Autor Thema: Das Leitz'sche Stativ "G-Pol" - ein Exot  (Gelesen 276 mal)

ortholux

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Das Leitz'sche Stativ "G-Pol" - ein Exot
« am: Januar 29, 2022, 20:30:23 Nachmittag »
Liebe Kollegen,

zur Zeit überschlagen sich die Ereignisse. Ein neues Stativ nach dem anderen trudelt hier ein. Nun dachte ich, so langsam alles von Leitz zu kennen, aber weit gefehlt. Man kann einfach nicht alles von Leitz kennen.

Schrieb mich doch im Sommer ein Herr aus der Schweiz an, er hätte da so ein Polmikroskop abzugeben, angeblich ein G-Pol. Und ob ich jemanden wüsste, der sich für sowas interessiert.

Nun, G-Pol gibt es nicht. Sieht nach IIIM der 50er Jahre aus. Hab ich schon beide Varianten. Eher nicht.
Aber halt - was sind das denn für Knöpfe an der Seite? Außerdem steht auf der Karte in der Kiste eindeutig "G-Pol". Hm...?



Es folgten lange Preisverhandlungen, da er das Gerät für seinen Sohn verkaufen sollte, dieser aber nicht mehr in der Schweiz lebt...wie machen wir das mit dem Versand (50 € plus Zoll)...kurzum - vorgestern erhielt ich dann endlich das Mikroskop.

Zu meiner freudigen Überraschung hielt sich der Verkäufer an meine Verpackungsanleitung, und das Gerät kam nebst Kiste unbeschadet hier an.



Ein G-Pol! Was soll das sein?

Während in den 30er und 40er Jahren die Vielfalt an Pol-Stativen noch groß war...



...schrumpfte, wie bei den biologischen Stativen, die Anzahl in den 50er Jahren beträchtlich. Neben dem exotischen SY...



...gab es nur noch 3 Stativtypen:



AM, CM und IIIM mit Prismen- oder Folienanalysator


AM und CM sind weitestgehend identisch, nur daß das CM keinen Wechseltubus und keinen absenkbaren Tisch besaß. Das IIIM hatte den dünnen Tubus für 23,2mm-Okulare, keinen drehbaren Analysator und keine fokussierbare Bertrandlinse.

Aber ein G-Pol ist in keinem Katalog zu finden. Lediglich das biologische G-Stativ gab es.



G-Pol und G

Und mit diesem ist es identisch. Bis auf die Pol-Komponenten.

Was soll das bringen?
Meine Vermutung ist, daß dieses Stativ als G bereits in einem Institut existierte und man bei Leitz nach einer günstigen Lösung für ein Pol-Mik. anfragte. Das zu dieser Zeit erhältliche IIIM war fast identisch ausgestattet. Es ergäbe somit keinen Sinn werkseitig solch ein Gerät zu bauen. Aber da man bei Leitz alles möglich machte, was der Kunde anfragte, wurde das biologische G umgerüstet.

Die Ausstattung


Fangen wir unten an.

Am einfachen Kondensor wurde ein Polfilter fest montiert.



Der Kondensor erhielt eine Strichmarke, die Kondensorhalterung zwei Gravuren. 0° und 90°. Löst man die Arretierschraube, lässt sich der ganze Kondensor drehen.



Links und rechts am Tubus gibt es zwei Rändelknöpfe, mit denen man Analysator und Bertrandlinse in den Strahlengang schwenken kann.





Das ist beim Laborlux-Pol und SM-Pol der gleichen Zeit identisch gelöst.



Und wie es sich für ein ordentliches Polmikroskop gehört, erhielt der Tubus zwei Nuten, in denen der Zapfen des Fadenkreuzokulars Platz findet, damit dieses nicht verdreht werden kann.



An Austattung ist noch alles vorhanden, was damals ausgeliefert wurde.



Auch die Lochblende.



Ein wohl weit verbreitetes Zubehörteil, das ich bisher nicht kannte.
Zitat Olaf Medenbach: "Eigentlich gehört es zum Standard-Zubehör vieler Pol-Mikroskope aus dieser Zeit, sowohl bei Leitz als auch bei Zeiss. Viele Leute haben wohl das kleinere aber im Vergleich zur Bertrand-Linse scheinbar schärfere direkte Interferenzbild, das man beim Blick in den leeren Tubus sieht, bevorzugt. Damit man dabei den störenden Einfluss der Nachbarkörner ausblenden kann, gab es diesen „Diopter“."
Danke für die Aufklärung.

Schön finde ich, wenn die Mikroskope auch eine Provinienz haben.





Ich habe vor einiger Zeit schon mal solch ein aufgerüstetes G-Stativ erwerben können. Das stammte aus den 30er Jahren.



Ausgestattet mit Pol-Tisch, wegklappbarem Polarisator und Aufsteckanalysator.



Auch dieses Mikroskop ist in keinem Katalog erwähnt.


Viel Freude beim lesen!
Wolfgang


« Letzte Änderung: Januar 30, 2022, 00:16:43 Vormittag von ortholux »