Autor Thema: Botanik: Heidelbeere Vaccinium myrtillus - Die russische Volksmedizin *  (Gelesen 3125 mal)

Hans-Jürgen Koch

  • Member
  • Beiträge: 1246
Liebe Pflanzenfreunde,

die Heimat der Heidelbeere Vaccinium myrtillus ist Mittel- und Nordeuropa sowie Nordamerika und Asien.
Die Heidelbeere finden wir als niedrigen Zwergstrauch überwiegend im Fichtenwald. Wie ein Teppich überzieht sie weithin den Waldboden. Wo sie wächst, ist der Boden sauer.
Der Botaniker Dr. Heermann war Anfang der 1930er Jahre der Erste, der in Deutschland Heidelbeeren anbaute. Den Grundstein für die professionelle Pflanzenzüchtung legte Wilhelm Dierking, einer der größten Pflanzenzüchter Europas, jedoch erst im Jahre 1962. Heute haben die leckeren blauen, erbsengroßen Beeren mit dem süßen Geschmack auch in vielen Gärten ihren festen Platz.

Bild 01 Heidelbeere Vaccinium myrtillus

Die Zweige sind scharfkantig bis geflügelt.
Urheber: Marek Silarski

Die Heidelbeere kann den beschatteten Waldboden besiedeln, weil sie mit wenig Licht auskommt. Nur 5% des vollen Tageslichts genügt ihr. Die Pflanze gedeiht auch im vollen Sonnenlicht. Bei Pflanzen, die im Schatten wachsen, sind die eiförmigen Blättchen zart, bei Sonnenpflanzen dagegen derb und kleiner.
Im Herbst werden die Blätter abgeworfen. Die kantig geriefelten Zweige des Strauches bleiben 5 bis 9 Jahre grün, dann bekommen sie eine Borke. Insgesamt kann der Strauch bis zu 28 Jahre alt werden.
Erst nach mehreren Jahren kommt er zum Blühen. Dann bemerken wir im Frühjahr grüne, rot überlaufende, hängende Glocken, deren kurzer, gebogener Stiel in einer Blattachse festgewachsen ist.
Die 5 Blütenblätter dieser Blüten sind bis auf dreieckige Zipfelchen zu einer kugeligen, krugförmigen Blumenkrone verwachsen, aus deren Öffnung der Griffel hervorragt.
Zwischen Krone und Stiel sehen wir eine grünliche Anschwellung, den unterständigen Fruchtknoten.
Die Staubbeutel (insgesamt 10) sitzen auf gebogenen Staubfäden und legen sich deshalb an den Griffel an.

Bild 02 Illustration

Dieses Bild ist gemeinfrei. Quelle:  www.biolib.de
Urheber: Otto Wilhelm Thomé (1840–1925) „Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885“, Gera, Germany

Die Staubbeutelhälften sind zu einer Röhre ausgezogen, die sich vorne mit einer Pore öffnen. Außerdem tragen sie einen hornartig gebogenen Fortsatz. Die Fortsätze versperren den Zugang zum Nektar, der am Grund der Blüte ausgeschieden wird. Nektarsammelnde Bienen und Hummeln hängen sich außen an die Blüten und stecken ihren Rüssel in die Blumenkrone.
Dabei berühren sie mit dem Kopf die Narbe, mit dem Rüssel aber die Hörnchen. Die Staubblätter werden erschüttert, und aus den Poren der Staubbeutel fällt auf den Kopf des Besuchers Blütenstaub, den dieser bei der nächsten Blüte an der Narbe abstreift.

Systematik:
Ordnung: Heidekrautartige (Ericales)
Familie: Heidekrautgewächse (Ericaceae)
Gattung: Heidelbeeren (Vaccinium)
Art: Heidelbeere
Wissenschaftlicher Name: Vaccinium myrtillus
Volkstümliche Bezeichnung: Blaubeere, Schwarzbeere, Mollbeere, Wildbeere, Waldbeere, Bickbeere, Zeckbeere, Moosbeere, Heubeere
Englischer Name: Blueberry, Whortleberry

Blauschwarze, vielsamige Beeren, werden offizinell und zur Herstellung von Säften, Marmelade, Wein und Heidelbeergeist genutzt.
Heidelbeeren sind nicht nur leckere Wildfrüchte, die leider in größeren Mengen Durchfall hervorrufen können, sondern auch Medizin.
Sie enthalten größere Mengen Gerbstoff und wirken in getrockneter Form gegen Durchfall. Ein Tee aus den Blättern der Heidelbeere ist ein altes Volksmittel gegen Magen- und Darmbeschwerden und Blasenschwäche.

In den Früchten sind folgende Inhaltsstoffe enthalten:
Catechingerbstoffe, dimere Proanthocyanidine (eine Vorstufe von Gerbstoffen), Anthocyanoside (Pflanzenfarbstoffe), Caffeoylsäuren (koffeinhaltiger, anregender Stoff), Fruchtsäuren, Pektine (festigender Bestandteil in Zellwänden) und Invertzucker (Mischung aus Traubenzucker und Fruchtzucker).

In den Blättern findet man diese Inhaltsstoffe:
Gerbstoffe sowie Iridoide (sekundäre Pflanzenstoffe wie z.B. Duftstoffe), Phenolcarbonsäuren, Arbutin, Hydrochinon, pflanzliches Insulin, Chrom, China- und Kaffeesäure, Erikolin und Mangan.

Die Heidelbeere wird traditionelle in der russischen Medizin eingesetzt.
Während ihrer langen Geschichte hat die traditionelle Medizin eine Vielzahl von pharmakologischen und anderen Mitteln zur Exposition durch Menschen angesammelt. Über Jahrhunderte existierte die traditionelle Medizin parallel zur offiziellen ärztlichen Medizin. Die Ursprünge der traditionellen russischen Medizin sind in den Beschwörungen und magischen Praktiken der altertümlichen Slawen zu finden.
In Russland existiert eine sehr reiche Natur, die sich auch in einer großen Artenvielfalt an Pflanzen zeigt. Der Hauptgrund dafür besteht in den unterschiedlichen Klimazonen, die sich von Nord nach Süd durch das ganze Land erstrecken und damit einer Vielzahl von Pflanzenarten entsprechende Lebensbedingungen ermöglichen.
 Dieser Reichtum an Pflanzen zeigt sich auch in der russischen Medizin. Etwa 40 Prozent aller in Russland verwendeten Medikamente, sind Medikamente pflanzlichen Ursprungs, für deren Herstellung etwa 300 Heilpflanzen genutzt werden.
An der Verwendung von Pflanzen für das Heilen von Krankheiten besteht heute allgemein ein zunehmendes gesellschaftliches Interesse: Pflanzen sind fähig, auf sanfte und natürliche Weise ein Leiden zu heilen.

Dreijähriger Spross, Querschnitt, Schnittdicke: 25 Mikrometer

Bild 03 Ungefärbter Schnitt, Übersicht, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 04 Ungefärbter Schnitt, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 05 Vergrößerung, ungefärbter Schnitt, sekundäres Abschlussgewebe, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 06 Vergrößerung, ungefärbter Schnitt, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 07 Vergrößerung, Abschlussgewebe, ungefärbter Schnitt, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 08 Dunkelfeld, ungefärbter Schnitt, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)
Arbeitsablauf :
1. Schnitte  liegen in 30 % Ethanol.
2. Aqua dest. 3x wechseln je 1 Minute.
3. Vorfärbung Acridinrotlösung  8 Min.
4. 1x auswaschen mit Aqua dest. .
5. Acriflavinlösung (differenzieren bis gerade keine Farbwolken mehr abgehen - Lupenkontrolle) ca. 15 Sekunden !!!.
6. 2 x auswaschen mit Aqua dest.
7. Nachfärbung Astrablaulösung  1 Minuten, 30 Sekunden.
Bei der Nachfärbung mit Astrablau eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis  2 : 1 verwendet (blau + gelb = grün).
8. Auswaschen mit Aqua dest. bis keine Farbstoffreste auf dem Objektträger verbleiben.
9. Entwässern mit 2x gewechseltem Isopropylalkohol ( 99,9 % ).
10. Als letzte Stufe vor dem Eindecken Xylol einsetzen.
11. Einschluss in Entellan

Ergebnis :
Zellwände blaugrün bis grün, verholzte Zellwände leuchtend rot, Zellwände der äußeren Hypodermis orangerot, Cuticula gelb, Zellwände der innenliegenden Hypodermis tiefrot.
Fotos: Nikon D5500

Bild 09 Übersicht, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 10 Vergrößerung, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 11 Vergrößerung aus der Übersicht mit Beschriftung,  Heidelbeere Vaccinium myrtillus

MP = Markparenchym, XY = Xylem, PMS = Primärer Markstrahl, T = Trachee, J = Jahresringgrenze, PH = Phloem, RP = Rindenparenchym, CU = Cuticula


 Bild 12 Markparenchym, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 13 Abschlussgewebe, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 14 Übergang vom Markparenchym zum Xylem, Heidelbeere Vaccinium myrtillus Bild 15 Xylem,


Bild 15 Vergrößerung, Xylem, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 16 Xylem, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 17 Querschnitt durch eine Knospe, Heidelbeere Vaccinium myrtillus


Bild 18 Vergrößerung, Knospe, Heidelbeere Vaccinium myrtillus



Bild 19 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Heidelbeere Vaccinium myrtillus

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10

20 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Heidelbeere Vaccinium myrtillus

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10

Bild 21 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Heidelbeere Vaccinium myrtillus

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10


Bild 22 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Heidelbeere Vaccinium myrtillus

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10

Bild 23 Auflicht – Fluoreszenzaufnahme, Heidelbeere Vaccinium myrtillus

Fluoreszenzaufnahmen mit Anregungswellenlänge RoyalBlue mit 455 nm, 3 Watt LED, Sperrfilter LP 520, Erregerfilter BP 436/10

Quellenangaben und verwendete Literatur:

Aichele/Schwegler „Der Kosmos-Pflanzenführer“, ISBN 3-86047-394-8
Rita Lüder „Grundkurs der Pflanzenbestimmung“, ISBN 3-494-014183-3
Peter A. Schmidt/Ulrich Hecker „Taschenlexikon der Gehölze“, ISBN 978-3-949-01448-7
Schütt, Schuck, Stimm: Lexikon der Baum- und Straucharten. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-53-8
„Das neue Handbuch der Heilpflanzen“, ISBN 978-3-440-12932-6
„Welche Heilpflanze ist das ?“, ISBN 987-3-440-10798-0

Mit freundlichem Gruß

Hans-Jürgen




« Letzte Änderung: Juli 20, 2016, 21:43:13 Nachmittag von Fahrenheit »
Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund.

<a href="http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=2650.0" target="_blank">Hier geht es zur Vorstellung[/url]

Gerne per "Du"

Johann_M

  • Member
  • Beiträge: 274
Re: Botanik: Heidelbeere Vaccinium myrtillus - Die russische Volksmedizin
« Antwort #1 am: Juli 19, 2016, 11:47:21 Vormittag »
Lieber Hans-Jürgen,

ich gratuliere Dir zu diesem schönen, informativen Beitrag.

Viele Grüße,
Johann

hajowemo

  • Member
  • Beiträge: 439
  • Jochen Mooßen
Re: Botanik: Heidelbeere Vaccinium myrtillus - Die russische Volksmedizin
« Antwort #2 am: Juli 19, 2016, 17:54:15 Nachmittag »
Lieber Hans-Jürgen,
wieder ist dir ein Glasstück an Dokumentation gelungen.
Herzlichen Dank für die Arbeit.
Liebe Grüße
Jochen
Vorstellung
Homepage www.mikroskopie-hobby.de
Gerne per "Du"
Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Hans-Jürgen Koch

  • Member
  • Beiträge: 1246
Re: Botanik: Heidelbeere Vaccinium myrtillus - Die russische Volksmedizin
« Antwort #3 am: Juli 20, 2016, 09:03:14 Vormittag »
Lieber Johann, lieber Jochen,

danke für Euer Feedback.

Gruß
Hans-Jürgen
Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund.

<a href="http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=2650.0" target="_blank">Hier geht es zur Vorstellung[/url]

Gerne per "Du"

Fahrenheit

  • Global Moderator
  • Member
  • Beiträge: 5585
    • Mikroskopisches Kollegium Bonn
Re: Botanik: Heidelbeere Vaccinium myrtillus - Die russische Volksmedizin *
« Antwort #4 am: Juli 20, 2016, 21:45:20 Nachmittag »
Lieber Hans-Jürgen,

wieder ein sorgfältig aufgebauter Beitrag mit schönen Aufnahmen!
Die Bilder von den ungefärbten Schnitten fallen dabei aber etwas aus dem Rahmen - hast Du eine Idee, woran das liegen könnte?

Natürlich ist der beitrag gelistet. :)

Herzliche Grüße
Jörg
Hier geht's zur Vorstellung: Klick !
Und hier zur Webseite des MKB: Klick !

Arbeitsmikroskop: Leica DMLS
Zum Mitnehmen: Leitz SM
Für draussen: Leitz HM

Hans-Jürgen Koch

  • Member
  • Beiträge: 1246
Re: Botanik: Heidelbeere Vaccinium myrtillus - Die russische Volksmedizin *
« Antwort #5 am: Juli 21, 2016, 08:06:04 Vormittag »
Lieber Jörg,

„Die Bilder von den ungefärbten Schnitten fallen dabei aber etwas aus dem Rahmen - hast Du eine Idee, woran das liegen könnte?“.

Für mich kommen nur zwei Punkte in Betracht.
Der Wassertropfen unter dem Deckglas war zu groß oder die Kondensorblende zu weit geschlossen.

Schließen der Kondensorblende:
•Lichtstärke sinkt
•Bild wird dunkler
•Auflösung wird schlechter
•Kontrast wird erhöht

Mit freundlichem Gruß
Hans-Jürgen
Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund.

<a href="http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=2650.0" target="_blank">Hier geht es zur Vorstellung[/url]

Gerne per "Du"