Aufarbeitung Mikroskop-Transportkasten

Begonnen von Winfried Todt, Dezember 02, 2012, 12:17:18 NACHMITTAGS

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

Winfried Todt

Hallo,
ich habe vor ein paar Tagen mein Carl Zeiss GFL–Mikroskop  erhalten und habe vor den Holz–Transportkasten zu restaurieren. Er sieht arg mitgenommen aus. Ich möchte alle Oberflächen abschmirgeln und dann mit Leinöl behandeln.
Gibt es Bedenken, die Kiste auch innen mit Leinöl zu streichen?
Herzliche Grüße
Winfried

Mila

Hallo,

bitte Entzündungsgefahr bedenken (aber das dürfte hinreichend bekannt sein).

Gruß, Mila

purkinje

Hall Wilfried,

bin jetzt weder Schreiner, nur Hobbyholzbearbeiter  ;), aber ich will zu bedenken geben, dass zumindest bei Leitz die Mikroskopkästen (teils) und v.a die für hochwertiges Zubehör INNEN meines Wissens nach unbehandelt bzw. unlasiert/-lackiert waren (sieht zumindest so aus)
Ich glaube zum Aufnehmen von Restfeuchte ist das besser; und wo keine Restfeuchte da kein Rost und Fungus...
Ich habe bei meiner Kistenrestauration nur die Bodenplatte lasiert ( die "ranzt" ja sonst am ehesten runter)

Bester Gruß
Stefan

Klaus Schloter

Leinöl,na ja,das benötigt unendlich Zeit um wirklich auszuhärten.
Wie wär's mit Schellack,5-10 Schichten mit Wwischenschleifen ergeben eine wirklich edle Oberfläche.
Leider nicht Wasserfest,aber sicher kein Einfluß von Lösungsmittelausdünstungen auf die in der Kiste gelagerten Teile.
Klaus

Lothar Gutjahr

Hallo Winfried,

Leinöl braucht sehr lange um tatsächlich fest und trocken zu werden. Wenn es denn sein muß,könntest du ein paar Tropfen Copaivbalsam  darunter rühren damit es schneller trocknet. Aber aus meiner Sicht als High-end- Anstreicher im Ruhestand ist Leinöl die schlechteste Wahl.

Ich würde dazu  eine alte Firnißrezeptur nehmen :

 150 gr.   Dammar

   250 ml    Balsamterpentin

      25 ml    Walnussöl

            15 ml Mohnöl

                 10 ml    Alkohol  94%

Die Zutaten findet man vermutlich nur im Künstlerbedarf oder falls vorhanden in einer uralten Drogerie. Das Harz müßte man mahlen ( alte elektrische Kaffeemühle ) dann das Pulver in einer Flasche ein paar Tage mit dem Terpentin stehen lassen und öfters schütteln. In die fertige Lösung dann das Öl und den Alkohol geben und auch gut mischen. Auch Mohnöl ist besser als Leinöl.
Generell würde ich erst mal Probestücke damit streichen und das Ergebnis vergleichen. Auch gebleichtes Bienenwachs mit Terpentin aufgelöst stellt eine Alternative dar. Für obigen Zweck tut es auch das Rohwachs, da ohnehin ein gelblicher Ton vorhanden ist.
wenn du noch ein paar Rezepturen haben möchtest, melde dich einfach dazu.

Gruß Lothar

olaf.med

Klaus hat absolut recht!

Die historischen Kästen waren alle mit Schellack lackiert und so würde ich es auch wieder machen. Die Verarbeitung verlangt etwas Übung und Geduld. Klassisch trägt man mit einem getränkten Tuchballen reibend auf und dann mindestens 10-20 Schichten, aber mittlerweile gibt es auch streichfähigen Schellack. Wenn man den Dreh raus hat bekommt man nach der Endpolitur die wunderbare Oberfläche, die auch die alten englischen Möbel auszeichnet.

Innen würde ich auch auf eine Lackierung verzichten.

Gruß, Olaf

Während ich schrieb kam noch der Beitrag von Lothar. Dazu folgendes: Lack dafür eigens herzustellen ist wohl doch etwas überzogen, aber schau einfach bei Kremer Pigmente http://kremer-pigmente.de/de, Seite 95, da gibt es alle fix und fertig.
Gerne per Du!

Vorstellung: http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=4757.0

... und hier der Link zu meinen Beschreibungen historischer mineralogischer Apparaturen:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=34049.0

Lothar Gutjahr

Hallo Olaf,

danke für den Link. Das macht ja richtig Spaß da drinn zu stöbern und irgendwo kommt auch ein etwas wehmütiges Gefühl auf, die Malerei drann gegeben zu haben. Die haben ja alles was das Herz begehrt und noch einiges mehr.

Schönen Sonntag

Lothar

knipser009

hallo

Schelllack gibt es bei uns auch im Baumarkt - Abt. Farben  von Fa. CLOU, nennt sich dort "Ballenmattierung"

lG

Wolfgang
Viele Grüße aus dem SaarPfalzKreis

Wolfgang
gerne per "Du"

Bastian

Liebe Schellack Freunde,
ich halte Schellack für ungeeignet, da er sehr empfindlich ist. Es gibt war eine schöne Oberfläche, wenn man den Auftrag beherrscht, aber eben auch nur dann.
Die GLF Kästen waren m.E. nie mit Schellack in Berührung gekommen. Warum also sollte man das nun auftragen? Leinöl oder Leinölfirnis  (trocknet viel schneller) für die Außenseite ist sicher ok, aber ich würde bei einer Transportkiste einen wirklich widerstandsfähigen und wasserfesten Lack benutzen, denn dann hast Du Ruhe. Von Leinöl auf den Innenseite würde ich dringend abraten, denn das dauert SEHR lange bis es wirklich trocken ist. Ich hatte bei einigen Bücherregalen, die ich mit reinem Leinöl behandelt hatte, nach 2 Jahren noch Fettflecken auf Papier, wenn man diese eine Weile darauf liegen ließ...

Beim Schmirgeln solltest Du den Kasten ein- zweimal zwischen durch mit einem feuchten (nicht nass!) Schwamm behandeln. Dann stellen sich die Holzfasern auf, die Du dann im nächsten Scnmirgelgang entfernst. Ergebnis ist eine viel schönere Oberfläche.

Winfried Todt

Danke für das große Interesse und die vielen Vorschläge.
So richtig überzeugt hat mich noch kein Vorschlag. Der Kasten soll ja nicht ins Museum, deshalb wäre eine alltags taugliche Außenlackierung in meinen Augen schon vorteilhaft (Vorschlag von Bastian: wasserfester Lack). Im Innern ist der Kasten leicht stockfleckig, er hat zwar das Oderhochwasser nicht miterlebt, stand aber wohl über viele Jahre in einem alten (feuchten) Keller auf dem Boden. Das Innere des Kastens würde ich gern nach Lothars Vorschlag mit einem Bienenwachs – Terpentin – Gemisch streichen.
Um der Restfeuchte (das Stichwort kam von Stefan) zu begegnen, und um bei einem Temperaturwechsel das Beschlagen der Mikroskop-Optik zu verringern möchte ich gern  ,,Silica Gel Orange Trockenperlen" (gibt es bei der Fa. Carl Roth) im inneren des Kastens deponieren.
Allen vielen Dank, auch denjenigen, die ich jetzt nicht namentlich aufgeführt habe.
Winfried

Bastian

ZitatBienenwachs – Terpentin – Gemisch streichen
Lieber Winfried,
auch davon kann ich Dir nur abraten (entschuldige Lothar). Das ist Murks. Wenn Du einmal Wachs auf Holz aufgetragen hast, wirst Du Dich für immer ärgern, falls Du das jemals ändern willst! Egal ob mit Ziehklinge, oder Schmirgelpapier, es ist eine unerträgliche Arbeit das wieder wegzubekommen. Versiegelte Oberflächen kann man wachsen um den Glanz zu erhöhen, aber Wachs (in welcher Form auch immer) auf rohes Holz: NEIN! Auch wenn jetzt der Sturm der Hobby-Restauratoren über mich hereinbrechen sollte, diese Wachsgeschichte wird i.d.R. nur dann verwendet, wenn es schnell gehen soll und die Kunden keine Ahnung haben...

Warum willst Du die Innenseite denn überhaupt behandeln, wenn diese im Original auch nicht lackiert war, d.h. Zeiss es auch nicht für notwendig erachtet hatte
Silicagel ist bestimmt keine schlechte Sache.

Bastian

Lothar Gutjahr

Lieber Bastian,

danke für diese Steilvorlage. Du widersprichst dir selbst, wenn du im Eingang das als das  am schwersten wieder zu beseitigendste Zeugs anprangerst um es dann als Murks und Mittel der Wahl wenn es schnell gehen soll abzutun.

Die alten Meister haben das schon zu schätzen gewußt. Daß man das heute seltener einsetzt, liegt vielleicht auch daran daß Bienenwachs nicht gerade im Laden um die Ecke zu bekommen ist und das weitgehend in Vergessenheit geraten ist und natürlich auch daran, daß die Industrie ihre Produkte verkaufen will. Ja selbst echtes Terpentin bekommt man ja nur noch vereinzelt.

Mit dem Aufkommen der industriell gefertigten Ölfarben ( echter Murks) begann das Ende von Wachsfirnissen. Ich würde an Winfrieds Stelle eine dünne Wachsschicht für den Innenraum wählen. Diese stellt man ganz einfach her indem man etwas Terpentin im Wasserbad erwärmt und das Bienenwachs darin auflöst und damit das Holz einreibt (getränkter Lappen). Dabei sollten keine nichtflüchtigen Bestandteile mit hinein, damit nur Wachs in den damit geschlossenen Poren sitzt, wenn das Lösungsmittel verdunstet ist.

Um den Bastians der nächsten Generationen eine Freude zu machen kann man das Käschtle auch noch zwanzig Minuten  in den Warmluftofen stellen, dann vrschwindet das Wachs von der Oberfläche und zieht schön ein.

Eines meiner im Keller der letzten Wohnung gelagerten Temperabilder, welches mit Bienenwachs geschützt war hat auf der mit Acrylfarbe angestrichenen Rückseite der Malplatte krätig geschimmelt und die bemalte Seite blieb schimmelfrei. Der Befall kam nach einem Wassereinbruch, der vorübergehend 7 cm hoch im Keller stand. Das Zeug scheint also auch noch bedingt vor Schimmel zu schützen.

Lieber Bastian jetzt kannst du wieder vom Leder ziehen, wenn du unbedingt eine leicht wieder abnehmbare Schicht durchsetzen magst.

Gruß Lothar

Ulrich S

Moin moin,
Zitatund um bei einem Temperaturwechsel das Beschlagen der Mikroskop-Optik zu verringern möchte ich gern  ,,Silica Gel Orange Trockenperlen" (gibt es bei der Fa. Carl Roth) im inneren des Kastens deponieren.

das ist zwar von der Idee her gut, aber da brauchst Du schon größere Mengen die zudem regelmäßig (ich schätze mal spätestens nach zwei Wochen), ausgewechselt werden müssen, da Du den Kasten ja nicht luftdicht verschlossen aufbewahren willst und auch noch regelmäßig öffnen wirst.
Das Gel ist zwar zu regenerieren, aber das braucht auch wieder ne Menge Heizkosten.
Grüße
Ulrich
Es kommt immer anders wenn man denkt

Peter V.

Hallo,

Oh ja......wenn ich das alles so lese... :-\
Eine wahre Wissenschaft!
Und ich hätte doch dafür tatsächlich einfach einen klaren Holzlack aus dem nächstbesten Baumarkt genommen..... :o

Herzliche Grüße
Peter
Dieses Posting ist frei von kultureller Aneigung, vegan und wurde CO2-frei erstellt. Für 100 Posts lasse ich ein Gänseblümchen in Ecuador pflanzen.

Lothar Gutjahr

Ja Peter, das ist etwas besonderes. ;D

Aber unterm Strich haben wir den Winfried von dem unter Umständen auch noch vor dem endgültigen trocknen ranzig werdenden Leinöl bewahren können.

Gruß Lothar