Reichlich Gift im alten Kosmos Arbeitskasten Mikroskopie

Begonnen von Baldrian, Dezember 17, 2016, 22:14:26 NACHMITTAGS

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Baldrian

Auf der Suche nach antiquarischem Caedax fand ich einen alten Kosmos Arbeitskasten Mikroskopie, der mir für wenige Zehner zugeschickt wurde. Beim Inspizieren kamen allerhand Flaschen zum Vorschein, die nach heutigen Maßstäben nichts im Kinderzimmer eines forschungsfreudigen Teenis zu suchen haben (sollten).  100 ml Caedax und andere Einschlussmittel, Xylol, Alkohole und zahlreiche Färbemittel und Essigsäure mit warnendem Totenkopf auf der Flasche. Leider fehlt in dem Kasten eine Auflistung des originalen Inhalts. Dass so etwas überhaupt an Leute ohne nachgewiesene Chemiekenntnisse abgegeben wurde, ist ja ein Ding. Macht man das heute immer noch?  

Tom

     
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Heiko

Essigsäure mit warnendem Totenkopf stimmt natürlich wahrlich bedenklich ...

Heiko

Hugo Halfmann

Ich wusste damals, dass man damit umsichtig arbeitet und davon natürlich nichts trinkt oder isst.
Essigsäure und Alkohol sind in Zeiten der Komasauferei ein echter Killer.
Viele Grüße aus dem Bergischen Land

Hugo Halfmann

Jürgen Boschert

#3
Hallo Tom,

das ist die ewig leidigliche Diskussion: Was sollte, was sollte, was NIVHT zugelassen sein. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen,in der es mit PROBLEMLOS möglich war, als Mittelstufenschüler Flusssäure in der Apotheke zu erhalten; ich hab´s (gut) überlebt; aber ich hatte auch immer Lehrer, die mir begleitend genau beigebracht haben, auf was ich mich da einlasse - ich möchte diese Zeit nicht missen. Schaden habe ich weder mir,noch anderen zugefügt - aber ich habe den sorgsamen Umgang mit gefährlichen Stoffen gelernt:

Zur Essigsäure:Normaler Speiseessig ist ca.5% Essigsäure. Eisessig = konzentrierte Essigsäure, entspricht ca. 25 %, entspricht in etwa Essigessenz, die man in jedem Supermarkt (zum Putzen / Entkalken) kaufen kann.

Zum Xylol: Das unreine Isomerengemisch kann man in jedem Baumarkt 10-Literweise kaufen, und ich denke, das uneine Gemisch ist problematischer als das reine, das wir für die Mikroskopie benötigen.

Zum Caedax: Ich bin -wie wahrscheinlich andere Glückliche- richtig froh, noch eine Flasche zu haben, nicht für die Endeckung von Präparaten, sondern zur Reparatur delaminierter Optiken.

Gruß !

JB
Beste Grüße !

JB

Klaus Herrmann

ZitatEisessig = konzentrierte Essigsäure, entspricht ca. 25 %, entspricht in etwa Essigessenz, die man in jedem Supermarkt (zum Putzen / Entkalken) kaufen kann.

Da muss ich dir widersprechen lieber Jürgen. Der Eisessig ist 99-100%ige Essigsäure Kristallisiert bei ca 17° zu einer eisartigen Masse, daher der Name! Und bekommt man sicher nicht im Supermarkt!

Alles andere, was du gesagt hast ist wie immer richtig! ;)
Mit herzlichen Mikrogrüßen

Klaus


ich ziehe das freundschaftliche "Du" vor! ∞ λ ¼


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Baldrian

#5
Zitat von: Jürgen Boschert in Dezember 17, 2016, 23:06:36 NACHMITTAGS
Zum Caedax: Ich bin -wie wahrscheinlich andere Glückliche- richtig froh, noch eine Flasche zu haben, nicht für die Endeckung von Präparaten, sondern zur Reparatur delaminierter Optiken.

Genau dafür wollte ich es haben. Die 100ml Flasche ist fast voll.

Zitat von: Klaus Herrmann in Dezember 17, 2016, 23:16:21 NACHMITTAGS... Der Eisessig ist 99-100%ige Essigsäure Kristallisiert bei ca 17° zu einer eisartigen Masse, daher der Name!

So habe ich es auch verstanden.

Tom
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the_playstation

Hallo Tom.

Sind alle Substanzen wirklich aus dem Original-Kosmos-Kasten. Wenn ich mir die Fläschchen so ansehe, bestimmt nicht. Da wurde Einiges nachgekauft. ;) Die Frage sollte lauten: Was ist in dieser, individuellen Zusammenstellung enthalten?

Liebe Grüße Jorrit.
Die Realität wird bestimmt durch den Betrachter.

JB

Zitat von: the_playstation in Dezember 17, 2016, 23:46:52 NACHMITTAGS
Sind alle Substanzen wirklich aus dem Original-Kosmos-Kasten. Wenn ich mir die Fläschchen so ansehe, bestimmt nicht. Da wurde Einiges nachgekauft.

Ja, insbesondere die Flaschen in er ersten Reihe. Die Eindeckmittel in Grosspackungen. Essigsaeure wuerde meines Wissens nicht als Gift gefuehrt. Kaliumhydroxid als Pellets sind saugefaehrlich; man kann sich kaum vorstellen, dass KOH als mehr als verduennte Lauge mitgegeben wurde.

Beste Gruesse,

Jon

reblaus

Hallo Jon -

allerdings kannst Du festes Kaliumhydroxid unter einem euphemistischen Namen als Abflussreiniger problemlos kiloweise in jedem Supermarkt kaufen!

Viele Grüße

Rolf

Thomas M

Hallo Tom,

ZitatLeider fehlt in dem Kasten eine Auflistung des originalen Inhalts.

die Flaschen im Vordergrund waren nicht Bestandteil des Kastens und einige andere im Hintergrund ebenfalls nicht. Caedax gehörte zwar zur Ausrüstung, aber das war nur eine geringe Menge und nicht die 100 ml in der Merck-Flasche.

ZitatDass so etwas überhaupt an Leute ohne nachgewiesene Chemiekenntnisse abgegeben wurde, ist ja ein Ding. Macht man das heute immer noch?

Den Kosmos Arbeitskasten Mikroskopie gibt es schon lange nicht mehr und einen Nachfolger, der diesen Namen verdient, kenne ich nicht. Ähnliches gilt auch für die Chemie-Kästen (z.B. von Kosmos der All-Chemist 2000, oder das Chemie-Labor C1 und C2), die recht vielfältig bestückt waren aber in dieser Form heute verschwunden sind. Da spielten sicherlich Risikoabschätzungen bei den Anbietern eine Rolle.

ZitatBeim Inspizieren kamen allerhand Flaschen zum Vorschein, die nach heutigen Maßstäben nichts im Kinderzimmer eines forschungsfreudigen Teenis zu suchen haben (sollten).

Ich sehe das sehr ähnlich wie Jürgen (JB) und kann seine Aussagen nur unterstreichen. Auch ich hatte das Glück, dass meine ersten Kontakte zu einer anderen Zeit stattfanden. Die benötigten Chemikalien und Glasgeräte bekam ich in einer gut sortierten Drogerie (ja, so etwas gab es damals und es hatte nichts zu tun mit DM, Rossmann, etc.). Chemie-Unterricht in der Schule hatte ich keinen -  es gab schlicht keinen Chemie-Lehrer. Aber unsere Stadtbibliothek hatte einige gute Chemie-Bücher im Bestand (u.a. auch den Römpp) und die hatte ich dann quasi in Dauerausleihe. Im Kinderzimmer hatte ich übrigens nie Versuche gemacht und eine gute Schutzbrille gehörte von Anfang an zur festen Ausrüstung.

Im übrigen ist die Chemie nach wie vor eine zutiefst empirische Sache und man wird mit ihr nur vertraut über das Experiment. Mir ist es daher ein Rätsel, wie im heutigen Schulunterricht Begeisterung für dieses Fach geweckt werden soll, wenn selbst Chemie-Lehrer kaum noch Versuche machen. Aber ähnliches ist ja auch in anderen Bereichen zu beobachten. So gab es in der zweiten Hälfte der 70er die Fernsehserie "Studienprogramm Chemie" moderiert von Hans-Jürgen Bersch. Hier wurde in 52 Folgen die gesamte Spannbreite der Chemie beleuchtet, vom Atombau bis zur großindustriellen Produktion. Zwar konzipiert für Laien war diese Serie aber durchaus anspruchvoll gestaltet und didaktisch gut gemacht. So wurde zum Beispiel die unterschiedliche Reaktivität der Alkalimetalle (von Lithium bis Cäsium) gegenüber Luft oder Wasser im Experiment gezeigt! Heute sind solche Sendungen (nahezu) vollständig verschwunden. Heute scheint es eher so zu sein, dass derjenige, der in einer Quiz-Sendungen sagt er habe in Mathe oder Naturwissenschaften eine fünf gehabt, mit Applaus rechnen kann D. (OT aus)

Mit besten Grüßen
Thomas

JB

Zitat von: reblaus in Dezember 18, 2016, 00:26:06 VORMITTAG
allerdings kannst Du festes Kaliumhydroxid unter einem euphemistischen Namen als Abflussreiniger

NaOH :)  Nach der Flußsaeure die wohl gefaehrlichste Alltagschemikalie. In ihrer Gefaehlichkeit voellig unterschaetzt.

Beste Gruesse,

Jon

Eckhard F. H.

#11
ZitatNaOH Smiley  Nach der Flußsaeure die wohl gefaehrlichste Alltagschemikalie.
Hallo Jon,
eine Alltagschemikalie ist HF nun wahrlich nicht, gefährlich allerdings. Flußsäure könnte man zu Recht heimtückisch nennen. Auf der Haut erzeugt sie minutenlang überhaupt keinen Schmerz, aber wenn der spürbar ist, läßt sich ihre zerstörende Wirkung kaum noch aufhalten, so z.B. hinter den Fingernägeln. Eine Katastrophe, wenn einem Arzt die Wirkung der Flußsäure unbekannt ist. Mein Frau kann ein Lied davon singen. Gründliches Händewaschen nach jedem Umgang mit HF ist deshalb Pflicht.
Gruß - EFH

piu58

Zur Flußsäure: Die Moleküle sind so klein und diffundieren schnell. Es kommt rasch zu Knochenverletzungen, der Verlust eines Fingers (muss amputiert werden) ist eine reale Gefahr. Ekelzeug! Dahingegen ist Ätznatron fast harmlos, so lange man eine Schutzbrille trägt.
Bleibt dran, am Okular.
--
Uwe

Baldrian

Bei mir in der Schule war es auch so, dass der Chemieunterricht nicht berauschend war. Eigentlich könnte ich das mal nachholen. Gibt es dafür geeignete autodidaktische Mittel?

Tom
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liftboy

Hallo erstmal,

nur mal so zu den "Alltagschemikalien":
Nachdem an Eau de Javelle nich ranzukommen ist, hat die Gemeinde auf Clorix umgestellt.
Stinknormaler Schimmelentferner aus dem Malergeschäft ist 97%iges Natriumhypochlorid, geht also auch.
Nachdem wegen der Junkies die handelsübliche Essigessenz auf 25% eingedünnt wurde und Eisessig in der Apotheke nicht zu bekommen ist (O-Ton: wir sind eine Apotheke und kein Laborbedarf!) muss man eben in den Großhandel gehen. Da steht dann in der Reinigungsmittelabteilung 80%ige Essigsäure im 20Ltr. Kanister.
Den allerseit beliebten Kopierstift wird man aber auch nur noch in älteren Schreibwarengeschäften finden; neu hergestellt wird er mangels Bedarf nicht mehr (ist ja auch giftig :-)  ) ebenso rote Tinte (braucht ja niemand mehr). Peroxid gibts auch nur noch bei alten Friseuren.
Die angesprochenen Sanitärreiniger haben es besonders in sich, wenn man mischt; da hat sich schon manche Putzfrau (weil sie die Gefahrenhinweise wegen Sprachproblemen nicht lesen konnte) neben die frisch geputzte Toilette gelegt.
Man könnte die Liste noch lustig weiterführen.
Auffällig ist dabei nur, dass die reine Chemikalie mit Orginalnamen nicht  oder nur schwer zu bekommen ist, während das gleiche Produkt unter irgendeinem Markennamen problemlos sogar an Kinder abgegeben wird.

Allen ein frohes Fest wünscht
Wolfgang
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=785.msg3654#msg3654
LOMO-Service
Das Erstaunen bleibt unverändert- nur unser Mut wächst, das Erstaunliche zu verstehen.
Niels Bohr