Autor Thema: Spirostomum - und wie weiter?  (Gelesen 349 mal)

Marcus_S

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Spirostomum - und wie weiter?
« am: März 13, 2021, 23:37:20 Nachmittag »
Moin!

Bei der Kontrolle des "rechten Gurkenglases" (meine Räder- und Sonnentierchen wohnen im "linken Gurkenglas"), dessen Bewohner mir seit rund einem halben Jahr als Übungsobjekte dienen, habe ich neulich https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=37929.msg295299#msg295299 schon einmal ein seltsames, langes Tierchen gefunden.

Und gestern hab ich wieder mal eine Blick in den Bodenmulm aus dem Glas geworfen, etwa sechs Tropfen entnommen, (erstmals) unter dem Stereomikroskop gesichtet und drei solcher langen, im Stereo vornerum weißlich, hintenrum glasig-durchscheinend erscheinenden Tierchen gefunden. Mit einer ausgezogenen Kunststoffpipette habe ich ein Tierchen eingefangen und möglichst wenig Mulm mitgenommen. Schon ein wenig Mulm, mit der dünnen Schichtdicke bin ich noch nicht geübt genug. Dann habe ich das Tierchen ausgiebig beguckt und geknipst und mich artig bemüht, alle mir sinnig erscheinenden Merkmale zu dokumentieren. Wahrscheinlich habe ich natürlich das Entscheidende übersehen, ich hab aber noch Bilder in Reserve...

Das Tierchen hat das Einfangen gut überlebt und schwamm lebhaft unter dem Deckglas herum und rangierte häufig vor und zurück, das erschien mir ziemlich charakteristisch. Die Längenbestimmung fand ich nicht einfach, die Strichplatte im 10er reichte nur für 1 mm, das Tierchen war deutlich länger, so um 1200 µm, ließ sich aber nicht ausgestreckt vermessen und erschien mir außerdem ein wenig kontraktil, wurde also gelegentlich etwas kürzer und dicker, was für mich die Längenbestimmung auch nicht leichter machte.

Besonders auffällig fand ich die Kette von Knubbeln (Kerne?), das lange Peristom und das lange, fast durchsichtige Hinterteil. Neulich schon hat mich "DLiW" nicht weitergebracht, da guck ich jetzt gar nicht wieder rein. In den mir zugänglichen pdf von Foissner und von Kahl hab ich gesucht, nix gefunden. Ein klein wenig Mühe hab ich mir also schon vor dem Fragen gegeben, vielleicht habe ich aber auch nicht gründlich genug geguckt.

Das Tierchen hier in meiner Probe sieht diesem hier https://mikro-tuemplerforum.at/viewtopic.php?f=23&p=3071#p2453 von Weitem erstaunlich ähnlich, auch wenn das Übersichtsbild nicht so sehr viel hergibt. Aber ich finde: dreireihige Granula im Vorderteil paßt schon mal gut (recht gut in Bild 7). Die Merkmalsbeschreibungen bei https://www.microinformatics.net/index.php/de/spirostomum-spp treffen nach meiner Meinung auch alle nicht zu, schon bei der Länge des Tierchens oder der relativen Länge des Peristoms hakt's. Grün war das Tierchen auch nicht, gar nicht.

Das Tierchen hat sich übrigens selbst umgebracht: es hat sich unter dem Deckglas irgendwie eine Falte eingefangen (ab Zeitstempel 154016 im Dateinamen, in den Bildbescheibungen als Warnung vor etwaigen falschen Schlüssen angemerkt), ab Zeitstempel 154226 hatte es dann an der Falte ein Leck, dann hat sich das Tierchen irgendwann kontrahiert und dabei riß es sich die kontraktile Vakuole ab, ziemlich gruselig. Hat das Tierchen aber nicht sofort gestört, es schwamm noch eine Weile nicht sichtbar verändert (bis auf das fehlende Ende eben) unter dem Deckglas herum, verkroch sich dann zwischen zwei Luftblasen und fand dort ein Ende.

Wer rätseln mag - gerne.


Viele Grüße von

Marcus



Bild 1: Vorderteil
Bild 2: Hinterteil
Bild 3: statt einer Gesamtansicht, auf dem man dann eh nix erkennt... Ausschneiden und zusammenkleben... Ist eben Meterware, das Vieh... ;-)
Bild 4: Vorderteil besser aufgelöst.
Bild 5: Nur Hinterteil, kontraktile Vakuole. Warum das "Heck" nun farblos ist - keine Ahnung. Scheidet das Tierchen da irgendwas aus? Tierchen mit ganz frischer Knitterfalte!
Bild 6: Kerne (?), Tierchen leckgeschlagen!
Bild 7: nochmal Vorderteil, Granula. Tierchen leckgeschlagen!
Bild 8: Bewimperung. Wimpern scheinen zwischen den spiralig gewundenen "Leisten" zu entspringen, sieht mir einreihig aus. Tierchen mit Knitterfalte!
Bild 9: nochmal dreireihige Granula. Tierchen leckgeschlagen!
Bild 10: nochmal Hinterteil mit Knitterfalte. Es scheint mir so, als würde sich da ein Brocken durch die Vakuole auf den Weg nach hinten machen. Beabsichtigt oder durch die mechanische Belastung verursacht?
Bild 11: ... obwohl, als das Tierchen noch nicht verknittert war, da schien das mit der "Klumpenwanderung" schon zu beginnen...





Marcus_S

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Re: Spirostomum - und wie weiter?
« Antwort #1 am: März 13, 2021, 23:38:12 Nachmittag »
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Marcus_S

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Re: Spirostomum - und wie weiter?
« Antwort #2 am: März 13, 2021, 23:39:13 Nachmittag »
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Marcus_S

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Re: Spirostomum - und wie weiter?
« Antwort #3 am: März 13, 2021, 23:40:42 Nachmittag »
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limno

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Re: Spirostomum - und wie weiter?
« Antwort #4 am: März 14, 2021, 11:31:41 Vormittag »
Hallo Marcus,
ein Prachtexemplar eines Spirostomum ambiguum 8) Wahnsinn!
Melde mich später nochmal dazu.
Bis dann!
Beste Grüße von
Heinrich
So blickt man klar, wie selten nur,
Ins innre Walten der Natur.

Marcus_S

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Re: Spirostomum - und wie weiter?
« Antwort #5 am: März 14, 2021, 12:49:32 Nachmittag »
Moin Heinrich,

ich freue mich über Deine Rückmeldung, vielen Dank!

Ich hab ja ganz viel keine Ahnung, deswegen zeig ich das Tierchen hier ja. Aber S. ambiguum kam mir auf allen Bildern im Netz immer deutlich plumper vor. Dieses Tierchen war schon schlank und elegant. Ich bin gespannt.

Viele Grüße von

Marcus

limno

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Re: Spirostomum - und wie weiter?
« Antwort #6 am: März 14, 2021, 14:43:21 Nachmittag »
Hallo Marcus,
wie gewünscht, die Onlineversion des KAHL http://ameba.i.hosei.ac.jp/DIB/Kahl/ (auch wenn diese jetzt anders aussieht, als ich sie in Erinnerung hatte). Ich habe den KAHL ja in Buchform. Und nicht zu vergessen: Sein wissenschaftliches Erbe, das uns Wilhelm Foissner zur freien Verfügung hinterlassen hat: http://www.wfoissner.at/
Mit besten Grüßen und Dank für die beeindruckenden "Starschnitte".
Heinrich
P:S.  Die aufgereihten "Knubbel" sind der "rosenkranzförmige Kern"
So blickt man klar, wie selten nur,
Ins innre Walten der Natur.

Marcus_S

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Re: Spirostomum - und wie weiter?
« Antwort #7 am: März 14, 2021, 19:37:21 Nachmittag »
Moin Heinrich,

vielen Dank für Deine Mühe, aber den Kahl hab ich seit neulich schon und auch schon befragt und eben nochmal.

Der Schlüssel zu Spirostomum dadrin ist ja recht übersichtlich. Nach dem komme ich auf Spirostomum minus, die Zeichnung dazu paßt auch wunderbar, die Größenangabe aber nicht. Angegeben ist bis 800 µm, "meiner" war deutlich über 1000 µm lang. Die angegebene Farbe "gelblich" paßt für mich aber auch nicht.

Wenn die Größenangaben so unzuverlässig sein sollten, dann kann ich damit gut leben, dann mache ich einen Haken dran und schlafe ruhig. Aber sind die so unzuverlässig? Dann bräuchte man die ja auch nicht als Bestimmungsmerkmal...


Viele Grüße von

Marcus

limno

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Re: Spirostomum - und wie weiter?
« Antwort #8 am: März 14, 2021, 20:50:12 Nachmittag »
Guten Abend Marcus,
in meiner Ausgabe ist über Spirostomum ambiguum auf 437f. zu lesen:
Zitat
"Gr. 1- 3 mm. Gestalt plump, etwa 10: 1.Verbreitet, zeitweise zahlreich im sapropelen Bodensatz. Der Zuführungskanal der Vakuole zeigt manchmal ampullenartige Erweiterungen,während die Vakuole nicht sehr weit nach vorn gedehnt ist."
Im Schlüssel ist zudem erwähnt, dass im Entoplasma durchweg zahlreiche dunkle Nahrungsvakuolen vorhanden sind.
Mit besten Grüßen
Heinrich
So blickt man klar, wie selten nur,
Ins innre Walten der Natur.