Botanik: Pflasterritzenflora 19: Hirtentäschel (Capsella bursa-pastoris) *

Begonnen von Peter T., April 28, 2026, 15:58:05 NACHMITTAGS

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Peter T.

Weiter geht es mit der Vorstellung von Pflanzen, die sich ihren Platz in unseren urbanen Räumen erobern, indem sie mit dem minimalen Raumangebot von z.B. Pflasterritzen zufrieden sind und dort gedeihen.

Ein sehr volkstümlicher Vertreter dieser Fraktion ist das Gewöhnliche Hirtentäschelkraut. Viele, auch botanisch nicht so Interessierte, werden es kennen. Es gehört zur Familie der Kreuzblütengewächse (Brassicaceae) und ist eine bis zu 40 cm hoch wachsende Pflanze mit einer Grundrosette und einem daraus entspringenden zentralen Stängel. Die Blüten sind winzig, charakteristisch und namensgebend sind die Früchte, die bekannten "Täschchen".
Das Hirtentäschel ist nahezu weltweit verbreitet.

Hier eine Übersicht über das Erscheinungsbild:

Bild 1 (Wikipedia, gemeinfrei)


Und hier zwei Beispiele von den Biotopen, an denen wir das Hirtentäschel antreffen können. Beide habe ich in der Münchner Innenstadt aufgenommen, von wo auch meine Probe stammt:

Bild 2


Bild 3



Für den Beitrag habe ich Blattstiel und Blatt angeschaut. Alle Schnitte sind 30 µm dick und nach Etzold mit FCA gefärbt. Die Aufnahmen wurden an einem Leica DMLB mit einer Sony a6400 aufgenommen und in der Postproduction nach meinen Vorstellungen optimiert. Die meisten Bilder sind gestackt (Helicon Focus).

Hier der Überblick über den Blattstiel

Bild 4


Die äußerste Schicht bildet eine einschichtige Epidermis aus kleinen, polygonalen Zellen mit relativ gleichmäßigen, deutlich blau gefärbten Wänden. Die Zellen folgen der gewellten Kontur des Petiolus, einschließlich der beiden seitlichen Ausziehungen. Im unteren Bereich des Präparates ist die Duplikatur der Epidermis sicherlich ein Stacking-Artfakt, ich habe es drin gelassen, damit das Trichom sichtbar bleibt. Trichome sind nur spärlich vorhanden.
Unter der Epidermis ist ein Kollenchym (kleinere, dichter gepackte Zellen mit leicht ungleichmäßig verdickten Wänden) zu erkennen, das der Festigkeit dient.
Den größten Anteil des Querschnitts nimmt ein weitlumiges Parenchym ein.
Deutlich abgegrenzt sind die Leitbündel zu erkennen.

Hier noch der Überblick im polarisierten Licht:

Bild 5


Jetzt das zentrale Leitbündel im Hellfeld und in der Polarsiation:

Bild 6


Bild 7


Umgeben ist das Leitbündel von sklerenchymatischen Stützfasern. Zwischen dem Phloem (oben) und dem Xylem (unten, erkennbar an den Tracheen) liegt das ziegelsteinartig geschichtete Kambium.

Weiter geht es mit einige Detailbildern aus dem Randbereich:

Bild 8


Der Blattstiel hat eine stark gewellten bzw. gezackten Rand, was zu einer sehr unregelmäßigen Oberfläche führt.

Häufig werden Strukturen aus deutlich kleineren Zellverbänden der Epidermis angeschnitten. Ich bin mir nicht sicher, was das ist. Möglicherweise könnten es angeschnittene Stomazellverbände sein.

Bild 9


Hier noch ein Beispiel für eins der seltenen Haare:

Bild 10 (DIC)


Und hier die locker geschichteten Parenchymzellen

Bild 11




Jetzt zum Blattquerschnitt, zunächst der Überblick:

Bild 12


Im Querschnitt der Spreite fehlt hier das Palisadenparenchym, stattdessen findet sich ein homogenes, locker aufgebautes Mesophyll:

Bild 13


Bild 14


Zum Abschluss noch eine Aufnahme in der Polarisation, die Kristalle, am ehesten Calciumoxalat-Kristalle zeigt:

Bild 15



Wie immer freue ich mich über Kommentare, Berichtigungen und Ergänzungen.




Jürgen Boschert

Beste Grüße !

JB

hebi19

Boah - echt super und lehrreich....

Ästhetik verbindet sich mit Wissenschaft !  Vielen Dank.
Grüße von
Martin alias hebi19

Motic BA-300, div Lomo, Stereo-Mikroskop noname

Wutsdorff Peter

Grüß´ Dich Namensvetter,
auch von mir Gratulation zu  Deinem Beitrag!
Wo man sonst achtlos drauftritt!
Als Kinder haben wir in Mecklenburg die Täschel gegessen.
Auf den Fotos kann ich aber keine Täschel erkennen, oder kann ich nicht kieken?
Gruß  Peter W

Manfred Rath

Hallo Peter,

Sehenswerter,perfekt aufbereiteter Beitrag betreffend eine Pflanze, über die in der Regel achtlos drübergestiegen wird.Wie jeder deiner Beiträge ein Genuß...

Grüße aus (derzeit) Tribunj, Kroatien, schau ma mal welche botanischen Proben ich diesmal mitnehme
Ich lebe in der Region "Steirisches Vulkanland" - bin aber kein Vulkanier sondern waschechter Steirer.

Peter T.

Hallo Jürgen, Martin, Peter und Manfred,

ganz herzlichen Dank für Eure Teilnahme an diesem Beitrag, freut mich aufrichtig!

@Peter: Bei der Ernte war es noch nicht so weit, dass Täschel verfügbar waren. Aber jetzt konnte ich einen Spross mit Täschchen mitnehmen, ich werde den Beitrag beizeiten damit ergänzen!

Cbp t.jpg

@Manfred: Da wirst Du reiche Ernte machen können, ich liebe Kroatien!

Hans-Jürgen Koch

Lieber Peter,

ein rundum gelungener Beitrag, eine harmonische Mischung aus informativen Inhalten.

Gruß
Hans-Jürgen
Plants are the true rulers - Pflanzen sind die wahren Herrscher.

<a href="http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=2650.0" target="_blank">Hier geht es zur Vorstellung</a>

Gerne per "Du"

Peter T.

Lieber Hans-Jürgen,

herzlichen Dank für Dein Lob.


Liebe Grüße

Peter

Daniel Scheibenstock

Hallo Peter,

wieder sehr gut umgesetzt. Wie wirst du die Taschen präparieren?

Liebe Grüße,

Daniel
Leica DMRB HC (DL, Pol, DIC, PH)
Motic BA310 LED (DL: PH; DF;POL, AL: POL)
Zeiss Universal (DL: Fluo; POL AL: Fluo,POL. DIC)
Zeiss IM35 (DL; PH; Fluo;POL)
Olympus SZX12
Bresser Stereolupe

Vorstellung: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=48126.0

Peter T.

Hallo Daniel,

auch Dir besten Dank!

Was ich mit den Taschen mache, entscheide ich spontan, da gibt es noch keinen festen Plan.


Schöne Grüße

Peter

Daniel Scheibenstock

Leica DMRB HC (DL, Pol, DIC, PH)
Motic BA310 LED (DL: PH; DF;POL, AL: POL)
Zeiss Universal (DL: Fluo; POL AL: Fluo,POL. DIC)
Zeiss IM35 (DL; PH; Fluo;POL)
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Bresser Stereolupe

Vorstellung: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=48126.0

jcs


Peter T.

Hallo Jürgen,

vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein Lob. Hat mich sehr gefreut!

Schöne Grüße

Peter

Peter T.

Ich bin noch die Darstellung der Täschel schuldig.

Dazu zunächst eine Schemaskizze:

Bild 16


Das soll ein längs geschnittenes Täschel darstellen. Zunächst mal wird das Täschel als Silicula bezeichnet. Man erkennt die angedeutet herzförmige Grundstruktur. In der Mitte läuft das so genannte Replum. Von diesem ausgehend sehen wir fingerförmige Fortsätze (Funiculi), an deren Enden die Samen sitzen. Diese Struktur wird auch als Plazenta bezeichnet. (In der menschlichen Biologie wird der Embryo anaolg über die Plazenta ("Mutterkuchen"), mit der er über die Nabelschnur verbunden ist, ernährt.)
Die Versorgung der Samen läuft (wie bei Pflanzen üblich) über Leitbündel mit Phloem und Xylem. Das Leitbündel verläuft also im Replum und verzweigt sich in die Funiculi, um die Samen mit Wasser, Zucker und anderen Nährstoffen zu versorgen.
Die Silicula ist hier aufgeschnitten, um einen Blick ins Innere zu ermöglichen. Die beiden Kammern, in die wir hier blicken, sind durch Klappen (Valven, "valvae") geschützt. Ist der Samen reif, platzt die Silicula am Replum auf und die Samen werden ins Freie entlassen. Die Valven fallen später ganz ab.

Die folgenden Schnitte haben alle eine Dicke von 30 µm, die Färbung wurde nach Etzold mit FCA durchgeführt.

Zunächst ein Längsschnitt durch ein Täschel (eine Silicula):

Bild 2


Links erkennen wir den freien Raum, in dem die Samen sich befinden. Ein Samen ist zu sehen, allerdings hängt er nicht mehr am Funiculus, sondern hat sich im Verlauf der Präparation losgelöst und liegt nun frei im Raum.
In der Mitte erkennen wir (bräunlich gefärbt) das Replum mit abgehenden fingerförmigen Funiculi. Das ist die Versorgungsachse für die Samen, die Plazenta. Rechts sehen wir die angeschnittene Bedeckung des inneren Raumes, die Valve.

Diese Valve, also die Kapsel, die den Samen schützt, jetzt noch in einigen Detailbildern, ebenfalls längs geschnitten:

Bild 3


Erinnert hat mich das an einen Fingerabdruck ;)

Bild 4


Die eng stehenden Linien sind sklerenchymatische Verstärkungen, deren Verlauf wir hier im Längsschnitt gut verfolgen können. Sie sorgen für die Festigkeit der Kapseln und damit für den Schutz der darunter wachsenden Samen.

Hier noch ein Detailbild im DIC:

Bild 5 (DIC)


Rechts sehen wir angeschnitten wieder das Replum.

Ebenfalls im Längsschnitt hier ein Funiculus. Der Samen am Ende ist abgefallen, aber der fingerförmige Fortsatz ist fest mit dem Replum verbunden. Im Inneren des Funiculus läuft ein Leitbündel (hier nicht zu erkennen).

Bild 6 (DIC)


Die Längsschnitte schließt noch eine Aufnahme im polarisierten Licht ab:

Bild 7 (Polarisation)


Eindrucksvoll auch hier die sklerenchymatischen Verstärkungen der Kapselwand.


Jetzt zu den Querschnitten. Zunächst eine Ebene, in der sich noch keine Samen befinden:

Bild 8


Bild 9


Hier sehen wird, dass das Replum sich in zwei Teilen darstellt, deren jeder ein Leitbündel beinhaltet. Verbunden sind die beiden Replum-Hälften durch dünne Zellstränge. Das Bild hat mich insofern beeindruckt, als immer von einem Replum gesprochen wird. In meinen Querschnitten hat man eher den Eindruck, es wäre zwei verbundene Repla. In der Literatur konnte ich nichts dazu finden.

Hier der Replum-"Apparat" im Detail. Rechts angedeutet zwei Funiculi:

Bild 10


Wir schneiden etwas mehr zur Peripherie hin und finden angeschnittene Samen und die diese versorgenden Funiculi. Einige Beispiele:

Bild 11


Bild 12


Bild 13


Bild 14


Bild 12 zeigt in der linken Kammer einen angeschnittenen Embryo im Samen liegend.

Ein Detail des Querschnitts im polarisierten Licht:

Bild 15


Nun eine Detailaufnahme eines angeschnittenen Samens in situ. Das Kontrastverfahren lässt alles etwas plastischer erscheinen. DIC in der Pflanzenmikroskopie ist in meinen Augen unterschätzt.

Bild 16 (DIC)


Zum Abschluss noch ein angeschnittener Samen:

Bild 17



Schöne Grüße

Peter

Alex H.

Hallo Peter,

sehr schöne Bilder und interessante Informationen. Wie hast du denn die Schemaskizze (Bild 16) erstellt?

Grüße
Alex