Christatella mucedo Nahrungsaufnahme

Begonnen von Spectrum, Dezember 20, 2025, 12:49:39 NACHMITTAGS

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Spectrum

Hallo,
Nachdem sich in einer winterlichen Probe Statoblasten von Christatella und Plumatella zu jungen Kolonien ausgebildet haben, konnte ich diese dazu bewegen sich an ein schwimmenden Deckglas anzuheften:
IMG_20251220_123029.jpg
Perfekte Bedingungen um diese wundervollen Geschöpfe etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
IMG_20251220_124349.jpg
Dabei konnte ich eine interessante Beobachtung machen.
Offensichtlich nutzt Christatella mucedo seine charakteristisch hufeisenförmig ausgebildete Tentakelkrone als eine Art "Fangkorb".
Im Gegensatz zu Plumatella, die dies nicht zu tun scheint, ist Christatella damit in der Lage,  sich auch größere Beute wie Rädertiere und voluminöse Ciliaten regelrecht zu "schnappen".
Aber seht selbst:

Liebe Grüße
und einen frohen 4.Advent
Holger

Holger
Duzen und meine Bilder (auch ungefragt)  bearbeiten, mit eigenen Aufnahmen ergänzen und weitergeben erwünscht!

Peter T.

Lieber Holger,

das sind wiederum fantastische Aufnahmen von der Kolonie. Das schwimmende Deckglas ist hier die beste Art, die runde Fußscheibe zu zeigen. Bei solchen Aufnahmen (mit der Info, dass sich die Kolonie durch die Muskulatur der Fußscheibe fortbewegen kann) stelle ich mir immer wieder die Frage: Wer steuert das? Die Faszination am Wunder Biologie lässt nie nach.  :)

Beste Grüße

Peter
Liebe Grüße
Peter

Manfred Melcher

Hallo Holger,

ein sehr schönes Video!
Eine Bitte hätte ich: ich habe Probleme manche Texte komplett zu lesen, bevor sie wieder ausgeblendet werden. Könntest Du die längeren Texte etwas länger stehen lassen?

Bist Du sicher, dass Christadella Beutetiere in der Größe von Trichelius fressen kann? Ich glaube nicht, dass die Mundöffnung und auch der Magen groß genug sind. Wenn Du eine Kolonie von der Oberseite betrachtest, kannst Du das Einziehen der Beute sehr schön verfolgen. Dein Video zeigt meiner Meinung nach keinen solchen Freßvorgang. Ich denke die Tiere wurden nur seitlich herausgeschleudert und haben die Schärfenebene verlassen. Vielleicht gelingt Dir noch ein eindeutiger Videobeweis!

Liebe Grüße
Manfred

Jürgen Boschert

Lieber Holger,

wieder ein spektakulärer Beitrag, danke!

Frohe Festtage und Alles Gute für 2026!
Beste Grüße !

JB

Spectrum

#4
Hallo Manfred,
Aufgrund deiner durchaus berechtigten Einwände und nachdem ich gesehen habe, dass du auch schon einige Beiträgen über Briozoa geschrieben hast fällt die Antwort jetzt mal etwas ausführlicher aus.
 
Auch wäre es meiner Meinung nach schade wenn bei dem Leser dieses Beitrags event. der Eindruck entsteht ich würde hier Behauptungen in die Welt setzen die so nicht haltbar sind.
Ich hoffe das ist okay.
(Und sachliche Kritik ist natürlich immer willkommen!)


Deine Aussage, dass man auf den Aufnahmen keine eindeutigen Videobeweis sieht, wie größere Beute im Inneren verschwindet ist natürlich richtig.

Aber was man hier sehr deutlich sieht ist der Bewegungsablauf den Christatella nutzt um auch größere Partikel aufzunehmen.
Über Christatella und auch andere Bryozoa ist bekannt (und auch wissenschaftlich untersucht) das sie über ein ganzes Repertoir an verschiedenen Bewegungsabläufen verfügt.
Manche um ungewollte Partikel "loszuwerden", manche um sich vor Fressfeinden/Umwelteinflüssen zu schützen und manche eben auch um größere Partikel wie zb. kolonienbildende Goldalgen möglichst effizient aufzunehmen.
Eine fundierte Quelle die sich ganz explizit mit diesem Thema beschäftigt findest du hier:

https://www.researchgate.net/publication/303373590_Feeding_behavior_in_freshwater_bryozoans_Function_form_and_flow

Die in dem Text als "GT4" ("Cage formation) und "INT2" ("partiell withdrawel") beschriebenen Bewegungsmuster sind es um die es mir hier in erster Linie ging.
Ich denke die sieht man in dem Video auch an mehreren Stellen.
Dieser ich nenn das jetzt mal ganz reißerisch "Fangschlag", zeichnet sich wie oben bereits erwähnt durch ein Umschließen mit den Tentakelarmen und anschließend ein ruckartiges Zurückziehen aus.
Besonders deutlich erkennbar ist dies bei Trachelius den man bei Minute 5:00 des Videos sieht.
In der wissenschaftlichen Arbeit wird dieses Verhalten ebenfalls als eine Anpassung zur Aufnahme größerer Partikel interpretiert.
Leider findet sich dort keine Angabe zur maximalen Größe die dabei ingestiert werden kann.

Ein direkter Beleg, das auch die großen Sychaeta und erst recht der noch größere Trachelius im Inneren landen, ist das also auch nicht.

 
Allerdings wäre noch zu erwähnen, das sämtliche Rädertiere in dem Glas in der Christatella (und Plumatella) an ihrem Deckglas hängend ihr Unwesen getrieben haben nach 24Std verschwunden waren.
In einem zweiten Glas mit identischem Inhalt, das sich als backup direkt daneben befunden hat, sind auch heute noch welche.

Auf die Idee die Kolonie einfach zu wenden, bin ich übrigens auch schon gekommen:
IMG_20251221_111450.jpg
Allerdings hat die Sache leider einen Haken.
Zumindest bei meinen bisherigen (zwei) Versuchen hat mir Christatella das sichtlich übel genommen.
Anstatt sich wie gewohnt zu verhalten wurde sie "bockig".
Es wurde nicht wie gewohnt weitergestrudelt, Nahrungspartikel weggepfeffert und irgendwann sogar die Polipide ganz eingezogen:
IMG_20251221_111718.jpg
Hier ein Film dazu:

Beste Grüße Holger

P.s. Ich habe diesmal die Texte doppelt so lange stehen lassen, ich hoffe das ist jetzt besser lesbar.
Es ist immer so eine Gratwanderung zwischen Lesbarkeit und Ablenkung von der Aufnahme um die es ja eigentlich geht.
Wenn man den Vollbildmodus nutzt, könnte man aber auch beliebig anhalten/zurückscrollen...
Holger
Duzen und meine Bilder (auch ungefragt)  bearbeiten, mit eigenen Aufnahmen ergänzen und weitergeben erwünscht!

Manfred Melcher

Hallo Holger,

ich fürchte fast, dass Du meine "Kritik" negativ aufgefasst hast, was aber in keinster Weise so gemeint war. Ich habe allerdings schon Stunden lang verschiedene Moostierchenarten beobachtet und meine Bedenken resultieren aus diesen Beobachtungen. In Deinem letzten Video der umgedrehten Kolonie sieht man sehr schön, wie klein die Mundöffnung und die nachfolgenden Verdauungsorgane sind. Du gibst ja selbst die Mundöffnung mit 0,1 mm an. Da bin ich ich sogar skeptisch, ob das für Rädertiere reicht. Ich wollte Dir auch nicht vorschlagen, die Kolonie umzudrehen. Es ist besser eine Kolonie zu beobachten, die sich z.B. am Grund angesiedelt hat. Die Nahrungspartikel werden durch die Wimpern an den Fangarmen in die Mundöffnung gestrudelt. Die Fangarme bilden dazu eher eine Art Käfig um die Nahrungsteilchen nicht mehr entkommen zu lassen. Größere Organismen werden durch ruckartige Bewegung weggeschleudert. Das ruckartige Zurückziehen der Fangarme ist kein Freßvorgang, sondern eine Schutzfunktion auf Grund des Berührungsreizes. Du kannst ja unter dem Stemi sehr schön diesen Freßvorgang beobachten und auch kontrollieren was sich in dem transparenten Magen befindet.

Meine Anmerkungen resultieren allerdings rein auf meinen Beobachtungen. Es gibt hier sicher berufenere Spezialisten, die hier Aufklärungsarbeit leisten können.

Liebe Grüße
Manfred

Spectrum

#6
Hallo Manfred,
Schön das du so schnell geantwortet hast und ganz vorneweg gesagt:
Ich will weder den vorweihnachtlichen Frieden stören (☮️)noch hab ich deine Kritik negativ aufgefasst. Im Gegenteil, durch solche Gespräche lebt ja ein Forum.
Und wie schon gesagt dein Einwand war ja durchaus berechtigt.
Aber um nochmal zu den eigentlichen bzw noch offenen Fragen zurückzukommen:

1. Was passt denn da nun rein in so eine Christatella?
Sind das ausschließlich kleine Partikel im 2 stelligen μm Bereich, oder geht da noch mehr? Ich glaube da passen durchaus auch noch größere Brocken rein.
Ich behaupte weiter (auch aus eigener Beobachtung), ja da passen auch größere Cilliaten und kleine Rädertiere rein.
Einen Amphileptus (ca.200μm lang) hab ich so schon vor ein paar Tagen verschwinden sehen, incl. der Zerkleinerung im Magen!

Ich hoffe ich kann dazu auch bald noch eindeutige Aufnahmen nachreichen.

2. Wie bewältigt so ein Moostierchen diese großen Brocken?
Ich glaube was das Thema angeht, dazu taugen meine Aufnahmen ganz gut.

Bloß Filtern und bei Gefahr zurückziehen ist nämlich noch lange nicht alles!
Lies dir doch bei Gelegenheit den verlinkten Artikel durch, danach siehst du diese kleinen Wunderwerke bestimmt mit noch größerem Staunen.

Zitat von: Manfred Melcher in Dezember 21, 2025, 20:39:08 NACHMITTAGSDie Nahrungspartikel werden durch die Wimpern an den Fangarmen in die Mundöffnung gestrudelt. Die Fangarme bilden dazu eher eine Art Käfig um die Nahrungsteilchen nicht mehr entkommen zu lassen.

Das ist richtig und stimmt so auch für kleine Partikel , die mit dem Wasserstrom der Cilien eingesammelt werden.

Zitat von: Manfred Melcher in Dezember 21, 2025, 20:39:08 NACHMITTAGSGrößere Organismen werden durch ruckartige Bewegung weggeschleudert.

Stimmt auch, aber nur dann wenn Christatella es als "nutzlos" aussortiert hat.

Zitat von: Manfred Melcher in Dezember 21, 2025, 20:39:08 NACHMITTAGSDas ruckartige Zurückziehen der Fangarme ist kein Freßvorgang, sondern eine Schutzfunktion auf Grund des Berührungsreizes.

Einspruch euer Ehren!
Meines Erachtens nach gibt es da beides!
Genau darum geht es hier in diesem Beitrag!

Zitat von: Manfred Melcher in Dezember 21, 2025, 20:39:08 NACHMITTAGSMeine Anmerkungen resultieren allerdings rein auf meinen Beobachtungen. Es gibt hier sicher berufenere Spezialisten, die hier Aufklärungsarbeit leisten können.

Da gehe ich nun wieder zu 100% mit.
Eine Aussage aus berufenem Munde wäre super.
Vielleicht hat ja auch jemand Fachliteratur zur Hand in dem die Nahrung bzw. Partikelgröße aufgeführt ist...

Die Menge an Schwebstoffen die in Gewässern voll mit Moostierchen gebunden werden ist sicherlich nicht wenig.
Das Thema wurde doch bestimmt schonmal irgendwo behandelt, könnte ich mir vorstellen.🤔

So, und ich untersuchen jetzt, welche Weihnachtskeksgröße bei mir so reinpasst...


Penible und trotzdem weihnachtliche Grüße
Holger
Holger
Duzen und meine Bilder (auch ungefragt)  bearbeiten, mit eigenen Aufnahmen ergänzen und weitergeben erwünscht!

GerhardL

Hallo Holger,
deine Dokumentation finde ich Spitzenklasse!
LG
Gerhard

Gerald

#8
Guten Morgen Holger,

es ist SEHR interessant, dass Du die Kolonie gedreht hast und sie es Dir übelgenommen hast. Wie Du weißt hatte ich es auch vor längerer Zeit mal mit Cristatella-Haltung probiert und ich bin (beziehungsweise die Kolonie) nicht über 4-6 Zooide gekommen. Die Kolonie hatte ich immer am Boden vom Kulturgefäß angesiedelt. Vielleicht ist Deine Variante mit der hängenden Kultur die Lösung. Ich glaube mal gelesen zu haben, dass die Cristatella-Kolonien oft an in das Wasser hängende Äste sich ansiedeln.

Zur Nahrungsgröße: ich hatte sie damals mit Euglena, Haematococcus und Chilomonas gefüttert. Also alles "kleinere" Futterorganismen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie größerer Futterorganismen aufnehmen. Sie schlucken ja die eingestrudelte Nahrung direkt runter, nicht wie zum Beispiel Rädertiere, welche ihr Futter noch durch die Kauer zerhäckseln und zerkleinern. Durch den transparenten Aufbau der Moostierchen kann man ja gut in das Verdauungssystem schauen.

Sehr spannend - ich bin gespannt auf weitere Erkenntnisse.

Liebe Grüße

Gerald

Spectrum

#9
Hallo,
Danke an dieser Stelle an Peter, Jürgen und Gerhard für die netten und motivierenden Worte, das geht runter wie ein Weihnachtskeks (mit Milch natürlich🙂)
Und ganz besonderen Dank an Manfred und Gerald für den wertvollen Input  und das Interesse.

Lieber Gerald,
Ich hab mir da auch schon Gedanken gemacht, was genau, den doch ganz schön heftigen Unterschied in der Vigilanz, bei hängenden und aufrechter Position ausmacht.
Interessant wäre auch, dass es Plumatella scheinbar wohl viel weniger auszumachen scheint, wie herum sie positioniert ist.
Auch bemerkenswert:
Am Fundort findet man im Sommer auch Christatella Kolonien auf der Oberseite von untergetauchten Ästen:
IMG_20251222_145204.jpg
Was also genau macht da den Unterschied?
Die Lage im Raum für sich allein genommen scheint es wohl nicht zu sein.
Meine Vermutung geht eher Richtung O2-Verfügbarkeit.
Die ständige Aktivität der Einzeltiere einer Kolonie verbraucht sicherlich viel Sauerstoff. Dieser diffundiert aus dem umgebenden Wasser zurück in die Kolonie.
Einzelne Tiere haben da noch ein sehr günstiges Verhältnis zwischen Körperoberfläche und der "Eindringtiefe" die überwunden werden muss um das Innere eines einzelnen Tieres mit Sauerstoff zu erreichen.
Auch eine langgestreckte Kolonie wie Plumatella ist da gut aufgestellt.
Je dicker aber der "gelatinöse Klumpen" ist, der zur Versorgung durchdrungen werden muss, desto eher wird das dann zum Problem...
Ich glaube das ist einer der Hauptgründe warum die Kolonien dann ab einer gewissen Größe in Gefäßen ohne Wasserbewegung (aber ansonsten annehmbaren Bedingungen) absterben.
Die ersticken, glaub ich ganz einfach irgendwann, sozusagen von innen heraus.
Auf einem freistehenden Ast im Wasser oder am Deckglas hängend sieht es, was die Sauerstoffversorgung angeht, schon besser aus. Da ist mehr Sauerstoff verfügbar, der herangestrudelt werden kann.
Allein deshalb schon, weil auch mehr freies Wasser insgesamt um die Kolonie herum gleichzeitig bewegt werden kann.
Dreht man das Deckglas in der Petrischale um, oder wächst die Kolonie am Boden des Kulturgefäßes, ist da nur das sauersoffärmere "Tiefenwasser", und das muss dann auch noch mühsam über den Grund "gezogen" werden. Da bleibt dann irgendwann die Puste weg.
So zumindest meine Erklärung.
LG Holger


Holger
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dicentra

Hallo Holger,

vielen Dank für deine schönen Aufnahmen von Cristatella (ist das Christatella eigentlich dem Christkind geschuldet?  ;D )
Moostiere sind eine faszinierende und in Amateurkreisen oft übersehene Gruppe, da animiert dein Beitrag vielleicht manche sich damit zu beschäftigen?

Aus meiner Beschäftigung mit Plumatella in den letzten Monaten möchte ich zu einigen Punkten etwas beitragen:
die Überkopf-Haltung von Moostieren ist doch zumindest bei Süßwasserformen üblich? Zum einen verhindert es die Ablagerung von Partikeln auf der Kolonie, zum anderen erleichtert die Kultivierung in schwimmenden Schalen die Beobachtung mit dem Inversmikroskop. Bei meinen Versuchen Plumatella zu kultivieren (die in der Natur vornehmlich an senkrechten Flächen und unterhalb von Überhängen und Ästen im Schatten zu finden ist) schien die Position relativ gleich zu sein, sofern keine Ablagerungen auf den Kolonien entstanden.
Hat vielleicht schon mal jemand die in der Fachliteratur empfohlene Hälterung als "Zweit"-Aquarium nach einem Fischbecken ausprobiert? Das wollte ich nächstes Jahr mal angehen.

Zur Partikelgröße bzw. dem Umgang von Bryozoen, aber auch hier speziell Plumatella, gibt es einen Artikel mit schönen Bildern von Riesgaard et al. (2005) in Invertebrate Biology in dem auch auf weitere Literatur zu diesem Thema verwiesen wird.

vermoostierchte Weihnachtsgrüße!
Oli

Spectrum

#11
Hallo Oli,
Danke für den Link zu Plumatella.
Da wird ja sehr detailliert beschrieben wie kleinere Partikel möglichst effizient ausgefiltert werden.
Das macht Christatella u.a. auch.
Auch dazu hab ich Videomaterial aufnehmen können. Da werden Flagellaten (Chilomanas) von einem nahegelegenen Reiskorn eingestrudelt. Auch hier sieht man meines Erachtens nach eine gezielte Reaktion der Kolonie um das zu optimieren:
Grüße Holger
Holger
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