Cothurnia und Pseudomonilicaryon

Begonnen von Martin Kreutz, März 20, 2022, 22:20:16 NACHMITTAGS

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Martin Kreutz

Liebes Forum,

ich möchte hier zwei ganz unterschiedliche Ciliaten zeigen, die ich vor kurzem fotografiert habe. Sie zeigen auch, zu welch unterschiedlichen Formen und Anpassungen die Evolution der Ciliaten geführt hat.

Die erste Art ist vergleichsweise klein und lebt sessil in einem selbstgebauten Gehäuse. Obwohl es heißt, das Cothurnia annulata eine häufige Form ist, finde ich sie in meinem Fundgebieten selten. Das fotografieren von Cothurnia ist schwieriger als man denkt. Zwar kann der Ciliat nicht "fliehen", aber er sitzt meist auf Algenfäden, welche eine Reduktion der Schichtdicke oft verhindern. Aber selbst wenn es einem gelingt, die Schichtdicke so zu verringern, dass das Gehäuse vollständig in der Fokusebene liegt, zieht sich der Ciliat oft zurück. Bei so einer Situation hilft nur eins: Glück! Das hatte ich, als ich ein Stück Algenwatte unter dem Mikroskop platzierte und von den 30 darauf befindlichen Cothurnia-Gehäusen eines zufällig dem Deckglas anlag und auch noch alles in einer Fokusebene lag. Als das Exemplar sich dann auch noch entschied das Peristom auszustrecken, war das Bild perfekt:



Die zweite Art die ich hier zeigen möchte ist ein Riese unter den Ciliaten und ein Jäger. Ich finde Pseudomonilicaryon anser (früher Dileptus anser) recht häufig, aber es ist ein unhandliches Objekt. Um einen windet er sich unablässig und er ist sehr groß, weshalb ich meine bevorzugten Objektive kaum zum Einsatz bringen kann. In diesem Fall fand ich ein bewegliches, aber bereits angedrücktes Exemplar, welches noch nicht den Rüssel eingeschmolzen hatte, was bei Deckglasdruck oft passiert:



Man erkennt auf dem obigen Foto, dass nur eine Reihe kontraktiler Vakuolen auf der dorsalen Seite vorhanden ist und der Makronukleus perlschnurartig ist. Es gibt keine separate, terminale Vakuole. Dann hätte es auch Monilicaryon monilatus sein können (früher Dileptus monilatus).

Typisch für Pseudomonilicaryon anser sind auch die kontraktilen Vakuolen, welche bis in den Rüssel reichen:


KV = kontraktile Vakuolen
DB = Dorsalbürste

Mit weiterer Verdunstung und Verringerung der Schichtdicke werden die Teile des Makronukleus genauer sichtbar:


Ma = Makronukleus
MO = Lage Mundöffnung

Um die daran angelagerten Mikronuklei zu erkennen, muss man die Schichtdicke noch weiter verringern:


Mi = Mikronuklei

Bei den Dileptiden ist die genauer Betrachtung der Extrusomen für die Bestimmung wichtig. Pseudomonilicaryon anser hat zwei Arten, die Typ I und Typ II genannt werden. Der Typ I sind gerade Stäbchen, mit abgerundeten Enden und einer Länge von ca. 6 µm und kleineren Stäbchen mit einer Länge von 2 µm. Bei meinen Exemplar waren die Extrusomen vom Typ I 7,5 µm lang und die vom Typ II 2,1 µm. Im Rahmen der natürlichen Varianz halte ich das für eine gute Übereinstimmung mit den Angaben für Pseudomonilicaryon anser:



Schönen Abend

Martin


SNoK / Stephan Krall

Lieber Martín,

wie immer beeindruckend. Danke für's Zeigen. Und gelernt habe ich, dass es Dileptus offenbar nicht mehr gibt. Die ganze Gattung? Ich lese das morgen mal nach.

Viele Grüße
Stephan
Mikroskope: Leica DMRB, Leitz Dialux (beide mit DIK), Lomo MBD-1 ("Für-alle-Fälle-Mikroskop")
Stemis: Zeiss 508, Wild Heerbrugg M5
Kameras: Sony alpha 6500 und 6400
Webseite: https://kralls.de
Vorstellung: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41749.msg308026#msg308026

KayZed

Hallo Martin,

deine Bilder eröffnen den Blick auf eine fast neue Mikrowelt.

Vor allem das Cothurnia-Foto hat's mir angetan. Du hast nicht nur eine ausgefeilte Technik, sondern offensichtlich auch viel Geduld.

Liebe Grüße
KlausZ
Zeiss Stemi 508
Zeiss Jenaval Kontrast
Nikon Z7

Martin Kreutz

Hallo,

danke für eure netten Kommentare!

Klaus, etwas Geduld gehört natürlich auch zum tümpeln, aber für wesentlich wichtiger halte ich eine gewisse Frustationsfestigkeit. Du darfst nicht glauben, dass mir immer sofort solche Fotos gelingen, wie ich sie hier zeige. Insbesondere bei schnellen und/oder deckglasempfindlichen Objekten braucht man eine gewisse Nervenstärke. Aber ich glaube, dass ist in der Naturfotografie der Normalfall.

Euch noch viel Spass bei der Protozoenjagd!

Martin



KayZed

Hallo Martin,

ich benütze regelmäßig dein Simmelriedbuch und wäre froh, wenn ich Aufnahmen von deiner damaligen Qualität hinbekommen würde.
Im Augenblick bin ich am Überlegen wie ich meine auffälligen Überstrahlungen und Chromasien (mit und ohne Blitz) reduzieren kann.

Du hast ja in den letzten Jahren deine Bildqualität nochmal erheblich verbessert.

Hast du eigentlich nochmal daran gedacht, ein neues Buch zu deinen Protozoendokumentationen herauszubringen.
Es gibt von dir allein im Forum eine solche Fülle an inhaltlich und fotografisch hervorragenden Beiträgen, dass eine solche Veröffentlichung eine großartige Bereicherung für viele Mikrofreunde wäre.

Herzliche Grüße
KlausZ
Zeiss Stemi 508
Zeiss Jenaval Kontrast
Nikon Z7

Martin Kreutz

Hallo Klaus,

es freut mich, dass Dir das Simmelriedbuch gefällt. Tatsächlich sind alle Bilder darin zwischen 1995 und 2005 auf Diafilm mit einer Olympus OM-2n Kamera aufgenommen worden, die ich mir 1980 gekauft habe. Man soll's kaum glauben! Eigentlich sind die Aufnahmen als antiquarisch zu betrachten. Mit dem Einzug der Digitalkameras konnte ich meine Bildqualität schon ein gutes Stück verbessern. Das war für mich im Jahre 2006 mit einer Olympus E-400 Kamera. Dann habe ich gewechselt auf die Olympus E-P1 und 2016 dann auf die Olympus E-P5, die auch jetzt noch tapfer ihren Dienst tut (Du merkst, ich verwende ausschließlich Olympus-Kameras). Natürlich habe ich im Laufe der Zeit auch Erfahrungen in der Bildverarbeitung gesammelt. Ein weiterer, entscheidender Schritt kam erst vor 2 Jahren, als ich von meinen bisherigen Kondensor n.A. 0,9 auf einen neuen mit n.A. 1,4 umgestiegen bin. Das hätte ich schon viel früher tun sollen, denn es hat gleich mehrere Vorteile gebracht:

- ich kann jetzt die volle Apertur meiner Objektive mit n.A. > 0,9 erst richtig nutzen
- die Beugungsfarben an den Objekträndern werden stark minimiert
- es sind dünnere, optische Schnitte mit DIK möglich
- die Zünddauer des Blitzes wird verkürzt, weil mehr Licht in die Optik kommt

Ja, ich beabsichtige meine umfangreiche Sammlung noch zu veröffentlichen. Es wird jedoch kein Buch sein, sondern ich beabsichtige eine homepage zu gestalten, auf der ich meine Funde präsentieren kann. Bevor es irgendetwas zu sehen gibt, liegt aber noch viel Arbeit vor mir. Zuerst muss ich mein Archiv von Mikrofotos in den Griff bekommen, also sichten, bestimmen, umbenennen, sortieren usw. Daran bin ich schon seit 2 Jahren dran. Danach erst kann die Arbeit an den Seiten für die homepage beginnen.

Schönen Abend

Martin

KayZed

Hallo Martin,

das sind gute Nachrichten.

Vielleicht ist sogar ein Internetangebot besser zu nutzen als ein Buch.
Weniger Arbeit macht eine gute Homepage sicher nicht.
Also, ich bin gespannt.

Ich weiß, dass du mittlerweile mit einem hochauflösenden DIK arbeitest.
Ich wäre schön froh, wenn ich meine Möglichkeiten eines normalen DIK
optimieren könnte.

Liebe Grüße

KlausZ
Zeiss Stemi 508
Zeiss Jenaval Kontrast
Nikon Z7

Ole Riemann

Hallo Martin,

schönen Dank dafür, dass Du insbesondere Cothurnia annulata so perfekt präsentierst. Ideal getroffen - mir sind auf Deinem Foto zum ersten Mal die feinen fibrillären Strukturen aufgefallen, die den Zellkörper im Gehäuse mit der Fußplatte auf der Alge verbinden.

Viele Grüße

Ole


Martin Kreutz

Hallo Klaus,

sei versichert, dass es mir am Anfang auch nicht anders als Dir ging. Auch ich habe im Laufe der Jahre viel optimiert und verbessert. Ich habe gerade mal eine Tauchfahrt in meine eigene mikroskopische Vergangenheit gemacht, weil mich das auch selber interessiert hat. Eines meiner ersten geblitzen Mikrofotos mit einem selbstgebauten Mikroblitz aus einem Holzkasten und einem Kosmetikspiegel habe ich 1981 aufgenommen. Es zeigt Paramecium bursaria (noch s/w). Diese Art habe ich danach noch öfters fotografiert und ich habe daraus eine Kollage gebastelt, wie sich die Bildqualität entwickelt hat:



Wie Du siehst, ging das nicht alles von heute auf morgen. Also beim optimieren nicht den Mut verlieren!


@ Ole: Ja, das war ein schöner Glückstreffer und ich konnte mein 60/1,42 anwenden. Obwohl die Schichtdicke nicht optimal war, hat es noch einiges rausgeholt. Ich finde auch interessant, wie die Stielscheibe auf die Spirogyra geklebt wurde. Meines Wissens hat Spirogyra eine dünne Schleimschicht auf der Zellwand. Wie Cothurnia das Gehäuse dort trotzdem fest draufkleben konnte, bleibt wohl ein Geheimnis. Ich hatte übrigens auch etwas Schwierigkeiten bei der Zuordnung. Der "Ring" etwa in der Zellmitte war nur sehr schwach entwickelt. Ob das innerhalb der Varianz liegt? Schwer zu sagen.

Schönen Abend

Martin

KayZed

Hallo Martin,

danke für deine Aufmunterung!

Nun kenne ich selbstverständlich von anderen Hobbys (Astronomie, Pflanzenfotografie, Steine schleifen), dass es überall mehr oder weniger lange Lernprozesse gibt.

Ich habe auch schon vor 30 Jahren mit einem Olympus CH20 und Diafilm fotografiert.
Da konnte man auch nicht so viel mehr erwarten. Deine alten Bilder zeigen es.

Nun bin ich nach meinem Wiedereinstieg in die Mikroskopie gerätemäßig schon deutlich besser ausgestattet (Jenaval Kontrast, Blitzwürfel, Nikon Z7) und sehe gerade im Vergleich zu den Bildern von Kurt, der mit dem gleichen Jenaval fotografiert, dass ich Probleme mit Überstrahlungen, Chromasien und damit auch geringerer Auflösung habe. Und das auch bei hervorragenden Diatomeen-Testpräparaten, die eine eigentlich optimale Schichtdicke besitzen.

Ich will und kann mit knapp 69 auch nicht mehr jahre- oder gar jahrzehntelange Versuchsprozesse durchlaufen, sondern möchte einfach bessere Bilder machen.
Ich beschäftige mich zwar durchaus mit diversen Mikroskopeinstellungen, bin aber nicht der Technikfreak, wie wohl manche hier im Forum, die sich ein oder viele Mikroskope vorwiegend zum Basteln zugelegt haben.

Nach einem halben Jahr der Lern- und Einstellungsversuche am Jenaval Kontrast ohne wesentliche Verbesserungen beschleicht mich jetzt zuweilen das Gefühl, ob ich nicht doch nochmal einen Systemwechsel vornehmen soll.

Herzliche Grüße
KlausZ
Zeiss Stemi 508
Zeiss Jenaval Kontrast
Nikon Z7

Ole Riemann

Hallo Martin,

eindrucksvolle Entwicklungsreihe! Ich muss aber sagen, dass die 2010er Version mit ihrem satten Kontrast - je nach dem, was man zeigen möchte - auch ihren Reiz hat.

@Klaus: Ich würde auf jeden Fall am Jenaval dran bleiben! Ich kenne das Gerät nicht, aber nach allem was ich weiß hast Du ein perfekt auskorrigiertes Zwischenbild, einen wunderbaren Interferenzkontrast und damit eine ideale Basis für die Mikrofotografie von Objekten des Wassertropfens (das ist völlig unabhängig von der Frage, ob der Kondensor 0,9 oder 1,4 hat). Du hast ja bisher noch nicht so viele Bilder eingestellt, aber ich bin ziemlich sicher, dass mit wachsender Erfahrung die Qualität nach oben gehen wird. Die Glockentierchen sahen doch schon sehr gut aus.

Viele Grüße

Ole

Kurt

Hallo Martin,

ja, das Bild von Cothurnia hier im Beitrag ist ausgesprochen schön, die Kombinaton der dicken fadenförmigen Grünalge mit dem Tierchen ist perfekt und deine Technik sowie deine Erfahrungen und die Geduld, so ein Bild zu machen ist ebenso perfekt. Danke für das Zeigen!

Klaus:
Ole hat mit allem Recht, das Jenaval ist ebenfalls ein TOP-Gerät! Ich habe im ersten Jahr mit meinem Jenaval auch noch nicht solche Bilder gemacht, wie heute...

Viele Grüße aus Freiberg/Sa.
Kurt

KayZed

Hallo Ole,

Danke für deine Aufmunterung, ich werde mit dem Jenaval jetzt nicht gleich das Handtuch werfen.

@Kurt
Wir haben heute ja ausgiebig telefoniert und du hast mir sehr interessante und für mich teilweise ganz neue Tipps zur optimalen Justierung des DIK im Jenaval Kontrast gegeben.
Ich bin sehr froh, mit dir einen solchen ausgewiesenen Experten am Jenaval kontaktieren zu dürfen.
Dafür nochmals ganz herzlichen Dank.

LG KlausZ
Zeiss Stemi 508
Zeiss Jenaval Kontrast
Nikon Z7