Der Mythos vom „unbearbeiteten Bild“

Begonnen von Michael Plewka, Juli 08, 2010, 23:33:41 NACHMITTAGS

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

Franz

Am Mikroskop fotografiere ich jetzt nur mehr mit RAW-Bildern (von einer Pentax K20D). Bei Landschaftsbildern habe ich mit JPEG keine Probleme. Die besondere Situation bei der Mikrofotografie kommt bei mir wahrscheinlich vom gemischten Licht:ich benütze Licht aus der Mikroskopbeleuchtung und Blitzlicht zusammen.
Besondere Probleme habe ich manchmal mit einem ganz leichten Rotstich. Ich weiß sehr oft nicht, wie ich diesen beseitigen soll.
Vielleicht funktioniert der Weißabgleich der Kamera nicht besonders gut?

Viele Grüße
Franz


Michael Plewka

Hallo Herr Wiedemann,

soweit ich erkennen kann, hat uns Gerhard ,,rawfoto" leider hier im Forum noch keine Mikroaufnahmen gezeigt, anhand derer wir die Ergebnisse seines ,,workflow" begutachten könnten. Insofern bleibt dieses vorläufig ,,graue Theorie".
Prinzipiell wird sich der ,,workflow" wohl bei allen Fotografen in etwa gleich gestalten, der Teufel steckt hier vielmehr im Detail, soll heißen: in der Gewichtung der Arbeitsschritte und der Dimensionierung der Parameter.

Gerade die Kombination (ungefärbte) Gewässerorganismen mit Hellfeld ist wegen des hohen Tonwertumfangs eine große Herausforderung an die Fotografie. Abgesehen von den hinlänglich bekannten optischen Parametern, die am Mikroskop beeinflusst werden können (,,köhlern" etc.) geht es ja u.a. darum, diesen großen Tonwertumfang elektronisch, d.h. durch Software so zu skalieren, dass es für das menschliche Auge -ich nenne es mal etwas schwammig-  angenehm  erscheint.

Hier war für mich der DIK ein wesentlicher Unterschied: da DIK den Hintergrund im Idealfall mit einem Grauwert  (respektive mit einem homogenen Farbwert) versieht,  ist der Tonwertumfang des Gesamtbildes nicht mehr so sehr durch den Hintergrund dominiert, so dass die Kamera anders belichten kann. Die dunklen Bildpartien saufen also nicht mehr so ab. Dennoch ist auch hier der Tonwertumfang ein recht kritischer Parameter.

Bevor ich auf einzelne Arbeittschritte noch eingehe, eine Anmerkung:
Meiner Definition nach hat ein Raw-Konverter folgende Funktion:
Er wandelt ein unsichtbares Datenpaket in ein sichtbares Bild auf dem Monitor um und bietet die Möglichkeit der Abspeicherung der Daten in einem standardisierten Bildformat. Im wesentlichen geht es also um folgende Berechnung:
-Interpolation der Werte der Sensor-Elemente
-Rauschunterdrückung (siehe letzte Ausgabe der Zeitschrift ct)
-Neuskalierung der Sensor-Kennlinien
Alle weiteren Funktionen (z.B. "Geraderücken")  sind auch mit anderen Bildbearbeitungsprogrammen  machbar und haben mit der raw Konvertierung nichts zu tun

Schauen wir uns nun die Arbeitsschritte noch einmal an:

Zitat1.) Kameraprofil zuweisen...
: ok
Zitat2.) Farbtemperatur einstellen
: ok
Zitat3.) Belichtungsfeinkorrektur und Gradationskurve...
da geht es los: was ist BeleichtungsFeinkorrektur? Aufgrund der o.a. Situation muss ich persönlich hier die Dimensionierung der Parameter ziemlich anders wählen als bei einem Landschaftsfoto

Zitat...dabei wird eine Basisschärfung..

Ich persönlich nehme hier keine ,,Basisschärfung"  vor (genau  die Ergebnisse dieser  Basischärfung kann man im 1. Detailbild von Martin Kreutz´ alter Kamera erkennen)


ZitatOptional kann jetzt die Lichter- oder Schattenzeichnung optimiert werden...

Dieser Parameter wird so in einem Nebensatz abgehandelt......

M.E. krankt ein Teil der Bilder, die hier im Forum gezeigt werden, genau daran, dass dieser Parameter viel zu wenig berücksichtigt wird.
Der Tonwertumfang von ca 14 bit des Raw-Files muss zwangsläufig auf 8bit skaliert werden , damit es  als jpg gezeigt werden kann. Für die Druckausgabe muss die Dynamik noch weiter komprimiert werden.  An diesem Punkt wird wieder einmal deutlich, dass es nicht eine Frage ist, ob eine Bildbearbeitung durchgeführt wird, sondern wie.  Das Stichwort hierbei heiß: Tonwert-mapping. Meine Erfahrung ist (und da darf ich mit Sicherheit auch für M. Kreutz sprechen) ist, dass hier sehr viel Zeit und Sorgfalt nötig ist, um das Ergebnis zu optimieren. Konkret  benötige ich hierfür  ca. 15-30 min pro Bild, da ich das ganze über Ebenen realisiere. Da eine Schärfung des Bilds ja u.a. auf  der Anhebung von Mikrokontrasten beruht, ist es -zumindest bei mir- so, dass nach der Schärfung nochmals die Licht- und Schattenwerte korrigiert werden müssen.

Fazit: Meine Erfahrungen mit dem Raw-Format stimmen mit den Ihrigen überein: Die Dimensionierung der Parameter  ist eine andere als in der Landschaftsfotografie.

beste Grüße Michael Plewka


Rawfoto

Guten Morgen

Ja, ich habe ein Olympus BH2 und zwei Dic Prismen für den Universalkondensor und kann mit diesem 3 Objektive verwenden (S-Plan APO 20, 40 und 100)...

Keine Auffälligkeiten bei den RAWs bezüglich Kontrastumfang, ich kann aber zur Zeit nur die Halogenlampen verwenden, bei Blitzumbau bin ich noch am tüfteln wie ich's mache ...

Was mir auffällt (beim DIC), man muss beim Setzen der Belichtung sehr aufpassen, die klassisch "richtige" Belichtung ist nie die Lösung (wie aber bei über 80% meiner Digitalaufnahmen) und der weit verbreitete Fehler in der Digitalfotografie auf die Schatten zu belichten ist schlicht weg falsch. Man muss auf die Lichter belichten. Also nicht wie beim Diafilm, man muss wie beim Negativfilm vorgehen ==> das liegt an der Technologie der Sensoren.

Ich schaue also bei Makro- und Microfotografie nie auf die "richtige" Belichtung, ob am Mikroskop, mit den Leca Photaren am Balgen oder den Makro/Lupenobjektiven von Canon und Hardblei. Ich mache eine Probebelichtung, sehe auf das Histogramm und setze dann eine Belichtungskorrektur.

Ein weiterer Einflussfaktor ist die natürlich jeglicher Polfilter vor der Messzelle der Kamera, bei den Profimodellen gibt's dazu sogar Angaben in den Bedienungsanleitungen, das hat sich aber in den letzen 35 Jahren in denen ich fotografiere nicht verändert. Achtung: die wenigsten Kameras können mit "linearen" Polfiltern!!! ==> wird aber die Belichtung via Histogramm ermittelt (wie oben beschrieben) gibt es keinerlei Probleme und aus meiner Sicht unauffällige RAW-Daten. Wenn Du also z.B. nicht via Histogramm belichtest musst Du die "Auffälligkeiten" bei allen Bildern mit Polfilter haben ...

Zum Thema Geschwindigkeit der einzelnen RAW-Konverter, das Verhalten ist auf allen Rechnern sehr vergleichbar. Ich vergleiche ja immer die Konverter auf ein und dem selben Rechner. Vor allem mit best ausgestatteten Rechnern hat Adobe ein Problem. So ist Photoshop 4.0 immer noch eine 32 Bitanwendung und meine 16GB Arbeitsspeicher am MAC-Standrechner werden zu 4 GB vom Photoshop verwendet. Ist am PC übrigens genau so ... Ich hoffe, dass dieses Problem mit 5.0 (kommt ja gerade) Geschichte!!!

Wenn Du also mit der Geschwindigkeit zufrieden bist - was ja gut für Dich ist - liegt das daran, dass Du nicht mit Massendaten oder mit hohen RAW-Auflösungen an den RAW-Konverter gehst ...
Du hast, wenn Du nicht selbst ein Kameraprofil angefertigt hast, bei Photoshop auch noch nie eines verwendet. Wir Fotografen werden von ADOBE seit Jahren auf die nächste Version vertröstet, sie geben also zu keine zu haben!!! Die Profilzuweisung erfolgt erst im Zuge der Entwicklung zum Tiff ...

Ich habe mir auch schon überlegt für die Mikroskopbeleuchtung selbst Kameraprofile zu machen, ich habe den Profilemaker und die sündteuren Meßgeräte von Gretag im Studio. Es gibt aber keine Targets, die am Mikrskop plazierbar sind. Ich habe mich schon mit Testdias versucht (da habe ich für die Diascanner einige und die gehen daher für Durchlicht), es hat aber nicht zufriedenstellend funktioniert. Also zurück zu den Standardprofilen, dies bei Adobe leider nicht gibt! Mit Phase One Pro und DxO ist man daher weit besser dran als  mit Adobe Photoshop. Wenn Dir aber die Ergebnisse mit Photoshop zusagen ist ja für Dich die Welt in Ordnung ...

Noch ein kleiner Tipp für experimentierwillige KollegInnen. Bei Ausstellungsbildern mische ich die RAW-Konverter um das Maximum aus den Bilddaten zu holen, das zahlt sich aber erst ab einer Bildgröße von 40x60cm aus. Ich verwende 5 unterschiedliche RAW-Konverter (Phase One Pro für über 80% meiner Aufnahmen, Phocus für 15%, Aperture für 2%, Lightroom für 2% und DxO für den Rest (für Objektivkorrekturen). Das Phase One die zur Zeit beste Detailauflösung in den Lichtern produziert ist unter Fotografen bekannt, könnt Ihr in diversen Fotozeitschriften nachlesen und natürlich auch selbst probieren. Aber Achtung, dieser Unterschied wird erst größer A3 sichtbar, dann aber dafür leicht erkennbar ...

:-)

Gerhard

Gerhard
http://www.naturfoto-zimmert.at

Rückmeldung sind willkommen, ich bin jederzeit an Weiterentwicklung interessiert, Vorschläge zur Verbesserungen und Varianten meiner eingestellten Bilder sind daher keinerlei Problem für mich ...

Rawfoto

Hallo Michael

Ja, ich habe in diesem Forum noch nicht viele Bilder gezeigt. Das liegt an dem Umstand weil ich mit meiner Micro-Bildqualität noch nicht glücklich bin. Aus diesem Grund verfolge ich ja alle Artikel mit absoluter Spannung. Aus meiner Sicht liegen die Probleme aber nicht an der RAW-Konvertierung.

Du hast vollkommen recht, die Ausgabemedien verlangen eine individuelle Behandlung der Bilddaten. Die Königsklasse für die Optimierung ist im Fineartprinting und im Kunstdruck zu sehen. Ein Bildschirmbild ist ein voller Kompromiss. Die Betrachter haben die unterschiedlichsten Einstellungen für Farbtemperatur, Gamma & co auf seinem Bildschirmen und der Großteil verfügt natürlich auch nicht über CGI-Schirme (Bildschirme mit für die Blddarstellung optimiertem Gamut/Farbdarstellungsgabe) ... Ob also jemand die RAW-Konvertierung "richtig" im Griff hat wirst Du nie in diesem Forum sehen können, dazu musst Du Prints sehen!

Zur Feinkorrektur noch einige Worte, diese ist nötig da vom Sensor ein höherer Kontrastumfang kommt als im ADOBE 1998 RGB Profil unterzubringen ist. Das gleiche gilt für die Farbe Rot. Es muss also vor der Entwicklung eine Optimierung durchgeführt werden, wenn man die maximale Qualität in das 16 Bit TIF bringen will. Das ist gemeint ...

Die Basisschärfung ist notwendig da die Farbinformationen von den umliegenden Sensorzellen errechnet werden (nicht wie beim Film wo die Farbschichten hintereinander liegen). Ohne diese Basisschärfung liegen die Farben nicht wirklich hintereinander. Die Basisschärfung wird von vielen Konvertern automatisch gemacht, ist bei Phase One fein einstellbar und ist nicht zu verwechseln mit dem letzten Schritt vor der Ausgabe eines Bildes, der "Unscharfmaskierung". Die Basisschärfung wird pro ISO für einen Sensor ermittelt und nie wieder verstellt! Ich zumindest kenne keinen Fotografen mehr der keine Basisschärfung durchführt.

:-)

Gerhard

Gerhard
http://www.naturfoto-zimmert.at

Rückmeldung sind willkommen, ich bin jederzeit an Weiterentwicklung interessiert, Vorschläge zur Verbesserungen und Varianten meiner eingestellten Bilder sind daher keinerlei Problem für mich ...

bewie

Hallo,

@Michael: Vielen Dank für die ausführliche Antwort, was Du schreibst, kann nur unterstreichen. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht und denke und arbeite genauso.

@Gerhard: Für eine Diskussion über Photoshop reicht der Platz hier wirklich nicht, dafür ist das Thema zu komplex und außerdem OT. Deswegen nur kurz: Natürlich kann man in Camera RAW (für die, die es nicht kennen: Ist das RAW-Zusatzmodul im Photoshop) für jede Kamera ein Konvertierungsprofil erstellen, das anhand der Kamera-Seriennummer in der RAW-Datei auch automatisch angewandt wird. Das ist die Basiskonversion, die in (wenigen) Einzelfällen schon reicht, dann kommt jedenfalls bei uns im Verlag die manuelle Detailkorrektur, um die Feinheiten und relevanten Details herauszuholen. Sobald die Konversionsdaten für alle Bilder im jeweiligen DNG-File abgespeichert sind, geht es an die Konversion, meist 100 bis 200 Bilder in einem Zug. Und das geht Ruckzuck. Vielleicht gibt es Konverter, der es noch ein bisschen schneller können, aber hier habe ich einen Workflow aus einem Guss und die DNG-Files fürs Archiv - das bringt unterm Strich betriebswirtschaftlich wesentlich mehr Vorteile - auch Zeitvorteile! - als die Rumhopserei zwischen diversen Programmen für ein paar Sekunden Zeitgewinn bei der Konvertierung eines Bildstapels. Auf solche Diskussionen lasse ich mich deswegen inzwischen gar nicht mehr ein; es gibt immer irgendwo ein Progrämmchen, das einen Detailaspekt ein klein bisschen besser erledigt, aber den Gesamtablauf letztlich unsinnig verkompliziert, wenn man es integriert. Oder was sagt der Workflow-Optimierer dazu? Nur nebenbei: CS5 kommt nicht erst, wir arbeiten seit einigen Wochen mit der CS5 Master Collection, die den Photoshop als 64-Bit-Version enthält.

Zum Fotografieren an sich: Dass die Messeinrichtungen vieler Kameras Probleme mit linearen Polfiltern haben, ist in der Tat längst bekannt und hier im Forum wurde vor längerer Zeit auch schon mal ausführlich diskutiert, was das für die Mikroskopie bedeuten kann; kaum sinnvoll. Dummerweise arbeitet aber der DIK mit linear polarisiertem Licht, so dass wir damit zurechtkommen müssen. Dass ich nicht mit Standardbelichtung fotografiere, sondern die Belichtung anpasse, ist erstens so banal, dass ich das gar nicht gesondert erwähnt habe und hat zweitens mit den zusammengedrückten Tonwerten bei DIK-Aufnahmen nichts zu tun, sondern entscheidet allenfalls darüber, ob der Histogrammgipfel nach oben oder nach unten wandert. Viel wichtiger für die spätere Konvertierung ist die Einstellung des bildseitigen Wollaston-Prismas und des Lambda-Kompensators.

Wie schon geschrieben: Wir haben im Verlag die Problemchen bei DIK-Aufnahmen längst gelöst und ich wollte hier nur noch mal darauf hinweisen, dass es bei der Bearbeitung von Mikro-RAWs einige Besonderheiten gibt, die über die Landschafts- und Makrofotografie hinausgehen. Wenn, wie Du schreibst, bei einigen Spitzensystemen schon Konverterprofile für einzelne Objektive geliefert werden, dann kann es ja wohl kaum verwundern, dass auch eine spezielle Behandlung sinnvoll ist, wenn das Objektiv durch das noch komplexere Mikroskop ersetzt wird. Doch inzwischen ist zu diesem Thema - auch dank Michaels letztem Posting - eigentlich genug gesagt.

Deswegen: Weiterhin fröhliches Fotografieren, aber überanstrengt Euch nicht bei diesen Temperaturen!
Schöne Grüße
Bernd

 

Eckhard

Hallo,

Zitat von: Bild unbearteitet, Kameraeinstellung: kräftige Farben

Ich nehme an, dass auf einen Bildkommentar von mir referenziert wurde. Das meine Kamera Bildbearbeitung macht, weiss ich auch. Und auch ich fotografiere RAW, ich nutze Aperture als RAW-Converter. Mir geht es um etwas anderes, um das Korrigieren von Präparations- und Aufnahmefehlern per Software.

Man kann bei einen Schnitt, bei dem die Gewebearten sich in der z-Achse verschoben haben, stacken und damit die Verschiebung kompensieren. Man kann aber auch lernen, durch die richtige Behandlung des Schnittgutes das Verschieben zu verhindern.

Man kann mit dem Reparaturstempel Dreck eliminieren. Man kann aber auch lernen, sauber zu arbeiten.

Wenn ich bei meinen Bilder sage, "Bild unbearbeitet", dann meine ich damit, dass kein Photoshop benutzt wurde um Dreck zu entfernen, Belichtung zu korrigieren etc. etc.

Herzliche Grüsse
Eckhard
Zeiss Axioscope.A1 (HF, DF, DIK, Ph, Pol, Epifluoreszenz)
Nikon SE2000U (HF, DIK, Ph)
Olympus SZX 12 (HF, DF, Pol)
Zeiss Sigma (ETSE, InLens SE)

www.wunderkanone.de
www.penard.de
www.flickr.com/wunderkanone