Autor Thema: Meteoriten im Dünnschliff  (Gelesen 11548 mal)

Ulrich S

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Meteoriten im Dünnschliff
« am: Januar 28, 2012, 15:31:06 Nachmittag »
Moin moin,
Heute möchte ich drei Chondren in einem Dünnschliff des Meteoriten NWA 6856 (prov.) zeigen. Es handelt sich um einen L3.3 Chondriten, gefunden 2011 in der Sahara.
Weitere Informationen findet ihr hier: http://www.lpi.usra.edu/meteor/metbull.php?sea=nwa+6856&sfor=names&ants=&falls=&valids=&stype=contains&lrec=50&map=ge&browse=&country=All&srt=name&categ=All&mblist=All&rect=&phot=&snew=0&pnt=Normal table&code=53769
Als erstes eine sog. Balkenchondre oder BO-Chondre (von barred olivin), Größe etwa 0,6 mm.



weiter eine porphyrische Chondre oder PP-Chondre (von porphyric pyroxen), Größe etwa 0,5 mm.



und zum Schluß noch ein Fragment einer Riesenchondre, vermutlich eine Pyroxenchondre mit radialen Rippen und einem welligen Rand, der nach O. R. Norton auf eine chemische Erosion hindeutet. Das Fragment hat stolze 3,5 mm Ausdehnung, dürfte also sicher über 6 mm groß gewesen sein.



Grüße
Ulrich

P.S. Die Bilder sind noch mit dem alten Setup gemacht
« Letzte Änderung: Januar 28, 2012, 15:33:28 Nachmittag von Ulrich S »
Wer will dass die Welt bleibt wie sie ist, will nicht dass sie bleibt

moräne

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #1 am: Januar 28, 2012, 15:43:45 Nachmittag »
Hallo Ulrich,
sind schöne Dinger aus der Frühzeit des Sonnensystems, die Meteorite.
Wen sie nur nicht so teuer wären.
Ich muß gestehen, das ich nicht einen einzigen besitze.
Die Dünnschliffpreise von Meteoriten sind ja noch um einiges teuerer als die von Gesteinschliffen.
Sind die denn viel schwieriger zu schleifen?
Ich muß sagen ein Fan von z.B. Widmanstädterschem Gefüge wäre ich schon.
Auch die Pyroxene die man so bei Ebay sieht sind mächtig gewaltig!
Grüße
Gerd

Steinnager

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #2 am: Januar 28, 2012, 20:02:22 Nachmittag »
Hallo Gerd!

Der Aufwand zur Herstellung von Dünnschliffen von "Stein"-Meteoriten ist derselbe, wie bei Gesteinsdünnschliffen.
Bei stark kohlenstoffhaltigen Steinmeteoriten muß man sicher etwas vorsichtiger vorgehen, aber wirklich nicht viel schlimmer.
Bei Ebay gibt es manchmal sehr preiswert Steinmeteoriten aus der Sahara.
Die haben nun keine Nummer mit GPS-Daten etc. und so weiter, aber der Preis ist okay (8-15Euro +Versand).

Nicht verzagen, es ist nicht immer teuer....außer natürlich diese Eisenmeteoriten mit Ätzfiguren.

Grüße,

Micha

Bastian

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #3 am: Januar 28, 2012, 20:35:57 Nachmittag »
Hallo,
nur als Anmerkung für die mitlesenden Nichtschleifer,  die Widmanstätten-Struktur wird man wohl nur im geätzten Anschliff eines Eisen-Nickel Meteoriten finden und muss dementsprechend im Auflicht beobachtet werden. Ich kann mir nicht vorstellen dass durch die opake Metalllegierung viel Licht hindurch geht  ;)

Das Widmanstätten-Gefüge könnte man u.U. auch im Anschliff eines Stahlgusses betrachten. Aber da gibt es hier im Forum Kollegen die das näher erläutern könnten. Siehe hier: http://www.metallograf.de/start.htm?begriffe/gef-widmannstaetten.htm

Bastian

Ulrich S

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #4 am: Januar 28, 2012, 20:53:36 Nachmittag »
einige Anmerkungen von mir:

@ Bastian: siehe hier, muß ich ja nicht nochmal schreiben: http://de.wikipedia.org/wiki/Widmanst%C3%A4tten-Struktur
Widmanstättensche Linien im Eisenmeteoriten sind nur dort zu beobachten und sind ein 100% er Beweis, einen Eisenmeteoriten in der Hand zu haben. Das angegebene Gefüge im Stahl hat damit nichts zu tun, außer dem Namen.
Selbstredend ist es nur im Auflicht zu sehen und dazu braucht man auch kein Mikroskop.

@Micha und Gerd
Meteoritendünnschliffe sind sehr unterschiedlich in der Preisgestaltung. Herstellung ist wie schon gesagt identisch, allein der Materialpreis macht den Unterschied. Nimmt man unklassifiziertes Material aus der Wüste kostets nicht viel, ist aber meist (Ausnahmen bestätigen die Regel) unatraktiv, stark verwittert, hoher petrologischer Grad. Für Chondrenbeobachtungen ist der Grad 3 optimal, aber da ist das Material etwas teurer.
Bei Meteoriten geht man halt nicht so daher und holt sich mal paar Kilogramm und wenns nicht reicht nochmal. Das Zeug ist seltener als Diamant!
Komisch, dass bei Meteoriten fast alle als erstes an den Preis denken. Das ist faszinierendes Material und wenn ich so die Preislisten im Mikroskopierbedarf sehe ..., nun da wird der Unterschied doch ein relativer.
Grüße
Ulrich
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moräne

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #5 am: Januar 28, 2012, 21:37:03 Nachmittag »
Hallo Ulrich, Micha und Bastian

Nach meiner Literatur - Klemm Gefüge der Eisen  Kohlenstofflegierungen - verhält es sich so, daß  A. v. Widmannstätten 1808 diese sogenannte Widmannstättensche Struktur zuerst bei Meteoreisen beobachtet hat.
Hat er dann halt verallgemeinert.
Sicher gibt es in den Meteoriten auch natürliche Legierungen, wie sie der Mensch nicht herstellt.
Zu den Preisen der Meteoriten muß ich sagen, daß ich alle - oder fast alle meine Handstücke ( Ausnahmen sind zwei Handstücke von Kola, könnte auch Ulrichs Lujavrit oder Chibinit dabei sein), direkt vom Aufschluß hole.
Da hat man dann zwar auch Kosten,immer aber auch noch ein Urlaubsziel, und jedesmal eine andere einzigartige Landschaft dazu.
Bestimmt werde ich mal auf Ebay nach etwas billigem Schleifbaren suchen.
Ich tendiere zu einem Moldavit, mal sehen ob daraus was wird.
Grüße
Gerd


Ulrich S

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #6 am: Januar 28, 2012, 21:43:42 Nachmittag »
Zitat
Ich tendiere zu einem Moldavit, mal sehen ob daraus was wird.

kann ich Dir nur abraten! Das ist ziemlich langweilig, weil halt nur Glas und zweitens nicht ganz einfach zu schneiden ohne das das Stück zerplatzt.
btw, Moldavite sind keine Meteorite sondern Tektite, die beim Einschlag des Ries-Asteroiden gebildet wurden

Grüße
Ulrich
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Lothar Gutjahr

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #7 am: Januar 30, 2012, 22:13:47 Nachmittag »
Guten Abend miteinander,

meine Frage zielt auf ein kleines Pröbchen Sägespäne von einem Eisenmeteorit das ich in den 90.ern in Freiburg auf dem Flohmarkt erstanden habe. Immerhin hat sich das Röhrchen, wenn auch unter Verlust des Aufklebers über 5 Umzüge gerettet.

Angeregt durch diesen thread, dachte ich man könnte ja einige Späne einbetten um das dann zu schleifen und zu polieren. Macht das Sinn.

@Hallo Bastian,

falls es dich reizt, könnte ich auch einen Teil für dich abfüllen um indirekt meine Neugier zu befriedigen. ;D Meine  "To do list" will und will nicht kleiner werden.

Gruß Lothar

Ulrich S

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #8 am: Januar 31, 2012, 18:04:20 Nachmittag »
Hallo Lothar,
wegen Deiner Eisenmeteorit-Späne kann ich Dir sagen, laß sie getrost im Röhrchen und streiche sie von der To do Liste.
warum?
falls Du versuchen wolltest einen Dünnschliff davon herzustellen, Eisen wird nicht durchsichtig
falls Du Widmannstättensche Linien sehen willst ist das Material viel zu klein. Die treten im mm bis cm-Bereich auf.
Ich hänge mal ein Bild vom
Gan Gan   IV Of Eisenmeteorit an, Fundort Chubut   Argentinien    Fund 1984   29,4 g   bekanntes Gewicht 83 kg   Partslice   an:



Größe etwa 2,5 x 3,5 cm
Also laß die Späne wo sie sind und erfreue Dich daran, daß Du weißt, daß sie nicht von dieser Welt stammen.

Grüße
Ulrich
« Letzte Änderung: Januar 31, 2012, 18:09:10 Nachmittag von Ulrich S »
Wer will dass die Welt bleibt wie sie ist, will nicht dass sie bleibt

Lothar Gutjahr

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #9 am: Januar 31, 2012, 18:20:26 Nachmittag »
Lieber Ulrich,

danke für den Tip. Ich dachte lediglich an anschleifen nicht an Dünnschliff. Aber vom Prinzip läuft das ja auf das hinaus. Die Partikel sind ja auch recht klein. Die Menge wird sich so um 500µ herum bewegen.

Einen schönen Abend

Lothar

olaf.med

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #10 am: Februar 01, 2012, 12:39:40 Nachmittag »
Liebe Meteoriten-Interessierte,

hier noch ein paar Ergänzungen zur Erscheinung der Widmannstättenschen Figuren, die, wie Ulrich S. ja schon betont hat, nichts mit den leider, leider nach dem gleichen Menschen benannten Gefügen bei Eisen-Kohlenstoff-Stählen zu tun haben. Die meteoritischen Widmannstätten Figuren gehen auf Entmischung einer durch Nickel stabilisierten Phase mit ca. 30% Ni (Taenit, ?-Eisen, kubisch flächenzentrietes Gitter) in einer Nickel-armen Phase mit ca. 5% Ni (Kamacit, ?-Eisen, kubisch innenzentriertes Gitter), zurück. Mikroskopisch kann man beide nur sehr schwer unterscheiden, aber beim Anätzen ist der Taenit viel stabiler als der Kamacit - die Textur wird sichtbar.

Das klingt erst mal sehr wissenschaftlich, ist aber im Prinzip ziemlich einfach. Bei der Kristallisation aus der Schmelze entstehen zunächst homogene riesige Einkristalle (bis viele Dezimeter groß) mit statistisch verteilen Nickel-Atomen im Kristallgitter. Bei sehr, sehr langsamer Abkühlung entmischen sie sich durch Diffusion (Wanderung und lokale Anreicherung des Nickels) in die beiden oben beschriebenen Phasen, wobei Lamellen parallel der Oktaederflächen der kubischen Kristalle entstehen. Wie der Name Oktaeder schon sagt haben diese Körper 8 Flächen, das ergibt vier Raumrichtungen für die Lamellenscharen. Die folgende Graphik aus Heide: Kleine Meteoritenkunde zeigt das Lamellenmuster in Abhängigkeit von der Schnittlage:

a) parallel zur Oktaederfläche
b) parallel zur Würfelfläche
c) parallel zum Rhombendodekaeder
d) allgemeine Schnittlage



Besonders schön sieht man die räumlichen Verhältnisse an einer geätzten Meteoriten-Kugel. Dort sind die Lamellen natürlich Kreissysteme, in deren Zentrum jeweils eine dreizählige Achse liegt. Dies erkennt man an folgendem Bild, das allerdings leider nicht so toll gelungen ist, aber didaktisch ausreicht - rechts die vier Lamellenrichtungen schematisch eingezeichnet.



Der Grund, dass Widmannstättensche Figuren nur in Meteoriten zu finden sind, liegt in der extrem niedrigen Abkühlungsrate in der Größenordnung von 1-100 °C/106 Jahre - so lange können wir bei unseren Ni-Edelstählen nicht warten ;D.

Übrigens kann man aus der Breite der Lamellen direkt den Nickelgehalt des Meteoriten abschätzen. Sind sie breit hat er wenig Nickel (coarse octahedrite), sind sie schmal ist der Nickel-Gehalt hoch (fine octahedrite).

Zur Vollständigkeit sei noch erwähnt, dass nicht alle Eisenmeteorite Widmannstättensche Figuren zeigen. Haben sie zu wenig Nickel (<5,8%) reicht es zur Bildung von Teanit-Lamellen nicht aus, es bilden sich Hexaedrite. Ist der Ni-Gehalt größer als 16% bilden sich strukturlose Ataxite.

Entschuldigt bitte den langen Exkurs, aber wie sagt der Karnevalist so richtig: Jedem Narren gefällt seine eigene Kappe, und die Meteorite sind einfach irre spannend :).

Kosmische Grüße von Olaf
« Letzte Änderung: Juli 04, 2017, 22:17:58 Nachmittag von Fabian Bähr »
Gerne per Du!

Vorstellung: http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=4757.0

... und hier der Link zu meinen Beschreibungen historischer mineralogischer Apparaturen:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=34049.0

moräne

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #11 am: Februar 02, 2012, 09:44:22 Vormittag »
Hallo Olaf
Vielen Dank für dieses Thema noch weiter auszurollen.
Vor allem diese beiden Kugeln finde ich irre.
Was ich noch beitragen könnte stammt aus
A. Ledebur Das Roheisen:
Danach ist es so, das reines Eisen in Oktaederform kristallisiert, die Kristalle bei der menschlichen Verarbeitung fast nie recht groß werden oder  unvollkommen auskristallisieren.
In den Meteoriten trifft Deine Darlegungsweise zu, sie werden wie Du schreibst riesig groß.
Die  Eisenkristalle in den Gußhohlräumen bilden dann auch Dendriten, Tannenbaumkristalle.
Das Buch stammt aus 1924 Leipzig Verlag von Arthur Felix, und wenn ich wüßte ob man das darf, könnte ich ein paar schöne Bleistiftzeichnungen daraus einscannen und hier zeigen.

Grüße
Gerd
« Letzte Änderung: Februar 02, 2012, 20:02:08 Nachmittag von moräne »

Bastian

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #12 am: Februar 02, 2012, 10:19:33 Vormittag »
Hallo,
@Olaf, danke für die ausführliche Darlegung. Das ist mal wieder sehr anschaulich, ganz wie man es von Dir gewohnt ist.  :) Die geschliffenen Kugeln erinnern ja ganz stark an Boule Kugeln.

@Gerd,
die Urheberrechtslage ist eigentlich klar. Wenn der Autor des Buches mehr 75 Jahre tot ist der Inhalt  des Buches gemein frei. Das kann bei Herrn Ledebur ja schnell heraus finden (1837-1906). Rechte hat dann allenfalls noch der Verlag, und zwar an der Art der Gestaltung.
Wenn das nicht zu trifft kann man sich aber immer noch darauf berufen, dass man das Werk zitiert, als Quelle angeben. Außerdem ist das Vervielfältigen für Zwecke des Lehrens, eines Reviews u. dgl. auch erlaubt. Im Internet ist das natürlich immer so eine Sache. Ich will außerdem keine Urheberrechts-Thread hieraus machen.

Bastian

olaf.med

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Re: Meteoriten im Dünnschliff
« Antwort #13 am: Februar 02, 2012, 10:25:25 Vormittag »
Hallo Gerd,

Danke für Deine Ergänzungen. Vielleicht ist es in meinem Text nicht ganz klar rausgekommen: solche riesigen Einkristalle kann es nur in Meteoriten geben, da die Abkühlungsraten so extrem gering sind.  1-100 °C pro 1 Million Jahre, da hat ein Kristall schon Zeit zu wachsen! Bei technischen Stählen möchte man sogar keine großen Kristalle, da diese die Eigenschaften des Werkstoffs ungünstig beeinflussen können.

Es handelt sich übrigens nicht um zwei verschiedene Kugeln, sondern um das gleiche Bild einer Kugel, nur einmal mit Hilfslinien zum Erkennen der Orientierung der Lamellen.

Hallo Bastian,

Danke auch Dir für das Lob :). Diese Kugel könnte man beim Boule spielen schon benutzen, allerdings nur als kleine "Zielkugel". Für solche in der normalen Größe der "Wurfkugel" muß man schon tief in die Tasche greifen.

Gruß, Olaf
Gerne per Du!

Vorstellung: http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=4757.0

... und hier der Link zu meinen Beschreibungen historischer mineralogischer Apparaturen:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=34049.0