentan habe ich eine Canon 600d am Mikroskop adaptiert und zwar über einen Adapter, der ursprünglich für Kleinbildfime vorgesehen war.
Das einzige, was mich momentan stört, ist, dass der Bildausschnitt mit Kamera so viel kleiner ist, als der optische, was gerade bei Übersichtsaufnahmen stört.
Wenn ich das richtig sehe hat das Vollformat mehr als die doppelte Fläche von APS-C.
Was ist eigentlich mit der EOS RP? Die hat auch Vollformat und einen elektronischen Shutter.

Viele Grüsse
Florian