out of Africa Teil 10- Bilharziose/ Blasenegel

Begonnen von ammererlutz, März 09, 2020, 22:25:01 NACHMITTAGS

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ammererlutz

Der  10. und letzte Teil der ,,out of Africa" Reihe beschäftigt sich mit dem spannenden Reich des ,,Blasenegels"- Schistosoma haematobium und dem Krankheitsbild der Blasen-Schistosomiasis ( Bilharziose, früher auch Blutharnruhr)


Teil 1
Die adulten Würmer leben als ,,Pärchenegel" vereint, das kleinere Weibchen liegt permanent in dem gynaecophoral groove ( canalis gynaecophorus) des größeren Männchens, im venösen Netzwerk (plexus venosus) der Blasen- und Beckenregion des infizierten Menschen.
Zuvor durchbohrten die Gabelschwanz-Larven, Zerkarien, die Haut bei Kontakt mit Wasser.
Ein einziger Tropfen ( etwa von einem Paddelboot) reicht für die Infektion aus, meist sind es aber Durchquerungen von kleinen Bächen oder stehendem Gewässer oder das Waschen von Wäsche in von Menschen besiedelten Gebieten ( mit Urin Verunreinigung), das zur Infektion führt. ( Europa: auf Korsika ist der Cava Fluss verseucht- und natürlich nicht mehr zum Baden geeignet-, soweit rückverfolgbar kam der Erreger durch einen Einwanderer aus Senegal auf die französische Insel)
Häufig sind Kinder betroffen, wenn sie sich spielend am Wasser aufhalten.
Bild 1
Die Blasen-Schistosomiasis wird nach dem deutschen Mediziner und Naturwissenschaftler Theodor Bilharz, der Mitte des 19.Jh. die Eier von Schistosoma haematobium im Harn von Infizierten und die infektiösen Zerkarien im Nil entdeckte, auch Bilharziose genannt, allerdings eher in deutschsprachiger Literatur, im englischsprachigen Raum und in Afrika ( das ja englisch- und französischsprachlich ist) ist dieser Begriff nicht mehr gängig.
Die Krankheit wird von der lokale Bevölkerung meist unterschätzt, da sie keine unmittelbare Gefährdung darstellt.
Nachdem die Zerkarien die Haut durchbohrten, wandern sie ( wie bereits bei Ancylostoma duodenale oder bei Strongyloides stercoralis beschrieben) in das Herz, verbleiben dann aber im Gefäßsystem und reifen im Pfortadersystem der Leber zu adulten Würmern, die im Venengeflecht der Blase ihr zuhause aufschlagen und dort etliche Jahre gemütlich wohnen.
Die bis 2 cm langen Würmer leben recht unbehelligt im menschlichen Venensystem, die Hälfte der produzierten Eier verbleibt allerdings im Gewebe und lösen dort starke Abwehrreaktionen aus, es bilden sich entzündliche Granulome die zu den typischen Symptomen führen: Nierenerkrankungen (Pyelonephritiden, Hydronephrosen) und Karzinome der Blasenschleimhaut.
Die andere Hälfte der Eier wird über den Harn ausgeschieden und setzt den durchaus faszinierenden, komplizierten Infektions-und Reifungzyklus in Gang.
Durch die granulomatöse Entzündung der Harnblase kommt es zu Blutabgang im Harn (Makrohämaturie) , daher die alte -heute nicht mehr verwendete- Bezeichnung Blutharnruhr.
In den Endemiegebieten fahren die Vertreter der Gesundheitsbehörden in die Dörfer und verteilen Harnbecher an die Kinder, die meist freudestrahlend auf den bedauernswerten Blut-Ausscheider unter ihnen zeigen 😊 (Kinder eben)
Anhand des Harns wird den Kindern dann gezeigt, wer infiziert ist und wer nicht, danach wird das von Merck kostenlos zur Verfügung gestellte Praziquantel verteilt.
Zur Ausrottung der Krankheit wird auch eine jährlich stattfindende Praziquantel-Massentherapie durchgeführt, meist kombiniert mit Albendazol zur Ausrottung der lymphatischen Filariasis ( Erreger Wucherereia bancrofti, für die ich leider nur klinische Bilder habe, aber keine mikroskopischen Präparate)    s. Bild 2,3,4
Nach Abzentrifugieren sind die charakteristischen Eier in großer Zahl im Harn sichtbar .
Bild 5, Ph 200x
Bild 6, DIC 400x
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

ammererlutz

#1
Teil2
In der Harnblase und auch noch im Harn sichtbar werden die Eier ,,wütend" von eosinophilen Leukozyten attackiert und vernichtet ( eine hohe Anzahl von eosinophilen weißen Blutkörperchen im Blut ist u.a.ein Kriterium für Parasiten-Erkrankungen)
Bild 1, Giemsa , 200x

Nachdem die Eier Süßwasserkontakt hatten ( sehr vereinzelt aber bereits bei der Ausscheidung des Harns), schlüpft aus jedem Ei eine Mirazidie (Wimpernlarve).
Diese kleinen Lebewesen sind nicht größer als Pantoffeltierchen, sind aber hochkomplexe vielzellige Organismen mit einem Zentralnervensystem, zwei ,,Augen" zur Orientierung unter Wasser, Perforationsdrüsen, um in die Wirtsschnecken einzudringen, Sensor-Fühler, um Wirtsschnecken aufzuspüren, Anlagen von Keimzellen, Flammenzellen als Ausscheidungsorgane mit Funktionen im osmotischen Druckausgleich und natürlich einen Cilienbesatz zur Fortbewegung im Wasser ( in Richtung Wirtsschnecke). Binnen 24 Stunden muss die Schnecke gefunden werden, sonst stirbt die Mirazidie ab.
Beschriftung in der international üblichen englischen Wortwahl.
Bild 2, DIC, 400x

Der heikle Punkt ist nun das Auffinden der weiteren Entwicklungsstadien, die sich innerhalb der Wirtsschnecken abspielen.
Und hier begann eine sehr spannende Suche.

Die Wirtsschnecken gehören zur Gattung Bulinus globosus, winzig kleine , 3-7 mm große Wasserschnecken, die an verfaulendem Blattwerk anhaften.
Bild 3.
Die Schnecken sind hochinfektiös und werden mit Schutzkleidung gesammelt.
Ich brachte insgesamt 6 davon mit, um sie dann in Ruhe in meinen eigenen Räumlichkeiten zu sezieren.
Die Mirazidien dringen in die Schnecken ein , wandern in den Hepatopancreas ( Mitteldarmdrüse) um dort zu Zerkarien zu reifen .
Zur Auffindung des Hepatopancreas muss jede Schnecke unter dem Stemi zerlegt werden
Bild 4,5,6
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

ammererlutz

#2
Tel3
Danach werden die Organe ( Kopf unf Fuß, Penis mit Uterus , Lunge und Herz, Magen/ Colon und Hepatopancreas, Ovotestis ) freigelegt : Bild 1
Und separiert: Bild 2
Die Enttäuschung war groß , dass auch die vierte sezierte Schnecke keine Spur von Zerkarien oder dergleichen offenbarte.
Nr 5 war dann aber das große highlight, das mich bis ca Mitternacht beschäftigte. ( Nr 6 war wiederum nicht infiziert)
In der Schnecke verwandelt sich die Mirazidie zu einer
Muttersporozyste : Bild 3, 200x, HF
in der sich die Keimanlagen weiter entwickeln und weiter zu einer großen
Tochtersporozyste die bereits eine große Zahl von Zerkarien in sich trägt: Bild 4, 100x,Ph
Bei der Sektion wurden die Gewebsflüssigkeiten natürlich ständig auf diese diversen Larvenstadien überprüft.
Die Eröffnung des Hepatopancreas ergab Bild 5: zahlreiche Zerkarien
infektiöse Gabelschwanzlarven: Bild 6
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

ammererlutz

#3
Teil 4
Die Zerkarien sind bei aller Bösartigkeit auch faszinierende Lebewesen:
Sie sind bereits relativ groß, mit dem Schwanz ca 500µm lang.
Der Mundsaugnapf dient zum Festsaugen an der menschlichen Haut des Opfers.
Das hintere Drittel der Larve beherrscht das Acetabulum, davor und dahinter sind die Drüsen, die für das Durchdringen mittels proteolytischem Einschmelzen der menschlichen Haut notwendig sind,  Penetrationsdrüsen, praeacetabulare und postacetabulare Drüsen mit deren Ausführungsgängen beim Mundsaugnapf.
Unmittelbar an den Mundsaugnapf anschließend Pharynx und  Speiseröhre, die fast nahtlos in den Mastdarm übergeht, einen ausgefeilteren Verdauungsapparat benötigen die Zerkarien in ihrem 1 bis 2 tägigem Leben ja nicht ( Glucose kann aber verstoffwechselt werden), daneben das Nervensystem,  hinter dem Acetabulum folgen wieder Flammenzellen ( + Tubuszellen) als Ausscheidungsorgane für das osmotische Gleichgewicht, die Anlagen der Keimzellen und der Ausscheidungsgang, der sich bis zu den terminalen Ausscheidungsporen durch den Gabelschwanz zieht.
Sinneszellen weisen der Zerkarie den Weg zum menschlichen Hauptwirt, das Eindringen dauert nur Sekunden, der Gabelschwanz wird dabei abgeworfen. Nach 24 Stunden tritt ein juckender Ausschlag auf, der ,,swimmers itch".
Nach 2 Wochen kann es zu Fieberreaktionen allergischer Natur kommen (Katayama fever), danach- siehe Teil 1- schließt sich der Kreis.
Beschriftung in international üblicher englischer Nomenklatur:
Bild 1, DIC 400x
Bild 2 , 200x, Giemsa

Zusammenfassend lehrte mich dieses Studium der Schistosomiasis nicht nur Ehrfurcht vor der unglaublichen Komplexität der Schöpfung, selbst dieser scheinbar so einfachen Würmer, aber auch allerhöchste Hochachtung und Bewunderung für die Forscher, die die Anatomie, Mikroanatomie und Physiologie dieser kleinsten Geschöpfe ergründeten und erkannten.
Ich hoffe damit ein würdiges Ende dieser ,,out of Africa" Serie übermittelt zu haben,
danke fürs Ansehen.
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

Fahrenheit

Guten Morgen Lutz,

danke für die interessante Zusammenstellung!
Wir sind diesen Sommer in Madagaskar, mal sehen, auf was wir da alles aufpassen müssen (Impfungen sind natürlich schon komplett).

Herzliche Grüße
Jörg
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Arbeitsmikroskop: Leica DMLS
Zum Mitnehmen: Leitz SM
Für draussen: Leitz HM

Mikroman

Ein großartiger Beitrag, Lutz. Vielen Dank dafür

Grüße
Peter
Zu sehr auf sich selbst zu beharren,
ist ein unvernünftiges Vergeuden der Weltsubstanz (Juarroz, 9. Vertikale Poesie,1)

ImperatorRex

Auch von meiner Seite vielen Dank, ich habe Deine Beiträge allesamt "verschlungen".
Bewundernswert wie Du diese Parasiten so aufspürst, das scheint nicht so trivial sein.
Viele Grüße
Jochen

Mikroman

Guten Abend Lutz,

hat es Dich eigentlich auch mal erwischt?

Gruß
Peter
Zu sehr auf sich selbst zu beharren,
ist ein unvernünftiges Vergeuden der Weltsubstanz (Juarroz, 9. Vertikale Poesie,1)

ammererlutz

Infektion meinst du ? Nein, die Edemiegebiete sind ja bekannt und dort weiß man, worauf man achten muss. Wunden muss man eben immer sofort mit Jod reinigen, einmal durchstieß auf Papua ein Bambus meine Crocs ( die sollte man eben nicht tragen im Dschungel), einmal einer dieser riesigen Dornen in Afrika, und die Schuhe füllten sich rasch mit Blut, ein andermal unterschätzte ich die desinfizierende Kraft heißen Tees und gab enen Tropfen Milch dazu, was man in Indien auch nicht machen sollte, Rifaximin war aber wirksam. 
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

treinisch

Hallo Lutz,

super schön, deine Afrika-Serie! Vielen lieben Dank!


Herzliche Grüße
Timm
Gerne per Du!

Meine Vorstellung.