Ersatz von Tetrachlorkohlenstoff

Begonnen von hebi19, August 28, 2011, 01:03:13 VORMITTAG

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hebi19

Wie werden in einer Woch in den Urlaub Richtung Apulien aufbrechen. Ich habe vor, am Strand des Ionischen Meeres und der Adria einige Proben zum mikroskopieren im Winter einzusammeln. Ich denke an Tange, welche ich wohl vor Ort trocknen werde, sowie an Sandproben aus dem Spülsaum zum Suchen nach Foraminiferen.

In dem berühmten "Göhke-Skript" zu Foraminiferen wird zum trennen vom Sand eine Methode mit Tetrachlorkohlenstoff beschrieben.  Den habe ich in Apotheke oder Drogerie heute nicht bekommen.
Gibt es eine andere Möglichkeit/Flüssigkeit welche hier das giftige Tetra ersetzen kann ??

Martin

P.S.:  Gibts sonst noch Sammelanregungen für den Strand/die Gegend ??
Grüße von
Martin alias hebi19

Motic BA-300, div Lomo, Stereo-Mikroskop noname

treinisch

Hallo Martin,

wirst Du mir böse sein, wenn ich angesichts der Tatsache, dass Du darüber überrascht bist,
sage, dass es doch ein riesen Glück ist, dass Du keinen Tetrachlorkohlenstoff bekommen
hast?

Verwende als Ersatz 72,1 g ZnCl2 in 47 ml aq. dest.

Die Mitarbeiter in der Apotheke wissen nicht, dass es gefährlich ist
und werden es dir ohne Umschweife bestellen, besonders wenn du
die Pharmazentralnummer (PZN) hast:

Zincum chloratum pur. sicc.  100g     PZN:1794781

Zinkchlorid ist wie gesagt erstaunlich gefährlich und wirkt auf der Haut
sofort sehr ätzend. Im Ergebnis am ehesten mit konzentrierter
Schwefelsäure vergleichbar. Aber eine sehr ehrliche Gefahr ;-)

Schutzbrille ist wirklich unbedingt zu tragen es dauert keine Sekunde
bis die Hornhaut irreversibel geschädigt ist, Handschuhe sind empfehlenswert,
Verätzungen gehen sehr schnell und heilen sehr schlecht.

Bitte sei vorsichtig beim Ansetzen der Lösung, die Reaktion ist extrem exotherm
und die Lösung kann sich ohne weiteres auf deutlich über 100°C erhitzen, wenn
Du beides einfach so zusammenkippst. Glasgefäß verwenden.

Glas und PE werden nicht angegriffen und sind ohne weiteres zu verwenden.
Zellulose wird sofort aufgelöst.

Ach ja eins noch: Kipp die Lösung nicht in den Ausguss, Zinkchlorid ist
gewässerschädigend.

Viel Erfolg

Timm
Gerne per Du!

Meine Vorstellung.

Ragin

Hallo Timm,
Wenn ich das lese, wird mir schon etwas mulmig. Bist Du sicher, dass sich 71g dieses Salzes sich in nur 47ml Wasser lösen lassen?  Das kann doch bestenfalls eine pasteuse Masse werden, die nebenher auch noch brodelt und vielleicht auch spritzt, wenn das exotherm verläuft.
Ich würde ja gerne erfahren, wie das mit dem Trennen von Foraminiferen und Sand auf chemischem Wege überhaupt funktionieren soll.
Kann denn Sand, der meistens aus Quarz besteht, überhaupt gelöst werden ohne die Schalen der Foramis zu zerstören, oder geht es nur darum, organische Verunreinigungen zu beseitigen?  Ich war bisher der Ansicht, man sortiert die Foraminiferen unter einem Stemi in mühsamer Arbeit aus dem Sand heraus.

Schöne Grüße,
Rainer
Ich pflege das bayrische Du, von Mensch zu Mensch

treinisch

Hallo Rainer,

also falls es eine Mischbarkeitslücke bei Zinkchlorid / Wasser gibt, dann bei sehr sehr
großen Mengen. Mit den rund 50ml Wasser sollten sich ohne weiteres einige 100g
verflüssigen lassen.

Es entsteht eine echte Lösung, keine Suspension. Die Lösung ist nicht besonders viskos, klar und
ganz normal zu handhaben, abgesehen davon, dass sie ziemlich ätzend und korrosiv ist.

Man kann auch mit geschmolzenem Zinkchlorid arbeiten, aber das ist zuhause etwas unpraktisch.

Eigentlich wäre Na₆[H₂W₁₂O₄₀] das Mittel der Wahl, ungiftig, nicht ätzend, nicht gewässergefährdend.
Leider für Privatpersonen nicht beschaffbar.

An den Substanzen siehst Du, dass es nicht darum geht, etwas zu zerstören. Es geht um die
Aufbereitung mittels Flotation.

Für einen Vergleich siehe

,,Alternative saline solutions to float foraminiferal tests"
D. L. Semensatto, Jr. and D. Dias-Brito;
J. of Foraminiferal Res., 37 (3), 2007, 265-269

Viele liebe Grüße

Timm
Gerne per Du!

Meine Vorstellung.

hebi19

Zitat von: treinisch in August 28, 2011, 14:33:05 NACHMITTAGS
An den Substanzen siehst Du, dass es nicht darum geht, etwas zu zerstören. Es geht um die
Aufbereitung mittels Flotation.

Hallo Rainer

Genauso ist es - die Foraminiferen schwimmen oben, der Sand geht unter - man braucht eine Fluessigkeit, die vom spez. Gewicht genau dazwischen liegt - Tetra geht, ist aber heute nicht mehr verantwortbar - auch die Zinkchloridlösung macht auf mich nicht so den gleich überzeugenden Eindruck.......

Dann bleibt wohl doch nur das "mühsame raussuchen".

Noch ein schönes Restwochenende - Martin
Grüße von
Martin alias hebi19

Motic BA-300, div Lomo, Stereo-Mikroskop noname

treinisch

Hallo Martin,

ich wollte dich da nicht beunruhigen.
Ätzend und anorganisch ist doch eine sehr ehrliche Kombination,
da gibt es echt schlimmeres. Probiers doch mal, Du musst ja
nicht gleich einen Hektoliter davon ansetzen :-)

Vlg

Timm
Gerne per Du!

Meine Vorstellung.

Ragin

Hallo Timm,
Danke für die Erklärung, ist ja wirklich interessant, Was tut man denn anschließend nach der Beprobung? Lässt sich die Flüssigkeit filtern und länger lagern um sie immer wieder zu verwenden oder muss das als Giftmüll entsorgt werden?
Wenn es nur um die spezifische Dichte der Flüssigkeit geht, da wäre ne einfache Kochsalzlösung das einfachste, Meerwasser nachsalzen oder eindampfen und anschließend wieder in´s Meer kippen, wenn´s nur so einfach wäre was? Bildet das Zinkchlorit denn kleine Bläschen?
ich muss da an diese Reinigungstabletten für die 3. Zahne denken, die schäumen auch so mit Aktivsauerstoff, Ob da was zu machen ist?
@ Martin:
Ich wünsche Dir einen schönen Urlaub und viel Glück beim Proben sammeln. Bin gepannt, was Du findest.
Schöne Grüße,
Rainer
Ich pflege das bayrische Du, von Mensch zu Mensch

treinisch

Hallo Rainer,

Zinkchlorid ist eine ganz andere Liga als Natriumchlorid!

Habe gerade keine Zahl im Kopf, aber ich würde mal sagen
um die 2.5-2.8 g/ml sollten damit machbar sein!

Wie die meisten Flotationsflüssigkeiten lässt sich Zinkchlorid nach
belieben wiederverwerten.

Viele liebe Grüße

Timm

Gerne per Du!

Meine Vorstellung.

hebi19

Tetra hat die Dichte 1,58 g·cm3

Quelle: Wiki  - Martin
Grüße von
Martin alias hebi19

Motic BA-300, div Lomo, Stereo-Mikroskop noname

peter-h

Hallo Timm,

eine wässrige Lösung von Zinkchlorid reagiert doch sauer. Foraminiferen sind aber säureempfindlich. Also geht das Verfahren nicht, oder was sehe ich falsch?

Gruß
Peter

Stefan_O

Ich würde es mit Cäsiumchlorid versuchen - Dichte der Lösungen geht hoch bis knapp 1.9 g/mL. Cäsiumchlorid hat keine R/S-Sätze, d.h. es ist soweit ungiftig, in der Schweiz hat es die Giftklasse 4 und darf somit an jedermann verkauft werden. So man einen Vekäufer findet. Bei Omikron online wird es leider nicht an Privatpersonen abgegeben. Keine Ahnung warum nicht. Müsste man über die Apotheke versuchen.

Da es gerne zum Fraktionieren von Zellbestandteilen gebraucht wird, wird es für die Foraminiferen wohl unbedenklich sein.

Gruss,
Stefan

treinisch

Zitat von: peter-h in August 28, 2011, 17:19:51 NACHMITTAGS
Hallo Timm,

eine wässrige Lösung von Zinkchlorid reagiert doch sauer. Foraminiferen sind aber säureempfindlich. Also geht das Verfahren nicht, oder was sehe ich falsch?

Hallo Peter,

die Lösung sollte tatsächlich ganz schön sauer sein.

Wie gesagt, ich habe noch nie Foraminiferen per Flotation mit Zinkchlorid getrennt, aber es wird in zahlreichen
Arbeitsvorschriften verwandt, zum Beispiel auch in dem oben zitierten Paper

,,Alternative saline solutions to float foraminiferal tests"
D. L. Semensatto, Jr. and D. Dias-Brito;
J. of Foraminiferal Res., 37 (3), 2007, 265-269

oder hier

JAHRBUCH DER GEOLOGISCHEN BUNDESANSTALT,
Band 148, Heft 2, S. 177–181, Vergleich der Anreicherung
von Foraminiferenschalen und anderer Mikrofossilien aus sandigen Sedimenten
mit Hilfe von Zinkchlorid-Lösung und Tetrachlorkohlenstoff


Viele liebe Grüße

Timm
Gerne per Du!

Meine Vorstellung.

treinisch

Zitat von: hebi19 in August 28, 2011, 15:34:51 NACHMITTAGS
Tetra hat die Dichte 1,58 g·cm3

Quelle: Wiki  - Martin

Hallo Martin,

ja klar, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass die Ausbeute mit Medien höherer
Dichte besser ist. Zitat aus irgendeinem Paper, nicht eigene Erfahrung.

Vlg

Timm
Gerne per Du!

Meine Vorstellung.

peter-h

Hallo Timm,

ist Dir bekannt in welchen kleinen Mengen das Natriumpolywolframat abgegeben wird? Sonst ist mir Tetra... doch lieber.

Gruß
Peter

skipvolli

Hallo Leute
Aus der Hühnerhaltung kenne ich das Flotationsverfahren mit einer konzentrierten ZnSO4 Lösung: 704 g Zinksulfat auf 1l H20.
Grüße
Wolfgang